Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 9 (1.3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT gefunden44. Dem Leser wird verschwiegen, daß gerade die schönsten Worte von den größten Autoritäten des Talmud, wie R. Meir, R. Jochanan, R. Akiba stammen, während diese oder jene krause und uns heute befremdlich erscheinende Ansicht das Produkt irgendeines unbedeutenden Gelehrten ist und oft nur im Eifer des Wortgefechtes hingeworfen wurde. Natürlich wird auch nicht erwähnt, daß die Aussprüche des Zornes gegen Nichtjuden fast ausnahmslos aus den Zeiten furchtbarer Verfolgungen stammen, die das Herz des Gepeinigten mit Wut und Verzweiflung erfüllen mußten. Besonders empörend wirkt die Unwahrhaftigkeit der Darstellung bei den wundervollen Erzählungen von den Gesprächen zwischen Hillel und dem Heiden (Berachoth 31a). All die schönen Beweise von Hilleis Sanftmut und Menschenliebe werden glatt unterschlagen, wohl abereine im Gegen satzdazu angeführte jähzornige Antwort Schammajs hervorgehoben zur Kennzeich n ungdesschlechten Charakters des Schriftgelehrten. Aber es kann auch einem Argus nicht unbekannt sein, daß nicht Schammaj, sondern Hillel das Vorbild der Schriftgelehrten geworden ist. Selbst der Versöhnungstag wird unter Anführung einiger obskurer und nichtssagender Aussprüche herabgesetzt und als „Verhöhnungstag4t bezeichnet. Zweifellos ist aber der Verfasser bei seiner Lektüre des Goldschmidt auf die prachtvollen Stellen Joma 85 b gestoßen, wo ausdrücklich gefordert wird, daß die Buße nicht scheinbar und formell geübt werden darf, daß jeder Vorbehalt, nach dem Versöhnungstag wieder neue Sünden zu begehen, die Buße hinfällig macht, daß vor der Versöhnung mit Gott, die Versöhnung mit den Mitmenschen erfolgen muß usw. Diese Stellen werden bewußt unterschlagen und so das leuchtende Bild des Versöhnungstages böswillig verunstaltet. Den erhabenen Begriff der Neschomo Jessero, der „neuen Seele", die dem Juden am Sabbat gleichsam zu seiner Alltagsseele hinzugeschenkt wird, verdächtigt Argus in einer lächerlichen Weise. Er meint, der Mensch erhalte die zweite Seele zu dem Zweck, „damit er im Essen und Trinken leistungsfähiger wird"! Die Verwarnungen vor der Unzucht, die im Talmud einen breiten Raum einnehmen, erscheinen dem Verfasser als anstößig, weil sie nach seiner Meinung eine „schwüle Atmosphäre" erzeugen. Das liegt jedoch im Auge des Beschauers. Manchem wird schwül, wenn er von geschlechtlichen Dingen liest. Aber die Weisen des Talmud vermochten sie sachlich zu besprechen, weil sie natürlichen Sinnes und reinen Herzens darangingen und überzeugt waren, daß man mit Offenheit am besten die Sünde bekämpft. Gelegentlich geht dem Verfasser sein Temperament durch, er lüftet die Maske der wissenschaftlichen Objektivität und zeigt sein wahres Antlitz. So in folgendem: Die Zerstörung Jerusalems war ... die Erfüllung des dem ungläubigen Judentum durch Christus angedrohten Strafgerichts, weil es in seiner freiwilligen Verblendung den Tag der gnadenvollen göttlichen Heimsuchung . . . nicht erkannt hatte." Diese Proben aus dem Inhalt mögen genügen. Man fragt erstaunt, wie es möglich war, daß e i n solches Machwerk im Lager der katholischen Kirche Oesterreichs entstehen konnte! Der Jüdische Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis vermittelt Stellen jeder Kategorie II., Taborstraße 59 Tel. R 40-3-16 Skniiieicm, (.i -^rr^jj^f'•'r-^-i-'r-r-^jtviy'» jJs'-'v * * - - Napoljen Bombe. Die Geschichte eines Unglücklichen. Von Josef Kaplan, Fulda. (Fortsetzung.) Zunächst will ich Euch erzählen, wie ich zu der Baßje gekommen bin, — oder vielmehr, wie die Baßje zu mir gekommen ist. Ich war damals ein blutjunger Mensch von kaum zwanzig Jahren, hatte noch nichts von der Welt gesehen und wußte überhaupt nicht, daß es außer unserem schönen Kapazk noch andere Städte in der Welt gibt. Ich dachte und trachtete und phantasierte nur im Rahmen von Kapazk; darüber hinaus kam mein Verstand nicht. Ihr müßt wissen, mein seliger Vater — er sei mir ein guter Fürsprecher — betrieb eine kleine Gewürzhandlung. In dieser Gewürzhandlung gab es allerlei zu tun, so daß mein Vater — er sei mir ein guter Fürsprecher — mich in dem Geschäft verwandte. Zum Beispiel mußten die verschiedenen Kräuter und Gewürzarten sehr sorgfältig sortiert werden. Für jede Art gab es ein besonderes Abteil in dem großen Wandschrank, und 'auf jeder Lade stand fein säuberlich der Namen des inliegenden Krautes geschrieben. Da mußte ich scharf aufpassen, daß ich jede Art in die für sie bestimmten Lade hineintat. Es kam auch freilich vor, daß "ich Fehler machte. Wenn ich z. B. Nelken zu dem Zimmt, oder Ingwer zum Pfeffer legte, da — sogar jetzt, wenn ich daran denke — überläuft es mich eiskalt. Mein Vater — er sei mir ein guter Fürsprecher — verstand keinen Spaß. Die Ohrfeigen schallten durch das Haus und die Flüche waren in der ganzen, schmalen Gasse zu hören. Manchmal gab es einen Auflauf vor dem Laden. Man fragte: „Was ist's?" „Gar nichts ist's" rief man, „Napoljen verliert wieder eine Schlacht." Und man lachte., auf m e i n e Kosten. Aber das nahm kein Ende. Je älter ich wurde, desto mehr Genauigkeit und Fachkenntnisse verlangte man vor mir. Mein Vater — er sei mir ein guter Fürsprecher — war ein kleiner Tyrann. Und außerdem war er, wie fast alle Chassidim, etwas jähzornig; und wo, frage ich Euch, läßt ein Mensch seinem Zorn freien Lauf, wenn nicht zu Hause und an seinem eigenen Fleisch und Blut? Erstens schadet es nicht — wieso? Es bleibt doch in der Familie, und zweitens — ist es richtig, wenn Kinder eine führende Hand zu fühlen bekommen. Und so — hört Ihr — bekam ich öfters die führende Hand zu spüren und von Tag zu Tag wurde ich mehr erzogen. Ich war schon so gut erzogen, daß ich fühlte, daß ich eine weitere Erziehung nicht mehr werde vertragen können, — denn — was zu viel ist, ist zu viel, und schließlich — mit zwanzig Jahren ist der Mensch kein Wickelkind mehr, und außerdem fühlte ich den Drang in mir — und zwar kam das ganz plötzlich — einmal festzustellen, was eigentlich hundert Schritte weiter von dem letzten Kapazker Haus los sein könne; die Neugierde wuchs von Tag zu Tag und bereitete mir schlaflose Nächte. Und eines Nachts — ich weiß nicht, war es Dienstag oder Mittwoch — stand ich behutsam auf, packte in einem großen Nasentuch verschiedene Gebrauchsgege»-