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Die Wahrheit · 1929-02-08 · Heft 6 (8.2.1929) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 6 (8.2.1929)
Date
1929-02-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Gänzlich verfehlt ist unseres Erachtens der Standpunkt des Herrn Unterrichtsministers, daß man sich von den „Instinkten der großen Masse" leiten ließ, eine energische Regierung — und das will doch die ungarische sein — ist dazu berufen, die große Masse zu lenken und sich nicht von ihr, der irregeführten Menge Vorschriften machen zu lassen. Daß diese Vorschriften eine antisemitische Tendenz hatten, die Regierung ihnen aber trotzdem Gehör schenkte, gereicht ihr und dem ungarischen Volke nicht zur größten Ehre. Nochmals Berlin und Wien. „Die Stimme" glaubte ihren Lesern in der letzten Woche eine besondere Sensation bieten zu können. Zur gleichen Zeit, da wir auf Grund genauer Informationen das Doppelspiel der Berliner Zionisten aufzeigten, veröffentlichte sie, „ein lehrreiches Interview" mit dem Führer dieser ihrer Berliner Gesinnungsgenossen Dr. Alfred Klee, das „in dem Wiener Wirrwar klärend und richtunggebend" wirken sollte. Dr. Klee bemüht sich da nachzuweisen, daß „wir in Berlin Euch in Wien um eine Nasenlänge voraus sind. Wir müssen nun gerade Herrn Dr. Klee die Fähigkeit absprechen, uns Wienern Belehrungen zu erteilen, denn wenn jemand sich um die Verhältnisse des Nachbarn kümmert, so muß er zunächst im eigenen Hause reinen Tisch gemacht haben. Daß aber dieser Berliner Tisch nicht gar so rein ist, ging schon aus den Mitteilungen in unserer letzten Nummer zur Genüge hervor. Heute sind wird nun in der Lage, eine Pressestimme zu veröffentlichen, die beweist, wie wenig Vertrauen die Berliner Zionisten wegen ihrer zwiespältigen Haltung im eigenen Lager genießen. Es handelt sich um einen Artikel des Frankfurter „Jüdischen Wochenblattes", des Organs der deutschen Misrachisten, also jener Partei, die in Wien auf Gedeih und Verderb mit den Jüdischnationalen verbunden ist. Wir betonen, daß es uns völlig ferne liegt, an den Abmachungen mit den Liberalen Kritik zu üben, daß wir daher auch nicht alles, was in dem hier auszugsweise wiedergegebenen Artikel gesagt wird, unterschreiben. Aber es ist für uns von besonderem Interesse, aufzuzeigen, daß Dr. Klee, der von seinen eigenen Parteigängern des Verrats bezichtigt wird, am wenigsten berufen erscheint, uns Moral zu predigen. Jeder kehre vor seiner eigenen Tür! * Im Mai 1926 gelang es den vereinigten Anstrengungen der drei Parteien: Volkspartei, Konservative und Mittelpartei, die Herrschaft der liberalen Mehrheit, die seit 70 Jahren in Berlin gewaltet hatte, zu brechen. Noch fast einundeinhalb Jahre mußten die Sieger Iii diesem Wahlkampf weiterkämpfen, um den von den Liberalen bei den Behörden eingebrachten Wahlprotest in seiner Hohlheit aufzudecken. Erst im September 1927 konnte die neue Repräsentantenversammlung zusammentreten und damit beginnen, altes Unrecht gut zu machen. Gerade die Führer der Volkspartei waren es, die damals mit stärkster Betonung verkündeten, daß jetzt eine neue Aera beginnen, und daß man die schwer errungene Mehrheit auf die volle Mandatsdauer, 6 Jahre, beibehalten müsse. Es ist eine auf den ersten Augenblick psychologisch vollkommen rätselhafte Tatsache, daß jetzt, kaum nach Jahresfrist, die gleiche Partei bereit ist, diese starke Position un eines Linsengerichtes willen zu räumen. Es erübrigt sich, auf alle Einzelheiten der Repräsentantensitzung vom 17. Jänner hier näher einzugehen*). Auf de wuchtige Anklage, die gemeinsame Sache der positiv gerichteten Parteien treulos verlassen zu haben, kam nur eine lendenlahme Erwiderung. Was will es denn bedeuten, wenn Herr Dr. K1 e e, der Wcriführer der Volkspartei*, sich immer wieder darauf beruft, das Abkommen sei gar kein Abkommen, sondern nur ein „gentlemens agreement!" „Die deutsche Sprache ist eine plumpe Sprache", heißt es in „Minna von Barnheim" und man muß eben schon zu einem Fremdwort greifen, um mit W orten zu entschuldigen, was sich in der Sache nicht entschuldigen läßt. Wenn es noch eines weiteren Beweises bedurft hätte, der Sprecher der Liberalen, der neue Bundesgenosse der Volkspartei, Herr Prof. Türk, hat ihn geliefert. Er begann seine Ausführungen mit dem Geständnis, daß er seit langer Zeit in diesem Saale kein solches Behagen empfunden habe wie jetzt bei diesem Streite zwischen den Parteien des bisherigen Koalition. Er legte seinerseits die Gründe dar, die die Liberalen bewogen haben, ein Abkommen mit der Volkspartei zu treffen. Es war in der Hauptsache der sehnsüchtige Wunsch der Liberalen, Neuwahlen nicht erst 1932 oder 1933 stattfinden zu lassen, sondern diese Periode nach Kräften zu verkürzen. Der ihnen von den Zionisten angebotene Wahltermin — Ende 1930 — bewog sie zu dem Opfer, jenen die Kosten für einen Lehrstuhl an der Universität in Jerusalem und für die Schule i»n der Rykestraße zu bewilligen. Prof. Türk sprach es mit aller wünschenswerten Deutlichkeit aus, daß beide Parteien feste Abmachungen getroffen haben. Es ist ferner außerordentlich bezeichnend, daß die Volkspartei auch jetzt noch nicht den Mut gerunden hat, der Oeffentlichkeit Kenntnis von ihren Abmachungen mit den Liberalen zu geben. In Nummer 5 der „Jüdischen Rundschau" findet si;h lediglich eine lendenlahme Erklärung, die besagt, die Veröffentlichung der „Jüdisch-Liberalen Zeitung" sei „irreführend"; worin diese Irreführung besteht, wird nicht gesagt. Es wird vielmehr auch hier wieder der Versuch gemacht, ein Abkommen zu leugnen, das die Liberalen ihrerseits ausdrücklich zugegeben haben, und krampfhaft daran festgehalten, es sei nur ein „gentlemens agreement" zustande gekommen. Das ist ein kindliches Unterfangen, das lediglich die Verlegenheit der Kompromißmacher bezeichnet, denn ein Blick in das Wörterbuch beweist, daß „agreement" auf "deutsch eben „Bündnis", „Uebereinkunft" bedeutet. Es bleibt also dabei, daß die Meldung der „Jüdisch- Liberalen Zeitung" vom 11. Jänner in vollem Umfange zutrifft. Darnach hat die Volkspartei nicht nur gegenüber ihren früheren Verbündeten ein doppeltes Versprechen nicht gehalten, sondern sie hat auch wichtige Punkte ihres eigenen Programmes schnöde verleugnet, ____Alles aber, wie ihre Redner sagen, zur „inneren Befriedigung"____ Jetzt sind zwei Möglichkeiten gegeben: es ist möglich, daß der schnöde Wortbruch, der hier vorliegt, auch den eingefleischten Parteigängern des Zionismus die Augen öffnet, daB *) Dies ist in unserer letzten Nummer geschehen (Red. d. „Wahrheit"). JAC. MAYER Kleider- und Gummimäntel-Industrie Export nach allen Ländern Wien ll.9 Glockengasse 24 Telephon R 48-4-79 Auch Detail verkauf zu Fabrikspreisen! Herrenanzug nach Maß auf Seide S 200.— Herrenraglan „ „ „ „ „ 150«— Herrenhose „ „ „ „ „ 48.— feinst ausgeführt Zeitgemäße Zahlungsbedingungen! Kein Kaufzwang! Freie Besichtigung!

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