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Die Wahrheit · 1929-01-11 · Heft 2 (11.1.1929) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 2 (11.1.1929)
Date
1929-01-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 stituierung des Kultus Vorstandes in sichtbare Erscheinung, getreten. Es ist kaum anzunehmen, daß der Kultusvorstand sich als arbeitsfähig erweisen wird, wenn die Zionisten die gleiche unfruchtbare Taktik wie bisher verfolgen würden. D i e „U n i o n" wird sicherlich alles tun, was in ihren Kräften steht, um eine gedeihliche Arbeit im Kuitusvorstande zu ermöglichen, wenn ihr dies aber trotz ehrlichen Willens nicht gelingt, dann möge die Wiener Judenschaft dessen eingedenk sein, wer die Schuld an dieser traurigen Situation allein zu tragen hat! Theodor Herzl und Louis Marshall. Von einem Jünger Herzls. „Zurück zu Herzl", ist der anwachsende Ruf, der durch die zionistischen Reihen geht. In Amerika hat der alte Mitarbeiter Herzls, Jacob de Haas, diese Parole ausgegeben und im Lager der Revisionisten hält man sich für berechtigt, das revisionistische Programm als die Fortsetzung der Politik Herzls anzusehen. Der Moment ist aber nicht geeignet, sich in den üblichen pilpulistischen Auseinandersetzungen über die verschiedenen Auslegungen des Geistes Herzls beschaulich zu ergehen. Eine starke, kundige Hand ist von Nöten, welche die verwirrten Stränge der jüdischen Politik in Erez Israel in Ordnung bringt. Wie wird die Formel „Zurück zu Herzl" auf die bestehenden Verhältnisse in Erez Israel praktisch angewendet? Keinesfalls ist es gerecht, Herzl gegen die Jewish Agency und ihre Führer auszuspielen, wie es diesseits und jenseits des Ozeans gerne versucht wird. Herzl hat, bevor er den Kon- Rothschilds waren damals gerade wieder bemüht, die Stellung des Judentums im allgemeinen und damit auch die ihre zu bessern. Schon im Jahre 1833 hatten die Juden in Oesterreich auf Betreiben des Hauses Rothschild wieder ein Bittgesuch um das Recht unbehinderten Aufenthaltes» der Ausübung von Wissenschaften, Künsten und Gewerben, sowie des Erwerbs und Besitzes von Realitäten gerichtet. Die Rothschilds mußten, wie Corti sagt, für die allgemeine Erweiterung der. Rechte der Juden schon darum eintreten, weil für sie selbst immerfort Ausnahmen von den Gesetzen bewilligt werden mußten. So hatten sie für den Steinkohlenbau in Dalmatien und Istrien, sowie für den Kauf und Betrieb des Ouecksilberbergwerkes in Idria eine besondere Bewilligung erhalten, obwohl der Bergbau den Juden seit fast drei Jahrhunderten gänzlich verschlossen war. Immer noch zögerte man bei den staatlichen Stellen mit der Erleichterung des Schicksals der Juden, neuerdings trat Salomon Rothschild mit der dringenden Bitte um Hilfe an Metternich heran. „Gestatten Euer Durchlaucht," schrieb er ihm am 9. Jänner 1837 aus Paris, „daß ich mir die Freiheit nehme, über eine Angelegenheit welche mir auf das innigste am Herzen liegt, eine besondere Bitte an Hochdieselbe zu richten, und deren gütige Würdigung an Ihr edles, menschenfreundliches Herz zu legen. Es ist das Schicksal meiner Glaubensgenossen, mein gütiger Fürst, es sind die Hoffnungen so vieler Familienväter, es ist das Höchste, was. Tausende von Menschen beglücken kann und das ich mit wahrer Inbrunst-und dem-gläubigsten Vertrauen bei meinem gnädigen Fürsten bevorworte; es gibt für mich keinen heiligeren Wunsch, als eine Verbesserung des Schicksals meiner Glaubensgenossen/* greß einberufen wollte, überhaupt nur an eine Art Jewish Agency gedacht, die „Jewish Company", welche eine weitaus größere Aufgabe zu erfüllen gehabt hätte. Er rief die jüdischen Massen erst zu den Fahnen, als alle Versuche, seinen großen Plan durch eine Gruppe großer jüdischer Finanziers zu realisieren, gescheitert waren. Er hat ja zuerst mit Hirsch, Schiff, Rothschild, Oscar Straus zusammenarbeiten wollen und wenn er eine Gruppe, mächtig und arbeitswillig zugleich, wie die amerikanische Agency gefunden hätte, so hätte er nicht den Kongreß geschaffen. Zu einem Staat muß man Staatsmänner haben! Ich erinnere mich deutlich, daß Dr. Stephen Wise einem ostjüdischen Zionistenführer einmal zugerufen hat: „Ein Staat wird nicht durch Wanderredner gegründet!" Der Zionistenkongreß war, wider Erwarten Herzls, nicht die gehoffte Schule für Staatsmänner geworden und die Not der Zeit zwingt, dieselben außerhalb der zionistischen Bewegung zu suchen, wenn sie innerhalb derselben nicht erzogen werden konnten. Denn der eigentliche Wert der Führung der Marshall- Warburg-Gruppe liegt nicht, wie einfache Seelen es denken, in ihrer finanziellen Kraft, sondern in ihrer staatsmännischen Bedeutung und in ihrem politischen Einfluß. Und vor allem bietet gerade die Person Louis Marshalls, der selbst in dem Hundert-Millionenreiche den Ruf eines der besten Kenner und Interpreten der amerikanischen Konstitution hat, eine wichtige Garantie, daß die Jewish Aeency Recht und Ordnung in den so zerfahrenen Zionismus bringen wird. Herzl hat nicht Liebe zu Zion erweckt, wie zionistische Gymnasiasten und solche, die es ewig bleiben, deklamieren. Er war Gesetzgeber. Er wollte dem Volke eine Konstitution hinterlassen. Er kam, wie Sokolow in seiner Trauerrede sagte, wie der Richter im jüdischen Altertume, der den herrschenden gesetzlosen Zuständen durch seinen eisernen Metternich ordnete nach Empfang dieses Briefes die Einberufung einer Staatskonferenz zur Besprechung der Judenfrage an. Diese stellte fest, daß es „bei den dermaligen Verhältnissen der Zeit im unbezweifelten Interesse der Regierung liege, daß den Juden Erleichterungen ihres Zustandes und Erweiterung ihrer Rechte gewährt werden, daß es aber auch unerläßlich sei, dabei die Rücksichten zu beachten, welche die Umstände. Verhältnisse und selbst die noch bestehenden Vorurteile gebieten, damit nicht die Meinung erweckt werde, als läge eine vollkommene Emanzipation der Israeliten und eine Gleichstellung dieser mit den Christen in der Absicht der Regierung." Es wurde also beschlossen, daß die Toleranzsteuer zwar aufrechterhalten werden solle, der Besitz von Häusern in Wien durch Juden aber von der allerhöchsten Entscheidung abhängig zu machen sei, die dann für ein Haus, keinesfalls aber für mehrere Realitäten gegeben werden dürfe. Damit war indirekt auch dem Hause Rothschild, das immer noch im, Gasthof „Zum römischen Kaiser" zur Miete untergebracht war, der Erwerb einer Liegenschaft in Wien ermöglicht. In der Folge kaufte Salomon Rothschild, nachdem ihm schon vorher das Bürgerrecht der Stadt Wien verliehen worden war. den genannten Gasthof und das unmittelbar anschließende Haus. Dieses ließ er niederreißen und für seine Zwecke wieder aufbauen, und noch heute befindet sich das Büro des Wiener Hauses Rothschild an dieser Stelle, während der alte Gasthof von Rothschild an die Unionbank verkauft worden war und jetzt der Sitz der Versicherungsanstalt der österreichischen Bundesländer ist.

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