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Die Wahrheit · 1929-01-11 · Heft 2 (11.1.1929) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 2 (11.1.1929)
Date
1929-01-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Rechtssinn ein Ziel setzen konnte. Was die wahren Jünger Herzls am meisten seine Abwesenheit fühlen läßt, ist der vollständige Mangel an konstitutionellem Sinne, der nach seinem Tode Platz greift und der endlich zum gänzlichen Verluste der Rechtskontinuität im Zionistenkongresse geführt hat. Selbst wenn ein ehrlicher Wille zur Herstellung des Konstitutionalismus im Zionismus entstehen würde, wäre es ein ungemein schwieriges Problem, eine restitutio in integrum zustande zu bringen. So bietet die Jewish Agency, gerade für die Jünger Herzls, so sehr sie in dem Kongreß das Vermächtnis Herzls verehren, die wiedergefundene legale, organisationsgesetzliche Basis des Zionismus, die sie bisher schmerzlich vermißt haben. Daß Marshall nicht nur eine Konstitution schaffen wird, sondern auch für deren Geltung Sorge tragen wird, ist ein höherer Gewinn für Erez Israel als Millionen von Dollars. Wie weit liegt heute schon die Forderung Jabotinskys zurück, daß die Marshall-Warburg-Gruppe das Geld, der Kongreß aber die Politik liefern soll! Was die Marshall-Gruppe aber besonders ihren amerikanischen Gegnern voraus hat, ist die alljüdische Auffassung ihrer Tätigkeit, daß dieselbe Gruppe auch für die Erhaltung aller Wohltätigkeitsinstitutionen in New York sorgt, sich ebenso für das Wohl der russischen und polnischen Juden verantwortlich fühlt, ja daß sie sogar, wie Herzl im Altneuland, auch das an den Negern begangene Unrecht nicht mitansehen will. In anderen zionistischen Kreisen in Amerika ist Zionismus ein Spezialfach geworden, das mit allen anderen Bedürfnissen des Judentums in keinem Konnex steht. Man stelle sich aber Moses vor, in einem ägyptischen Palast ein Bureau für die Kolonisation Kanaans leitend, und wenn ein jüdischer Arbeiter aus Goschen in sein Bureau stürzt und die Not des Volkes schildert, ihm kaltblütig antwortend, daß das nicht zu seinem Ressort gehöre. Ein Zionistenführer müßte die Not des ganzen Volkes mitfühlen, Herzl war der Führer des ganzen Volkes und nicht bloß Kolonialminister. Sein Werk war der Lösung der Judenfrage in allen Belangen gewidmet und darum ist kein Kreis so sehr berufen, die Führung in der Palästinafrage zu übernehmen, als derjenige, der darin nur einen Teil der großen Aufgabe für das gesamte jüdische Volk erblickt und auch in der Lage ist, diese Anschauung betätigen zu können, wie die Marshall-Gruppe. Und endlich bedeutet „Zurück zu Herzl" die Rückkehr zu seiner noblen Konzilianz und zu seiner sowohl von seinem scharfen Verstände als seinem edlen Herzen diktierten Friedenspolitik. Bei allem großen Vertrauen zu den Führern der Jewish Agency verhehlen wir die Besorgnis darüber nicht, daß man gerade in Amerika die Bedeutung der Araberfrage unterschätzt. Man kennt in Amerika nicht die unbesiegbare Kraft nationaler Erhebungen. Diese überlauten, tausendfachen Proteste wegen der Vorgänge an der Klagemauer sind ebenso bedauerlich als Zeichen des Mangels an wahrer Organisation, wie als Zeichen der kindischen Sentimentspolitik, die den Verlust politischer Rechte und des nationalen Prestiges erst bemerkt, wenn man das Weinen an der Klagemauer stört. Welcher unzeitige Gedanke ist es, gerade in dieser gereizten Stimmung an das Trumpeldor-Denkmal zu denken und die schlechtverstandene Ehrung Herzls zu urgieren, seine sterblichen Ueberreste nach Palästina zu überführen! Jede andere Politik in Erez Israel als eine auf den friedlichen Ausgleich mit den Arabern basierte, Heißt buchstäblich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Besonders hat aber nur derjenige das Recht, die politische Nachfolge Herzls anzutreten, der den Frieden wiederherstellt, der Jahrhunderte lang /-wischen den Kindern Israels und Ismaels geherrscht hat. B. S. Bankrott der jüdischnationalen Minderheitspolitik in PoleriK Von Binjamin Segel. IV. Seitdem wir Juden angefangen haben, uns mit Haut und Haaren der Politik zu überliefern, nimmt der Kampf zwischen unseren Parteien immer mehr an Verwilderung zu. Und je jünger eine Partei sich fühlt, je stärker die Lungenkraft in ihrer Brust sich regt, je tiefer ihr« Verdienste in der fernen Zukunft liegen, desto fescher schwingt sie die Fäuste und desto heller tönt ihre Stimme gegen den Widersacher und das einzige, was man heraushört, ist: „Ote Aoi, que je m'y mette" unter der Begleitung der verschiedenen lieblichen Epitheta, die an das parlamentarische Lexikon des seligen österreichischen Reichsrates in der Blütezeit der Lueger, Bielohlawek. Wolf erinnern. Je mehr die Argumente fehlen, desto flinker stellt das Schimpfwort sich ein. Rücksichtslosigkeit ist die Losung, dafür sind wir „modern". Persönliche Verdienste, geistiger Rang, guter Name des Gegners dürfen nicht geschont werden. Wer ein Gegner ist, hat keine Ehre, wir verekeln ihm das Leben und graulen ihn aus der Oeffentlichkeit heraus. Daß auf di'ese Weise das öffentliche Leben immer mehr verödet und kahl wird, da Talent, Charakter und Verdienst sich angewidert von der Arena zurückziehen, hat nichts zu bedeuten; umgekehrt, desto besser für „uns", denn „wir", frei von all diesem Ballast, behaupten dann das Feld allein. Eine Wählerversammlung gteacht beii uns immer mehr einer Walstatt. Das hat schon längst die Aufmerksamkeit unserer „Freunde" draußen erregt und vielfach lassen sich Stimmen vernehmen, daß diese Methode, Meinungsverschiedenheiten mit Stuhlbeinen «n der Hand und Naschmarktredensarten auf den Lippen auszukämpfen, „echt jüdisch" sei und beweise, daß die Juden es seien, die die Vergiftung auch des allgemein politlischen Lebens herbeiführen. In Wirklichkeit ist die steiigende Einbürgeirung dieser Methoden bei uns eine Folge der „Assimilation", obglel'ch sie, mit Vorliebe von denen geübt werden, die angeblich die Assimilation mit Wut bekämpfen. Je mehr wir Juden uns von echt jüdischer Lebensauffassung und Sitte entfernen, desto mehr verroht auch unser öffentliches Leben. Wenn z. B. die Hillelllten und Schammaniten heute unter uns weilten und unsere Kampfmethoden mit den ihren vergleichen könnten, sie würden die Linie nicht finden, die von qhrem zu unserem Zeitalter herbeiführt. Trotz aller schroffen Gegensätze, die sie auf politischem und religiösem Gebiete trennten und die mit Schärfe und Unnachgiebigkeit ausgefochten wurden, herrschten unter ihnen nicht Haß noch Verachtung, sondern im Gegenteil liebe. Hochachtung, Verträglichkeit, gegenseitige Hilfsbereitschaft. Obgleich sie von der englischen Erfindung der „nationalen Minoritäten" und des „National Home" keine Ahnung hätten, folgten sie doch voraussehend dem englischen Grundsatz: „Man soll seinen politischen Gegner so behandeln, daß man sich noch an demselben Abend mit ihm zum Diner setzen könne." Man lese die zwölf- und dreizehnhundert Jahre nachher stattgefundenen Polemiken während des Streites um die Philosophie Maimunis und um die Anfänge der Kabbalah! Oder man beachte die zu den alltäglichen Vorkommnissen gehörenden Streitfälle zwischen rabbinischen Gelehrten, die, oft *) Unliebsam verspätet.

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