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Die Wahrheit · 1929-03-01 · Heft 9 (1.3.1929) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 9 (1.3.1929)
Date
1929-03-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Freie dieser Nummer 50 Groschen m*M VerS&enffidbmtgcfi der „Union deufschOsterr. Juden" »Amtlldiea Vertäut_____ Ktdftutfemeiffl k*a«H«sdie» Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße Nr. 13 — Telephon R42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 1. März 1929 Nummer 9 Ein Talmudfeind. Von Rabbiner Dr. R ü 1 f, Bamberg. In dem VerlagedesBundesfürVolksaufklärung in Wien erschien in diesem Jahre eine Schrift von Argus: „Kultur- und Sittenbilder aus dem Talmud". Die Anonymität des Verfassers und der harmlose Name des Verlages täuschen nicht lange über die Tendenz des Buches hinweg. Schon nach kurzem Blättern ist man im Bilde. Die gesperrt gedruckten Stichworte am Beginn der Absätze, wie z. B. „So ein Rabbi fühlt sich!", „Haß der Rabbiner gegenüber dem gemeinen Mann", „In geschlechtlichen Dingen stehen die Rabbis nicht höher als ihre Lehre", belehren schnell über die Einstellung des Verfassers zum Talmud. Haben wir es demnach hier mit einem der üblichen Pamphlete zu tun, deren Besprechung kaum lohnt? Nein! Gewisse Umstände veranlassen uns, dem Büchlein mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als es nach seinem wissenschaftlichen Werte verdient. Der Verfasser ist offenbar ein Diener der katholischen Kirche. Die Schrift trägt das Imprimatum der kirchlichen Zensurbehörde von Innsbruck. Die streng kirchliche Gesinnung des Verfassers wird denn auch überall deutlich. Er bemüht sich, die Moral des Talmud als dunkle Folie darzustellen, von der sich die Moral des Christentums leuchtend abheben soll. Gleichzeitig sollen dem Reformjudentum, in welchem sich „gewisse Emanzipationsbestrebungen vom Talmud bemerkbar machen", vollends die Augen geöffnet werden. So heißt es im Vorwort. Und dann im Tone der milden Duldsamkeit und wissenschaftlichen Objektivität: „Darum werden diese Studien . . . den Nichtjuden willkommen und aufrichtig strebenden Juden nicht unwillkommen sein. Auch die Juden kann nur eines freimachen: die Wahrheit!" Leider hat nun aber der Verfasser gerade auf dem Gebiete des Talmud keineswegs das Zeug zum Verkünder der Wahrheit. Sonst müßte er nämlich bessere jüdische und hebräische Kenntnisse besitzen. Es dürfte ihm z. B. nicht passieren, die im Talmud oft vorkommende himmlische Stimme mit „Quol Bath" statt mit Bath Quol, die Mehrzahl von Goj mit „Gojs" wiederzugeben, den Auserwählungssegen (gemeint ist die Hawdalah) auf das Passafest zu beschränken und dergleichen Schnitzer mehr. Seine Kenntnisse über den Talmud schöpft Argus offenbar nur aus zweiten und dritten Quellen. Strack ist sein Hauptgewährsmann, von dem er sich völlig abhängig zeigt. Gleichzeitig ist er aber kühn genug, Stracks Urteile über den Talmud zu milde zu finden. Den Wortlaut des Talmud verdankt er der Uebersetzung von Lazarus Goldschmidt. Ich behaupte, daß Argus den hebräischaramäischen Text des Talmud überhaupt nicht lesen kann. Er zitiert lediglich aus dem Goldschmidt und beschönigt das mit dem wissenschaftlich höchst verdächtigen Satze: „. . . um den Leser nicht durch die Aufführung der Namen so vieler Talmudtraktate zu ermüden." Der Kenner lächelt. Da dem Verfasser die eigenartige Terminologie des Talmud nicht bekannt ist und ihr Sinn auch durch die beste Uebersetzung nicht voll ausgeschöpft werden kann, muß der Verfasser zu schiefen Urteilen gelangen. Dazu kommt sein völliger Mangel an Phantasie und künstlerischem Blick. Er empfindet viele haggadische Bilder, deren naive Frische und drastische Urwüchsigkeit jedes Künstlerauge entzückt, als anstößig und „bedenklich". So z. B. die köstlichen Stellen, wo über die Einteilung des göttlichen Tagewerks gesprochen wird, oder die ergreifenden Schilderungen von der Beteiligung Gottes an Israels Verbannung oder den grotesken Purimscherz in Megilla 7 b, den er offenbar ernst nimmt. So wären noch viele verkehrte Urteile anzuführen, die aus dem mangelnden Können des Verfassers stammen. Leider liegt nun aber auch vielfach schlechter Wille vor. Denn unzweifelhaft böswillig ist die Tendenz, alle etwas sonderbaren Aussprüche des Talmud, die — zumal wenn man sie mißversteht oder plump wiedergibt — beim Leser einen schlechten Eindruck machen könnten, mit Bienenfleiß zusammenzutragen und die zahlreichen anderen Stellen, die von einer hohen religiösen Ethik zeugen, absichtlich fortzulassen. Wenn doch einmal eine dieser letzteren Stellen nicht übergangen werden kann, wird rasch hinzugefügt, solche Aussprüche seien vereinzelt oder hätten „kein Echo

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