Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 4 (25.1.1929)
- Date
- 1929-01-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064197-3064201--16887-3086966- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
man ja nicht mehr", meint er traurig, „ich muß alles beweisen". Das Fräulein Schwarz rät ihm, die Kinder in den Jugendhort zu schicken. Ich stimme mit in diesen Rat ein. Aber er will es nicht recht Er sucht nach Ausreden, nach Ausflüchten. Die Jugendfürsorgerin und ich wechseln einen verständnisvollen Blick. Wir haben ihn, den Armen, verstanden. Er hat ja die Kinder ein Jahr nicht gesehen und wiM sie jetzt noch ganz bei sich haben. So sehen unsere Entlassenen aus. Mir wird es ganz bange zu Mute. Noch immer fehlt uns die Organisation von Männern und Frauen. Wie schön, wie herrlich wäre ihre Aufgabe, einen Aufbau von Menschenschicksalen zu errichten. Diese kranken, vom Sohicksal zermürbten Menschen sollen wir in ein Lazarett führen, wo wir durch gütige Worte und werktätige Hilfe ihnen die Wunden verbinden und durch liebevolle Behandlung die Lebenskraft wiedergeben. Ein anderer Fall wühlt alles Menschliche in mir auf und fast könnte man faustisch gegen das dunkle Schicksal ankämpfen. Er harrt noch in seiner dumpfen Zelle der baldigen Befreiung. Er ist grenzenlos leichtsinnig, krankhaft entartet, inmitten einer durchwegs braven, frommen jüdischen Familie, ein Vertreter, der moral insanity. Seine Frau arbeitet den ganzen Tag bei künstlichem Licht um einen kargen Lohn bei der ewig knatternden Schreibmaschine und beim Telephon. Abends kennt sie nur einen Weg, zu ihrem Kinde nach Hause. Noch nie hat sie jemand um etwas gebeten, nie ist eine Klage über ihre Lippen gekommen. Der Kleine friert. Der kleine Arbeitslohn reicht für seine Kleidung nicht aus. Wie eine geduldige, gottergebene Jüdin erträgt sie ihr Schicksal ruhig, ohne Murren, ohne eine Dulderinmiene zur Schau zu tragen. Bald soll der Vater kommen. Der Kleine sehnt sich nach ihm und vielleicht auch sie. Aber dahinter lauern Gespenster der Leiden und Krankheiten, wie sie das Genie eines Ibsen so grausam wahr gezeichnet hat Da kann nur ein Arzt, also Mensch und Ratgeber, helfen. Ich spreche mit der armen jungen Frau darüber. „Woher soll ich das Geld für den Arzt nehmen?", meint sie. Ich weiß es auch nicht. Da fasse ich Mut und wende mich an den Bezirksrat und Arzt Dr. Koloman Freuder. Er übernimmt als guter Mensch und guter Arzt diese schwierige Aufgabe, um Mutter und Kind zu beraten und zu beschützen. Den Lauf der Dinge warte ich jetzt ruhiger ab, wie wohl meiner noch eine Unmenge Arbeit harrt. Denn es gilt, ihn, den Mann des Leichtsinnes, zu bekehren, ihn einer pädagogischen seelenärztlichen Behandlung zuzuführen. Die zwei in der „W a h r h e i t" erschienenen Artikel üiber „Die Juden in Stein" haben auf viele Leser und Leserinnen einen tiefen Eindruck gemacht. Aber einen Brief, den ich unlängst erhielt, muß ich hier zum Teile anführen. Ein junges, erwerbendes Mädchen schreibt mir: „Ich habe Ihre Artikel in der „Wahrheit" gelesen. Mir ist so unsagbar traurig zu Mute, daß ich nur den einen Gedanken habe, diesen armen verkommenen Menschen mit der ganzen Kraft meiner Jugend zu helfen. In welcher Art das sein kann, möchte ich so gerne von Ihnen wissen. Ich habe einen sehr großen Bekanntenkreis. Da dachte ich, ob mit kleinen fixen Monatsspenden oder brauchbaren Kleidungsstücken zu helfen wäre. Ich möchte sehr gerne recht viele Menschen für diese Sache interessieren . . ." Der Brief war für mich Balsam und Trost. Vielleicht wird doch die edle Bewegung entstehen. Keine andere Arbeit kann so gut jüdisch organisiert werden. Den Juden, der Verbrecher geworden, zu retten, ihn dem Verbrechertum zu entreißen, den Menschen aus dem Sumpfe herauszuziehen, gibt es ein schöneres jüdisches Gebot? Der göttliche Gesetzgeber, der die Zehn Gebote schuf, hat uns die Menschenliebe diktiert und uns gesagt: Seid menschlich zueinander! Schaffet eine Atmosphäre hoher Menschlichkeit, die unserem zu entstehenden neuen Werke der Fürsorge ewige Dauer sichert! Was das Judentum lehrt von der geheimen Wohltätigkeit, kann hier stets ausgeübt werden. Schaffet bald das jüdische Institut der selbstlosen, werktätigen Nächstenliebe, die das mächtigste Förderungsmittel eines schönen Kulturfortschrittes ist. Hier gilt es zu individualisieren, materielle und noch mehr moralische Kleinarbeit zu leisten, die Männer und manchmal noch eher kluge, gute Frauen durchführen können. Die Redaktion dieses Blattes nimmt nach wie vor Beitrittsanmeldungen für die Mitarbeit an einem solchen Gründungswerke eines jüdischen Vereines von Männern und Frauen entgegen, um eine starke helfende Organisation der spezifisch jüdischen Fürsorge für entlassene Sträflinge anzubahnen. Dann nähern wir uns doch dem Tage, an RICHARD HERZOG, Wien I., Adlergasse 5 Telephon R 23-4-90 II., Kl. Pfarrgasse 28 Telephon A 41-6-24 Großer Invenlurauswerkauf von jüdischen, hebräischen und original englischen Tanzschlager- Platten zu bedeutend herabgesetzten Preisen. Lassen Sie diese Gelegenheit nicht ungenützt vorübergehen! Beste Sprechapparate zu Teilzahlungen bis zu 18 Monatsraten. dem die starken Bande der Moral und Sittlichkeit das Leben fester umfassen werden. Wien, im Jänner 1929. Dr. K. Kupfer, israelitischer Strafsöelsor.ger, in Stein. (Weitere Berichte über dieses nicht zu erschöpfende traurige Kapitel jüdischen Elends folgen demnächst.) Johannes Reachlin in Linz. Von Dr. V. K u r r e i n, Linz. „Ahnungslos hatte er den Boden von Linz betreten, aber sein erstes Begegnis mit dem jüdischen Arzte in dieser Stadt ward zu einem Augenblicke von welthistorischer Bedeutung," so sagt Dr. Konrad Sehiffmann gegen Ende seines Büchleins, das obigen Titel führt und nun in zweiter Auflage (F. Steurer, Linz) erschienen ist. Es war im Jahre 1492, demselben, in dem das spanische Judentum einen tödlichen Streich durch die Vertreibung aus Spanien empfing, als ein Zufall dem großen Humanisten Reuchlin den jüdischen Leibarzt Kaiser Friedrich III. Jakob ben Jechiel Loans in Linz zuführte. Dieses Ereignis steht im Mittelpunkte des Schriftchens, das Dr. Konrad Schiffmann, den Direktor der Linzer Studienbibliothek, den gelehrten Verfasser namhafter, wissenschaftlicher Werke, den Mann tiefgründiger Kenntnisse zum Autor hat. Dieses Büchlein, mit gleicher Liebe und gleich erlesenem Qeschmacke äußerlich ausgestattet, als es in seinem Inhalte vom Autor gearbeitet ist, bietet ein prächtiges Mosaikbild, bei dem jedes Steinchen, mit meisterhafter Kunstfertigkeit zugeschnitten, mit glücklichstem Griffe und tiefstem Können an seine Stelle gesetzt ist. Nur wer ganz nahe hinsieht und von der Sache etwas versteht, weiß, wie sorgfältig jede Kleinigkeit, jeder Satz, jedes Wort in diesem Zeitbilde zusammengetragen ist. Johannes Reuchlin war eine seltene Persönlichkeit und hat seinen Platz in der Weltgeschichte gefunden, hat aber auch in der jüdischen Geschichte eine Bedeutung, weil er im Streite gegen Pfefferkorn und Karben den Talmud und das jüdische Schrifttum mannhaft verteidigt und mehr noch der hebräischen Sprache und Literatur eine ihr ge-