Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 7 (15.2.1929)
- Date
- 1929-02-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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DIE Wahrheit uimm««»»^^ Seite i i Union flenfsfliösterr. Jaden. Der 4. Sprechabend der „Union", der Samstag, den 9. d. M. im Arkadencafe stattfand, erfreute sich wieder eines sehr guten Besuches, der das rege Interesse dokumentierte, das diese Veranstaltungen der „U n i o n" in weitesten Kreisen findet. Die Debatte, die sich mit dem seinerzeitigen Referat des Herrn Hofrat Ing. Josef L ö w y über das Problem des Wiener Judentums beschäftigte, stand auf hohem Niveau und erweckte lebhaften Anklang bei der zahlreichen Zuhörerschaft. Herr Dr. Ernst Feld sb e r g trat für einen gesteigerten Kampf für die Erhaltung und Anerkennung des Judentums ein, insbesondere gegen den Antisemitismus, der jetzt ni Oesterreich wieder sein Haupt erhebt. Die Tradition im Judentum, die auch den Indifferenten unbewußt innewohnt, müsse mehr gepflegt werden. Herr Hofrat Dr. Emil Riese nfeld befaßte sich mit der Stellung jener Juden, die zum Judentum nur in loser Beziehung stehen und denen man in geeigneter Weise ihre Zugehörigkeit zum Judentum zum Bewußtsein bringen müßte. Herr Kommerzialrat Alexius S a 1 z e r sprach der körperlichen Ertüchtigung der jüdischen Jugend das Wort, die durch die Ermöglichung sportlicher Betätigung auch für uns gewonnen werden kann. Das Schlußwort des Herrn Hofrat Ing. Josef Löwy fand geradezu begeisterte Zustimmung bei den Anwesenden, die für seine lichtvollen Ausführungen mit lebhaftem Beifall dankten. Er begann sein Referat mit der Aufrollung der interessanten frage, woher die Zerrissenheit im heutigen europäischen Judentum komme, die in der Parteienbildung ihren deutlichen Ausdruck finde. Dieser tosende Kampf im Judentum findet darin seine Erklärung, daß heute das Westjudentum, das dem Ostjudentum dankbar dafür sein müsse, daß es stets das gute Reservoir für den Westen gebildet hat, nicht mehr so langsam und zweckmäßig wie früher jene Elemente absorbieren könne, die ehemals in geringerer Zahl, jetzt aber infolge der Katastrophe des Weltkrieges in größerer Stärke zu ihm gestoßen sind. Mit diesen Menschen kamen auch ihre Ideen, die, wenn auch im Osten verständlich, dem Westjudentum doch wesensfremd sind und mit denen es sich nun auseinandersetzen muß. Der Redner befaßte sich in kritischer Weise mit diesen „Ostideen", vornehmlich mit der des jüdischen Nationalismus, der aus der Sehnsucht des aus mehrfachen Gründen mit der Kultur des Landes nicht verwurzelten osteuropäischen Judentums nach einer eigenen Scholle leicht erklärlich ist, aber insbesondere durch seine Forderung nach Minderheitsrechten eine große politische Gefahr für die Judenheit darstellt, wie aus dem Beispiel, das Mussolini durch seine energische Aufforderung an die italienischen Juden, sich für das italienische oder jüdische Volk zu entscheiden, bot, zu ersehen ist. Diese Politisierung des Judentums macht leider auch an den Pforten der Kultusgemeinde nicht Halt, in der der irrsinnigste „Parlamentarismus" zur selben Zeit seine Orgien feiert, da in aller Welt eine Krise der Demokratie vor- herrscht, wie Hofrat Löwy sehr Interessant illustrierte. Wie soll, führte er unter starkem Beifall der Zuhörer aus, das Judentum Anerkennung von außen finden, wenn es sich im Innern aufs heftigste befehdet und seine eigene Repräsentative zerstört? Das jüdische Volk von 1.5 Millionen Menschen hat der Welt 15 Nobelpreisträger geschenkt, auf welchen Beweis seiner hohen Geistigkeit es sicher stolz sein"dürfte und dem es durch Errichtung einer jüdischen E h r e n h a 11 e sichtbaren Ausdruck verleihen sollte. Die Frauen dieses jüdischen Volkes aber haben „moderner" Errungenschaften wegen ihren einst so vielgerühmten Esprit verloren, in Wien zum Beispiel existieren keine jüdischen Salons mehr, wie sie ehedem eine Zierde unserer Stadt bildeten, und die Jugend begeistert sich statt für geistige Ideaie für sportliche „Heldentaten". Alle diese traurigen Verfallserscheinungen mahnen zur Selbstbesinnuug, ehe es zu spät wird. Hofrat Ing. Josef L ö w y schloß sein ausgezeichnetes Referat mit dem Hinweis auf die Schweiz, deren polirische Konstellation Aehnlichkeit mit der Situation der österreichischen Juden habe. So wie dort Deutsche, Franzosen und Italiener sich staatspolitisch nur als Schweizer fühle??, kulturell aber deutsch, französisch oder italienisch empfinden, so müsse auch die österreichische Judenheit sich politisch in erster Linie als Oesterreicher betätigen und nicht außerhalb der Gemeinschaft stellen, gleichzeitig aber auch am jüdischen Leben regen Anteil nehmen. Herr Präsident Dr. Jakob 0 r u s t e i n betonte in seinen abschließenden Ausführungen, daß der starke Anklang, den die Sprechabende in Mitgliedskreisen gefunden, bewiesen hat, daß das Organisationskomitee der „Union" mit dieser Neueinführung ins Schwarze getroffen hat. Das hohe Niveau dieser Abende wurde von dem einleitenden Referenten Herrn Hofrat Ing. Josef L ö wy bestimtnt und auch in der ausführlichen Debatte gehalten. Herr Doktor 0 r n s t e i n dankte Herrn Hofrat L ö w y herzlichst für seinen Vortrag und sprach auch den anderen Rednern, insbesondere Herrn Regierungsrat Dr. Max Lenk und Frau Dozent Sophie G r ü n f e 1 d den innigsten Dank für ihre Ausführungen aus. Die Institution der Sprechabeude hat überhaupt solche Anteilnahme gefunden, daß bereits in mehreren Bezirken, so im XXI. und im X. ähnliche Veranstaltungen stattfinden. Die zahlreichen Anregungen dieser Abende werden selbstverständlich im Zentralvorstand der „Unioneingehend beraten werden und womöglich zur Verwirklichung gelangen. Die Mitteilungen des Präsidenten über den Friedensschluß im Kultusvorstand wurden durch Ausführungen des Herrn Börserat I. G 1 ü c k, der dem Verhandlungskomitee angehörte, ergänzt, der in seiner Rede der Hoffnung Ausdruck gab, daß es nunmehr möglich sein werde, durch die gemeinsame Arbeit eine segensreiche Entwicklung der Gemeinde zu gewährleisten. üqU&s hROTGAJSE-1