Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 7 (15.2.1929)
- Date
- 1929-02-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064197-3064204--16940-3087022- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
g fflfflMBmwwmpwtBHjw^ Qjg WAHRHEIT Witte gab das zu. Die bisherige Regierung sei eselhaft gewesen, daß sie es so weit kommen ließ. Aber ietzt sei es soweit Zu einem praktischen Resultat führte die Unterredung nicht. An der Tür hielt der Ministerpräsident seinen Besucher noch einmal zurück. Ob nicht die Gründung „gutgesinnter" Zeitungen möglich sei „Unmöglich." Nathan erwähnte, daß man sich in Rußland von der Sozialdemokratie eine ganz falsche Vorstellung mache. Auch Bebel sei keineswegs so extrem. Witte: „Lassen Sie ihn doch zu mir kommen." „Man würde sagen: Bebel ist ein Verrückter oder ein Verräter." Am selben Abend noch ist er bei dem Innenminister Fürsten Obolenski. Obolenski, klug, stark religiös, sagt: er tue. was er im Innern für recht halte. Ohne jede Provokation. In der Judenfrage sei das ganze Ministerium einig. Aber die praktische Lösung sei schwierig. Unmittelbar nach den Pogromen hätte man die volle Gleichberechtigung geben sollen. Jetzt sei das erschwert. Vielfach ständen die Juden im Vordergrund der revolutionären Bewegung. Nathan machte den Minister auf den fehlerhaften Zirkel dieses Gedankenganges aufmerksam: weil man die Juden malträtiert, sind sie revolutionär; wenn man warten will, bis sie ruhig sind, kommen sie nie zur Beruhigung. Ueberall gewann er den Eindruck: guter Wille, aber Unentschlossenheit und schwächliches Zurückweichen vor der Ausführung, gleichzeitig das Bestreben, die Verantwortung abzuwälzen. Witte wagte keinen entscheidenden Schritt, wei er sich den höfischen Intrigen nicht gewachsen fühlte. Im folgenden Jahre geht Paul Nathan wieder auf zwei Monate nach Rußland. Die revolutionäre Bewegung hält an. Der Parteitag der Kadetten wird verboten. Witte ist gestürzt, die Duma gefährdet. Das offizielle Organ des neuen Ministerpräsidenten Stolypin hetzt gegen die Juden. Im Juii 19Üo kommt es zu Pogromen in Odessa, die von den Matrosen niedergeschlagen werden. Am 20. August 1906 hat Nathan eine Unterredung mit Stolypin, und zwar auf der Apotbsikerinsel bei Petersburg, auf der die Datsche des Ministerpräsidenten liegt. Nathan betont, er habe als Ausländer kein Recht, namens der russischen Juden zu sprechen. Er könne nur die Auffassung des Auslandes wiedergeben. Stolypin sagt geradeheraus, die früheren Regierungen hätten in der Behandlung der Judenfrage unglaubliche Torheiten gemacht. Es sei ganz selbstverständlich, daß eine volle Emanzipation erfolgen müsse. Das könne aber nur langsam geschehen. Mit H.li'e der Duma. Nathan: „Aber sonst geschehen doch einschneidende Maßregeln ohne die Duma. Es handelt sich hier um drängende Forderungen der Gerechtigkeit." Stolypin: „Ich verfahre durchaus nach Recht und Gerechtigkeit." Nathan weist demgegenüber auf die Pogrome hin. Stolypin: „Das ist kein Beweis, daß die Regierung den Juden nicht Gerechtigkeit widerfahren läßt" Nathan: „Die öffentliche Meinung der zivilisierten Welt ist davon 'überzeugt, daß die Juden keine Gerechtigkeit finden. Stolypin: „Wo mir ein Fall mitgeteilt wird, schaffe ich Remedur." Der russische Ministerpräsident skizziert dann die einzelnen Maßnahmen, die Nathan mit dem Finanzminister Kokowzew besprechen soll. Es handelt sich um fünf Punkte: 1. Erlaubnis zum Aufenthalt auf dem Lande, 2. Zulassung zu Direktcrstellen, 3. Aufhebung der Beschränkungen für die privilegierten Kaufleute, 4. Zulassung zum Branntweinausschank, 5. Genehmigung eigener Schulen. Stolypin bittet seinen Besucher um eine schriftliche Aufzeichnung, ein Wunsch, den dieser überhört, um sich nicht zu binden. Zwei Tage darauf hat er die Unterredung mit dem Finanzmdnister. Kokowzew. ein kühler Bürokrat, der die Unterhaltung In einem ausgezeichneten Deutsch führt, Ist sehr verstimmt, als Nathan präzise Anklagen erhebt, die die Mitschuld der Regierung beweisen, und auf die er nichts erwidern kann. Die abschließende Unterredung mit dem Ministerpräsidenten findet nach zwei weiteren Tagen statt. Stolypin, abgespannt und schwer bedrückt, gibt zu, daß die Regierung mit einer Verschärfung der revolutionären Unruhen rechne. Witte werde man aber nicht zurückrufen, er seil bei Hof unbeliebt Stolypin fragt schließlich nach der Aufzeichnung. Als Nathan erklärt, er habe keine mitgebracht, nimmt das Interesse an der Besprechung sichtlich ab. §tolypin hatte offenbar selbst di.s Empfindung, daß der Boden, auf dem sie sich bewegten, unterminiert sei. Sein Gefühl war berechtigt — m jedem Sinne. Das Landhaus, in dem sie das Gespräch hatten, flog zwölf Stunden später in die Luft. Stolypin selbst war nicht anwesend, seine Kinder und zahlreiche andere Personen wurden schwer verletzt. Paul Nathan beurteilte die politische Situation viel zu nüchtern, als daß er sich der Illusion hingegeben hätte, mit politischen und humanitären Argumenten allein Reformen im russischen Staatswesen durchsetzen zu können. Er versprach sich einen größeren Erfolg von einer Stärkung der Duma, von dem Druck der öi'fentlichen Meinung in Rußland und der im Ausland. In allen drei Richtungen hat er gewirkt. Von dem Ergebnis seiner Unterhaltungen verständigte er die Führer der Kadetten und der weiter links stehenden Parteien. Die russische Presse und die deutsche, die französische und die der angelsächsischen Länder hat er mit Informationen verseilen. Den Reformwillen der russischen Staatsmänner hat er gestärkt. Aus seinem Munde hatte die Meinung der zivilisierten Welt .über die Vorgänge in Rußland zu ihnen gesprochen, so rückhaltlos in der Sache, so vornehm im Ausdruck, wie sie sie noch n'iemals vernommen hatten. Das Vertrauen des Ministerpräsidenten Witte hatte der deutsche Besucher in solchem Maße gewonnen, daß der russische Staatsmann jedesmal, wenn er nach Deutschland kam, eine Begegnung mit ihm suchte. Er sprach ihn noch im Herbst des Jahres 1906. Seine eigene Untätigkeit als Ministerpräsident entschuldigte er damit, daß ihm die Hände gebunden waren. Den größten Wert legte er auf seine Schöpfung, die Duma. Mit Behagen formulierte er mehrmals den Satz: „Diesen Angelhaken hat man im Rachen, und man kann ihn n cht wieder herausziehen." Er machte auf Nathan den Eindruck eines klugen und rücksichtslosen Emporkömmlings, den eine tiefe Verachtung gegen das impotente Gottesgnadentum des Zarismus erfüllt und der unverhohlen seinen leidenschaftlichen Haß gegen die zum Ausdruck bringt, die ihn aus dem Amte gedrängt haben. Daß die Minister die Reformpläne nicht durchsetzten, zu denen sie sich Nathan gegenüber bekannten, war Schuld der höfischen KamariUa, die die Zarenpuppe an ihren Drähten zog. Nathan erschien den Ministern, wie einer von ihnen bekennt, als ehrlichen Mittler, der, zunächst auf einem Teilgebiet, zwischen Regierung und Volk Frieden stiften wollte. War der Ausschnitt des großen russischen Problems, den er behandelt«, auch nur klein, so rührte er doch an die Lebensfragen des gigantischen Reiches. Mancher der Staatsmänner, mit denen er verhandelte, mag eine Empfindung dafür gehabt haben, daß dieser Arzt aus Deutschland, der so klug und so überzeugend die Human'tät als das beste politische Medikament empfahl, dem kranken Riesenkörper eine heilbringende Medizin verschrieb. War es zu spät? Fehlten Einsicht und Wille? Im September 1906 wurde das Warschauer Judenviertel Schauplatz e'nes neuen Gemetzels. Hundert Tote und mehrere hundert Verwundete waren die Opfer, und die Kanonen, die man zu spät auffuhr, zeugten von der Unfähigkeit einer Regierung, die die Dinge so weit treiben ließ. Am 31. Dezember 1906 legte der Ministerrat dem Zaren den Entwurf eines Manifestes vor, das wenigstens die die Juden beschränkenden Bestimmungen von 1882 aufheben und Landpachtungen im Rayon gestatten sollt». Der Zar wies auch diese bescheidenen Vorschläge zurück und verhinderte den Beginn einer Reform, die vielleicht nicht nur den Juden geholfen hätte. JAC. MAYER Kleider- und Gummlmäntel-Industf (e Export nach allen Ländern Wien II., Glockengasse 24 Telephon R 48-4-79 Auch Detailverkauf zu Fabrikspreisen t Herrenanzug nach Maß auf Seide S 2CO.— Herrenraglan „ „ „ n „ 150.— Herrenhose „ „ „ „ m 48.— feinst ausgeführt Zeitgemäße zatitunsttedfisgiritficnf Kein kauf ha» ang l Freie Betich tlgur st