Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 8 (22.2.1929)
- Date
- 1929-02-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT miiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiniMWiiMiw »lUWIBIIII Mfe i semitenpartei, geführt von Professor Cuza, schmählich durchgefallen. Sie hat nicht ein einzigesProzent der im ganzen Lande abgegebenen Stimmen auf ihre Listen vereinigen können und daher keinen Kammersitz bekommen. In Rumänien bleiben nämlich die Splitterparteien, die nicht wenigstens 2 Prozent der abgegebenen Stimmen erhalten, ohne Kammersitz. Die national-zaranistische Partei, die vor etwa zwei Monaten in Rumänien im Namen der Demokratie die Macht übernahm, hat 349 Mandate bekommen. Im ganzen gibt es 382 Kammersitze. Die national-zaranistische Partei steht den Juden und allen anderen Minderheitskonfessionen gegenüber auf dem Standpunkt der absoluten Gleichberechtigung der rumänischen Staatsbürger ohne Unterschied der Konfession. Sie zählt sehr viel Juden zu ihren Mitgliedern und hat auch etwa zehn jüdische Abgeordnete in ihren Reihen. Wieviel es genau sind, läßt sich nicht feststellen, weil die Parteimitglieder und Abgeordneten gar nicht nach ihrer Konfession gefragt werden. Kein antisemitischer Abgeordneter in Rumänien und zehn jüdische Abgeordnete in den Reihen der Partei, die in ihrem Namen das Wort „national" hat? Wie ist das gekommen, wo ist der berüchtigte rumänische Antisemitismus geblieben? Er hat nie wirklich existiert, es gab nur einen künstlich gezüchteten Antisemitismus, den der erste Hauch der Freiheit weggeblasen hat. Das ist des Rätsels Lösung. Der Rumäne ist kein Judenfeind. Die Diktaturregierungen, die bisher das Land beherrscht hatten, brauchten den Antisemitismus von Zeit zu Zeit zu politisch-taktischen Zwecken und züchteten ihn daher besonders unter der Hochschuljugend. Das „Haut's den Juden" bewährte sich oft zu Zeiten, wo man die Aufmerksamkeit der Volksmassen von den sie bewegenden brennenden Problemen ablenken wollte. Man erinnert sich der blutigen Ausschreitungen, deren Schauplatz im Vorjahre Siebenbürgen gewesen ist: Sie wurden veranstaltet zu einer Zeit, wo VintillaBrantianu nach dem Tode seines älteren Bruders J o a n eben verzweifelte Anstrengungen machte, die ersten ernsten Freiheitsbewegungen unter den breiten Volksmassen zu ersticken. Die* letzten Wahlen haben erwiesen, daß die „Liberalen" gegen 95 Prozent des rumänischen Volkes regiert hatten. Die vollkommen freien, unbeeinflußten Wahlen, die M a n i u, der neue Mann Rumäniens, soeben durchgeführt hat, haben das wahre Gesicht Rumäniens gezeigt. Ich war schon einige Wochen vor den Wahlen in Rumänien gewesen, habe die Lage der hiesigen Juden studiert, konnte schon damals feststellen, daß von einer bodenständigen, judenfeindlichen Bewegung in Rumänien kaum gesprochen werden kann, doch hatte ich noch Bedenken, das niederzuschreiben und zu veröffentlichen, denn ich mußte fürchten, man werde mir den rumänischen Antisemitismus einfach als „auf der ganzen Welt bekannte Tatsache" entgegenhalten, die sich nicht wegdisputieren lasse. In Altrumänien, dem „Regat", vor allem in Bukarest, findet man auch kaum noch Spuren eines gesellschaftlichen Antisemitismus. Unter der RICHARD HERZOG, Wien I., Adlergasse » Telephon R 23-4.90 IL, Kl. Pfarrgasse 38 Telephon A 41-e>M jüdische, hebräische and original englische Tanzschlager-Plattra zu bedeutend herabgesetzten Preisen. Lassen St« diese Gelegenheit nicht ungenützt vorübergehen! Beste Sprechapparate m Teilzahlungen bis m 18 Mewatsretee. Bourgeoisie hat er ganz aufgehört, nur in den oberen Schichten bestehen noch Abschließungstendenzen. In den neuen Gebieten entspricht die gesellschaftliche Stellung der Juden den Verhältnissen, die ehemals in den Stammländern dieser Gebiete, in Oesterreich und in Ungarn, geherrscht haben. In der Bukowina macht sich der gesellschaftliche Antisemitismus im täglichen Leben wenig bemerkbar, dagegen ist er rigoros bei festlichen geselligen Veranstaltungen, Bällen, Liedertafeln usw. Es herrschen da noch die Traditionen des alten österreichischen „Schulvereins", der wohl jüdische Mitglieder hatte* die Juden aber gesellschaftlich boykottierte. In Siebenbürgen: die hiesigen Rumänen haben die alte ungarische Tradition geerbt, das heißt, bei voller staatsbürgerlicher Gleichberechtigung der Juden gesellschaftliche Abschließung. Ein Dokument der Toleranz. Nachstehend veröffentlichen wir einen Brie!*) des italienischen Schriftstellers Pietro Aretino an seinen jüdischen Arzt Don Elia Alfano aus dem Jahre 1542. Dieser Brief, der im Berliner „Gemeindeblatt" von dem Dichter Hans J. Rehfisch zum erstenmal ins Deutsche übertragen worden ist, ist um so bemerkenswerter, als es sich um ein Dokument des Toleranzgedankens mitten in der Aera der grausamsten Judenverfolgungen in ganz Europa handelt. Don Elia Alfano, der Adressat dieses Briefes, gehörte einer vornehmen spanischen Judenfamilie an, die Ende des 15. Jahrhunderts anläßlich der allgemeinen Judenvertreibung aus Spanien flüchten mußte und in Venedig Aufnahme gefunden hatte. Die aus diesem Brief ersichtliche außerordentlich moderne und humane Gesinnung des Pietro Aretino, des einflußreichsten Publizisten seiner Epoche, war für den Dichter Hans J. R e h f i s c h ein Hauptanlaß, ihn zur Hauptfigur seines demnächst im Berliner Staatlichen Schauspielhaus zur Aufführung gelangenden Schauspiels „Pietro Aretino" zu machen, in dem die Person des Arztes, Don Elia Alfano, den Typus des weltweisen, humanistisch gebildeten und aristokratischen Juden repräsentiert. Die Redaktion. Ich brauche Euch, großer Physikus, wohl nicht groß um Entschuldigung zu bitten, daß ich nicht pünktlich zu Euch gekommen bin; denn das Vertrauen, das ich in Euch setze, läßt uns die Einhaltung *) Aus Pietro Aretino, Gesammelte Briefe Bd. III, S. 20fc Paris 1609. ___