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Die Wahrheit · 1929-01-25 · Heft 4 (25.1.1929) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 4 (25.1.1929)
Date
1929-01-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Burgenland und Tirol reichen sich brüderlich die Hände, im Judenhaß haben sie sich gefunden. Einig sind sie in diesen „Belangen" und die Justiz ist ihnen eine willkommene Gelegenheit, ihre Hakenkreuzgesinnung zu betätigen. Das muß anders werden, soll Oesterreich nicht um den Rest seines europäischen Ansehens kommen! Es wird jetzt viele geben, die auf Grund der letzten Urteile gegen die Institution der Geschworenengerichte Sturm laufen werden. Sie werden bestimmt in ihren Forderungen zu weit gehen. Denn so reformbedürftig dieses Gericht ist, es muß weiterbestehen, denn das Volk hat ein Recht auf Anteilnahme an der Justiz. Aber die Partei hat kein Recht auf ihren Mißbrauch. Eine Stimme der Unwahrheit. In der letzten Nummer der „W a h r h e i t" wird ein Bericht der „Stimm e" über den zweiten Sprechabend der „U n i o n" überaus zutreffend gekennzeichnet. In jenem Berichte werden aus meinen Ausführungen einige Sätze aus dem Zusammenhang herausgerissen und zum Teil entstellt und verdreht. So heißt es dort, daß ich es noch heute lebhaft bedaure, daß eine deutschnationale Verbindung, welche mich ursprünglich aufnehmen wollte, mich schließlich nicht als Mitglied aufnahm. Das ist v o 11ständig unwahr. Ich war als Student Mitglied des deutschösterreichischen Lesevereines, welcher zu den extremdeutschnationalen Tendenzen der Burschenschaften in schärfstem Gegensatze stand und durch einen Einbruch der deutschnationalen Studentenschaft zur Auflösung gebracht wurde. Einer der deutschnationalen Wortführer, welche uns deutschösterreichischen Studenten wegen unserer mangelhaften deutschnationalen Gesinnung lebhaft angriffen, war damals — Theodor Herzl. 5&u/ffefegt „Jüdischkeiten". Von Joseph Lazarus. So mancher, der vom Judentum weit entfernt ist, möchte gerne als „guter Jude" gelten, weil er die eine oder die andere der „Jüdischkeiten" einhält. Der „Jüdischkeiten" gibt es viele; das Judentum hingegen ist bloß: eines. Die „Jüdischkeit" gebot es den Levantiner Juden, beim Nennen unserer Patriarchen, die Hand auf die Stirne, den Mund und auf die Brust zu legen (wie es Novelli in seiner Shylock- Rolle tut), als wollten sie bekennen: „Meine Gedanken, mein Reden und mein Herz sind euch treu"; woraus die Bekreuzigung der Christen entstand. Heute noch legen die spaniolischen Juden die Hand auf die Augen beim „Schema-Gebet". Zu den „Jüdischkeiten" der spanischen Synagoge in Florenz gehört es, beim Nachmittagsgebet an Feiertagen, mit angeschnalltem Tephüin zur Thora zu erscheinen. Zu den „Jüdischkeiten" der spanischen Synagoge in Venedig gehört es, beim Nachmittagsgebet an den „Sukkoth-Feiertagen", das Schofar von Mann zu Mann herumzureichen, damit jeder einen kurzen Ton hereinblase. Zur „Jüdischkeit" der in Rom ansässigen Juden gehört es, daß die Mädchen am Sabbath, nach dem 13. Geburtstag, zur Thora aufgerufen werden. All diese italienischen „Jüdischkeiten" wären in Polen unmöglich. iHiiiiiin.iiminiiii.ininMMininmiiinimiiiiiM.imiiniiiiiiiMiMN.N.nun,,, Dffi WAHRnE|X Da der Berichterstatter der „Stimme" sich gewissermaßen als den Exponenten der jüdischen Jugend gegenüber den unionistischen Greisen darstellt zu betrachten scheint, so muß es schon gesagt werden, daß das Judentum auf diese Art Jugend nicht gerade stolz zu sein braucht. Meine Jugend war erfüllt mit verantwortungsvollen Kämpfen für jüdische Ehre und jüdisches Recht. In einem Preßprozesse, welchen ich im Jahre 1891 in eigener Sache gegen das antisemitische „Vaterland" führte, weil es eine von mir veröffentlichte Broschüre ein Sammelsurium von Erdichtungen genannt hatte, und der zur Verurteilung des „Vaterland" führte, hatte der gegnerische Vertreter Dr. Porzer mir meine außerordentliche Jugend vorgehalten. Aber damals kämpfte ich stets mit offenem Visier. Trotz aller publizistischen, gerichtlichen und parlamentarischen Erörterungen ist es meinen Gegnern niemals gelungen, mir auch nur die kleinste Unrichtigkeit nachzuweisen. Meine Schriften gegen Schönerer, Türk und Schneider, welche die schwersten Beschuldigungen gegen die antisemitischen Führer enthielten und den Gegenstand eingehender Erörterung in der gesamten Presse und sogar einer im Jahre 1891 stattgefundenen geheimen Sitzung des Abgeordnetenhauses bildeten, waren stets mit vollem Namen gezeichnet. Hingegen scheint^es die Jugend, von welcher der Berichterstatter der „Stimme" spricht und zu der der Berichterstatter der „Stimme" zu gehören scheint, für angemessen zu halten, daß sich jemand als unerbetener Gast in den Spreenabend eines Vereines einschmuggelt, um entstellte, gehässige und hämische Berichte zu veröffentlichen. Ich erblicke darin eine höchstunerfreuliche jüdische Assimilation an schlechte antisemitische Sitten. Daß sich dies, wie der Bericht der „Stimme" zeigt, unter der Patronanzeines Die Gebettänze der Bacharen und der russischen orthodoxen Juden — würden von deutschen Juden abgelehnt werden. Die „Jüdischkeit" der amerikanischen, sich „liberal" nennenden Judensekte, die den Samstaggottesdienst auf den Sonntag verlegt und entblößten Hauptes, bei Orgelklang und Glockengeläute, den jüdischen Gottesdienst verrichtet, wird von der ganzen übrigen Judenschaft abgelehnt, weil sie alle Traditionen bricht. So schließt eine örtliche „Jüdischkeit" die andere aus; bleibt die Frage: Was ist die „Jüdischkeit" an und) für sich, losgelöst von Zeit und Ort? Was ist das Wesentliche des Judentums? Wer ist berechtigt, sich ein „guter Jude" zu nennen? Der geborene Jude, der Schweinefleisch ißt, am Samstag Reisen unternimmt, — ist in den Augen der Orthodoxen — kein Jude mehr. Hinwiederum ist der orthodoxe Jude, der da betet und fastet, aber der Besiedelung des Heiligen Landes (wegen Profanierung durch unfromme Elemente) entgegentritt, in den Augen des Zionisten kein wahrer Jude. Ist denn der Neologe überhaupt noch ein Jude, der den Tempel bloß dreimal im Jahr für eine halbe Stunde besucht, nicht um zu beten (da er dies nicht kann), sondern bloß um seine Spende abzugeben? Der keinen Sabbath beobachtet, kein religiöses Gesetz einhält? Wenn all diese, religiös so heterogene Elemente sich „gute Juden" nennen, dann ist das Judentum überhaupt keine Religionsgemeinschaft mehr. Was ist es denn? Die von Marannen stammenden Goldschmiede Spaniens, seit vielen Generationen dem christlichen Glauben angehörig, fühlen sich noch zur jüdischen Gemeinschaft, aus Stolz: Abkömmlinge jener Helden zu sein, die am Scheiterhaufen endeten, um dem Glauben ihrer Väter nicht untreu zu werden.

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