Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 4 (25.1.1929)
- Date
- 1929-01-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Blattes vollzieht, welches als Organ der zionistischen L a n d e s o r g a n i s a t i o n auftritt, macht diese Art der Assimilation wahrlich nicht besser. Dr. Oskar Hein. Theodor Herzl und Louis Marshall. Eine Erklärung von Jacob de Haas. Zu dem in Nr. 2 der „W a h r h e i t" veröffentlichten Artikel unseres B. S.-Mitarbeiters über „Theodor Herzl und Louis Marshaü" sendet uns Jacob de Haas (New York), einer der ältesten und fähigsten Mitarbeiter Herzls und Führer der „Zurück zu Herzl"- Bewegung in Amerika, folgende Erklärung: Ich einkemne die Initialen „B. S." nicht wieder, die dem polemischen Artikel „Theodor Herzl und Louis MarshaU" angefügt sind, doch muß ich bestimmt und vollständig bestreiten, daß in der Geschichte irgend welche Basis vorhanden ist, um zu argumentieren, daß Herzl den Agency-Vertrak' interstützt hätte. Herzl appellierte an die Reichen, aber diese verwarten seine Prinzipien, und daher ignorierte er sie u id organisierte die zionistische Bewegung. Diese Haltung bestätigte er erneut im September 1903 (siehe Tagebuch), ais er Narcisse Leven antwortete, der wollte, daß die JCA diei Ostafrika-ExpeditSon finanzieren solle und erklärte, „das Projekt ist nichts als Kolonisationsarbeit im eigentlichen ^hnic des Wortes und atent kein.politisches Unternehmen dar. Herzl antwortete: „Unsere Bewegung hat einen politischen Charakter . . . Sie stellen eine unmögliche Bedingung." Die Haltung von Narcisse Leven ist die Haltung aller Nichtzionisten. „Zurück zu Herzl'" ist daher ein klarer Appell an die Zionisten in dieser Notlage, ihre Prinzipien nicht aufzugeben. Jacob de Haas. Erwiderung unseres B. S.-Mitarbeiters. Mein verehrter alter Freund Jacob de Haas widerlegt ja selbst nicht den Umstand, daß Herzl sich erst dann an die jüdischen Massen gewendet hat, als seine Versuche, die jüdische haute-finance für seiine Pläne zu gewinnen, mißlungen waren. Es muß hierbei noch daran erinnert werden, daß die Verhandlungen Herzls mit dem Baron Hirsch nur durch den Tod des letzteren aufgehört haben. Mr. Jacob de Haas hat eine ausgezeichnete englische Uebersetzung des „Judenstaates" geliefert, ihm wird daher sicherlich in Erinnerung sein, daß Herzl in diesem epochalen Werke drei Möglichkeiten der Geldbeschaffung der Jewish Company erwägt. 1. Die Hochbank. 2. Die Mittelbank. 3. Die volkstümliche Subskription. „Am leichtesten," schreibt Herzl, „schnellsten und sichersten, wäre die Gründung durch die Hochbank. Da kann das erforderliche Geld innerhalb der bestehenden großen Finanzgruppen durch einfache Beratung in kürzester Zeit aufgebracht werden. Es hätte den weiteren Vorteil, daß auch der Kredit dieser mächtigen Finanzgruppen der Unternehmung zu flöß e." Gelingt es nicht, die Hochfinanz zu gewinnen, „dann geht die Geldbeschaffung auf die zweite Stute an die mittelreichen Juden" .... „Jedenfalls ist die Sache auch mit der Ablehnung der Mittelreichen nicht erledigt, dann beginnt sie vielmehr erst recht, denn die Society of Jews, die nicht aus Geschäftsleuten besteht, kann die Gründung der Company als eine volkstümliche versuchen." Daraus erhellt zur Genüge, daß Herzl die Jewish Agency- Form als die ideale betrachtet hat und sich erst dann an das jüdische Volk gewendet hat, als die beiden ersten Kategorien versagt haben. Nun aber hat Herzl dieselbe Enttäuschung in der Zionistischen Organisation erlebt. Nachdem die Milliarde Francs bei der Hochbank und die Hundert-Millionen-Landgesellschaft bei der Mittelbank nicht durchzuführen waren, stieg Herzl im Gleitfluge zum Volke herab mit einer Subskription von 25 Millionen für den Jewish Colonial Trust, von welchem in der Tat zwei Millionen gezeichnet wurden. Aber bei dem großen staatsmännischen Genie Herzls spielte ja das Geld nicht die entscheidende Rolle. In der Tat erhielt Herzl schon im Jahre 1903 das Angebot der englischen Regierung auf El-Arisch und später auf Uganda. Dieser Vorschlag der englischen Regierung an den Zionistenkongreß, „von Parlament zu Parlament, wie eine Macht an die andere", bedeutete ein Milliardengeschenk, wenn der VI. Kongreß es ohne Kampf mit der gebührenden Begeisterung angenommen hätte. Mr. de Haas zitiert, die ablehnende Antwort Herzls an Narcisse Leven in der Uganda-Sache als einen Beweis für die Richtigkeit seiner Behauptung. Welcher Vergleich! Der ostafrikanisebe Charter bedeutete ein autonomes Staatswesen, es war ein Meisterstück der diplomatischen Kunst eines Mannes, der Volk, Parlament, Banken, Fonds, Zeitungen und Organisationen „single-handed" aus dem Boden hervorgestampft hat. Er überragte den ehrenhaften Narcisse Leven turmhoch an Geist und politischen Fähigkeiten. Er durfte Levens Vorschlag reiusieren. Welcher Zionistenfiihrer ragt geistig und staatsmännisch so hoch über die Marshall-Gruppe, daß er dieselbe Antwort geben könnte? Ich wiederhole, daß es vor altem die Die christlichen Abessinier fühlen sich ebenfalls zur jüdischen Gemeinschaft gehörend, stolz darauf, Abkömmlinge ihrer Königin Saba und König Salomos zu sein. Wäre das Judentum bloß eine Abstammungsgemeinschaft? Doch ist der jüdische Neger, Mitglied frommer jüdischer Negergemeinden Amerikas, keineswegs verwandt mit den weißen Juden Europas und Asiens, und dennoch gibt es ein gemeinsames „Etwas" zwischen ihnen allen. Was ist es? Was ist das Wesentliche des Judentums allerorts und zu allen Zeiten? Es ist dein Inhalt der „Thor a" (Urschrift der Bibel), wie er von Jahrhundert zu Jahrhundert durch jüdische Kommentatoren überliefert wurde. Wer ist Jude? Der sich für diesen Inhalt begeistert und sich denselben zur Lebensregel macht, mag er schwarzen oder weißen Gesichtes sein. Bischof Hechler, der englischen Botschaft in Wien, voll des theologischen und historischen Interesses für das Judentum, der Mutterreligion seiner Kirche, der sich begeistert dem ersten Zionistenkongreß in Basel im Jahre 1897 anschloß, C r o m w e 11, der die Bibel bewundernd das Bibelvolk in England ansiedeln wollte, waren geistig mehr Juden als so mancher Unwissende unter den geborenen Juden. Die T h o r a enthält die Lebensbedingungen des einzelnen und der Völker. Das waren sich die führenden Geister im Mittelalter noch bewußt; deshalb waren auf allen Fürstenhöfen gelehrte Juden als politische Ratgeber angestellt. Karl der Große hatte den gelehrten Juden F a r a g u t und den gelehrten I s a a c, den er in diplomatischer Mission zum Kalifen Harun-al - Raschid sandte. Sultan S e 1 i m hatte den gelehrten Juden Joseph Naci als politischen Ratgeber, den er zum „Herzog von Naxos" erhob. Sogar der Großkhan der Mongolen, der damals eine politische Rolle in Europa spielte, hatte einen jüdischen Ratgeber, de Saal Abdulah. König Sigismund von Polen hatte den jüdischen Gelehrten Salomon Aschken a s y, den auch Heinrich III., König von Frankreich (Heinrich v. Anjou), konsultierte, ebenso wie der Sultan S e 1 i m, der ihn nach Venedig sandte, um den Frieden nach dem türkisch-venezianischem Kriege zu vermitteln. Friedrich IL, König von Neapel, hatte den jüdischen Gelehrten Jacob Anatoli zum Ratgeber. Alfons V., König von Portugal, hatte den berühmtesten Thora-Kommentator jener Zeit, den Isaac Abravanel. Am Geländer der Bibel leiteten diese gelehrten Männer ihre Herrscher zum Wohle der Völker. Aus der Thora prophezeite ein russischer Rabbiner den Sturz Napolenons, kaum daß dieser russischen Boden betrat. Der Gelehrte wurde ins Gefängnis geworfen, doch wieder freigelassen, als Napoleon mit fliehender Armee Rußland verließ. Manin, der letzte Doge Venedigs, Di s ra e 1 i, der englische, und G a m b e 11 a, der französische Staatsmann, verdanken der biblischen Schulung ihrer jüdischen Eltern, die politische Voraussicht des Völkerschicksals. Historische Konsequenz war es daher, daß Ra t h e n a u. dessen Schriften biblischen Geist bekunden, zum Friedensvermittler nach dem Weltkrieg auserkoren wurde. Die Gesetze der Thora beherrschen das Schicksal des Menschen mit derselben eisernen Gewalt, wie die Naturgesetze einen Leib beherrschen. Der Segen mit dem — der Bibel zufolge — Abraham gesegnet wurde, durchzieht wie ein roter Faden die ganze Schicksalsgeschichte der Völker. „Wer deine Nachkommen segnet", sprach der Ewige,