Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 7 (15.2.1929)
- Date
- 1929-02-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT lUlllllllllUUlllllUllUlUlllillllUIIIUIIIUllII yii|inii|iiiM)iiU)|ti ||l||||ll|l|llimilltimuniniiimuiimimmiuiiiiiiii)iimiiiiiiiiui:iiui Seite 7 ruptöon und Erpressung. Er machte auf wirtschaftlichem Gebiet in öffentlicher Meinung und erhob selbst nach der Aufdeckung seines Treibens noch weiter Anspruch darauf, mic seiinen anständigen JournaÜstenkollegen Namen und Ehre zu teilen. Wem ist es da nicht begreiflich, daß diese Kollegen ein Ekel1 befiel vor einem solchen Beutelschneider, wer kann es nicht verstehen, daß man ihn zur Verantwortung zog und ihn von dein Organisation der Wiener Presse entfernte, als er — wöhi im Vollbewußtsein seiner Schuld — es ablehnte, sich vor einem Disziplinargericht zu verantworten. Daß sich ein jüdischer Journalist fand, der in vorderster Reihe gegen Pöffl den Kampf aufnahm, mag Zufall sein, abeir es ist jedenfalls bezeichnend, daß ein Jude es sein mußte, der einem waschechten Arier das Verbrechen nachwies, welches seit Jahren der Presse vorgeworfen wird, in der auch nuirt vereinzelt Juden beschäftigt sind. „Die Presse ist verjudet", heißt es ja oft genug und darum wird diese verjudete Presse als korrupt verschrien. Nun hatte es sich im Falle Pöffl erwiesen, wer in der jüdischen Presse den Korruptionsfaktor abgibt, und Bruno Wolff, der Jude, hatte hervorragenden Anteil an der Erweisung dieser Tatsache. Sich vor ein Disziplinargericht zu steilen, hatte sich der wackere Arier gescheut. Ihm fehlte der Mut, seine Sünden zu verteidigen. Aber es fehlte ihm nicht der Mut, das zu tun, was viele vor ihm straflos getan: Es fehlte ihm nicht der Mut, seinen erbittertsten Gegner niederzuknallen, besonders weil dieser Gegner Jude war. Freispruch stand jei auf diese Tat. Das wußte er aus Präzedenzfällen. Ein Rothstock war straflos ausgegangen, weil ein Bettauer das Opfer gewesen ist, und hier mußte ein Pöffl freigesprochen werden, weil das Opfer ein Bruno Wolff ist. Ein Schuß hatte nur das Risiko für sich, durch einen Freispruch rehabilitiert zu werden. Und Pöffl riskierte. In einer öffentlichen Verhandlung, die einen seiner Korruptiiönsfälle betraf, streckte er seinen Gegner durch Revolverschiisse nieder und wartete ruhig auf seine Rehabilitierung. Das Räderwerk der Justiz ging seinen Gang und mit einer gewissen Präzision kam der erwartete Freispruch. Pöffl ist den Gegner los und die „öffentliche Meinung", repräsentiert durch die Geschworenen, hat ihre Sanktion gegeben. Das übrige wird die arische Presse besorgen, die sicherlich den Spieß umdrehen und Pöffl als Opfer hinstellen wiird . . . Der zweite Fall: In Innsbruck stürzt ein jüdischer Tourist einen Bergabhang hinunter derart unglücklich, daß er auf der Stelle tot liegen bleibt. Dieser Passant befindet sich in Begleitung seines Sohnes, der ein jüdischer Student ist. Wer wird da gleich an Mord denken? Aber diese Annahme, mochte sie noch so widersinnig erscheinen, in dem Hirn der biederen Tiroler setzte sie sich fest. Wäre das Opfer ein Nichtjude, wer weiß, ob der Student in die Lage gekommen wäre, sich vor einem irdischen Richter zu verteidigen; denn die Tiroler verstehen in dieser Hinsicht keinen Spaß. Aber glücklicherweise war das Opfer ein Jude, so daß der junge jüdische Student vor Gericht gestellt wurde unter der schweren Anklage des Vatermordes. Nichts deutete auf die Tat hin. Es waren nur Indizien, auf welche sich die Anklage stützen konnte und es mag als Beispiel angeführt sein, daß einer der wichtigsten Indizienbeweise die, Aussage eines Straßenmeisters war, daß man an jener Stelle unmöglich durch Zufall' stürzen konnte, weil er persönlich diiie Reparatur der kritischen Wegstelle hatte vornehmen lassen. Aber Beweise hin, Beweise her. Der gesunde Instinkt der Tiroler witterte ein Verbrechen und das Verbrechen mußte gesühnt werden. So sehr ging es ihnen darum, den Tod des „ermordeten" Juden zu . rächen. Das gerichtliche Verfahren sprach allen gesetzlichen Vorschriften Hohn und die braven Tiroler hatten das, was sie wollten: Die Verurteilung des jüdischen Studenten zu zehn Jahren Kerker. Die Parallele zwischen diesen beiden Justizfällen drängt sich jedem auf. Sie richtig zu verstehen, dazu gehört nicht viel. Man müßte nur die Personenrollen tauschen. Was wäre geschehen, wenn der Attentäter im Gerichtssaal Bruno Wolff gewesen wäre und das Opfer Pöffl? Was wäre geschehen, wenn der Begleiter des alten Halsmann ein Tiroler Bua gewesen wäre? Die Antwort auf diese Fragen ist erschreckend und noch erschreckender, daß es sich um die Justiz in einem Lande handelt, das unter den zivilisierten Staaten in erster Reihe steht. Es ist Lüge, wenn wir uns einbilden, daß Gerechtigkeit Schritt halte mit Kultur und Zivilisation. Die zwei Sfrraffälle in Oesterreich haben es klar erwiesen. ' M. S. W^kiMcnnenlmßrVkliMrkeU^ Der Zarismus und die Judenfrage. Erinnerunsen an Paul Nathan. Ernst Feder, der bekannte und angesehene Publizist, schreibt in einem reich illustrierten Buche die interessante Lebensgeschichte des großen Menschenfreundes und einflußreichen Politikers Paul Nathan, dem er bis zu dessen Tode im Jahre 1927 in Freundschaft nahe gestanden hat. Wir bringen aus dem in der Deutschen Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte m. b. H. in Berlin, erschienenen Buche einige hochinteressante Abschnitte zum Abdruck. Das Studium der kleinasiatischen Verhältnisse, der Analolischeu Bahn, des wachsenden wirtschaftlichen und politischen Einflusses, den Deutschland in der Türkei und in Kleinasien gewann, hatten in Paul Nathan den Gedanken wachgerufen, neben die Pariser üüdische Alliance und ihr französisches Schulwerk eine deutsche Alliance mit deutschem Schulwerk zu stellen. Im Jahre 1899 fragte er bei dem Auswärtigen Amt an, ob das Reich einer solchen Alliance Schutz gewähren würde. Ohne diesen Schutz war die Arbeit im Ausland unmöglich. Das Amt gab zunächst eine ausweichende Antwort. Nathan erfuhr nur gelegentlich, daß man die Botschaft in Konstantinopel und die Konsulate in Kleinasien um Gutachten ersucht hatte. Er selbst tat, wie das seinem Charakter entsprach, von sich aus keinen weiteren Schritt. Da tritt im Herbst 1900 das Auswärtige Amt an ihn heran: auf Grund der vorgenommenen Prüfung erscheine es zweckmäßig, daß eine deutsche Alliance mit den dargelegten Zielen ins Leben trete; das Auswärtige Amt sei bereit, ein solches Unternehmen zu fördern. Er erkennt natürlich sofort, daß für die Regierung Erwägungen nicht der Humanität, sondern der politischen Nützlichkeit den Ausschlag geben. Aber er bemerkt dazu: „Wenn die Nützlichkeit mit humanitären Bestrebungen zusammenfällt, um so besser und um so nutzbringender." Er entwirft den Aufruf und die Satzung der neuen Organisation. Der 20. Mai 1901 wird der Geburtstag des Hilfsvereines der deutschen Juden, der in einem Umfang, wie kaum eine humanitäre Organisation vor dem Krieg. Menschenhilfe geleistet und den Paul Nathan fast ein Menschenalter geleitet hat, zusammen mit seinem Freunde, dem Berliner Großkaufmann James Simon, einem Philanthropen und Kunstkenner, der in der Selbstlosigkeit seines Charakters und der Schlichtheit seines Wesens manche ihm verwandte Züge hat. Als die russische Revolution von 1905 ausbrach, war nach allen bisherigen Erfahrungen anzunehmen, daß man den Versuch machen würde, sie im Blut der russischen Juden zu ersticken. Deshalb entschloß sich Nathan, persönlich nach Rußland zu gehen, um mit den maßgebenden Ministern Auge in Auge zu verhandeln. Vorher hatte er in London eine Unterredung mit Lord Rothschild, Sir Claude Montefiore und Sir Samuel Montagu, mit denen er seine Pläne besprach. In Rußland blieb er drei Wochen und besuchte Petersburg, Moskau, Kiew und Odessa. Die erste Konferenz mit Witte fand am 22. November 1905 statt. Hochgewachsen, fast unbeholfen in seinem Gliederbau, abgearbeitet, trat der rusjf sische Ministerpräsident zunächst sehr kühl diesem deutschen Privatmann gegenüber, der in innerrussische Verhältnisse hineinreden wollte. Er erwärmte sich rasch, als er erkannte, wie klug und klar sein Gegenüber die Frage der Humanität und der Gerechtigkeit mit den wirklichen politischen Interessen Rußlands zu verbinden verstand. Witte erklärte: „Wir sind mitten in der Revolution. Wir können die Judenfrage nur stückweise lösen, sonst gibt es ein Blutbad." Nathan: „Die Zivilisation kostet Blut. Rechts und links wird auf die Juden losgeschlagen. Rußland steht wieder vor Pogromen." f; KAUF UND VERKAUF VON REALITÄTEN f JEDER ART SOWIE ÜBERNAHME VON HAUSVERWALTUNGEN DURCH ARCHITEKT HERMANN EBENSP/1NQER WIEN IX., LATSCHKAGASSE A f TEL. A16-5-T5