Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 2 (11.1.1929)
- Date
- 1929-01-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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blE WAHRHEIT tinnmirmiunintmmiiiiiinimiiifflmflBHonmnitmii §ejte 5 weite Wellenkreise umschreiben und sich Jahre hinziehen. Welch vollendete Höflichkeit, welch erlesene Courtoisie, welch gute Erziehung kennzeichnet diese Leute. Nie vergessen sie dlie dem Gegner schuldige Reverenz, auch mitten im heftigsten sachlichen Kampf. Nie überschreitet man in dieser Welt um Haaresbreite die Grenze, die der strengste Anstand und die Ehrfurcht vor der Persönlichkeit erheischen. Es ist in diesen Kreisen geheiligte Tradition, daß keine Autorität so hoch steht, daß die berechtigte Kritik sich nicht an sie heranwagen dürfte, aber trotzdem sagt nicht nur ein Kleiner dem Maimonides die, Wahrheit nicht anders, als in den ehrerbietigsten Formen, und wenn dEe Wahrheit noch so herb sei, sondern Maimonides tut dasselbe dem Kleinsten gegenüber nicht anders. Woher der Unterschied zwischen einst und jetzt? Der Talmud sagt es. Die Schammaniten und füllelfiten kämpften für eine objektive Wahrheit, jeder war von den Uebe<rz€iUgung durchdrungen, daß der Gegner ebenso wie er selber nur die Wahrheit, nicht den Sieg der Partei suchte. Die Talmudisten waren keine Politiker. Je mehr wir von der Politik durchdrungen wurden, desto mehr ging uns die gute Kinderstube," der vornehme Ton in der Polemik verloren. Nicht jüdischer, sondern unjüdischer Einfluß ist hier wirksam. Einer, der sein ganzes Leben in der Atmosphäre talmudischer Polemik verbracht hat, muß, wenn er dem Treiben unserer Modernissimi zusieht, sich sagen: „Fürwahr, wir Barbaren waren doch bessere Menschen" .... Eine eminente jüdische Persönlichkeit in Wien — es werden mehrere Namen genannt, ich weiß nicht, welcher der richtige dst — hat einen Ausspruch getan, der in dieser chaotischen Zeit verdient, mit goldenen Lettern in die Tafeln der Geschichte eingetragen zu werden: „Zionisten sind wir alle, aber keine Nationalisten". Mit aphorismatischer Prägnanz kennzeichnet dieses grundgeschedte Wort das Wesen des Streites, der in unserer Zeit die Judenheit beinahe in zwei feindliche Lager spaltet und der jetzt gerade besonders aktuell geworden ist. Das will mit anderen Worten sagen, „Zum Aufbau eines jüdischen Palästinas wollen wir mit allen Kräften beitragen, aber wir verzichten auf den Minoritätenschutz und die National-Autonomie in der Dias p o r a". Genau mit denselben Worten hätte ein Mann seine Stellung in dieser Frage definieren können, der einen der klarsten Köpfe und eines der größten Herzen trug, die die Judenheit in dem letzten Jahrhundert hervorgebracht hat, und der nebenbei einer der größten Wohltäter des jüdischen Palästina war: J a c o b H. S c h i f f in New York. Wir erfahren dies aus der schönen Biographie von ihm, die vor kurzem Prof. Cyrus Adler in Philadelphia verfaßt hat. In seinen Fußstapfen wandelt sein Schwiegersohn und Erbe seiner Tradition, Felix M. Warburg. Eine stattliche Anzahl von Millionen hat er für die geistige und wirtschaftliche Förderung des jüdischen Palästina geopfert, aber er nennt sich „N i c h t z i o n i s t", weil die landläufige Terminologie, der Logik zum Trotz, unter der Bezeichnung „Zionist" einen Anhänger des jüdischen Nationalismus versteht. Er ist gleich wie sein Schwiegervater1 überzeugt, „daß das amerikanische Volk es nicht dulden w i r d, d a ß sichin seiner Mitte eine abgesonderte zahlreiche jüdische Gruppe mit nationale rAspiration bilden soll; wenn nicht wir selber, so werden unsere Nachfahren infolgedessen viel zu leiden haben . . ." Und vor wenigen Tagen hat sich ein Ereignis abgespielt, das an sich zwar nicht viel größer war, als das Köpfchen einer Stecknadel, aber in dieser kleindimensionalen Welt nationalistischer Probleme und Interessen von symptomatischer Bedeutung ist. In Warschau existiert unter der zionistischen Jugend eine ..Gedud Trumpeldor", der sich um das Andenken dieses heldenhaften Kämpfers und Märtyrers schart. Unlängst kam nun nach Warschau W. Jabotinski, um für den Revisionismus zu werben. (Was Revisionismus ist, wissen, ganz nebenbei gesagt, nur ganz wehige Eingeweihte ersten Grades.) Jabotinski wird von den Chaluzim jubelnd begrüßt und nach einem öffentlichen Gottesdienst in der Synagoge — an sich schon eine unerhörte Konzession an die Bourgeosie — legt das Empfangskomitee feierlichst einen Kranz nieder auf das Grab des unbekannten Soldaten! Nachdrücklicher konnte nicht demonstriert werden, daß dieser Palästina-Zionismus sich ganz gut vereinen läßt ■ mit den „Patrioten zum Wohnland" in der Diaspora und mit der Zugehörigkeit zur Mehrheitsnation. Interessant wäre zu wissen, was sich Jabotinski bei diesem ritterlich-romantischen Huldigungsakt von Seiten der. jüdischen Jugend vor dem polnischen Patriotismus gedacht hat. Jabotinski war nämlich der Schöpfer und Vorkämpfer der Theorie, daß die jüdische Mirioritäts-Nation in Polen keinen anderen Patriotismus hegen dürfe, als — den russischen. Aus CENTRALKINO Wim II-, TabontraB* S — Tal. R 43-3-41 Ein Meisterwerk der Ufa ,iooplng tue Loop (Die Todesadrielflel mit Werner Kronss, Jennp Jotfo und Warwlck Word. Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr Moskau ausgewiesen, wandte er sich, wie viele seiner Schicksalsgenossen, nach Warschau und hier ging ihm die Erleuchtung auf, daß sämtliche Juden im russischen Reich eine eigene Nation bilden, der die Vorsehung eine besondere historische Mission zugewiesen habe: diese neue Mission Israels bestehe darin, den Kitt zu bilden, der die verschiedenen Nationalitäten des russischen Reiches an die großrussische Staatsnation schmiede, um so die Einheit des Reiches zu garantieren. Von den vielen Nationalitäten, die unter dem Joche des Großrussentums und des Zarismus ächzten, waren Polen, Ukrainer, Litauer und Weißrussen die am härtesten unterdrückten und verfolgten, und gerade in ihrem Gebiete lebten fast sämtliche Juden Rußlands, während draußen im großrussischem Gebiete kaum zwei*- bis dreihunderttausend Juden, also noch nicht 2 Prozent der Gesamtheit lebten. Und diesen 98 Prozent vindizierte Jabotinski die Mission, die Nationalitäten mit der großrussischen Nation zusammenzunieten, um die Einheit des Reiches zu garantieren. Wie sollten sie diese höhere Aufgabe erfüllen? Sehr einfach! Die Polen z. B. führten einen verzweifelten Kampf um einen Schatten von Selbständigkeit und Autonomie. Das hieß, sie wollen das Zarenreich zertrümmern. „So", sprach Plehwe zu ihnen, „Autonomie wollt ihr, eigene Unterrichts- und Verwaltungssprache, eigene Justiz, weil euer Land angeblich ein polnisches Land sei? Da habt ihr im Lande eine Bevölkerung von zwei Millionen, die in den Städten bis 50 Prozent der Gesamtheit ausmacht und die n i c h t nur eine besondere Nationalität mit eigener Sprache und Kultur besitzt und nicht zu euch gehören will, sondern von euch fortstrebt, euch andas Großrussentum zu kitten bemüht ist. Das väterliche Herz meines erhabenen Herrn Nikolaus II. kann es nicht ertragen, daß diese Sondersprache und Sonderkulturuntergeht, was geschehen würde, wenn er euch die ersehnte Autonomie gewähren würde" . . . Natürlich gab es keine wärmeren Anhänger der Theorie Jabotinskis als den Generalgubernator und den Polizeimeister von Warschau. Eine klassische Illustration des in einem der vorigen Artikel ausgesprochenen Satzes, daß der jüdische Nationalismus von den Mäch eigen mißbraucht wird, um die Schwachen zu unterdrücken . . . . Und je länger diese Zwiegespräche zwischen Plehwe und den Polen dauerten, je mehr Juden Plehwe aus dem Inneren Rußlands auswies und, wie er sich höhnisch ausdrückte, „nach Polen hineinpferchte", desto heftiger wuchs hier der Groll gegen die Juden, die sich da als eine eigene Nationalität eingerichtet haben, um das Land desto bequemer der russischen Fremdherrschaft ausliefern zu können..... So war Jabotinski einer der Initiatoren, und zwar einer der stärksten, allerdings ein unfreiwilliger und verblendeter Initiator jener antijüdischen Stimmung in Polen, die im Jahre 1912 ihren Gipfel erreichte, sich nachher vertiefte und befestigte und an deren Abbau die Juden wie die Nichtjuden in Polen noch lange zu arbeiten habenwerden. Man darf wohl annehmen, daß die letzten Ereignisse Jabotinski eines Besseren belehrt haben. Vielleicht hat er für die Juden im ehemaligen russischen Reiche eine höhere Mission gefunden, als die Nationen, unter denen sie leben, an das großrussische Reich zu kitten und den Bestand des Zarentums zu garantieren. (Fortsetzung folgt.)