Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 4 (25.1.1929)
- Date
- 1929-01-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 11 gibt es bei ihnen viele Verkehrtheiten," schließt der Alte. „Unterscheiden sie sich in der Kleidung von den anderen Einwohnern? Wie kann ich sie auf der Straße erkennen?" frage ich. „Dort links geht gerade einer." „Das ist ein Karaite?" rufe ich überrascht. „Der sieht ja ganz wie ein Bauer aus! Höchstens, daß ihn das verdüsterte und bärtige Gesicht unterscheidet. Erzählt mir doch noch etwas von den Karaiten____" „Man weiß nie, woran man bei ihnen ist, denn sie hüten sich vor den Anhängern anderer Religionen. Alles ist Geheimnis bei ihnen. Ein jüdischer Knabe wollte sich einmal von einem karaitischen Jungen in der karaitischen Sprache unterrichten lassen. Als die Karaiten dies erfuhren, verprügelten sie den jungen Lehrer. Sie wollen eben nicht, daß Fremde ihr Leben näher kennen lernen..." „Müssen sie auch ein Minjan (zehn Leute) zum Gottesdienst haben, wie die Juden?" frage ich. „Nein. Minjan gibt es bei ihnen nicht. Am Sabbat und an den Feiertagen kommen sie in die Synagoge, knien auf dem Boden nieder und beten. Zwei bis drei Leute genügen." „Und kommen sie auch an den Wochentagen in die Synagoge?" „Einige kommen jeden Morgen. Die älteren Leute sind noch fromm, aber die Jugend betet nicht einmal mehr. Ihr könnt Euch die Synagoge ansehen. Es ist der einzige Ort, der ein karaitisches Gepräge hat." „Würdet Ihr nicht so gut sein, mich hin zu begleiten?" „Nein," gibt der Alte kurz zur Antwort, entschuldigt sich aber sofort: „Ich bin hier geboren, war aber nur einmal in ihrer Synagoge. Ein frommer Jude darf sie nicht betreten. Es ist schlimmer, als wenn man eine Kirche besucht. Geht nur ein wenig die Gasse hinunter. Ihr werdet die Synagoge schon erkennen. Gerade trefft Ihr auch die Karaiten beim Beten." In einem Hof spielen Kinder Ball. Dabei sprechen sie eine fremdartige Sprache. Jedes Kind wirft den Ball zehnmal und zählt laut: „Bir, iki, itz, hert, rest, alti, sigi, tuhus, un . . ." Die Kinder bemerken mich, unterbrechen das Spiel und betrachten mich neugierig. „Ist auch die Leichenbestattung bei den Karaiten anders als bei den Juden?" frage ich meinen Begleiter. „Der Tod gab den Karaiten seit jeher viel zu schaffen," erwidert er. „An einer Stelle der Bibel wird die Berührung eines toten Körpers als die größte Verunreinigung betrachtet. Die Karaiten Reilos 1-ROTGASSE-1 nahmen nun dieses Gebot sehr genau und waren nur auf jüdische Leichenbestatter angewiesen. Diese ließen sich aber ihre Mühe sehr teuer bezahlen ____ Im Jahre 1839 starb Samuel Leonowicz, der Bruder des Chachams Josef Leonowricz, ein wohlhabender und sehr geachteter Mann. Die Diener der „Chewra Kadischa" stellten damals eine sehr hohe Forderung. Dieses Vorgehen rief bei den Karaiten große Erbitterung hervor und sie bestürmten den Chacham, daß er Rat schaffe. Der Chacham sah sich nun genötigt, zu erlauben, daß die Karaiten selbst ihre Toten bestatten, doch sollten nur zwei Männer dabei beteiligt sein. Und so ist es bis auf den heutigen Tag geblieben." „Glauben Sie an die Zukunft dieser eigenartigen Sekte?" fragte ich. „Nein. Die Religion hat bei den Karaiten ihre Macht eingebüßt. Die gebildeten Karaiten, die sich früher mit hebräischer Literatur beschäftigten und denen die Bibel hoch und heilig war, schwärmen heute von fremden Sitten und fremden Kulturen. Zur ohnehin geringen Fruchtbarkeit gesellen sich das Junggesellen- und Jungfrauenwesen. Auch Uebertritte zur christlichen Kirche sind nichts Seltenes mehr. Die Gemeinde wird rasch zusammenschmelzen. Der Chacham ist sich der Lage bewußt und sprach es schon einmal aus, daß den Mitgliedern der aussterbenden Gemeinde nichts übrig bleiben werde, als nach der Krim auszuwandern . . ." Union deutschösterreichischer Juden Wien IX., Berggasse 4 Tel. A 19-2-77 Der 3.Sprediabend der „Union' findet Samstag, den 26. Jonner 1929, 8 Mir abends, im Souterralnlokale des Arhaden-Caie, l., Unlversliats- StraOe 3, statt, wozu hiemit die höfliche Einladung an alle Freunde der „Union", sowie an die Mitglieder, insbesondere auch an die Damen ihres Familien- und Bekanntenkreises ergeht. Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der Debatte über das Referat des Herrn Uolral Mg. Josel löwy: DAS PROBLEM DES WIENER JUDENTUMS. Zum Worte gemeldet haben sich die Herren Alfred Stroh, Hofrat Dr. Emil Riesenfeid, Komm.-Rat Alexius Salzer und Sigmund Stern. Das Schlußwort hat Herr Hofrat Ing. Josef Löwy. Für die »UNION DEUTSCHÖSTERREICHISCHER JUDEN' Der Präsident: Dr. Jakob Ornstein m. p.