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Die Wahrheit · 1929-02-01 · Heft 5 (1.2.1929) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 5 (1.2.1929)
Date
1929-02-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seitt 2 Bmnniniiiiniiininnmn^ ächtlich zu machen suchten. In ihren Augen waren die Römer Herren der Welt und alle übrigen Tributäre oder Sklaven. Eine weitere Stufenordnung jenseits dieser Zweitrangigkeit hat der Römer zu Ungunsten der Juden nicht errichtet. Von Antisemitismus kann man aber doch wohl erst da sprechen, wo über das Maß der nationalistisch üblichen Mißgunst gegen Fremdvölker hinaus dem Juden noch ein besonderer Grad von Verabscheuungswürdigkeit nachgesagt wird. Innerhalb dieses Geschichtsabschnittes ist also unsere Frage nicht zu diskutieren. Dieses Verhältnis ändert sich im Mittelalter entscheidend. Jetzt setzt sich der Antisemitismus unter religiösem Vorzeichen durch. Gewiß, auch wucherische Gewohnheiten werden seit dieser Zeit dem Juden zur Last gelegt, also ein wirtschaftliches Moment zur Unterstützung des Antisemitismus herangezogen, aber auf die abendländische Christenheit wirkte die Andersgläubigkeit der Juden viel verletzender, und vor allem war die Standhaftigkeit, mit der das Judentum an seiner religiösen Ueberzeugung festhielt, der Hauptansporn zur Feindschaft. Der Philosoph und Kirchenlehrer Bonaventura hat im 13. Jahrhundert den Standpunkt des mittelalterlichen Antisemitismus klar und wuchtig dargelegt: „Da lebt ein Volk unter uns Christen, das ein auserwähltes sein will. Wir hassen es, wir verfluchen es, soweit es Christen erlaubt ist, zu hassen und zu verfluchen. Warum denn? Einige sagen, daß sie die Städte und Dörfer auswuchern. Ach, da ist nicht viel Redlichkeit bei solchem Geschwätz. Der Jude nimmt dir mehr ab, als er dir gegeben hat. Nun wohl, du hast ihn aber gerufen, Christ, und du hast ihn gebraucht. Er war dein Vorteil, als er dir gab, nun trage es auch, daß er kommt, dir mehr abzufordern, als du bekamst. Wahrlich kein großer Schade. Aber FenllletcK Die Berliner Grenadierstraße. Von Josef Kaplan, Fulda. Mitten im Herzen Berlins, vier Minuten von dem wegen seines lebensgefährlichen Verkehrs so gefürchteten Alexanderplatz, liegt die in aller Welt bekannte Grenadierstraße. Sie liegt nicht — sie 1 e b t mit ihrem eigenartigen Milieu, ihren zwei grauen Häuserreihen, Fleischereien, Restaurants, Buchläden und mit ihren, nur Eingeweihten bekannten Gebetstuben. Und über allem steht, leuchtet, schreit das Wort, das Zeichen, die jüdische Marke: Koscher! An jedem Haus, an jedem Schild und an vielen Fensterscheiben verkündet „Koscher" jedem, der es nicht etwa wissen sollte: Hier, mein Lieber, ist es richtig! Hier kannst du, wenn du willst! Alles kannst du hier, ohne Besorgnis, haben — denn „Koscher" bietet die Garantie, daß das, was du hier kaufen willst, bestimmt, unzweifelhaft — na, eben „koscher" ist! Ja, es ist nicht mehr die brausende Grenadierstraße der unseligen Inflationszeit. Es sind nicht mehr die Menschen mit ihrem hastigen Getue, mit ihrem weltmännischen, großtuerischen Gehaben, ihren Pelzmänteln und goldenen Zigarettenetuis — mit ihrer Frechheit, mit ihrem Eintagsfliegentum! Andere Menschen — andere Zeiten! Alles, alles ganz und gar anders! Siehst du die Menschen da? Siehst du die Gestalten in alten Kaftans, ausgetretenen Schuhen? Siehst du die Gesichter? hundertmal Schlimmeres tut dieses Volk. Wir hören nicht auf, ihm den Segen der Gemeinschaft Christi anzubieten. Das heilige Sakrament der Taufe tilgt die große Sünde seines Stammes, und auch sie könnten der Gnade des Herrn am Tage des Gerichts teilhaftig werden. Sie wollen es nicht, sie verschließen sich uns und unserer heiligen Kirche. Sie wollen Andersgläubige sein und mit einem Trotz, dem der Satan das Genick steift, bleiben sie bei ihrer lästernden Christusverleugnung." — Hier erkennt man doch schon die echte Gebärde des antisemitischen Hasses. Er feindet das Judentum gerade in dem Punkt an, worin es seine Hochwertigkeit und seinen stolzesten Charakter zeigt. Die Wuchersünde, worunter das Mittelalter ja bekanntlich überhaupt die Geldleihe unter Rückgabeverpflichtung mit Zinszuschlag verstand, hat der heilige Bonaventura den daran beteiligten Juden gerne nachgesehen. Die bis zum Märtyrertrotz gehende Treue zur religiösen Tradition aber, die unerschütterliche Ueberzeugung, dem rechten Glauben anzuhängen, und die Fähigkeit, aus ihr die zähe Lebenskraft für die Erhaltung des Stammes zu gewinnen, das konnte der große Franziskanergeneral und Scholastiker den Juden nicht verzeihen. Und darin war er nur das Sprachrohr des ganzen mittelalterlichen Antisemitismus. Was aber in dieser unerschütterlichen Treue und Ueberzeugungstiefe des Judentums lag, entstammte doch wahrlich einem hohen Ethos. Doppelter Idealismus und Idealismus schlechtweg, je mehr die Ausübung der religiösen Handlungen unter Strafe gestellt oder der Rache des verhetzten Pöbels ausgesetzt war, lag in diesem unbeugsamen Trotz. So ist es in der Folgezeit geblieben. Das 17. und 18. Jahrhundert war sicher eine Zeit schwerer Be- Da geht die Sorge, da schleicht die Entbehrung, dort an der schmutzigen Wand lehnt das Elend! Und die Geschäftsleute vor ihren Läden: Mißmut, Aerger, Pleite, Pleite, Pleite! Ein Almosen, Herr, für einen Juden! Ich kann mir nicht helfen: ich sehe in der Grenadierstraße nur Elend, Elend, Elend. Eine Familie von sechs bis acht Köpfen in zwei kahlen Stuben. Fünf Menschen in einem Kellerloch. Und dazu noch: Schlafstellen für sechs Mark die Woche. Wer vermietet sie? Jene Bewohner des Kellerloches. Und trotzdem, trotz Elend, Not, geheimer Pein: die Grenadierstraße lebt. Sie lebt wirklich. Was wollen Sie? Man geht ins Kino, ins Theater, auf Bälle. Die Jugend lebt. Sie arbeitet und lebt. Oder: „Mutter, heute gehe ich ins Kino — wenn Vater Geld heimbringt. Ich kann nicht immer zu Hause sitzen, nein, wahrhaftig nicht. Dugibst mir kein Geld? Gut! Dann schaffe ich mir einen Freund an! Ja, das mache ich!" Bitte, lieber Leser, zweifle nicht daran: Das Mädel schafft sich wirklich einen „Freund" an. Er bezahlt das Kino, zahlt das Theater, zahlt noch ein Kleidchen — warum nicht? Nur die Jugend lebt in der Grenadierstraße. Moralische Begriffe werden verschoben; Elternrat und Elternehre stehen tief im Kurs. Bitte, sehen Sie mich nicht so von der Seite an. Ich bin kein Moralprediger, auch keiner, der nicht mit der Zeit geht: ich bin auch jung, vielleicht so jung wie alle Jugend. Mich stört nicht das kurze Kleid, der Bubikopf. Aber mir tun die Eltern leid, die, weil sie arm sind, die Herrschaft über eine lebenshungrige Jugend verloren haben. Es ist kein Geheimnis in Berlin, wie die Grenadierstraße aussieht. Es wäre auch Selbstbetrug, wollte man etwas beschönigen, was durchaus nicht schön ist. Warum sollen wir jüdischen Schriftsteller von solchen Dingen nicht offen und ehrlich sprechen können? Es wird Leser geben, die sagen: er macht Risches. Nennen Sie den vorstehenden Bericht Risches? Bitte, ich kann es nicht ändern.

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