Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1929-01-25 · Heft 4 (25.1.1929) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 4 (25.1.1929)
Date
1929-01-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064197-3064201--16886-3086965
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DIE WAHRHEIT Seite 5 innerung an diese so traurig verlaufene Kampagne, die in einen wilden Religionskampf verwandelt wurde, nicht auffrischen. Der Keren Hajessod in Amerika erhielt damals statt des erhofften gewaltigen Impulses durch die Schuld der Wise- Qruppe einen tödlichen Stoß. Ich habe volles Verständnis für die tragische Situation, in welche die zwei ältesten Vorkämpfer des Zionismus in England und in Amerika durch die Uebergabe der Organisation der Jewish Agency an die Marshall-Gruppe geraten sind. Die ersten frohen Nachrichten von dem Aufbrühen des Zionismus in New York, welche anno 1897 die andächtigen Leser der „Welt" begeistert haben, waren mit Stephen S. Wise gezeichnet, die aus London mit Jacob de Haas. Was sie für Zion und Israel getan haben, bleibt ja unvergängliches Verdienst. Aber auch Marshall, Warburg, Rosenwä 1 d, Lehmanns, Becker, Lee Frankel sind Namen von altem, guten Klange in Israel. Wer weiß, ob und wann wir wieder eine solche große historische Gruppe von Männern mit solchem Einflüsse und solcher Aufopferungsfähigkeit und mit solcher Autorität wirken sehen werden. Lernen wir endlich einmal unsere großen Männer schätzen, so lange wir sie besitzen! B. S. Das Inferno von heute. (Die Tragödie der Entlassenen von Stein.) Ein Jahr ist um, seitdem die israelitische Strafseelsorge in Stein wieder errichtet und von der Wiener Kultusgemeinde gefördert wurde. Bei der eigenartigen Gestaltung der jüdischen Religion fällt die Seelsorge mit der Fürsorge fast immer zusammen. Doch gerade zum Schlüsse des Jahres häufte sich gigantisch die Fürsorgearbeit, die auch nicht ganz und nicht systematisch durchgeführt wurde. Zum Schlüsse des Jahres werden gewöhnlich die Begnadigungen an manche würdige Häftlinge wie eine Art Geschenk übermittelt. Die christlichen Häftlinge empfangen dies als Weihnachtsgeschenk und auch jüdische Sträflinge dürfen an dieser Amnestie partizipieren. Dank der unermüdlichen Arbeit der jüdischen Strafseelsorge sind fünf Juden begnadigt worden und darunter wurde manchem ein Strafnachlaß bis zu 14 Monaten gewährt. Auch andere wurden normalerweise entlassen. Die Begnadigten sind alle unbescholten gewesen und sind zum erstenmal furchtbar unter die Räder der Justiz geraten, um dann durch das Schicksal zerschmettert zu werden. Welche brutale Formen dieses Schicksal annimmt, sehen wir an diesen Trauerspielen des menschlichen Lebens. Alle diese Begnadigten sind Familienväter. Daheim, wo noch ein solches Heim nach der Zerstörung übriggeblieben war, herrschte eine entsetzliche Melancholie. Hunger, Not, Entbehrungen, Leiden manchmal durch das Mitleid der Nachbarsleute gemildert. Eine solche Familie, bestehend aus einer verlassenen unglücklichen Frau und aus zwei kleinen Buben, wurde durch die Nachbarschaft förmlich erhalten. Diese armen Kinder sind ein besonderer Typus, sie erwecken sofort unser Mitleid und verdienen Güte und Sorgfalt, Sie erkranken oft, verlieren ihre prallen Gesichter und haben so glänzende kluge Augen. Sie haben die wunderlichsten Vorstellungen von ihren Vätern, nach denen sie sich sehnen. Freilich, sie ahnen nicht, daß gerade die Ankunft ihres Vaters, ihres Ernährers, ihnen nichts Gutes bringt, denn da beginnt für siiö das echte Hungern. Kaum haben diese von der Gesellschaft degradierten Menschen die harten Kerkermauern verlassen, klammern sie sich an mich, an ihren einzigen Lebensretter. Ich betrachtete sie durch die Lupe eines empfindungsfähigen Menschen und ein Entsetzen und Schauder erfaßte mich. Ein jeder von ihnen bot einen anderen Anblick. Kummervoll und gramzerrissen erkennen sie, wie bitter das Leben ist. Ein unbestimmtes Sehnen nach guten Menschen, nach guten Juden, erfüllt ihre ganze Seele. Denn sie haben einen schweren, unendlich harten Kampf zu führen gegen das unheimliche Gespenst der Vorurteile. Sie haben gewiß gesündigt, das Recht gebrochen, dafür sind sie auch zu Boden gedrückt und durch das schwere Schicksal zaghaft, ängstlich und verschüchtert worden. Sollen sie unerbittlich dem Entsetzen, der Agonie preisgegeben werden? Nach unserer traditionellen unsterblichen jüdischen Moral ist jeder Mensch, obschon tatsächlich ein Sünder, dennoch erlösungsfähig und hat eine göttliche Bestimmung. Sie, die vom Uebel des Lebens manchmal erschöpft sind, nun von Lumpen bedeckt, sind bessere Juden, weil sie trotz aller Widerwärtigkeiten die Hoffnung nicht veriieren. Die Hoffnung ist die einzige Stimme, der sie lauschen, um dem Traumlande der Menschenliebe und der Brüderlichkeit entgegenzusteuern. Einer von ihnen, den die menschliche Gerechtigkeit verwundet und übel zugerichtet hat, er verlor nämlich alles, sein Heim, seine Kleider, seine Möbel, die Kinder wurden von der Gemeinde Wien übernommen, hat in der Strafanstalt den höchsten Rekord erreicht. Er erlernte dort das Teppichknüpfen, arbeitete Tag und Nacht, kannte keine Rast und keine Ruhe und erwarb 176 Schilling. In den Annalen der Anstalt wird dies verzeichnet werden. Von dem Geld erzählt er niemand, nur ich kenne das Geheimnis. Das wird vorläufig nicht angetastet, es ist ein Betriebskapital für die nächste Zukunft, für eine kleine manuelle Erzeugung, die er gut versteht. Nur die ersten Tage soll er überdauern, bis er wieder festen Boden unter seinen Füßen gefunden hat. Sein früherer, christlicher Chef hat ihn zu sich eingeladen, gab ihm 30 Schilling und bemühte sich, eine Beschäftigung für ihn zu finden. Aber es fehlt ihm an Kleidungsstücken fast alles. In der Strafanstalt vergaß er, mich um einen Anzug zu bitten. Die Schneiderei der Anstalt hätte es ihm angefertigt, aber jetzt denke ich nach, wie ich ihm helfen könnte. Wie leicht wäre es jetzt, wirkliche, produktive Fürsorge zu treiben?! Und doch schwelgt er im Glücke. Die Gemeinde Wien behält seine Kinder weiter noch in Pflege, bis er selbst eine Beschäftigung gefunden hat. Er hat noch Schmerzen, aber das momentane Los seiner Kinder ist gesichert, da ist sein Schmerz nicht mehr so brennend, sondern verklärt, gleichsam seiner Stoßkraft beraubt. Zweimal in der Woche kommen wir zusammen. Nicht immer kann ich ihm helfen, aber trösten, ihm geduldig zuhören, ist auch eine Wohltat für ihn. Ein zweiter Fall. Wieder einer der Vielzuvielen, die an des Lebens Flackerlicht sich die Flügel verbrannt haben. Einst hat er in freundlichen Räumen gewohnt und die Annehmlichkeiten eines Wohlstandes genossen. Dann mußte er furchtbare Qualen erdulden und in seiner völligen Abgeschlossenheit von der Weilt, ohne Licht und Luft, auf Strättingskost angewiesen, wurde er allen Entbehrungen ausgesetzt. Ihm blieben bloß die inneren Eindrücke seiner Erinnerungen und seiner Schuld. Auch er kam bittend zu mir. Ein ewiges nervöses Zucken seiner Augen ist als Spur seiner harten Leiden geblieben. Wie eine dunkle Märchengestalt, die sich in das helle Leben verirrt, betrachtet man solche für uns Begrabene, die sich wieder ans Tageslicht gewagt haben. Und doch ist etwas in ihm wie eine reine Menschengesinnung. Er fühlt sich nicht schuldig, er wünscht eine gerichtliche Klärung seiner Angelegenheit. „Bis jetzt haben andere gesprochen", erzählt er mir und der israelitischen Jugendfürsorgerin, dem Fräulein Schwarz, „aber jetzt werde ich reden". Wie hat er uns beiden imponiert mit seinem Stolz? Sollen wir aber nicht verhüten, daß der nagende Hunger ihm den letzten Rest von Stolz rauben wird und er gezwungen sein wird, wenn wir ihm nicht rechtzeitig über die erste böse Zeit hinweghelfen, ein verpfuschtes Leben zu fristen. Heute war er wieder bei mir. Voller Hoffnungen. Die ersten bösen Tage hat er mit Hilfe der Zuwendungen der Kultusgemeinde überstanden. Er zeigte mir einen so menschlich geschriebenen Brief einer Berliner Firma. Sie will ihn beschäftigen, sie schickt ihm Reisespesen und etwas Vorschuß für seine armen Kinder. Er ist tüchtig und wird min bald aus Deutschland über sein weiteres Schicksal berichten. Der Dritte hat noch nichts. Er ist vorläufig unter die Schneeschaufler gegangen, aber der Schnee hielt nicht lange an. Er hat die Trennung von Weib und Kindern am schwersten empfunden. Ich kenne sein Verbrechen. Infolge der zwingenden Einwirkung ganz außerordentlicher Umstände hat er es begangen, ganz entgegen seinen guten normalen Grundsätzen und Empfindungen. Mußte er nicht in der stillen Düsterkeit und Abgeschiedenheit der vier engen kahlen Wände namenlos entsetzliche Qualen erleiden, die sein Innerstes aufwühlten und verzehrten? Seine Wangen sind bleich und seine Lippen blutlos geworden, aber ihn hält und stützt die große jüdische Anhänglichkeit und Liebe, die die Familienmitglieder miteinander verbindet. Er ist ein Opfer der Nachkriegszustände. Obwohl in Wien geboren — nur während des Krieges, als Soldat, hat er seine Vaterstadt verlassen — ist er dennoch heimatlos. Die städtische Jugendfürsorge tat daher, aus gesetzlichen Gründen, vorläufig nichts für seine Kinder. Er jammert, „der ältere Bub ist ein so guter Schüler und ich kann ihm nicht genug zu essen geben". Da muß die jüdische Jugendfürsorge eingreifen. Das kluge Fräulein Schwarz (Tochter des Hofrates Rektor Schwarz) leitet die jüdische Jugendfürsorge. Sie weiß ihn so schön, so fein zu behandeln. Das gibt ihm Lebensmut wieder. Seine Angaben sind durch viele Dokumente belegt. „Mir glaubt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.