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Die Wahrheit · 1929-01-04 · Heft 1 (4.1.1929) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 1 (4.1.1929)
Date
1929-01-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DIE WAHRHEIT minniJHMn» Seite 9 MillH 1INISI fr III kllfUICIlIC WIEN %ß§ HWIHIlIV Seltenstettengasse2 Tel. U 28-1-28 XI., Zentralf riedhof, neben dem 1. Tor, Tel. U18-0-85 richtig erfassen läßt und das ist die Seele, die uns unmittelbar entgegentritt aus seiner persönlichen Erscheinung. „Rede, damit ich dich sehe!" Der persönliche Eindruck entkräftet mitunter alle mittelbare Darstellung. Dem Instinkt der Tiere entspricht an Sicherheit annähernd der gesunde Menschenverstand; von dem kann man wirklich sagen: „Und was der Verstand der Verständigen nicht sieht, das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt." Denken wir uns: ein stubenhockender Gelehrter außerhalb Wiens fühlt das Bedürfnis, Wien kennen zu lernen. Er wird Panoramen besuchen, Ansichtskarten von Wien kaufen und Bücher über Wien lesen. Wenn er aber einmal wirklich Wiener Pflaster betritt und zum Beispiel vom Ring über die Kärntnerstraße nach dem Stephansplatz kommt, so wird er merken, daß all der Fleiß, den er in der Ferne auf das Studium in der Stadt gewandt hat, in nichts zerstiebt, jetzt erst fühlt er den Atem Wiens! Wir Menschen haben nur eine Möglichkeit, uns in die Seele der Dinge hineinzufühlen, uns steht nur ein Ding überhaupt zu solcher Auskultation zur Verfügung — das sind wir selbst, das ist unser Ich und die Fähigkeit, mit Ausschaltung der Sinne uns direkt in unsere Seele zu versetzen, sie abzuhorchen, das ist eine Fähigkeit, die vom wissenschaftlichlogischen Denken durchaus verschieden ist, das ist die „Intuition", wie sie Bergson bezeichnet. Wenn wir die Biographie eines Mannes wissenschaftlich behandeln wollen, dann durchforschen wir die Archive, sichten das Material logisch nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten, wir versehen es mit einem wissenschaftlichen Apparat und gehen dann daran, den Kern der Sache zu finden, die Seele des Mannes zu erfassen. Das kostet Anstrengung, alle Mühe scheint vergebens. Eines Tages fühlen wir eine merkwürdige Gehobenheit, da ist es uns, als ob in unserem Innern etwas zu rollen anfinge. Wir setzen uns nieder, greifen zur Feder und können mit dem Schreiben nicht Schritt halten: Unzähliges fließt noch mit ein, was uns selbst bisher unbewußt zwischen den Zeilen unserer Notizen zu lesen war, ganz neue Gesichtspunkte erschließen sich uns. Wenn wir dann die Feder aus der Hand legen und erfassen möchten, was in uns so gerollt hat und uns angetrieben hat zu rastloser Niederschrift, so merken wir: Dieses Rollende ist nicht zu erfassen, das ist etwas, was man nur fühlen kann, das ist ein Werden oder besser die Richtung eines Werdens, abgesehen von dem bunten Farbenspiel, das dieses Rollen auf dem zurückgelegten Wege hervorgebracht hat, etwas, wofür unsere Sprache kein Wort und die Phantasie kein Gleichnis bietet. Dieses Werden, dieses Rollen ist — das Leben! Bergson bezeichnet es als „Spannung" oder als „la duree". „die Dauer", aber in dem Sinne des unendlich dauernden Werdens und Fortrollens. Dauer hat hier mit Zeit nichts zu tun, nichts mit der Zeit, die wir messen, indem wir die Uhr ziehen und den Gang des Weisers auf dem Zifferblatt verfolgen; denn diese Zeit ist etwas Räumliches. Das rein Psychische, das Werden als solches, die „Dauer", ist aber nichts Meßbares, sondern immer nur ein Ineinander, da läßt sich nichts teilen und auseinanderlegen, hier ist nichts räumlich. Die Zeit ist die in den Raum projizierte Dauer. Das klingt etwas schwer verständlich, läßt sich aber durch einen Vergleich begreiflich machen. Denken wir uns ein Gummiband, so winzig — wenn dies möglich wäre — wie ein mathematischer Punkt, und stellen wir uns vor, daß dieses Gummiband anfängt, sich zu dehnen und sich fortzuspinnen. Dieses Band sei nun mit Ruß oder mit irgendeiner Farbe bestrichen und bewege sich auf einem weißen Blatt Papier. Das Band wird eine Linie ziehen, und diese Linie können wir messen: die Tätigkeit, die Energie dagegen, die sich in dem Gummiband betätigt hat, kann man nicht messen. (Schluß folgt.) WaJu^tmtcmlage Das Opfer eines Justizirrtums hat vor wenigen Tagen in Wien für immer die Augen geschlossen. Das qualvolle Dasein Katharina Steiners, die unschuldig wegen gemeinen Mordes an einer Kollegin zuerst zum Tode, später durch Verdikt des Obersten Gerichtshofes zu sechs Jahren schweren Kerkers verurteilt worden war, hat ein Ende gefunden. Vier Jahre schmachtete sie, stets ihre Unschuld beteuernd, hinter Kerkermauern, bis endlich der wahre Mörder, der Sohn jines Staatsanwaltes, sein Verbrechen eingestand und Katharina Steiner als wohl noch junge, aber gebrochene Frau freigelassen wurde. Sie war J ü d i n und ist auch am Sonntag auf dem jüdischen Friedhof begraben worden. Sie wurde verurteilt, nicht weil sie Jüdin war, sondern weil angeblich schwer belastende Indizien gegen sie sprachen. Wenn man das traurige Schicksal dieser unglücklichen Frau betrachtet, so wird einem erst offenbar, wie gefährlich die Praxis eines Indizienprozesses ist. Wie abscheulich ist es dann erst, wenn sich Geschworene bei ihrem Schuldspruche in einem solchen Prozesse von politischen Gefühlen leiten und nicht die Belastungs¬ und Entlastungsmomente als solche auf sich wirken lassen. Und wenn nur die geringsten Zweifei gegen die Schuld sprechen, so ist der alte lateinische Rechtsgrundsatz sicher angebracht: in dubio pro reo (Im Zweifel für den Angeklagten). Im Prozesse Katharina Steiners, der seinerzeit so großes Aufsehen erregte, gab es manche berechtigte Zweifel an der Schuld der Angeklagten, trotzdem schwere Indizien sie belasteten. Ihr trefflicher Verteidiger Dr. Neuda suchte mit aller Kraft die Geschworenen zu überzeugen und als ihm dies nicht gelang, da sagte er mit einem Blick zum Himmel: „Ich appelliere an eine höhere Gerechtigkeit!" Dieser prophetische Satz hat ihm eine Ordnungsstrafe durch den Vorsitzenden eingetragen, nun aber ist Katharina Steiner nach einem elenden Leben diese höhere Gerechtigkeit geworden. Man sollte ihre Geschichte jedesmal den Geschworenen erzählen, ehe sie hingehen, um in einem Indizienbeweis Recht zu sprechen und zu — verdammen. Drei hundertjährige Frauen. Uebersetzt von Sofie G r ü n f e l d, Wien. Algier, November 1928. Vor kurzem starb in Mostaganem die Witwe Smadja, geb. Esther Teboul im Alter von IUI Jahren. Bald darauf verschied eine andere Hundertjährige. Madame Cohen Skalli geb. Kerbi, Tochter eines großen Rabbiners aus Oran, Nachkomme be- S. Grüners *m Restaurant II., Zirkusgasse 30 Telephon R 43-1-60 VorzUgl. Wiener, ungarische und orientalische (rumänische) Küche. Mittag und Abend HenU nach Wahl. Erstklassige Getränke.

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