Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 8 (22.2.1929)
- Date
- 1929-02-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 mmm DIE WAHRHEIT er$ffet%tliehtu%Qei* der Ii nien cteutrcKcftevceicKifcKec Juden <ibdrpatkasfuJuMtoJ*i:94db Wian,IX.iB<tVqqaffO 4 *reUfon.:19-'2-Tf „Liebe deinen Nächsten me\ dich selbst!" .Der Präsident der „Uniondeutschösterreichischer Juden", Herr Dr. Jakob Ornstein, hat am 14. Februar 1929 an Herrn Landesgerichtsrat Dr. Langer, den Leiter der Ehrenbeleidigungsverhandlung vor dem Favoritner Bezirksgericht, deren in den heutigen „Glossen" Erwähnung getan wird, folgendes Schreiben gerichtet: Sehr geehrter Herr Landesgerichtsrat! In dem heutigen Morgenblatte der „Neuen Freien Presse" wird über eine Ehrenbeleidigungsverhandiung berichtet und mitgeteilt, daß Sie als der funktionierende Strafrichter an den Kläger folgenden Apostrophe gerichtet haben: „Ich weiß nicht, ob es bei Ihnen (sc. im mosaischen Religionsbekenntnisse) auch ein Gebot ist, „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", dem Sinne nach werden Sie aber sicher so eine Vorschrift in Ihrer Religion haben." Diese Wiedergabe Ihrer Aeußerung zeigt wieder deutlich, wie viele falsche Anschauungen über den Inhalt unseres Glaubensbekenntnisses selbst in intellektuell hochstehenden Kreisen noch obwalten. Wir sehen uns daher veranlaßt, unserem lebhaften Bedauern Ausdruck zu geben, daß auch Sie, hochgeehrter Herr Landesgerichtsrat, über den hohen ethischen Gehalt unseres Glaubensbekenntnisses, und zwar, soweit es der Zeitungsbericht zeigt, hinsichtlich seiner Lehre über die Beziehungen der Menschen untereinander, so wenig unterrichtet sind. Sie wissen also nicht, vorausgesetzt, daß Ihre Apostrophe richtig wiedergegeben ist, ob auch bei uns das von Ihnen zitierte Gebot besteht. Ja, sehr verehrter Herr Landesgerichtsrat, es besteht nicht nur, es hat viel mehr die katholische Religion diesen erhabenen Satz der Menschenliebe, so wie so viele andere Grundsätze der Sittlichkeit und der Ethik, aus ihrer Mutterreligion, nämlich dem mosaischen Glaubensbekenntnisse entnommen. Der Satz „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" ist wörtlich dem 3. Buche Moses, Leviticus 19,18 entnommen und lautet im hebräischen Urtexte: weohafto lereacho komocho. Einer unserer größten Weisen, Rabbi Hillel, hat einem Heiden, der ihm sein Ansuchen vortrug, er möge ihn die Thora in einem kurzen Satze lehren, gesagt: „Was du nicht willst, das man dir tue, das tue nicht deinen Nächsten. Das ist die ganze Thora, alles andere ist Erklärung." Damit hat er in volkstümlicher Umschreibung den Glaubenssatz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" zum Kernpunkt der jüdischen Religion erklärt Ebenso hat ein anderer unserer Weisen, Rabbi Akiba, diesen Satz als den großen zusammenfassenden Grundsatz der Thora erklärt. Aus unserer Bibel wurde dieser Lehrsatz in die Evangelien übernommen. Wir entnehmen diese Darstellung dem Werke: „Die sittliche Welt des Judentums" von Professor Dr. I. Ziegler, Rabbiner in Karlsbad. Allein der ungebildetste Jude weiß, daß dieser Grundsatz der Nächstenliebe zu den erhabensten Geboten unserer Religion gehört. Wir zeichnen in besonderer Hochachtung ergebenst für die „Union deutschösterreichischer Juden" Der Präsident: Dr. Jakob Ornstein m. p. Die „Neue Freie Presse" hat von diesem Schreiben über Ersuchen des Sekretariats der „Union" ihren Lesern in ihrer Morgenausgabe vom 16. d. M. Kenntnis gegeben, Herr Landesgerichtsrat Dr. Langer hat auf den Brief bisher nicht geantwortet. Aus der Werkstatt der }> Union". In der „Kölnischen Zeitung", Abendblatt vom 11. Dezember 1928, erschien unter dem Titel „Das junge Oesterreich", ein Feuilleton eines Kölner Professors Arnold Schröer, dessen antisemitische Tendenz aus den folgenden Stellen des Artikels zur Oenüge ersichtlich sein mag: „Von meiner Tochter und meiner Enkelin aus Westfalen ließ ich mich überreden, trotz der Fraglichkeit des Novemberwetters zur Schubert-Woche nach Wien mitzufahren .... Ueber die Schubert-Feier haben berufenere Federn berichtet, aber was außerdem doch auch von Interesse sein mag, das sind die Eindrücke, die das junge Oesterreich auf den fremden Besucher, ja auch auf den alten Oesterreicher macht, der, von auswärtiger neuer Adoptivheimat kommend, das Altösterreich seiner Erinnerungen mit Jungösterreich von heute vergleichen kann. Was einem da zunächst in Wien immer wieder auffällt, ist der Widerspruch zwischen der die Stadt beherrschenden sozialdemokratischen Verwaltung und dem doch nicht so schnell auszurottenden, an alte Kultur gewöhnten Volkscharakter .... Immer wieder stößt man auf Widersprüche zwischen strammer Ordnung und listiger Ueberforderung! Man fährt im Auto vom Hotel Meißl und Schadn für einen Schilling einschließlich Trinkgeld zum Burgtheater oder Opernhaus, hat dort aber für die Qarderobe drei Schilling siebzig Qroschen zu bezahlen, denn, wie man mir erklärte, werden die damit beschäftigten, ausschließlich „gesinnungstüchtigen" Genossinnen von der Verwaltung ausgewählt und privilegiert; ins Theater können ja jetzt ohnehin fast nur die geldkräftigen Leute gehen, d. h. außer Freikartenbesitzern d i e älteren und die zahlreichen neu eingebürgerten Ostjuden und die mit ihnen auf Gedeih und Verderb verbundenen Parteigenossen; der ausgepowerte, alte, deutsche, gebildete Mittelstand scheidet fast vollständig aus .... Es steckt in der alten Wiener Kultur aber so viel gesunde Kraft und selbst unbewußte, zur zweiten Natur gewordene Tradition, daß man wohl hoffen darf, daß sie sich trotz der gegenwärtig allerdings grotesken Widersprüche zwischen