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Die Wahrheit · 1929-01-25 · Heft 4 (25.1.1929) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 4 (25.1.1929)
Date
1929-01-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Die Wahrheit iii|iiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiii.........HiiimmiiniHiimiiiiHiiiiiiiiuiM^ Seite 7 bührende Stelle unter den Kulturwerten der Menschheit verschafft hat. Wenn Dubnow in seiner neuesten Geschichte den Namen Loans vollständig totschweigt, so hat dafür schon früher Grätz diesem würdigen Manne, der der erste Lehrer Reuchlins im Hebräischen gewesen ist, Beachtung gewidmet und jetzt hat der katholische Geistliche Dr. Konrad Schiffmann das Versäumnis Dubnows durch sein wunderschönes geistiges Denkmal wettgemacht. Es ist Tatsache, daß Reuchlin kein Judenfreund gewesen ist; seine Liebe zur hebräischen Sprache hatte nichts mit seiner Abneigung gegen die Juden zu tun. Mit dramatischem Striche hat Schiffmann diesen Streit der Gefühle in Reuchlins Brust, den Kampf zwischen Vorurteil und Urteil gezeichnet. Die ganze Welt hatte damals die eine gleiche Meinung von Juden, weshalb auch der Hofkaplan Hans Sachs, der gewiß kein schlechter Mensch war, gar nicht anders von den Juden sprechen kann, während er Reuchlin als Führer die Stadt zeigt und an der ehemaligen Judenschule vorbeikommt. Auch Reuchlin denkt nicht anders. So tritt er dem jüdischen Leibarzte Jakob ben Jechiel Loans entgegen — um von ihm Hebräisch zu lernen. Fein empfunden und wiedergegeben ist von dem Autor die Wandlung, die sich nun im Denken Reuchlins vollzieht, da er einen Juden kennenlernt, der so ganz und gar nicht zu dem Bilde stimmt, das man allgemein von einem Juden hatte. Aus dem Verhältnis von Lehrer und Schüler wird ein Freundesbund, aus dem hochedlen Pfalzgrafen, der Juden mied, ein Mensch, der am kaiserlichen Hofe den Verkehr auch mit anderen gebildeten Juden suchte, sich sogar beklagte, daß die deutschen Juden, sei es aus Neidigkeit, sei es aus Unbildung, Christen nicht ihre Sprache lehren wollen. Er wußte freilich nicht, welch böse Erfahrungen die Juden gemacht hatten, weil sie ihre Lehre vertrauensvoll anderen mitteilten, die ihr von den Juden erhaltenes Wissen zu den übelsten Verleumdungen der Juden mißbrauchten. Sie, die Juden, wußten aber auch nicht, daß Reuchlin nicht nur nicht ihr Ankläger, sondern ihr mutiger Verteidiger werden sollte. Im alten Linz war eine, wenn auch nicht große, so doch achtbare Judengemeinde, die aber wenig Rechte, nicht einmal das auf einen Friedhof, hatte. Vielleicht war mancher von den verachteten Juden ein ebenbürtiger Glaubensgenosse Loans' gewesen, aber niemand hat es zu wissen begehrt. Wie damals Reuchlin nach den Büchern der Juden geforscht hat, hat auch sein Biograph Dr. Schiffmann vor kurzem Handschriftenfragmente hebräischer Schriften aus der Verborgenheit hervorgeholt und den Beweis erbracht, daß auch Geistesleben und Wissen bei den Juden Oberösterreichs vorhanden war. Jakob ben Jechiel Loans war aber nicht nur ein guter Hebraist, ein vortrefflicher Lehrer, er war auch ein kundiger, besorgter Arzt, den sein kaiserlicher Herr allen anderen vorzog. Als der Herbst ins Land zog, mußte Reuchlin Linz verlassen und nach Stuttgart zurückkehren, aber nur um schon im Februar 1493 nach Linz und zu Loans wiederzukommen. Lehrer und Schüler finden sich wieder in gemeinsamer Arbeit, bis im August der Tod Friedrichs III. beide zum letztenmal am Sterbebette des kaiserlichen Gönners vereinigt. Was aus Loans geworden ist, weiß die Geschichte nicht zu sagen, aber die Saat, die er ausgestreut hat, KAUF UND VERKAUF VON REALITÄTEN JEDER ART SOWIE ÜBERNAHME VON HAUSVERWALTUNGEN DURCH ARCHITEKT HERfl/lNN EBENSP/1NQER WIEN IX., LATSCHKAGASSE 4 / TEL. A16-5-15 ist herrlich aufgegangen. Reuchlin hat später in Italien noch bei Obadja Sforno, einem durch seine wissenschaftlichen Werke angesehenem Gelehrten weiter studiert, ohne daß man sagen könnte, wer ihm am meisten genützt hat. Aber jenem wenig gekannten Jakob Loans gebührt das Verdienst, den großen Reuchlin aus einem Mann des Vorurteils gegen die Juden zu einem des gerechten Urteils über sie gemacht zu haben. Nur so ist zu erklären, daß Reuchlin der heldenmütige Kämpfer gegen die Dunkelmänner geworden und geblieben ist, obwohl ihm sein Kampf viele bittere Stunden brachte und schwere Wunden schlug. Er hatte erkannt, daß Vorurteile wahren Menschentums unwürdig sind. Linz hat den Ruhm, der Boden gewesen zu sein, wo ein Jude Loans einen unvergänglichen Eindruck auf den größten Geist seiner Zeit gemacht hat — und diesen historischen Augenblick hat Schiffmann für jetzt und kommende Geschlechter meisterhaft festgehalten. Die großen Darsteller des „Nathan". Von Oberspielleiter Heinz Dietrich K e n t e r (Mannheim). Die Berliner „C. V.-Zeitung" hat zur 200.. Wiederkehr des Geburtstages Gotthold Ephraim L e s s i n g s eine ausgezeichnet gelungene Lessing-Gedächtnisnummer herausgegeben, die ganz einzigartig ist. Christliche und jüdische Mitarbeiter wetteifern hier, den großen Dichter und Denker von allen Seiten seines Wesens und Schaffens zu betrachten, und das Ganze bietet tatsächlich einen gediegenen Ueberblick über das, was Lessing seiner Zeit und der Nachwelt bedeutet. Der folgende Aufsatz ist dieser glänzenden Festnummer entnommen. Die Freundschaft mit Moses Mendelssohn mag Lessing über seinen Instinkt hinaus jüdisches Wesen bewußt gemacht haben. Aber es ist die Genialität seiner psychologischen Einsicht, der keine menschliche Art verschlossen blieb, es ist seine vom Seelischen zum Seelischen drängende intuitive Kraft, die dem Jüdischen im „Nathan" so plastische Gestalt gab. Eine Reihe großer Namen hat um die Gestaltung dieser Rolle gekämpft: Iff 1 and und Seydelmann, Th. Döring, Sonnenthal und Lewinsky, Possart, Kraußneck und W ü 11 n e r. Aber kein moderner Schauspielername ist darunter: nicht Werner Krauß oder Kortner, und Bassermann, der ihn vor dem Kriege spielte, scheint den Nathan mehr aus regem Interesse als aus innerer Neigung gespielt zu haben. Liest man zeitgenössische Berichte nach, so drängt sich von Seydelmann bis Kraußneck eine ganz bestimmte Auffassung dieser Rolle auf: es ist die Auffassung Seydelmann s. Seydelmann (um 1835) war in seiner Nathan-Gestaltung der um seine Tochter Recha besorgte Vater. War als Vater der demütig-bescheidene und doch patriarchalischwürdige Jude. War als Jude von jener weichen Schönheit, welche die erhabene Traurigkeit der alttestamentarischen Juden Melodie werden ließ. War neben den disziplinlos pathetischen Nathan-Darstellern seiner Zeit wohltuend einfach. Seine Darstellung durchschritt den ganzen Umkreis menschlicher Empfindungen, lyrisch eher als dramatisch, eher das Seelische nur ausstrahlend als zugleich auch akzentreich steigernd, mehr Zustand als Bewegung.

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