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Die Wahrheit · 1929-02-01 · Heft 5 (1.2.1929) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 5 (1.2.1929)
Date
1929-02-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT UüllliJiMHBmiiBia Seite 3 drückungen und harter Verfolgungen gegen die Juden. Aber so grimmig dieser Haß sich auch gegen das durchschnittliche Judentum gebärdete, er erreichte doch niemals und nirgends die Heftigkeit des verbissenen Grimmes, mit dem man dem größten jüdischen Denker dieser Zeit zusetzte: Baruch Spinoza. Im Kampfe gegen ihn tritt ein neues Motiv in die Geschichte des Antisemitismus ein. Zur Bezichtigung des jüdischen Irrglaubens tritt die Beschuldigung des jüdischen Unglaubens. Es bleibt dabei für das Gebaren des antisemitischen Geistes charakteristisch, daß er nach dem Grundsatz der primitiven Kollektivrache das verwerfliche oder angebliche verwerfliche Verhalten eines Individuums ohne weiteres der Gesamtheit, zur Last legte. Die Gleichung lautete: Spinoza ungläubig, also: das gottesleugnerische Judentum. Nun ist der Pantheismus Spinozas mit seiner Gleichsetzung von „Deus sive natura sive substantia" (Gott wie Natur und Substanz) gewiß keine Gottesleugnung. Aber das Mißverständnis einiger sonst berufener Kritiker hat es so getauft, und die übliche Gesinnung von halb und gar nicht belehrten Persönlichkeiten reihte den großen Denker kurz und bündig unter die „verruchtesten Atheisten". Baruch Spinoza: Er war wahrhaftig einer der erhabensten Charaktere der ganzen Kulturgeschichte. Das 17. und 18. Jahrhundert aber zeichnete und kannte nicht sein Bild, sondern nur seine Karikatur. Es wollte nichts wissen von seiner Biographie, sondern nur von den gegen ihn gerichteten Anklageschriften, es wollte keine kritische Würdigung seines Lebenswerkes, sondern nur Pamnhlete. „Sisrnnm reprobationis in vultu gerens". Das Zeichen der Verworfenheit im Antlitz. Diesem Text angemessen hat ein Bild aus dem 17. Jahrhundert Sninoza dargestellt, und so hat ihn — moralisch, physisch und intellek- Krupnik das Modezentrum für den verwöhnten Geschmack Modelle aus Paris und eigene Schaffungen von Mänteln, Kostümen, Complets, Nach» mittags' und Gesellschaftstoiletten Schöne Linie, vornehme Eleganz, unerreicht billige Preise kennzeichnen unsere Erzeugnisse fitnitt ins »Ii« fff m Nur VII., KAISERSTPASSE 115 Anerkannt größtes und führendes Spezialhaus Oesterreichs II tuell — das ganze folgende Zeitalter gesehen. Freilich, Goethe und Schleiermacher haben dann mit Erfolg das Rehabilitationsverfahren für ihn einge- Wenn man sagt „Grenadierstraße", so meint man damit zugleich das gnnze sogenannte Scheunenviertel. Ja, es ist demoralisiert, das weltbekannte Scheunenviertel, aber — natürlich: Ausnahmen, Ausnahmen, Ausnahmen! Vom einzelnen ist hier nicht die Rede. Es geht ein Raunen durch die verinteressierte jüdische Welt: es steht traurig mit unseren Leuten im Scheunenviertel, und der, der kein „Risches" machen will, fügt hinzu: in jeder Beziehung — Sie verstehen! Die Armut hat es gemacht. Das Elend hat es begünstigt. Es gibt einen sogenannten, fragwürdigen, mit der neuerfundenen „Sachlichkeit" getränkten, „modernen Geist", der die moralischen Begriffe, nicht nur der jüdischen Jugend, etwas verrückt hat. Nichts gegen die „neue Sachlichkeit" — nichts?egen den „modernen Geist" — aber: es schadet jüdischen Kindern nicht, wenn sie weniger Sachlichkeit und mehr immodernen Geist haben. Es schadet ihnen nicht — zum Schidach bestimmt nicht . . . * * * Es wäre herzlos, wollte man auf das Bild „Grenadierstraße" keine helleren Farben auftragen. Und da ich ihrer noch in meinem Malkasten habe, so lege ich los, was das Zeug hält. Also: In der Grenadierstraße findet man verschiedene Sorten von Juden. Besonders am Sonntagnachmittag, vor dem Minchagebet, wimmelt es die Straße auf und ab, daß mir das Herz im Leibe lacht. Was brauche ich mehr? Hier habe ich sie alle beisammen — alle sind da — meine Juden! Es gibt modern gekleidete Juden, es gibt weniger modern gekleidete Juden, und es gibt ganz und gar nicht modern gekleidete Juden. Dann gibt es Juden mit angen Schläfenlocken, Juden mit weniger langen Schläfenlocken und Juden mit gar nicht langen Schläfenlocken. Was zu einem Juden mit Schläfenlocken gehört, wissen Sie wohl: ein Kaftan und ein ernstes, durchfurchtes Gesicht, auf dem in lesbarer Schrift eine fünttausendjährige Geschichte geschrieben steht. In kleineren und größeren Gruppen stehen sie umher, gehen auf und ab, reden, brummen, streiten. Sie reden vom Geschäft, von der Politik und vom Rebben. Da gibt es Chassidim: Gerer, Kozker, Sanser, Munkaszer, solche, solche und solche. Der Betrieb ist eifrig. Man glaubt wunder was die Leute da wichtiges verhandeln, und wenn man hinzukommt, hört man es: „Und ich sage dir, mit dem Gerer ist etwas nicht richtig. Erstens ist er ein steinreicher Mann, zweitens hat er vor drei Jahren als alter Mann zum zweitenmal geheiratet und drittens weiß man ganz genau, daß sein zweites Weib nicht so ganz eieiei ist. Was ist? Sie ist kaum dreißig Jahre alt, liest französische Romane, spricht nur deutsch und führt ein modernes Haus. Au, was geht es uns Kozker an? Gar nichts, sag ich. Ueberhaupt nichts. Soll er machen, was er will. Unsere Sorge?" Ein anderes Häufchen redet: „Nun, ist es doch also gut? Nein, es ist nicht gut! Bringt er mir also die zwei protestierten Wechsel ganz frech ins Haus und sagt: „Ihr seht? Schon Euer zweiter Wechsel ist geplatzt! Was soll ich mit Euch tun? Sagt es selber!" „Gar nichts," sag ich, „sollt Ihr mit mir tun! Was heißt tun? Mir kann keiner was tun! Steckt Euch die Papierchen an den Spiegel! Oder wißt Ihr was? Borgt mir noch 125 Mark dazu, dann schulde ich Euch rund 500 Mark." „Ah!" schreit er. „Chuzpe sowas! Unerhört! Räuber! Mörder!" „Still, sag ich, schreit nicht so. Ich kann kein Geschrei hören. Meine Nerven sind schon sowieso schwach, nebbich. Geht schön still nach Hause, benehmt Euch anständig — wir sind hier in Deutschland, wo alles mit Ruhe gemacht wird. Euch wird Gott schon andere Gelder zuschicken, und mir — andere Geldleiher---Was soll ich Euch sagen? Geplatzt ist er." „Gewalt!" schreit er, „gebt mir mein Geld!" „Ruhe" sag ich. „Bei mir ist ein Wort mehr als ein Wechsel. Wenn ich sage, ich bezahle nicht, dann bezahle ich nicht." Auf und ab. ab und auf wimmelt es. Man geht. Mit Stöcken, Stöckchen und Regenschirmen. Viele Hüte sind in den Nacken geschoben, Bärte flattern im Winde. Da lugt ein rotes

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