Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 7 (15.2.1929)
- Date
- 1929-02-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 lauan^mMiii"«™^ DIE WAHRHEIT Wien, am 26. Jänner 1929. An den Klub der unionistischen Kultusvorstelicr in Wien! Wir erhielten das Schreiben Ihres Obmannes vom 22. laufenden Monates, welches sich mit unserem Schreiben vom gleichen Datum gekreuzt hat und stellen hiermit fest, daß vom Präsidenten bisher eine Sitzung des Vorstandes zur Verabschiedung des Budgetprovisoriums für Februar 1929 nicht einberufen wurde. Entgegen Ihren Vermutungen hat unser Klub zur Frage des Budgetprovisoriums in keiner Weise Stellung genommen. Um in unseren Verhandlungen einen Schritt nach vorwärts zu kommen, schlagen wir Ihnen die Einberufung einer Plenarsitzung vor Ablauf dieses Monates mit folgender Tagesordnung vor: I. Neuwahl des Präsidiums und des Vertreterkollegiums; II. Budgetprovisorium für Februar 1929. Bei dieser Anregung gehen wir von der Ihnen wiederholt bekanntgegebenen Anschauung aus, daß die Anwendung des Proporzgrundsatzes in der Leitung der Gemeinde und die dadurch herbeigeführte Mitarbeit aller Gruppen des Vorstandes die im Interesse der Gemeinde gelegene, ungestörte Geschäftsführung ermöglicht. Zu der uns bekanntgegebenen Absicht, durch Niederlegung Ihrer Mandate die vorzeitige Auflösung des Vorstandes zu erzwingen, fühlen wir uns verpflichtet, Ihnen folgendes entgegenzuhalten: Die Auflösung des Vorstandes hat notwendigerweise das Eingreifen der politischen Behörde in das Selbstbestimmungsrecht der Gemeinde zur Folge, führt zur Bestellung eines Regierungskommissärs und gefährdet d;;? kostbare Gut der Gemeindeautonomie, das ungeschmälert zu erhalten, die oberste Pflicht aller Kultusvorsteher, ohne Rücksicht auf ihre Parteisiellung, sein sollte. Obgleich wir eine neuerliche Befragung der Wählerschaft nicht zu scheuen haben, halten wir es für unverantwortlich, insolange nicht alle Mittel zur Herbeiführung der Arbeitsfähigkeit des Vorstandes erschöpft sind, aus vollständig unzureichenden Gründen einen neuerlichen Wahlkampf heraufzubeschwören und dem Gemeindehaushalte die hohen Wahlkosten aufzubürden, deren Verausgabung bei der finanziellen Lage der Gemeinde, dem schweren Notstand der auf die Hilfe der Gemeinde angewiesenen zahlreichen Institutionen vor der jüdischen Oeffentlichkeit nicht gerechtfertigt werden könnte. Wir geb.ii) Ihnen auch zu bedenken, daß die Unterbrechung der normalen Funktionen der Gemeinde bis zur Neuwahl des Vorstandes mit einer schweren und uneinbringlichen Schädigung der auf die Tätigkeit der Gemeinde angewiesenen breiten Bevölkerungsschichten verbunden wäre. Ihre in der Androhung der Mandatsniederlegung zum Ausdruck gebrachte Weigerung, die Verantwortung für die Leitung der Gemeinde zu tragen, ist nach unserer Ansicht kein hinreichender Grund für die vorzeitige Autlösung des Kultusvorstandes. Wir erachten vielmehr, daß es zunächst Ihre Pflicht wäre, die andere Hälfte des Vorstandes einzuladen, die Führung der Geschäfte zu übernehmen. Wir sind vom Klub der werktätigen Juden und Herrn Dr. Leo Landau ermächtigt, Ihnen zu erklären, daß die Genannten bereit sind, gemeinsam mit uns die Verantwortung für die Geschäftsführung der Gemeinde zu übernehmen, um dadurch zu verhindern, daß die Gemeinde vor den nachteiligen Folgen der vorzeitigen Auflösung betroffen wird. Es ist selbstverständlich, daß in diesem Falle Ihnen der nach dem Proporz gebührende Anteil an der Gemeindeverwaltung bedingungslos vorbehalten bleibt. Für den Klub zionistischer Kultusvorstcher: Dr. D. F r i e d m a n n. Wir erklären uns mit dem Inhalt vorstehenden Schreibens einverstanden: Für den Klub der Mandatare der Wahlvereinigung werktätiger Juden: Gustav M o r i z, Mendt Singer, Einverstanden Dr. L an d a u. Dieser Brief ist deshalb bemerkenswert, weil die Gegenseite damals noch in keiner Weise geneigt schien, die von dem Klub der unionistischen Vertreter begehrten Garantien zu leisten. Der Klub der zionistischen Kultusvorsteher glaubte sich berechtigt, darauf hinzuweisen, daß durch die Rücklegung der Mandate ein Eingreifen der politischen Behörde zu erwarten steht und daß dadurch das kostbare Gut der Gemeindeautonomie gefährdet würde. Darauf ist zu erwidern, daß es den zionistischen Vorstehern offenbar entspricht, anderen Leuten vorzuhalten, daß sie die Autonomie gefährden, daß sie aber selbst nicht die geringste Einsicht an den Tag legen, um die angebliche Gefährdung der Autonomie hintanzuhalten. Wenn die Erhaltung der Autonomie ein von allen Parteien im Auge zu behaltendes Ziel ist, dann hatten' die zionistischen S^BMiiieto* Zwei Volkssagen über Kaiser Franz Josef. Von Binjamin Segel. Bei den Juden des Königreiches Galizien, welches Kaiser Franz Josef oftmals besucht, ist er beinahe zu einer legendären Gestalt geworden, umgeben von einer ganzen Anzahl sehr poetischer Sagen, welche bezeichnend sind für die Art, wie die Persönlichkeit des Kaisers und mancher seiner hochherzigen Züge sich in der Phantasie des jüdischen Volkes spiegelt. Zwei solcher Sagen in der Form, wie sie mir im Herbst 1894 auf einer Reise von Halicz nach Lemberg von einem alten Juden, einem gedienten Soldaten, erzählt worden sind, mögen hier mitgeteilt werden: „Was unser Kaiser für ein Mensch ist, und was er für ein Herz hat, das läßt sich gar nicht erzählen. Schon als Jüngling war er so. Als ich Soldat war und einmal am Jom-Kippur mit anderen jüdischen Soldaten frei bekam, erzählte uns ein Alter, der viel in der Welt herumgekommen war, folgende Geschichte, die dem Kaiser in seiner Jugend passiert ist. Damals wußte unser Kaiser noch nicht, daß er einmal Kaiser sein würde, denn er war ja nur ein Prinz, nicht der Sohn des früheren Kaisers, sondern sein Onkel war Kaiser. Einmal also im Winter, draußen war gerade starker Frost, da ließ der Prinz einspannen und fuhr mit seinem Kutscher im Schlitten hinaus, weit in die Berge, um Jagd zu halten, wie die großen Herren das öfters zu tun pflegen. Es war, wie gesagt, starker Frost, aber plötzlich erhob sich ein Sturmwind und es wurde ein furchtbares Schneegestöber. Im Winter ist der Tag kurz, und so wurde es gleich dunkel, so daß unsere Reisenden den Weg verloren und im Walde herumirrten und wußten nicht ein noch aus. Der Kutscher trieb die Pferde an, um nur schnell irgendwo herauszukommen. Auf einmal schaut sich der Prinz um und sieht ein kleines zusammengekrümmtes Männchen stehen, das hatte einen Stock in der Hand, auf den Schultern ein Bündel und trug einen fadenscheinigen Mantel und zitterte vor Kälte am ganzen Leib, daß es mit den Zähnen klapperte. Der Kaiser ruft „Halt", fragt nicht viel, sondern springt aus dem Schlitten, zieht seinen Pelz aus und wirft ihn dem alten kleinen Männchen um und schreit: „Steig ein zu mir, sonst erfrierst du!" Und wie er so spricht, sieht er plötzlich vor sich einen hohen alten Mann mit langem weißen Bart, ganz weiß gekleidet und in der Hand hält er einen Stock mit Silberknopf. Was ist das?, denkt sich der Kaiser, denn er war sehr erstaunt. Jener aber sagte: „Weißt du, ich bin Elia, der Prophet, ich bin gekommen, dich zu versuchen. Denn es wurde im Himmel beschlossen, daß du dereinst Kaiser werden sollst. Da kam ich herunter, um mich zu überzeugen, was für ein Herz du hast, denn du. wirst über viele, viele Menschen zu befehlen haben. Weil ich gesehen habe, daß du so barmherzig bist, verspreche ich dir, dich vor allen zu schützen, die dir nach dem Leben trachten werden." Dann setzte er sich zu ihm in den Schlitten, wies ihm den richtigen Weg und verschwand. Und Elia der Prophet hielt Wort. Es kam vor, daß ein Feind des Kaisers — ein jeder Kaiser hatte viele Feinde — sich von hinten an ihn heranschlich, um ihn das Leben zu nehmen, aber Elia der Prophet war dabei und verhütete unsichtbar das Unglück." * Die zweite Sage, die mir der Alte erzählte, lautete wie folgt: „Einmal in früheren Zeiten, da war noch alles anders; da hatten die jüdischen Soldaten noch keine Erlaubnis, am Jom- Kippur in die Synagoge zu gehen, sondern mußten den Dienst verrichten, Da stand einmal ein jüdischer Soldat auf der Wache