Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 7 (15.2.1929)
- Date
- 1929-02-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT ninpflTmmiimnammimBniHmwia Seite 3 Kuitusvorsteher vor allem die Pflicht, die Wahlreformfrage zurückzustellen, und sie durften die Leistung der Garantie hierfür nicht ablehnen, wenn sie in der vorzeitigen Auflösung des Vorstandes tatsächlich eine Gefährdung der Autonomie erblickten. Es soll hier festgehalten werden, daß die Auflösung des Kultusvorstandes und die Durchführung der Neuwahlen, selbst wenn sie von einem Regierungskommissär durchgeführt worden wäre, niemals als eine „Gefährdung der Autonomie4' — an sich unter den heutigen Verhältnissen eine Selbstverständlichkeit und daher nur phrasenhaft von den Gegnern gebraucht — augesehen werden kann. Es genügt diesfalls auf die Ausführungen der „Neuen Welt", also eines radikalzionistischen Blattes hinzuweisen, welches die Durchführung von Neuwahlen unter einem Kommissär keinesfalls als eine Gefährdung der Autonomie ansieht, womit auch wir übereinstimmen. Dieser Brief vom 26. Jänner 1929 ist aber auch in einer zweiten Linie interessant. Mit dem Inhalte dieses Briefes erklärte sich der Klub der Mandatare der Wahlvereinigung werktätiger Juden und Herr Dr. Landau einverstanden und war nun auch die Einheitsfront aller anderen Parteien zusammen gegen die Union schriftlich festgelegt. Der Brief wurde am 26. Jänner 1929, vormittags, Herrn Dr. Ticho, dem Klubobmann der unionistischen Partei übergeben. Bevor der Klub der untonistischen Vertreter zu diesem Schreiben der vereinigten gegnerischen Parteien Stellung nehmen konnte, fand eine Besprechung von Vertretern aller Parteien statt. Herr Dr. Ticho erklärte vor allem, daß ihm die Antwort auf sein Schreibe?i vom 26. Jänner 1929 erst heute, Sonntag vormittags, zugestellt worden sei, weshalb der Klub noch keine Stellung hierzu nehmen konnte. und es war gerade abends zu Kol-Nidrc, an dem feierlicher Gottesdienst gehalten wird, und gerade gegenüber war eine Synagoge. Da sah der Soldat durch die Fenster, wie alle Lichter brannten und die Juden versammelt waren und hörte, wie sie beteten in Tali und Kittel gehüllt, und er mußte nun dastehen vor seiner Bude mit dem Gewehr auf der Schulter und durfte sich nicht rühren. Und wie die Juden so immerzu beteten, fing dem Soldaten an, sein Herz hinzuziehen, und er konnte es nicht mehr aushalten; er wußte selber nicht, wie es ihm war und was mit ihm geschah: er ließ das Gewehr hinabsinken und ging so ein wenig hin. Schritt um Schritt, bis er ganz bei der Synagoge neben dem Fenster stand und mitbetete und ganz vergaß, daß er Soldat war und auf der Wache zu stehen hatte. Unser Kaiser aber ist ein suter Wirt, verläßt sich nicht auf seine Untergebenen, sondern liebt es. selber nach dem Rechten zu schauen. So ging er denn auch diesmal, als gewöhnlicher Offizier verkleidet, umher, um nachzusehen, ob die Soldaten auch gehörig die Stadt vor dem Feinde bewachen. Wie er nun zu unserem Wachposten kommt und alles sieht, was tut unser Kaiser? Er faßt das Gewehr an, stellt sich auf den Posten und wartet, bis der arme Soldat fertig ist. Ihr könnt euch denken, wie unser Soldat zu Tode erschrak, als er zurückkam und sah, wer da an seiner Stelle Wache hielt. Nun gibt es ein Gesetz, daß, wer die Wache verläßt, mit dem Tode bestraft wird. Am zweiten Tage sollte der Soldat erschossen werden. Beim Militär gibt's keinen Spaß: wenn einer was verbrochen hat. so hat er seinen Kopf verwirkt. Als er zur Richtstätte geführt wurde und man ihm schon die Augen verband, da dachte er bei sich: Mit mir ist es aus, es bleibt mir nur übrig, das Sündenbekenntnis zu sagen und „Schema Israel" auszurufen. Aber da erschien plötzlich der Kaiser, auf einem Pferd herbeisprengend, legte die Hand auf den Kopf des Soldaten, und wenn der Kaiser einmal berührt hat, den darf man nicht hinrichten. Dem Soldaten wurde also das Leben geschenkt, aber seit damals befahl der Kaiser, daß allen jüdischen Soldaten der Jom-Kippur freigegeben werde und so hält man es bis auf den heutigen Tag." Sowohl die zionistischen Vorsteher als auch die der werktätigen Juden haben ihren bisherigen ablehnenden Standpunkt, offenbar unter der Einwirkung des Briefes des Dr. Ticho vom 26. Jänner aufgegeben; sie haben sich nämlich jetzt bereit erklärt» dem Verlangen der „Union" zu entsprechen und die Wahlreformfrage aus den Verhandlungen des Plenums für ein ganzes Jahr auszuschließen. Trotzdem kam es aber zu keiner Einigung, weil diese Zusicherung dem Klub der unionistischen Partei zu gering erschien. Die unionistischen Vorsteher befürchteten, daß nach einem Jahre, und zwar noch vor der Budgeterledigung 1930, abermals die Geschäftsführung durch Wahlreformanträge der gegnerischen Parteien gestört und die Erledigung des Budgets pro 1930 gefährdet werden könnte. Der Verband der der „Union" gegnerischen Parteien wandte sich nun an den Präsidenten Professor Dr. A. Pick, und zwar sowohl schriftlich als auch persönlich. Der Brief an den Präsidenten hat folgenden Wortlaut: Wien, am 28. Jänner 1929. An den Herrn Präsidenten der Israelitischen Kultusgemelnde Generalstabsarzt i. R. Universitätsprofessor Dr. Alois Pick, Wien. Sehr geehrter Herr Präsident! Im Namen der von uns vertretenen achtzehn Mitglieder des Kultusvorstandes gestatten wir uns, an Sie, als das freigewählte Oberhaupt unserer jüdischen Oemeinde, die Bitte zu stellen, in dem bedauerlicherweise im Kultusvorstand ausgebrochenen Konflikt die Vermittlung zu übernehmen und das Gewicht Ihrer allseits anerkannten Autorität in die Wagschale zu werfen, damit die unserem Gemeinwesen durch die von den Mitgliedern der Union beabsichtigte Sprengung des Kultusvorstandes drohende Schädigung noch im letzten Augenblick vermieden wird. Wir haben bei der gestern, den 27. d. M., stattgehabten Aussprache der Vertreter der einzelnen Gruppen das äußerste Entgegenkommen bewiesen und wiederholen auch Ihnen hiermit ausdrücklich, daß wir zur verantwortlichen Mitarbeit in der Gemeinde in vollem Maße bereit sind. Wir glauben, wenigstens bei Ihnen dafür Verständnis zu finden, daß die Ausschließung der einen Hälfte des Kultusvorstandes von der Leitung und Verwaltung der Gemeinde durch die andere Hälfte einen unerträglichen Zustand schafft und allen Grundsätzen der Gerechtigkeit und Billigkeit widerstreitet. Wir glauben, bei Ihrer Objektivität annehmen zu können, daß Sie es nicht für richtig finden, daß der einen Hälfte des Kultusvorstandes das Recht zustehen soll, von der anderen Hälfte irgend welche programmatische Verzichtleistungen unter sonstiger Androhung der Sprengung des Vorstandes zu verlangen. Wir geben Ihnen hiermit neuerlich bekannt, daß wir bereit sind, in jeglicher Beziehung die Voraussetzungen für eine ordnungsmäßige Erledigung der Geschäfte der Gemeinde zu schaffen und uns mitverantwortlich an der Leitung der Gemeinde zu beteiligen. Wir halten es für frivol, wenn unter den gegebenen Umständen seitens der Angehörigen der Union mit der Auflösung des Kultusvorstandes, ja sogar mit der Sprengung des Gemeindeverbandes gedroht wird, ohne Bedachtnahme darauf, daß das rechthaberische Festhalten an ihrem eigenwilligen Standpunkt die schwersten Schäden für die Gemeinde und ihre Angehörigen herbeizuführen geeignet ist. Wir geben zu bedenken, daß nicht nur die Beamten und Angestellten, sondern weite Kreise der jüdischen Bevölkerung in ihren lebenswichtigsten Interessen an das Schicksal der Gemeinde gebunden sind und daß der Gemeinde und ihren Institutionen durch das Interregnum eines Regierungskommissärs die schwersten Nachteile drohen. Ihnen als Präsidenten der Gemeinde, der das allseitige Vertrauen aller Gruppen des Kultusvorstandes genießt, obliegt nach unserer Ansicht in erster Linie die Verpflichtung, be-