Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 8 (22.2.1929)
- Date
- 1929-02-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Biuumuuuummunraimut^ DIE WAHRHEIT von Terminen entbehrlich scheinen. Mir genügt die Gewißheit, überall mit Euch rechnen zu können, wenn unglückliche Ereignisse es nötig machen, die — von meiner Person abgesehen — der Gesellschaft zustoßen können, die ich im Hause habe —, ich will nicht sagen zu meinem Dienst, da ich sie mit einer gewissen Zärtlichkeit ernähre, so daß ich mehr ihr Vater bin als ihr Patron. Beweis dafür ist die Krankheit Katharinas, die aber durch Gottes Barmherzigkeit und durch Eure Wissenschaft nicht sowohl aus dem Bett als vielmehr aus dem Grabe gezogen worden ist: ein kaum glaublicher Vorgang für den, der sie schon mehr als tot und jetzt mehr als lebendig gesehen hat. Daher freue ich mich ebenso über das .Wachstum Eures Rufes durch dieses Ereignis wie über Katharinas Genesung. Aber warum habe ich nicht die Möglichkeit, Euch ebenso zu lohnen wie zu danken? Warum können meine Lobesworte Euch praktisch nichts nützen? Und warum sehen die Leute, die Euch aus der Armut ziehen könnten, Euch nicht mit dem Auge meiner Gesinnung an? Herr Ricco, Herr Biondo, Herr Capuccio und Herr Frigemellica (den ich zuerst nennen müßte, sowohl um seiner Verdienste willen, wie wegen des Respektes, den ich vor ihm habe) betrachten mit höchster Bewunderung Euer Vorgehen bei diesem merkwürdigen Krankheitsfall; daher fühle ich mich verpflichtet, durch meine Schriftstellerei ein ewiges Zeugnis davon zu geben. Und wenn Eure Vorzüge mir auch keinen persönüchen Anlaß hierzu gegeben hätten, so müßte ich es doch tun, da man von Euch, der Ihr Jude seid, lernen kann, Christ zu sein; denn Gottesfurcht und Nächstenliebe sind Eurer Herzensgüte eingeboren. Auch habe ich niemals einen Menschen gesehen, der Euch an Zärtlichkeit in der Liebe zu seinen Verwandten gleichkommt. Und wer in Eurer Nähe war, als Ihr mit der Energie. Eures Wunsches, mit den Mitteln Eurer Wissenschaft und mit dem Gebet Eures Herzens die Gesundheit Eurer Mutter erlangt habt, der muß begriffen haben, auf welche Weise man seine Mutter bewachen, unterstützen und hegen muß. Wer Weib und Kind hat, dem möchte ich die Zartheit und die ernste Reinheit vor Augen halten, mit der Ihr Eure Frau ehrt und Eure Kinder in würdigen Sitten erzieht. Aber das alles ist nichts im Vergleich zu der Leidenschaft, von der ich Euch entflammt sah, als Ihr — angetrieben von gläubigem, religiösem und geistigem Eifer — mir einige Stellen in der Heiligen Schrift deuten wolltet, die unseren Theologiedoktoren unbekannt sind. Nun bitte ich Euch, mir Eure Zuneigung zu erhalten. Mir kommen Tränen in die Augen, als hörte ich in diesem Augenblick keusche und heilige Worte aus Eurem Munde. Und selbst die Ohren des Papstes müßten sich beim Klang so heiliger Aussprüche auftun und zum Ruhm Eurer wahrhaften Religiosität Eurer wunderbaren Stimme lauschen: Und so möchte es leicht geschehen, daß die Kirche durch Ehrung Eurer Religiosität für sich selber wirbt — ebenso wie Ihr durch Anerkennung des Gesetzes der anderen Eure eigene Glaubenstreue und Herzensgüte bewährt! Venedig, 16. Juli 1542. Euer Freund Pietro aus Arezzo, KAUF UND VERKAUF VON REALITÄTEN JEDER ART SOWIE ÜBERNAHME VON HAUSVERWALTUNGEN DURCH ARCHITEKT HERH/INN CBCN5FANQER WIEN IX., LATSCHKAGASSE 4 / TEL. A16-5-15 Qlcrrav. Der so vielzitierte Ausspruch Rabbi Akibas: „Alles schon dagewesen" hat bekanntlich eine Bestätigung auch schon durch den Nachweis erhalten, daß Rabbi Akiba eigentlich nur ein vom König Salomo geprägtes Wort wiederholt hatte. Trotz Rabbi Akiba und trotz König Salomo haben sich aber dieser Tage viele Leser der Gerichtssaalrubrik zu der nachdrücklichen Erklärung hinreißen lassen: „Nein, das ist noch nicht dagewesen!" Es handelte sich natürlich um den unter dem. Titel „Verkühle dich täglich" erschienenen Bericht über einen Ehrenbeleidigungsprozeß, den Herr Dr. Tennenbaum gegen Herrn Grünbaum angestrengt hatte. Eine kühne Behauptung! Aber der Fall in seiner Kompliziertheit erscheint in der Tat als ein Unikum. Daß ein Jude von einem Nichtjuden geringschätzig als „Jude" apostrophiert wurde, das hat man, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, schon mehr als einmal gehört. Es soll auch schon vorgekommen sein, daß selbst ein Jude, der aus rituellen Gründen nicht einmal eine Portion von einem gewissen Tiere sich vorsetzen läßt, dieses in seiner Gänze an den Kopf geworfen erhielt und dann später an der Seite eines jüdischen Anwalts im Gerichtssaale erschien, um Sühne für die unsympathische Titulatur zu fordern. Aber wann und wo hat es sich je ereignet, daß ein jüdischer Rechtsanwalt gegen einen Juden in eigener Angelegenheit als Kläger auftreten mußte, der sich nicht damit begnügt hatte, ihn einen „Juden" zu heißen, sondern ihn überdies sogar als einen „Saujuden" kennzeichnete? Ja, noch mehr! Der zoologischen Verschärfung der Titulatur gesellte sich noch eine geographische: Der jüdische Anwalt war von einem Juden zum „polnischen Saujuden" gestempelt worden! Höher, richtiger gesagt, tiefer konnte es in der Skala der Beschimpfungen eines Juden durch einen Juden nicht mehr gehen. Und da hätte ein Mann, der gewohnt ist, von Berufs wegen für andere Klagen einzubringen, sich ohne einen Laut der Klage mit stummer Resignation begnügen sollen? Das wäre wirklich etwas viel verlangt. * * * Nicht viel weniger scheint der Richter in Favoriten von dem tief gekränkten Anwalt erwartet zu haben, der nur schwer zu bewegen war, auf eine strenge Bestrafung des Beleidigers zu verzichten und mit einer umfassenden Ehrenerklärung vorlieb zu nehmen. Die sicherlich von einem edlen Herzen diktierten Bemühungen des Richters, der seine stärksten Argumente nicht aus der Rechtswissenschaft* sondern aus der Gotteslehre holte, blieben nicht er-