Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 6 (8.2.1929)
- Date
- 1929-02-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 IlllllllillillUlfflliü^^ DIE WAHRHßlf weiter diese Erkenntnis eine Entrüstung auslöst, die die zionistischen Führer zwingt, ihre Haltung zu revidieren. Das ist möglich, aber nicht wahrscheinlich. Wahrscheinlicher dürfte es sein, daß die blinde Parteidisziplin auch hier siegt, daß man Enttäuschung und Entrüstung für sich behält. Anders aber wird die Kunde von dem Umfall der Volkspartei, von dem Verlassen ihrer auf das positive Judentum gerichteten Prinzipien in den weiten Kreisen wirken, die, ohne Zionisten zu sein, als Mitläufer bei den Wahlen helfen, zionistische Mandate zu erobern. Ihnen dürften durch diese gewaltsame Operation die Lust an weiteren Mitläufern vergehen. Aber auch weit über den Umkreis von Berlin hinaus dürfte die Auswirkung dieses ,gentlemans agreement" reichen. Der Zionismus negiert vollkommen den Umstand, daß das Primäre im Judentum stets die religiöse Basis gewesen ist, daß insbesondere in den 2000 Jahren seit dem Falle des Tempels, die Fortexistenz des Judentums nur seinem Religionsgesetz zu verdanken war. Der Zionismus schaltet in seiner Theorie diese religiöse Basis vollkommen aus; in der Praxis hat er sich bei seiner Wirksamkeit in den Gemeinden in den meisten Fällen an die konservative Richtung angeschlossen, unter der Marke „für positives Judentum!" Das war vielleicht eine Inkonsequenz, aber praktisch erwies sich diese Parole, besonders bei den Wahlen, als durchaus zugkräftig. Die Massen hörten auf die Schlagworte: für Zion, für positives Judentum! Nun haben die Zionisten. wenigstens für Berlin, gezeigt, daß positives Judentum für sie eine Handelsware ist, die an den Meistbietenden vergeben wird, wenn sich Käufer einstellen. Unter den eingetauschten fiandelsobjekten befindet sich — ein Lehrstuhl für Germanistik an der Hochschule in Jerusalem, für den die Berliner Gemeinde künftig Mk. 50.000 p. a. ausgeben darf. Soll dieser Betrag einmal für Unterrichtszwecke in Erez Jisroel bewilligt werden, wie konnte man an den Tausenden von Kindern vorbeigehen, die in Palästina der Hunger in die Missionsschule treibt und denen, neben der leiblichen Nahrung, das Gift der Missionsiehren in die jugendlichen Seelen geträufelt wird? Wie werden sich die Zionisten im Reiche, die nicht unter dem Banne der Meineckstrafe (dem Berliner zionistischen Hauptquartier) stehen, wie werden sieb die unabhängigen Misrachisten außerhalb der Berliner Ortsgruppe zu diesem Handel stellen? Von der Beantwortung dieser Frage dürfte für die Entwicklung des deutschen Judentums in der nächsten Zeit Gewaltiges abhängen. Qlerreix. Die Schuldeputation in Frankfurt a. M. muß anläßlich der Lessing-Feier zu einer seltsamen Frage Stellung nehmen. Die städtischen Bühnen, die zu dieser Feier „Nathan den Weisen" aufführen wollen, haben, wie das üblich ist, eine Anzahl im Preise ermäßigter Karten für die älteren Schüler zur Verfügung gestellt. Anstatt dankbar von diesem Anerbieten Gebrauch zu machen, wurde von „gewisser Seite" dagegen Widerspruch erhoben, und zwar mit der Begründung, daß es fraglich sei, ob „N a t h a n" sich für die „reifere Jugend" eigne. An der Schuldeputation ist es nun, die Entscheidung in dieser Angelegenheit zu treffen. Vielleicht hat eines der Mitglieder dieser Körperschaft den Ehrgeiz, heute schon ein Urteil vorzuschlagen, das in hundert Jahren hoffentlich jeder Deutsche fällen wird. Es müßte einfach erklären, die Frage sei heute nicht die, ob die Jugend reif für den „N a t h a n" sei, sondern ob es gewisse Führer und Lehrer dieser Jugend sind? Wie aus einem Berichte über eine wüste Schimpf- und Raufszene hervorgeht, die im Gerichtssaale ihr Finale fand, ist der „völkische" fiochschüler Sepp Fischer, der in der Affäre auch beteiligt war, zu einer Geldstrafe von S 50.— (eventuell 48 Stunden Arrest) Verurteilt worden. Der „völkische" Student kann von Glück sagen, daß er gewissermaßen mit einem blauen Auge davongekommen ist. Aus einer bei der Verhandlung gefallenen naiven Aeußerung erfuhr man nämlich, daß der junge „Völkische", dem man vielleicht nach der Nase weniger den „Sepp" als den „Fischer" ansah, nahe daran war, auch als Jude geprügelt zu werden. Er ist vor diesen Schicksalsschlägen bewahrt worden, aber schließlich hätte er sich auch mit der Erinnerung trösten können, daß seinerzeit in Budapest einer der Häuptlinge der Rassenschützler in später Nachtstunde, als er sein Inkognito gerne gewahrt hätte, von Gesinnungsgenossen für einen Juden angesehen und urchristlich geprügelt wurde. * * * * Wer in den letzten Tagen auch nur einen flüchtigen Blick in die Gerichtssaalrubrik geworfen, wird von Entsetzen über die Unzahl von grauenhaften Mordtaten erfaßt worden sein, die innerhalb ganz kurzer Zeit von überführten und geständigen Verbrechern verübt wurden. Es ist selbstverständlich, daß in der gesamten „Judenpresse" sich kein solcher Trottel gefunden, der den leisesten Versuch unternommen hätte, einen Zusammenhang zwischen der Tat und der Konfession des Mörders herzustellen. Aber als ebenso selbstverständlich darf man es nach vielen Erfahrungen bezeichnen, daß die meisten hakenkreuzlerischen Blätter und Blättchen den Fall E r d e 1 y i, da der Angeklagte ein Jude war, zu einer konfessionellen Angelegenheit machten. Es genügte ihnen aber nicht, in dem Beschuldigten, bevor noch die gerichtliche Entscheidung gefällt war, den verurteilten Mörder zu brandmarken, er wurde sofort auch zum Repräsentanten des Judentums ernannt, das eigentlich neben ihm auf der Anklagebank Platz nehmen mußte. Das ist die echte, durch unseligmachenden Haß geschmiedete antisemitische Solidarität, der man im Laufe der Zeiten immer wieder begegnet. Sie ist unsterblich wie die tückische Verleumdung, die Juden könnten so wahnsinnig sein, um Schuldige zu retten, sich zu sträflichen Mitschuldigen machen. * * * Sollte man es aber nach so vielfachen Erfahrungen für möglich halten, daß es einem antisemitischen Blatte gelingen könnte, in der Affäre Erdelyi etwas Beispielloses, Unerhörtes an tückischer Gehässigkeit und dreister Verlogenheit zu leisten? Nun, dem in München erscheinenden „Völkischen Beobachter" ist das schier Undenkbare glänzend gelungen; er hat S. Grüners 353 Restaurant II., Zirkusgasse 30 Telephon R 43-1-60 VorxQgl. Wiener, ungarische und orientalische (rumänische) Küche. Mittag und Abend Menll nach Wahl. Erstklassige Getränke. 1