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Die Wahrheit · 1929-02-22 · Heft 8 (22.2.1929) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 8 (22.2.1929)
Date
1929-02-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
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flliroflHimnHßfliMin^^ Seite Ii sozialdemokratischer Verwaltung und deutschem Volksempfinden dennoch wieder durchsetzen wird. Wie die Dinge nun einmal liegen, bei der geradezu an Hoffnungslosigkeit grenzenden Ohnmacht des deutschen Bürgertums in seiner Abwehr gegen die mit dem Judentum verbundene sozialdemokratische Vorherrschaft kann man sich — so sonderbar das auch klingen mag — meines Erachtens doch nur mit dem biblischen: „Kommt doch das Heil von den Juden" (Johannes 4. 22) getrösten. Im echten Judentum steckt so viel unschätzbare sittliche Kraft und dabei so viel feines Sich-Einfühlen in fremdes Wesen, daß ich überzeugt bin, es werden aus dem Wiener gebildeten Judentum selbst mit der Zeit Retter erstehen, die, angewidert von den gegenwärtig allerdings empörenden Zuständen, die vertuschen zu wollen unverzeihlich wäre, und voll selbstverleugnender, hingebender, dankbarer Bewunderung der deutschen Kulturaufgaben mitwirken werden, dem Wiener deutschen Volkstum zu seinem Recht zu verhelfen. Zielbewußte deutsche wirtschaftliche Arbeit muß dazu die Wege ebnen. Mit gegenseitigem Schimpfen ist nichts getan; nur aus spontanen sittlichen Regungen kann sittliche Erneuerung hervorsprießen .... Auch sonst hat die Gediegenheit des deutschösterreichischen Wesens, besonders auch die Studenten, auf uns wieder einen ausgezeichneten Eindruck gemacht. Seitdem im neuen Oesterreich die Deutschen für sich und nicht mit all den Tschechen, Slowaken, Rumänen, Polacken usw. zusammengekoppelt sind, kann man deutlicher erkennen, was und wie sie wirklich sind. DieHeilungderbisher nochunüberbrückbaren Kluft zwischen .Ariern" und Semiten mußja, wie gesagt, undkannja erst vonder Zukunft erwartet werden; vorläufig gehen die beiden in getrennten Lagern und ablehnend aneinander vorüber; es ist aber immerhin interessant, zu beobachten, wie sich diese österreichischen „Arier" ganz ohne fremde Beimischung unter sich betragen, in welchen Ideenkreisen sie sich bewegen, welche Gesprächsthemen ihnen naheliegen und welche nicht, diesen biederen Siebenbürger Sachsen, Schlesiern, Kärntnern, Steirern, eleganten Wienern u. a. m. Man kann das unerfahrenste deutsche Backfischchen getrost ihrer Gesellschaft und Obhut anvertrauen. Und bei aller natürlichen Frische und Ungezwungenheit, welche Grazie des Gemütslebens, welch gesittete Lebensformen! Fechten können die Kerle, daß es eine Freude ist, aber im Trinken sind sie auffallend mäßig, d. h. vernünftig, ohne Zwang . . Dem Kölner Forschungsreisenden hat nun, ebenfalls in der „Kölnischen Zeitung" (Abendblatt vom 23. Jänner 1929) auf Grund von Informationen des Sekretariats der „Union deutschösterreichischer Juden" eine bekannte Kölner Persönlichkeit, Herr Dr. Siegfried Simon, mannhaft geantwortet. Diese entschiedene Erwiderung, die auch unter dem Titel „Das junge Oesterreich" erschien, sei hier vollinhaltlich wiedergegeben: „Soll man an dem im Abendblatt der Kölnischen Zeitung vom 11. Dezember v. J. enthaltenen Bericht über eine Herbstfahrt ins junge Oesterreich zur Schubert-Feier stillschweigend vorübergehen, oder soll es einem Kölner Mitbürger gestattet sein, sich mit dem Inhalt etwas näher zu befassen? Ich bin Deutscher, jüdischen Glaubens, nicht Sozialdemokrat, jedoch ein Mann, der in seinem Dasein längst zu der Erkenntnis gelangt ist, daß wir Menschen allesamt gute und schlechte Eigenschaften haben. Die Melodien Schuberts waren mir immer klarer, verständlicher und erfreulicher als die Töne jenes Berichts. Man kann nicht Studien machen und herbe Urteile abgeben über soziale Zustände, wenn man sich diese lediglich aus der Loge eines Theaters ansieht. Man kann auch wohl nicht behaupten, daß außer Freikartenbesitzern nur die älteren und zahlreichen neu eingebürgerten Ostjuden und „die mit ihnen auf Gedeih und Verderb verbündeten Parteignossen" das Theater füllen. Diese Parteigenossen können nach dem Voraufgehenden nur die Sozialdemokraten sein, und es klingt an sich schon recht unwahrscheinlich, daß nur diese und neu eingebürgerte Ostjuden das Theater in Wien zahlreicher besuchen sollten als in irgend einer andern großen Stadt. Hier in Köln ist von einer solchen Erscheinung nichts zu bemerken. Daß der alte, gebildete Mittelstand, ob christlich oder jüdisch, heutzutage unter den Theaterbesuchern fast vollständig ausscheidet, ist leider eine Tatsache, die von allen guten Bürgern beklagt werden muß. Auf eine Nachfrage in Wien erhielt ich nun folgenden Bescheid: „Die größeren Theater in Wien sind Staatstheater und stehen somit unter Aufsicht der Österreichischen Regierung und einer von ihr bestellten Verwaltung, die durchaus nicht sozialdemokratisch, sondern eher christlichsozial oder großdeutsch ist. Gerade in den Staatstheatern, die verhältnismäßig billigere Preise auiweisen, findet sich auch der Mittelstand, wenn seine Beteiligung auch, wie überall, heute schwächer ist als früher. In üen Wiener tneatern Detragt im übrigen die Garderobengebühr maximal 50 Oroschen, gleich 0,30 RM, und nicht 3 Schilling und 70 Groschen, wie in dem Aufsatz erwähnt." Der Artikel spricht von grotesken Widersprüchen zwischen sozialdemokratischer Verwaltung und deutschem Volksempfinden und von der geradezu an Hoffnungslosigkeit grenzenden Ohnmacht des deutschen Bürgertums in seiner Abwehr gegen die mit dem Judentum verbundene sozialdemokratische Vorherrschaft Dieses weitgehende kritische Urteil wird nicht durch die Erwähnung einer einzigen Tatsache erhärtet Oder hat es etwas mit dem Judentum zu tun, wenn man sagt daß man für die Garderobe im Opernhaus 3 Schilling 70 Groschen zu bezahlen hat, und daß die damit Beschäftigten, ausschließlich gesinnungstüchtige Genossinnen, von der Verwaltung ausgewählt und privilegiert sind? Im übrigen bin auch ich ein echter und warmherziger Freund deutschen Volkswesens, leide an keinerlei Uebechebung, sondern weiß, daß wir alle, einerlei, woher wir kommen, mit Wasser kochen müssen, daß die guten Bürger eines Landes und einer Stadt sich vertragen sollen, keine Klüfte schaffen dürfen und für den Ausgleich sorgen müssen. Es möge mir zum Schluß noch gestattet sein, auf eine ernste Sache wirtschaftlicher Art hinzuweisen. Es dürfte nicht klug sein, die österreichischen Studenten wegen ihrer hermetischen Abschließung gegen fremde Elemente allzu sehr zu preisen. Auch auf kulturellem und sozialem Gebiet bleibt die strenge Inzucht niemals ohne gesundheitliche Schäden, und ffir Oesterreich zumal ist es eine Lebensfrage, ob es in der Lage sein wird, für den Güteraustausch und die damit zusammenhängenden kaufmännischen Betätigungen seine Vermittlerrolle weiter zu entwickeln und zu behaupten. Sodann wird aber auch Oesterreich darauf bedacht sein müssen, um fremdes Geld ins Land zu ziehen, den internationalen Fremdenverkehr durch geschickte und zuvorkommende Behandlung weiter zu entwickeln, wie es die Schweiz von jeher zu ihrem Nutzen getan hat Derartige Notwendigkeiten vertragen aber recht schlecht die Aufzucht einer dünkelhaften nationalen Ueber« hebung." Die Ortsgruppe Favoriten der „Union" veranstaltete Mittwoch, den 14. d. M. einen Sprechabend, der trotz der Ungunst der Witterung recht gut besucht war. Hofrat Ing. Josef Löwy sprach in ausgezeichneter Weise über das Thema „Judentum und Staatsbürgertum", wobei er die jetzige Zeit der Zerrissenheit im europäischen Judentum scharf beleuchtete. Die Hauptursache des Judenhasses liegt, wie der Redner schlagend ausführte, in der Kompromittierung des Judentums, die viele Juden durch ihre Sucht nach Führerstellen bei Parteien, die ja doch nur vergänglich sind, verschulden. Hofrat Löwy kritisierte diese Parteien, vornehmlich die jüdischnationale und sozialistische, vom politischen, wirtschaftlichen und geistigen Standpunkte und erntete mt seinen interessanten Ausführungen lebhaften Beifall. Der Präsident der „Union", Herr Dr. Jakob Ornstein, referierte über die ruhmreiche Tätigkeit derselben in Vergangenheit und Gegenwart, wobei insbesondere die Verlesung seines Briefes an Herrn Landesgerichtsrat Dr. L a nger laute Zustimmung fand. Aus dem Kultusvorstande berichtete er über die Aktion desselben für die durch die furchtbare Wetterkatä- Strophe betroffenen Aermsten der Armen. Wu&dMctuwdmjfii^

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