Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 8 (22.2.1929)
- Date
- 1929-02-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 DIE WAHRHEIT llhhf%eäm7xm%^ Wieder nicht die Richtigen. Der neugewählte österreichische Bundespräsident Mi kl äs war bekanntlich der Kandidat der Christlichsozialen, denen man wohl übertriebenen Philosemitismus kaum wird nachsagen wollen. Trotzdem ist Herr Miklas den deutschen Antisemiten nicht recht. Das „Deutsche Tageblatt" faselt auch bei dieser Gelegenheit von einem „Sieg der überstaatlichen Mächte" in Wien, behauptet, daß „die schwarzen Ultramontanen und die roten Internationalen in entscheidenden Fragen immer zusammengehen", und erklärt mit forscher Bestimmtheit: „Miklas ist eine Drahtpuppe der überstaatlichen Mächte hinter den Kulissen, Von ihm haben Oesterreich und Deutschland nichts Gutes im völkischen Sinn zu erwarten." Wir nehmen an, daß Herr Miklas ebenso erstaunt wie andere über die Kunde sein wird, daß seine Wahl einen Sieg der nebelhaft-mysteriösen „überstaatlichen Mächte" darstellt, die die Antisemiten in ihrem Verfolgungswahn überall auftauchen sehen. Wie müssen aber die Antisemiten erst in Wallung geraten, wenn sie davon Kenntnis nehmen, daß der neugewählte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika beinahe noch schlimmer ist als das Staatsoberhaupt von Oesterreich. Denn Herbert H o o v e r hat den Juden gegenüber direkt — man verzeihe das harte Wort! — menschlich gehandelt. Man erinnert sich daran, daß Hoover seinerzeit als Organisator des amerikanischen Hilfswerks in enger Verbindung mit dem jüdischen „Joint Distribution Commitee" gestanden und daß er ferner im Jahre 1919 erfolgreich zugunsten polnischer Juden interveniert hat, die von den polnischen Legionären an Leib und Leben bedroht wurden. Auch hat sich Hoover tatkräftig für das jüdische Kolonisationswerk in Rußland eingesetzt. Das sind natürlich alles Taten und Gesinnungen, die auch den neuen Präsidenten von ü. S. A. als völlig überführt der „sklavischen Abhängigkeit von den überstaatlichen Mächten hinter den Kulissen" erscheinen lassen müssen. Das schwere Ringen um Wien. Unter diesem Titel veröffentlicht der Münchner „V ö 1kische Beobachter" vom 2. d. M. eine Art Rechenschaftsbericht über die Tätigkeit der Wiener Nationalsozialisten Hitlerscher Couleur im Jahre 1928. Wir lassen diesen Bericht hier folgen, weil er zeigt, daß der Nationalsozialismus in Wien absolut nicht, wie viele von uns Klauben, im Absterben begriffen, sondern vielmehr nach wie vor emsig am Werke ist: „Als der Gau Wien mit Jänner 1927 seine Tätigkeit begann, war, es ein Anfang aus dem Nichts. Der Gau verfügte über keinerlei Hilfsmittel und seine MitgUederzahl war nur ein Bruchteil der damals in Wien noch sehr starken Schulzgruppe.»Die Propagandaauswirkung war behindert, nicht zuletzt infolge der durch die Namensgleichheit mit den Schulzleuten veranlaßten Meinung der Oeffent- ■«■■■■■■■■■■■■■■*■■■■■■■••■■■■■■«■■■■■■■■■ ■■«2 Herren- und Damenkleider j Sick Mafi sowie fertig lagernd, nur Qualitätsware, billigste Preise. Even- ■ taelle langfristige, bis zn einem Jahre «ebnende Zahlungserleicbterungen J Kleider'ErzcvguDgs.Uoion, Wien VL, Kaserneng. 6 ] Telephon B 20-2-J5 j ■aaaatJ S. Grüners Restaurant II., Zirkusgasse 30 Telephon R 43-1-60 Vorzögt. Wiener, ungarische und orientalische (rumänische) Küche. Mittag und Abend Menü nach Wahl« Erstklassige Getränke. lichkeit, es hier bloß mit einer kleinen Sekte zu tun zu haben. Das Jahr 1928 hatte uns gegenüber der Schulzgruppe endgültig durchgesetzt. Die Mitgliederzahl wuchs in diesem Jahre um 500 Prozent, brachte die innere Konsolidenz der Organisation und zeigte auch nach außen eine äußerst lebhafte Tätigkeit. Zu Beginn veranstalteten wir Demonstrationen gegen das Negerstück „Jonny spielt auf", die T a u s e n d e an unsere Seite rissen. In zahlreichen Versammlungen verbreiteten wir in den Proletarierbezirken unsere Lehre. Oft angesetzte Sprengungsversuche der Marxisten wurden blutig abgewehrt. Das erfolgreiche Vordringen wurde dann gehemmt durch die Unmöglichkeit, von den Gastwirten Säle zu erhalten. Nichtsdestoweniger hielt der Gau 40 öffentliche Versammlungen ab. Die Sektionen leisteten mit 800 Sprechabenden erfolgreiche Kleinarbeit. Von auswärtigen Rednern sprachen Dr. Goebbels, Strasser, Feder, Dr. Ley, Hauser, Kaufmann, Brückner und schließlich Hauptmann Röhm in einer großen Totenfeier am 9. November. Der Gau Wien beteiligte sich am Freiheitstage in Straßhof und an der völkischen Herbstkundgebung. Für das Sängeriest angesetzte große Veranstaltungen wurden uns durch den Rathausmarxismus (Steuerterror des Juden Breitner), der die Vorauszahlung der Lustbarkeitssteuer von 2000 Schilling verlangte, unmöglich gemacht. Im Herbst begann die Propaganda im Judenviertel Leopoldstadt. Hintereinander stattfindende Massenversammlungen brachten überfüllte Säle. Die Juden begannen mit „geräuschloser Gegenarbeit". Der Gauführer, Pg. A. R e u tm e i s t e r, mußte unter ihrer Einwirkung, um der Gefahr des Verlustes seiner Stellung zu entgehen, seine öffentliche Tätigkeit in Wien einstellen (?) und sich auf ein anderes Arbeitsgebiet festlegen. Als sein Nachfolger übernahm Pg. Werkowitsch (ein urdeutscher Name!) den Gau. Mit guten Hoffnungen treten wir in das neue Jahr, zwar bewußt, daß wir erst am Anfange aller Schwierigkeiten stehen, aber auch von dem Bewußtsein durchdrungen, daß wir in der Asphaltwüste Wien unsere Pflicht erfüllen werden." Dieser wenn auch übertriebene Bericht beweist, wie wir schon oben sagten, daß der Nationalsozialismus in Wien wieder an Boden zu gewinnen scheint, wozu nicht zuletzt die katastrophale Wirtschaftslage Oesterreichs ihren Teil beiträgt. Diesem Anschwellen des Hakenkreuzlertums kann nur eine machtvolle Abwehrorganisation ein wirksames Paroli bieten, deren Wichtigkeit die Wiener Juden heute mehr denn je erkennen müßten. „Nochmals Berlin und Wien." Zu dem in Nr. 6 unseres Blattes vom 8. Februar 1929 unter diesem Titel erschienenen Artikel erhalten wir vom deutschen Zentralbüro der zionistischen Föderation „Mlsrachr* folgende Zuschrift: Wir lesen in Ihrem Artikel „Nochmals Berlin und Wien" folgendes: „Es handelt sich um einen Artikel des Frankfurter Jüdischen Wochenblattes, des Organs der deutschen Misrachisten . . . ." Diese Notiz weist erhebliche Irrtümer auf; das Frankfurter Jüdische Wochenblatt ist nicht das Organ der deutschen Misrachisten; der in Ihrem Bericht zitierte Artikel des Jüdischen Wochenblattes, der die jüdische Voikspartei kritisiert, ist ein Artikel des Herrn Mortz A. Löb. der auch Ihnen als Antizionist und Antimisrachist bekannt sein dürfte." Wir nehmen diese Feststellung gerne zur Kenntnis, bemerken aber, daß der Artikel sich ausdrücklich, wie aus dem Schlußabsatz hervorgeht, an die deutschen Misrachisten wandte. Daß diese eine Identität mit dem Artikelschreiber ablehnen, ist ihre Sache. £*elfo* l&OTGA&SE*!