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Die Wahrheit · 1929-01-18 · Heft 3 (18.1.1929) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 3 (18.1.1929)
Date
1929-01-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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llUiilWUiUliilUIIUIIUlJüliiitUUUllÜ^ Sette 11 ZdaKrheilm vcm^ge Wie kommt denn das? Im „Krakauer Kalender", dem bekannten Volkskalender, der heuer bereits im 175. Jahrgang erscheint, findet man unter den Angaben über die Wiener jüdischen Verhältnisse als Oberrabbiner der Wiener israelitischen Kultusgemeinde Herrn Professor Schorr genannt. Unseres Wissens ist das Amt des Wiener Oberrabbiners noch nicht, bzw. nur provisorisch besetzt und die Mitteilung einiger Tagesblätter, daß Herr Prof. Schorr, der Oberrabbiner von Warschau ist, der präsumptive Nachfolger von Dr. Chajes s. A. sei, wurde bereits seinerzeit vom Präsidium der Wiener Kultusgemeindc energisch dementiert. Nun findet sich sein Name wiederum in einem angesichts seiner starken Verbreitung immerhin bedeutsamen Kalender. Wir möchten zu gerne wissen, von welcher Seite der Redaktion des Kalenders diese fabelhafte Information ward und wie weit hierbei der Wunsch der Vater des Gedankens war. Um Aufklärung wird deshalb gebeten! Vom Verband ungarischer Juden. General Martin Zöld von Siogard ist an die Spitze des vom verstorbenen Oberrabbiner Dr. 1116s Adler begründeten „Verbandes ungarischer Juden" getreten. Der Verband zählt gegenwärtig in Budapest 1200 Mitglieder und hat soeben eine auf das ganze Land sich erstreckende Aktion eingeleitet, mit dem Ziele, die ungarische Judenheit wirtschaftlich und in der sozialen Fürsorge zu organisieren. General Zöld von Siogard hat den Weltkrieg an der russischen und italienischen Front als Abteilungschef mitgemacht und wurde wegen seiner Heldentaten mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht. Er hat während seiner ganzen militärischen Laufbahn am jüdischen kulturellen und Geistesleben lebhaft Anteil genommen. Man erwartet, daß der „Verband ungarischer Juden" unter seiner Führerschaft eine Renaissance der jüdischen sozialen und kulturellen Bewegung herbeiführen wird. Otto v. Schilling gestorben. In Jena starb an Herzschlag im Alter von 54 Jahren der Chefredakteur der antisemitischen „Deutschen Zeitung", Otto von Schilling, einer der Führer des deutschen Antisemitismus. Er wurde in Mitau geboren, entstammte einer Familie des kurländischen Adels und diente bis zur russischen Revolution treu dem Zarismus. In Deutschland trat er mit völkischen Kreisen in Verbindung und lieferte dem deutschen Antisemitismus Schlagworte. Er war der Erfinder der Legende vom „Jüdischen Bolschewismus", der Idee, daß die Juden mit Hilfe des Bolschewismus Rußland zugrunde richteten, um. sich dann mit den gleichen Waffen gegen Deutschland zu wenden. Er war unermüdlich im Ausmalen der blutigen Rachepogrome des „echten" Russentums gegen die Juden nach Ueberwindung des Bolschewismus Pogrom-Propaganda. Der „Reichswart" (Berlin) des Grafen R e v e n t- 1 ow veröffentlicht unter der Ueberschrift „Der Jude der einzige Nutznießer des Novembers 1918" einen antisemitischen Brandartikel, der in die folgenden Worte ausklingt: „Die zehnjährige Wiederkehr der Revolutionsmonate gibt den besten, und zwar einen sehr nötigen Anlaß, bei jeder Gelegenheit vor Augen zu halten: Der Jude hat nicht nur die Vergiftungsarbeit während des Krieges geleistet, den Dolchstoß geführt oder die Hände geleitet, die ihn vollbrachten, sondern er, er allein hat inmitten des allgemeinen Elends, Reichtum, Einfluß und Herrschaft an sich gerissen auf Kosten des deutschen Volkes und seiner Zukunft. Ueber die Wintermonate 1918/1919 wird hier noch wiederholt gesprochen werden. Die vornehmste aus jener Zeit klar überzeugend hervor- BETTFEDERN En gros SPEZIALHAUS en detail Leo Schotten, Wien XIV., Braunblnchensass* Nr. 2t Telephon R38-3-83 — Provinzversand — Samstag geschlossen Zentrale: Mattersburg, Bürgenland. gehende Zukunftsaufgabe aber ist die: die Erkenntnis und den Willen in der deutscheu Bevölkerung zu verbreiten: Beseitigung der jüdischen Pest!" Niedergang des Jüdischen Wirtschaftslebens in Rußland. In der jiddisch-kommunistischen Tageszeitung „E m e s s" teilt Kesselmann mit, daß zahlreiche jüdische Bauern, die Individualwirtschaften betreiben, wegen Mangels an landwirtschaftlichem Inventar ihre Wirtschaften nicht entwickeln können und deshalb vor der Gefahr stehen, ihren Boden zurückgeben zu müssen. In der letzten Zeit mehren sich die Fälle, daß jüdischen Bauern der Boden abgenommen wird. Dies geschieht sowohl in Dörfern als auch in der Umgebung der Städte .Der Verfasser gibt eine StatistiK aus dem Kreis Schepetowke. Dort gibt es etwa 600 Individualwirtschaften mit je 1 bis 6 Desjatin Boden. Fast 70 Prozent dieser Wirtschatten fehlt es an jedem Inventar. Von den übrigen 30 Prozent haben etwa ein Drittel hinreichendes Inventar, zwei Drittel existieren davon, daß sie sich gegenseitig mit Inventarstücken aushelfen. Solchen Individualwirten wird es sehr schwer gemacht, öffentliche Kredite zur Anschaffung von Inventar zu erhalten. So zwingt man die Bauern, ihre Felder brach liegen zu lassen, um sie ihnen dann auf Grund des Bodengesetzes von 1927 wegzunehmen. Die Bibel im Rundfunk. Eine religiöse Feierstunde in echt jüdischem Sinne bot Oberkantor Magnus Davidsohn (Berlin) vor kurzem im Königsberger Rundfunk. Von der Schöpfung beginnend bis zu den Propheten, sang und sprach er mit bekannter Meisterschaft Werke klassischer und moderner Autoren. Der ganze Farbenreichtum des Alten Testaments wurde durch die verschiedenen Dichtungen und musikalischen Balladen den Hörern näher gebracht. Eine Veranstaltung mit derart wechselvollem Programm und doch einheitlich einem bestimmten Zwecke dienend, wurde im Königsberger Rundfunk noch nie geboten. Mit Recht betonte daher am Schluß der Sprecher des Rundfunks, daß es eine Weihe- und Feierstunde gewesen, die wunderbar von der Schwere des Alltages gelöst und den Hörern den prachtvollen Stoff der Bibel wieder einmal näher gebracht habe. Und was in Königsberg möglich ist, soll in Wien nicht durchführbar sein? Die Wahlen in der Tschechoslowakei. Bei den Wahlen in die Landesvertretungen der Tschechoslowakei haben es die Zionisten, trotz aller Versuche, in keinem Wahlbezirk zu einem Mandat gebracht. In Karpathorußland wurden drei Juden auf der R e g i e r u n g s 1 i s t e in die Landesvertretung gewählt. Es sind dies Albert Gestener in Preßburg (Bratislava). Bela Kroo in Munkacz und Moses Guttmann in Seol-Jusez. Die jüdische Liste in Mähren (Schlesien), die bekanntlich mit den polnischen „Judenfreunden" vereinigt war, blieb ebenfalls ohne Mandat. Gegen den Numerus clausus. Die von etwa 700 Delegierten besuchte Tagung des Verbandes der tschechoslowakischen Juristen stimmte der folgenden Resolution zu: „Der neue Ausschuß des Verbandes tschechoslowakischer Juristen verpflichtet sich, mit allen Mitteln gegen die Einführung des Numerus clausus als gegen eine konkrete Gefahr für die tschechoslowakischen Hoch- und Mittelschulen zu kämpfen. Er wird gegen alle Formen kämpfen, in denen der Numerus clausus zu Tage tritt, gegen jeden Rassen- oder nationalen Numerus ciausus wie gegen die Einführung des wirtschaftlichen Numerus clausus. Die neue Leitung will in einer Reihe öffentlicher Diskussionsabende beweisen, daß die Forderung nach Einführung eines Numerus clausus in der Tschechoslowakei geheim und offen von einer Reihe fachlicher und politischer studentischer Organisationen, Verband der Techniker, Verband der Mediziner, Verband faszistischer Studenten aufgestellt worden ist."

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