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Die Wahrheit · 1929-02-01 · Heft 5 (1.2.1929) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 5 (1.2.1929)
Date
1929-02-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Croschen %dim1IMmscm$ .mit Veröffenflfchungen der „Union deutschester*. Jaden" „Amtliches Verlautbarungen der Israelit Kultusgemeinde Wien" Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße Nr. 13 — Telephon R42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 1. Februar 1929 Nummer 5 ^iiiiiiiira Auf zoMreidie Anfragen. In der Oeffentlichkeit sind in letzter Zeit auf Grund verschiedener Zeitungsnachrichten und Versammlungsreden Meldungen über eine bevorstehende Auflösung des Wiener Kultusvorstandes verbreitet. Diese Mitteilungen stützen sich auf die Tatsache, daß alle Bemühungen wegen einer Verständigung zwischen den Parteien zwecks Ermöglichung der Arbeitsfähigkeit des Vorstandes trotz des eifrigsten Bestrebens der der „Union" angehörigen Kultusvorsteher bis zur Stunde erfolglos geblieben sind. Wir sind über den Stand dieser wiederholten Konferenzen wohl genau informiert, wollen aber nicht in den von allen loyal Denkenden entschieden mißbilligten Fehler der „Stimme" verfallen, diese Verhandlungen durch ein journalistisches Eingreifen zu stören. Wir wenigstens halten es für unkorrekt, Briefe, die im Zuge solcher Verhandlungen geschrieben wurden, vorzeitig, d. h. vor Abschluß oder Scheitern der Bemühungen zu veröffentlichen. Wir werden sicherlich schon in unserer nächsten Nummer in der Lage sein, von informierter Seite Mitteilungen über die Situation in der Gemeinde publizieren zu können, da bis dahin die verschiedenen Interventionen bereits zu irgend einem Ergebnis gelangt sein dürften. Für heute genüge die Feststellung, daß von der Gegenseite in tendenziöser Absicht Behauptungen über die „Union" verbreitet werden, die durchaus den Tatsachen widersprechen. W i e n, am 29. Jänner 1929. Redaktion der „Wahrheit". (Siehe Seite 8). IIM^ Richtpunkte desJudenhasses. Ein übersehenes Problem. Von Dr. Bruno A11 m a n n. Der Problematik des Antisemitismus ist man bisher fast ausschließlich von der genetischen Fragestellung aus beigekommen: Wie entsteht der Antisemitismus und in welchen Formen tritt er auf? Man hat bei der Untersuchung dieser Verhältnisse ermittelt, daß die Ursachen der judenfeindlichen Gesinnung geschichtlich variabel sind und daß eine ganze Gruppe von Motiven — für einzelne Epochen mehr oder minder charakteristisch — als Erreger des Antisemitismus aufgetreten sind: Fremdenhaß, wirtschaftliche Rivalität, religiöser Fanatismus, Rassenabneigung usw. Die andere Seite der Problematik entstand durch praktische Sorgen. Je nachdem man die Berechtigung des Antisemitismus zugab oder bestritt, fragte man sich, wie nun diese Bewegung zu bekämpfen oder zu unterstützen sei. Darüber vergaß oder übersah man meist, gerade dasjenige Problem zu behandeln, dessen Lösung die Berechtigungsfrage des Antisemitismus doch eigentlich erst auf einem ausschlaggebenden Entscheidimgsniveau diskutieren läßt. Man vergaß zu fragen, ob der Antisemitismus im Grunde eigentlich die minderwertigen Anlagen im Judentum und deren Vertreter haßt oder vielmehr die hochwertigen mitsamt ihren Repräsentanten. In dieser Frage ist eine Unterstellung enthalten. Man räumt den Antisemiten ein, daß es im Judentum gewisse Eigenheiten, sei es als Rassenmerkmale, sei es als historische Erwerbungen, gibt. Natürlich handelt es sich auch da um keine absoluten Ausnahmequalitäten, die sozusagen eine positive oder negative Reservatgabe der Natur und Geschichte an die Juden wären, sondern um Anlagen, die gleich oder ähnlich auch bei anderen Völkern auftreten, die aber in bestimmten Mischlings- oder Mengenverhältnissen das charakteristisch-jüdische Gepräge abgeben. Nun, diese Konzession kann man dem Antisemitismus machen. Freilich nicht ohne den Zusatz, dessen Bedeutung die Antisemiten grundsätzlich übergehen: daß es im Judentum ebensowenig wie sonstwo eine einseitig negative Artung gibt, sondern eine charakterologische Verteilung nach den Gesichtspunkten gut und böse, vorteilhaft und nachteilig, kurz, hochwertig und minderwertig vorwaltet. Haßt oder verachtet also der Antisemit eigentlich den minderwertigen Juden und seinen Typ, oder mehr den hochwertigen? — Eine historische Skizze kann darüber vielleicht vorbereitende Aufklärungen bringen: Es ist Tradition geworden, die Geschichte des Antisemitismus im Römerreich beginnen zu lassen. Diese Auffassung dürfte sich indes auf die Dauer schwer halten lassen. Denn die Römer haben den Juden nicht mehr Mißachtung entgegengebracht als allen übrigen unterjochten Völkern. Ihre Schriftsteller sprechen freilich mitunter vom „foetor judaicus", vom „Judengeruch", aber es gab kein Volk, das sie nicht durch ähnliche Bemäkelungen ver-

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