Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 4 (25.1.1929)
- Date
- 1929-01-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 m mmB]ii\mmfimmwmmmmmn\mmmmmimmmmmim qjj? WAHRHEIT* Karl Immermann empfand diese Darstellung als „zu weich", zu „jüdisch-schön". Er sah den Nathan stärker: als „den Rächer seines unterdrückten Volkes". Mag nun „Rächer" bestimmt im Ausdruck vergriffen sein, so fordert Immermanns Urteil doch instinktiv eine bewegtere Gestaltung — eine Forderung, auf die wir weiter unten noch zurückkommen werden. Jedenfalls ging diese Forderung Immermanns unbeachtet unter, Seydelmanns Auffassung aber behauptete sich nicht nur, sondern bestimmte die Auffassung der Nathan-Figur für die gesamten nachfolgenden Schauspielergenerationen. Man vergleiche nur zeitgenössische Berichte über die großen Nathan-Darsteller. Ueberall die gleichen charakteristischen Begriffe: Vater, Patriarch, Humor und Gemüt — nur daß die Betonung des jüdischen Elements zurücktritt, nur daß der Vater, der bei Seydelmann noch aus dem Nachgestalten jüdischen Gemütes geboren wurde, allmählich ein christlicher Vater wurde. Zwar gibt Theodor Döring (um 1853) seinem Nathan an einigen, wenigen Stellen jüdische Sprachakzente: bestimmt, um das jüdische Element zu verdeutlichen. Aber vielleicht hat er mit diesem so gefährlichen Mittel die Figur eher chargiert als geradlinig gestützt Zwar gibt derselbe Schauspieler seinen Nathan mehr klug als weise: bestimmt, um ihn beweglicher zu machen. Aber wieder befürchten wir, daß eher ein pfiffiger Nathan daraus wurde als ein Nathan überlegenen Herzens. Hier — in der Genialität des Herzens — wirkte Sonnenthal (um 1896) großartig: sein Nathan verströmte menschliche Güte und Wärme. Aber wz gütige Menschen leicht die Führung ihrer Mitmenschen verlieren, wie sie viel mehr durch ihr beruhigendes Dasein als ihren lenkenden Impuls wirken, so wirkte auch Sonnenthal nicht führend, eher daß er geführt wurde. Mit dieser Darstellung deckt sich am ehesten die K r a u ßnecks, diesem in seinen Ausdrucksmitteln heute noch so lebendigen Schauspieler. Kraußnecks Gestaltung wächst aus der seelischen Ueberlegenheit — mit edelsten Zügen eines tiefen Humors und eines nach vielen harten Wunden köstlich gereiften Gemütes. Und doch — von seiner wie von Bassermanns Darstellung sagt Siegfried Jacobsohn: „Den ganzen Nathan trifft nur ein Jude." Korrigieren wir aber auch gleich Jacobsohn: er meint, der Schauspieler treffe den Nathan, der, so wie Lessing es gekonnt hat, mit genialem Instinkt die heilige Energie jüdischen Wesens Gestalt werden läßt: das bis zum äußersten Sich-Einsetzen für eine als richtig erkannte und also notwendig durchzusetzende Idee. Und hiermit ist der Begriff ausgesprochen, der in der gesamten schauspielerischen Gestaltung der Nathan-Figur bis heute unausgesprochen blieb: die Idee! In diesem Drama Lessings geht es um etwas: es geht um die Behauptung einer großartigen Einsicht und um die Ueberfcragung, Durchsetzung einer Erkenntnis! Um die persönliche dieser Einsicht auf Andersdenkende — auf durch Landschaft, Klima, Stammeseigentümlichkeit und Religion notwendig Andersdenkende! Und diese Idee trägt und überträgt ein Jude! Jedes Uebertragen aber bedeutet Kampf. Jedes Tragen und Auseinandersetzen einer Idee bedeutet Kampf — dazu: Zähigkeit, Energie, Bewegung. Welcher Nathan-Darsteller aber hätte es gewagt, von solchen Gedanken her den Nathan zu formen? Sie alle halten sich an den Weisen! Sie alle sind mit Seydelmann: der gütige Vater! Sie alle wirken vom Gemüt her auf das Gemüt! Sie alle bauen auf die Ringerzählung hin und geben in ihr ein rhetorisches Meisterstück. Aber sie geben mit dieser Ringerzählung nicht den Herzpunkt der Lessingschen Idee und nicht den genial inspirierten, entscheidenden Moment der Nathan-Figur. Wir wollen gerecht sein: einer tat dies — Lewinsky! Er in seiner Ringerzählung hatte etwas Inspiriertes! Er hatte es, weil er die ganze Nathan-Figur aus einem mitreißenden Pathos anlegte. Und mag auch dieses Pathos der Figur bestimmt überall da geschadet haben, wo sie mit menschlich seelischen Argumenten überzeugen soll — sein Pathos trug die Ringerzählung über eine weise Betrachtung hinaus zu einem prophetisch aktiven Moment, in welchem Lessings Idee hinreißend aufblitzte. Und auch ein anderer erreichte dies und noch mehr: Iffland. Seydelmann hatte Ifflands Auffassung verdrängt! Und Immermann suchte in seiner Beurteilung von Seydelmanns Leistung ergebnislos die Gestaltung der Nathan- Figur in einer anderen Richtung als der eines „Herderschen Humanitätspredigers". Diese andere Richtung hatte Iffland schon mehr als 25 Jahre vorweggenommen (Mannheim, September 1811). Er hatte den Mut, Nathan niwht als Vater und Weisen, sondern als Kämpfer um eine Idee, als den seine Erkenntni lebendig tragenden und auch unbeirrbar übertragenden Juden zu gestalten. Er gab seinem Nathan das großartige Temperament der aufklärenden Vernunft, wie sie Voltaire, Rousseau und Le ss ing selbst zu eigen war. Er gab ihn zudem scharf, schlagend, schnell und witzig. Wie berührt sich diese Auffassung in allen Punkten mit Lessings eigenem Wesen: diese scharfe und schlagende Geistigkeit! Dieser rastlose Trieb nach Wahrheit, der von einer Weisheit als Zustand nichts wissen will. Wie das zusammentrifft mit der Behendigkeit jüdischen Geistes. Wie das zugleich der Luft des Orients entspricht. Wie in solcher Auffassung der Großkaufmann Nathan lebendig wird, der auf Dromedaren zum Euphrat und Tigris reist und Menschen aller Art, Fürsten und Volk, Christen und Mohammedaner kennen, schätzen, abwägen und behandeln lernt. Wie nun der geschichtliche Hintergrund wächst: die Kreuzz'üge. Und damit eine Zeit geistiger Auseinandersetzungen: eine Geschichte und Geist bildende Zeit. Hier aber setze das Temperament und die Phantasie des modernen Schauspielers ein! Er aus seiner ganzen Eigenart heraus kann diesen Nathan erneuern. Er kann der Großkaufmann sein und der hinreißende Politiker des Geistes. Er kann, ein Ideal zu verwirklichen: klar, einfach und bestimmt aufrufen. Er kann, selbst Jude, seinem Nathan das blutvolle Temperament und die geistige Energie seines Stammes geben. Er kann — mit aller Achtung vor den edlen und hohen Darstellungen seiner Vorgänger — über Nathan, den weisen, liebenden und gütigen Vater hinaus, Nathan: den rastlolen Erneuerer einer prophetisch schönen Idee gestalten. Auf diese Erneuerung warten wir! Qlerreix. Von gewisser Seite wird anläßlich der Lessingfeier krampfhaft versucht die Liebe und Verehrung, die der große Mann für Moses Mendelssohn hegte, als eine von jüdischen Literaten künstlich aufgebauschte Sache hinzustellen. Da mag es wohl das Interesse der Leser beanspruchen, zu hören, wie der geniale Herder sich über das ideale Verhältnis, das zwischen Lessing und Mendelssohn bestand, äußerte. In einem Briefe, den der Superintendant wenige Tage nach dem Tode Lessings an Moses Mendelssohn schrieb, lesen wir u. a.: „Ohne Zweifel, lieber Mendelssohn, wissen Sie so gut wie ich Lessings Tod. Ich kann aber nicht umhin, da ich mich schon seit zwei Tagen damit trage und gegen niemand mein Herz darüber ausschütten und losmachen kann, an Sie, liebster Mendelssohn, zu schreiben, an Sie, dessen Freund er so sehr war und den ich mir in meinen ersten Jahren so gern und oft mit ihm zusammendachte . . . Lassen Sie sich, lieber Mendelssohn, erbitten, gewissermaßen seinen Platz in mir auszufüllen und mir etwas näher zu sein, als Sie es sind ... Ich begehre nicht Ihre Freundschaft, die sich nicht antragen läßt, die ich auch meiner Gemütsart nach niemand in der Welt je """"""""""\ j Herren^ und Damenkleider I S nach Maß sowie fertig lagernd, nur Qualitätsware, billigste Preise. 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