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Die Wahrheit · 1929-02-15 · Heft 7 (15.2.1929) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 7 (15.2.1929)
Date
1929-02-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 »«wwwwsäisw;^ DIE WAHRHEIT UonWochazu IDcckc Die Wandlung Hermann Bahrs. Wenn du, lieber Leser, einmal etwas von einem deutschen Schriftsteller mit weißem, wallenden Vollbart gehört hast oder hören wirst, so sei dir kund und zu wissen: das ist Hermann Bahr. Doch wenn man erzählt, dieser Mann sei konsequent, beständig usw., dann darfst du es nicht glauben, einfach nicht glauben. Denn in Wahrheit ist er ein Chamäleon. Wechselt seine Farbe und Gesinnung mit den Hemden. Es war einmal, da lebte ein Hermann Bahr, der war Kriegsgegner, Judenfreund, „Philosemit", wie es so schön heißt. Als er aber die blutigen Greuel der Jahre 1914—18 und später sah, da gefiel ihm das Soldatenspielen so, daß er Kriegsfreund wurde. Aber des heiligen Deutschen Reiches güldener Strahlenkranz ist unterdessen ein klein wenig verblichen und es kann beim besten Willen keinen Krieg führen. Nun, so wurde Hermann Bahr Anhänger Hitlers. Stellt euch vor: Hermann Bahr, der große deutsche Dichter, mit wallendem Vollbart, Stinkbomben in eine jüdische Versammlung werfend. Fürwahr, ein erhebendes Bild, das die Brust jedes Münchener Biertrinkers schwellen läßt. Denn Krieg führen muß man — also dann gegen die Juden. Und Hermann Bahr wurde Juden f e i n d, „A n t i semit", wie es so schön heißt. Was wohl die Welt nach 100 Jahren über Hermann Bahr sagen würde, wenn von ihm und über ihn nichts zurückbleiben würde als seine Beitrittserklärung zu den Völkischen? Nie sollst du mich befragen . . . Taufbecken und JüdischnaÜonaler Protektor. Diese merkwürdigen Zusammenhänge enthüllt die folgende Notiz der Brünner jüdischnationalen „V o 1 k s s t i m m e": In Prag lebte vor langen Jahren ein schlichter, jüdischer Mann, der zu der Juden Nutz' und Frommen Gott auf die Weise diente, daß er ein koscheres Restaurant führte und der Tradition der jüdischen Kochkunst getreu Ganslebern, Belik, gefüllte Hälsel, Ritschert mit Karn, Scholet und Kugel den Gästen verabreichte. Der Segen des Herrn ruhte auf ihm. Ihm zur Seite, im Glauben der Väter treu erzogen, wuchs ein Knabe heran, der einstens dem Vater im Beruf nachfolgen sollte. Er war der Sonnenschein des Hauses. Doch wie es zu geschehen pflegt, der Sohn wandte sich schnöde vom ehrsamen Beruf des Vaters ab, ward dem Glauben der Väter untreu, beugte sein Haupt dem Taufbecken und machte Karriere. Er ward der allmächtige Generaldirektor der Witkowitzer Eisenwerke. Doch sein Ehrgeiz ging weiter. Der Schandfleck seiner Herkunft sollte ausgemerzt werden. Er wurde christiichsozialer Landtagsabgeordneten und als solcher vergaß er das Reich der koscheren Gänseleber vollends. Nur manchmal flog durch seine Seele ein Schimmer der alten Zelt, er sah das koschere Restaurant seines Vaters und da übernahm er bei einer festlichen Gelegenheit das Protektorat des ehrenfesten jüdischnationalen Sportklubs „Hagibor" der ihn um seinen apostolischen Segen ge- S. Gruners Restaurant II., Zirkusgasse 30 Telephon R 43-1.60 VorxOgl. Wiener, ungarische und orientalische (rumänische) Kttche. Mittag und Abend Mentt nach Wahl. Erstklassige Getränke. beten hatte. Koscheres Restaurant — Taufbecken — Generaldirektor — christiichsozialer Landtagsabgeordneter — Hagibor. Schließt der Reigen nicht wunderbar abV Man sieht, nicht nur Gänselebern, auch Juden haben ihre Schicksale. Dr. Imanuel Low 75 Jahre. Dr. imanuel Low, Oberrabbiner von Szegedin und Mitglied des ungarischen Oberhauses, beging in diesen Tagen in engstem Familienkreise seinen 75. .Geburtstag. Imanuel Low ist ein über Ungarn hinaus bekannter Gelehrter. Viel Aufsehen erregte sein mehrbändiges Werk „Die Flora der Jude n". In der Epoche des reaktionären Terrors in Ungarn war er harten Verfolgungen ausgesetzt. Von der Klagemauer. In einer Protestversammlung gegen den antijüdischen Terrorismus an der Klagemauer hielt der Oberrabbiner des britischen Reiches, Dr. Hertz, eine Ansprache, in der er ein persönliches Erlebnis an der Klagemauer in bewegten Worten wiedergab. In den Passahtagen 1925, erzählte er, weilte ich in Verbindung mit der Eröffnung der hebräischen Universität in Jerusalem. Am ersten Passahtage nahm ich an der Morgenandacht vor der Klagemauer teil. Während der Musaf-Andacht vor der Klagemauer fuhr uns ein schmutziger Araber mit seinen noch schmutzigeren Eselchen, das eine Fuhre Mist schleppte mutwillig an. Der Führer und sein Gespann kamen bis etwa einen Fuß Entfernung an den Oraun Kaudesch heran, fast wurde ich, der ich in der Nähe des Oraun Kaudesch betete, von dem Gespann mitgerissen. Solche Szenen, wurde mir gesagt, wiederholen sich fast jeden Tag während der jüdischen Andacht vor der Klagemauer. Unter der türkischen Herrschaft wäre so etwas unmöglich gewesen. Und nun zu denken, daß britische Beamte einen solchen Huliganismus noch ermutigen. Die Vorgänge an der Klagemauer sind ein Fleck auf der Ehre Großbritanniens. Wir verlangen von der Regierung, daß sie Recht und Gerechtigkeit schützen soll. Will die Regierung den Status quo wahren, so möge sie dies auch zugunsten der Juden tun. Die Herzen von mehr als 13 Millionen Juden sind von Schmerz und Trauer erfüllt über die Ungerechtigkeit, die dem Judentum an seiner heiligsten Stätte angetan worden ist. Dr. Deutscbländer in Blelitz. Die Bielitzer Judenschaft steht noch heute unter dem riefen Eindruck des von der „U n i o n" unter dem Vorsitz ihres Präsidenten Herrn Heinrich Braun veranstalteten Vortragsabends in dem bis auf den letzten Platz gefüllten großen Kultusgemeindesaal, in welchem Dr. D e u t s c h 1 ä n d e r in überaus geistvoller Weise über das Thema „Weltkultur und J u d e n t u m" sprach. Der hinreißende Redner, der aus den Quellen tiefster Wissenschaft schöpft, verstand es. in kaum einer Stunde die Zuhörer durch ein Gebiet zu führen, das heute Laien und Männer der Wissenschaft in hohem Maß© beschäftigt. Die treffende und überzeugende Beweisführung, daß alle großen Geistesheroen vergangener Zeiten aus dem ewigen Born der Bibel sich Nahrung und Unterlage für den Aufbau ihrer Weltanschauung holten — es seien nur Schopenhauer, Nietzsche, Goethe und Kant angeführt —, hat alle in tfann gehalten. Die Griechen, deren Kulturideal die Pflege und Entwicklung der ästhetischen Form zur höchsten Vollkommenheit war, versanken in den Schatten, da diese übertriebene Kulturpfkge aller ethischen und geistigen Ewigkeitswerte entbehrte. Rom. das Sinnbild potenzierter und organisierter Macht, hat wohl ein gewaltiges und feingesponnenes System des Rechtes geschaffen — aber diesem Recht fehlt das Herz, die Güte; es blieb kalt und vermochte nicht einen auf Ethik aufgebauten Lebensinhalt zu spenden. All diese Völker, die das staatliche

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