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Die Wahrheit · 1929-02-01 · Heft 5 (1.2.1929) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 5 (1.2.1929)
Date
1929-02-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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mmwimnmifflmnffliM^ DIE WAHRHEIT Seite 4 leitet, aber Jahrhunderte lang blieb er der am meisten gehaßte Mann im viel verachteten Judentum. Im vergangenen Jahrhundert haben drei Juden ihn abgelöst: Heinrich Heine, Karl Marx und Ferdinand Lassalle. Gewiß, sie besaßen nicht Spinozas Charakterformat, aber sie waren doch unstreitig hochwertige Repräsentanten des Judentums. Der Antisemitismus aber verfolgte gerade diese Hochwertigkeit und fand darum an ihnen instinktmäßig die Demonstrationsobjekte für einen neuen, sofort wiederum auf die Gesamtheit ausgedehnten Vorwurf: Staatszersetzung und Zersetzung jeder obrigkeitlichen Autorität. Um die Jahrhundertwende hat der Antisemitismus sein Kampffeld geändert. Er hat sich, ohne im übrigen die älteren Motive preiszugeben, zum Rassenantisemitismus erweitert. Wie er einst den anderen Glauben befehdet hat, so feindete er jetzt die andere Rasse an, und er verwob dabei — agitatorisch recht geschickt — die alten Anklagen auf Hypertrophie des Gewinnstrebens, politische Zersetzungssucht und Autoritätsfeindlichkeit, religiösen Skeptizismus usw., indem er diese Eigenschaften oder Betätigungen in Bausch und Bogen als die typischen Entfaltungen des jüdischen Rassencharakters denunzierte. In der Methode aber blieb er völlig bei dem ursprünglichen Verhalten. Er verfolgte mit größter Erbitterung gerade diejenigen Persönlichkeiten unter den Juden, welche den hochwertigen Rassetyp abgaben. Ach ja, es war und ist viel Gerede um einen Juden, der etwa sein Vermögen in bedenkenfreier oder gar in betrügerischer Weise erwarb. Es wurde viel geschrieben von den jüdischen Drückebergern, Defaitisten und Inflationsgewinnlern. Aber das alles war doch mehr der überlaute Lärm eines Tages oder einer den Agitationsvorrat auf- Nasentuch aus einer Tasche hervor, dort pendeln Zizos an einem dürren Bauch. Ein Alter hustet. Eine Gruppe Jungens spielen Verstecken. Es surrt durch die Luft: Jossei, Berel, Wigdor, Feiwel, Kalmen, Sruel. Alles, alles ist da. Alle sind da — meine Juden. Und dazwischen Weiber mit Kopftüchern, Scheiteln^. Bubiköpfchen. Kokette Dämchen stolzieren auf und ab. Wieviel Puder und Schminke? 100 Gramm, 200. 300 — ein ganzes Kilo? Wer kann es wissen! Aber eines weiß man: hübsch sind sie. schick, und orientalisch getypt. Rasse, Rasse, Rasse! Hier Peiies und Kaftan, dort Lackschuhe und Smoking. Hier Kopftuch UHd Scheitel, dort Bubikopf und Schminke. Ach du gesegnete Zeit: und es weidet der Wolf neben dem Lamm, der Tiger neben dem Schaf, oder so ähnlich heißt es. (Siehe ebenda.) Es geht nichts über Kontraste! Zwei Welten: traditionsvolle Vergangenheit neben ultramoderner Gegenwart. Glauben Sie, daß diese Reibung Funken erzeugt? Bestimmt! Es blitzt nicht nur manchmal, es brennt auch, wenn diese beiden Welten sich in die Haare geraten. Da löscht kein Wasser, sondern stummes Ertragen und Dulden — oder Hiebe, daß sich der Himmel erbarme. Im Restaurant. In der allernächsten Nähe der Grenadierstraße. Fünfzehn Tische stehen weiß gedeckt. Nicht peinlich sauber, auch nicht unsauber — eher nachlässig; Oberflächlichkeit der Kellner, die in weißen Schürzen einhergehen. Das Publikum ißt: teils mit Kopfbedeckung — teils ohne Kopfbedeckung. (Siehe Kaftan und Lackschuhe.) „Herr Ober — was heißt hier Huhn? Leder ist es. Das Tier stammt sicher noch aus Terechs Zeiten! Geben Sie mir ein anständiges Stückchen Fleisch, aber ein weiches, kräftiges, lettes — verstehen? Oder wissen Sie was? Geben Sie mir gar kein Fleisch — mein Magen, leben soll er, ist heute nicht so ganz leistungsfähig. Weiß ich? Wahrscheinlich verdorben. Nein, also heute kein Fleisch. Geben Sie mir so: ein Stück Karpfen, wenn es geht, ein Kopfstück — dann Suppe mit brauchenden Uebergangszeit. Tief und unaustilgbar aber saß der Haß, den die „Völkischen" dem Lebenswerk eines Rathenau, Freud, Einstein und so vielen Juden höchsten Künstler- oder Gelehrtenranges entgegenbrachten. Wo ist es vorgekommen, daß zur Bekämpfung einer Lehre oder künstlerischer Richtungen Bünde und Vereine gegründet wurden? In unseren Tagen wurde es Ereignis. Man erlebte einen „Bartels-Bund" und den „Bund zur Reinhaltung der arischen Forschung". Ursprüngliche Anlässe für die Entstehung des Reinhaltungsbundes waren die Psychoanalyse Freuds und die Einsteinsche Relativitätstheorie. Aber das Ziel war doch weiter gesteckt, und darum verdienen auch diese Spottgeburten Beachtung. Gerade solche Gründungen wie der Bartels-Bund und der Reinhaltungsverein sollten ein Zeichen und eine Mahnung dafür sein, daß hier ein Kampf verewigt werden soll: Der Kampf gegen jüdische Denker oder Künstler, die sich der Höchstleistung in ihrem Fachgebiet und der Bereicherung des gesamten Kulturstandes erkühnen. Berlin und Wien. Im Vorstand der Jüdischen Gemeinde Berlin besteht bekanntlich seit den letzten Wahlen eine Blockmehrheit, die sich aus den Zionisten, Konservativen und der Mittelpartei zusammensetzt, während die Liberalen sich in der Opposition befinden. Das Verhältnis der beiden Parteien ist 11:10, also ungefähr ähnlich dem momentan in der Wiener Gemeinde vorherrschenden. Der bisherige Vorsitzende, Kommerzienrat Gerson Simon, gehört der Mittelpartei an, war übrigens früher Liberaler. Nun ist in einer der letzten Sitzungen des Vorstandes der stellvertretende Einlage, Kröpfchen, nicht wahr? — Dann, warten Sie mal, ein Stückchen Gänsebraten schadet nicht — also, ein Stückchen Gänsebraten mit 4—5 Kartoffeln — das Lederhuhn hier nehmen Sie anstandslos zurück — dann Schalet, Apfelschalet — meinetwegen Kuggel —, es kann auch. Zimmes sein, schadet nicht, und zum Schluß bringen Sie mir ein hübsches, schönes, klares, warmes. Gläschen Tee — aber Tee. sag ich, und dazu ein ganz gutes, niedliches Gläschen Rotwein — für meinen kranken Magen, Herr Ober..." Ein anderer Gast bestellt: „Herr Euber, kleine Partie Zibbeies, gehackt, frisch —, ein Glas Tee und weiter werden wir sehen..." Ein anderer: „Ober, den Hajnt!" Es rauscht im Saale, es redet, lacht, knabbert, schmatzt. Ein guter Betrieb, ein einträglicher Betrieb, ein koscherer Betrieb. Man ißt und trinkt und läßt es sich Wohlergehen. Die drei Kellner haben Arbeit, sie schwitzen, keuchen, sind aufgeregt, rennen, bringen, tragen fort, kassieren, geben Auskunft. Ein guter Betrieb. Mit gefülltem Magen lehnt man sich zurück, steckt sich behäbig eine Pfeife in Brand, bläst von sich Wolken, nimmt eine Zeitung zur Hand und liest genießerisch: greuliche antisemitische Attacken in Rumänen — Studentenveiiolgung in Ungarn — fünfundsechzigste Friedhofsschändung. Trotzdem — das Essen schmeckte gut... Was sagen Sie? Ja, stimmt — es geht uns gut. Unten an der Treppe steht ein gespensterhaftes Weib, streckt die Hand aus: „Ein Almosen für eine arme Familie, habt Erbarmen, Juden!" Ach, du lieber Gott, wie g u t es uns geht... Der nächste Omnibus bringt uns nach dem Westen Berlins: Licht, Licht, Licht! Luxusläden, Bars, Tanzdielen, Vergnügen, Lust, Freude! Und unten, im Zentrum'der Stadt, liegt, vier Minuten vom Alexanderplatz entfernt, die weltberühmte Grenadierstraße.

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