Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 1 (4.1.1929)
- Date
- 1929-01-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 inifniiiHiMHiuiiiiiranw wAHRHEft erlangt wird. Das Aktionskomitee beauftragt daher die Exekutive, in Verhandlungen mit der englischen Regierung zwecks Erlangung dieser schriftlichen Erklärung einzutreten." Auf die eventuelle Verweigerung dieser Zustimmung der englischen Regierung, bzw. des Völkerbundes setzt auch der Wiener Vertreter der in Berlin durchgeiallenen „Radikalen", Robert Stricker seine letzte Hoffnung. Seine Betrachtung der Tagung in der letzten Nummer der „Neuen Welt" ist eine Klage über den Entschluß der Zionisten, sich dem „Diktat" der Nichtzionisten zu unterwerfen, und schließt mit der Erwartung, der Völkerbund wird zu all diesen Beschlüssen Nein sagen. Ob sich da der große Landespolitiker nicht kräftig täuschen wird? Aus Strickers Journalistenküche. Der Fall Halsmann ruht nunmehr bis zu der vom Verteidiger Dr. Richard Preßburger emsig betriebenen Revisionsverhandlung. Der Herausgeber der „Neue n W e 11", Herr Robert Stricker, fand es aber für richtig, diesen traurigen Fall zu erweitern, indem er sein Wochenblatt mit demselben in eine gewisse Beziehung brachte. Leser dieses Blattes hatten sich nämlich bei Herrn Stricker über die gewiß verwunderliche Tatsache beschwert, daß „Die Neue Welt" mit keiner Zeile auf das zweifellose Fehlurteil der Innsbrucker Geschworenen einging. Herr Stricker rechtfertigt sich und sein Blatt damit daß bei ihm nach der Urteilsfällung eine Abordnung aus Innsbruck erschienen wäre und ihn haben nichts, was sie einigt, eine gemeinsame Liebe zu Gott und gemeinsame Furcht vor ihm." Der Mann ahnte nicht im geringsten, welch revolutionäre Gedanken er aussprach, indem er den Anbetern Gottes empfahl, keine für die ewige Zukunft bindenden Satzungen zu errichten und keine Zeremonien bei der Aufnahme in die Gemeinschaft einzuführen. Ich scheute mich auch, ihn aufmerksam zu machen, daß die Idee, die Anbetung Gottes, d. h. ein zeremonienfreies, allmenschliches Judentum unter den Helden zu verbreiten, sehr alt ist, mehr als 2300 Jahre, daß wir in griechischer Sprache zahlreiche Bruchstücke einer Propagandaliteratur auf diesem Gebiet besitzen. Ich schämte mich, vor dieser heiligen Einfalt, vor dieser rührenden Weltfremdheit meine Handvoll Bücherweisheit auszupacken. Ich fragte bloß: .,Warum haben Sie Ihren Namen nicht unter dem Titel Ihrer Schrift angegeben?" — „Das will ich Ihnen sagen: einfach, weil ich dem Ansehen meiner Ideen nicht schaden wollte. Wäre ich ein großer Gelehrter oder sonst ein berühmter Mann, wenigstens ein Millionär und Wohltäter, dann würden alle meine Büchlein lesen und darin ungeahnte Weisheiten finden, meine Worte fänden Anklang, aber wenn der Leser weiß, daß der Verfasser ein kleiner Jude ist, der mit Apfelsinen in den Kaffeehäusern und Schenken hausiert, wird er sich über ihn lustig machen und seine Ideen im voraus für albern halten. Um meinen Kindern den Weg in der Welt nicht zu erschweren, habe ich den Namen ihres Vaters verschwiegen." „Es ist aber doch schade, daß gar kein Zeugnis für die Nachwelt bleibt . . ." „Oh, dafür habe ich gesorgt Das war ich meinen Ahnen schuldig. Die Schlußverse der Kapitel 3 bis 7 enthalten zuletzt meine beiden hebräischen Namen, meinen deutschen Familiennamen in hebräischer Uebersetzung und die beiden Namen meines Vaters. Aber Sie dürfen meinen Namen niemandem nennen. Ich verlasse mich darauf." Ich verabschiedete mich. Er gab mir das Geleite. insbesondere im Namen der Mutter des Verurteilten gebeten hätte, von einer politischen Erörterung des Falles bis zur Erledigung der Revision abzusehen. Zur Begründung ihres Ansuchens verwiesen die Innsbrucker Herren darauf, daß dem bekannten überparteilichen Komitee christlicher Männer in Innsbruck, das sich für die Revision des Urteils einsetzt, auch Anhänger der gleichen politischen Richtung wie die Innsbrucker Geschworenen angehören und „ein gegen die Geschworenen gerichteter politischer Angriff könnte .... von den Männern, die sich jetzt um die Sache Halsmanns bemühen, auch als gegen ihre Person gerichtet empfunden werden." Darauf entsprach Stricker „selbstverständlich" dem Wunsche. Daß Herr Robert Stricker dies getan hat, ist schließlich seine journalistische Privatsache und die Leser seines Blattes mögen sich damit abfinden, ob die Argumentation der Herren aus Innsbruck so zwingend war, daß er ihrem Wunsche „selbstverständlich" entsprach. Denn es leuchtet nicht unbedingt ein, wieso ein Angriff gegen geschworene Hakenkreuzler auch gegen die Person anständiger Menschen dieser Couleur gerichtet ist. Warum wir aber den Lesern unseres Blattes von dieser journalistischen Privatangelegenheit des Herrn Stricker Kenntnis geben, hat seinen besonderen Grund. Herr Stricker macht nämlich einen Schritt weiter und nach der Rechtfertigung seiner Person und seines Organs folgt ein Angriff auf — die anderen Wiener jüdischen Zeitungen. Diesen wird der Vorwurf gemacht, daß sie „es für gut befanden, der von der Mutter des Verurteilten und ihren Helfern ausgesprochenen Bitte nicht zu willfahren." Wenn wir uns auch darüber im klaren sind, Wir waren am Bahnhof angelangt, und er empfahl sich. Ich sah ihm lange nach, bis der matte Schimmer seines verblichenen braunen Kaftans in der Abenddämmerung zerfloß. Oft und oft in den letzten Jahren dachte ich an diesen Religionsstifter von Kolomea. Immer wieder tauchte vor mir sein feines, welkes Gesicht auf, das mir zum Abschied zulächelte, und ich höre seine Stimme, die mir zurief; „Verraten Sie niemandem meinen Namen, ich rechne darauf.'" Ich stieg gleich danach in das Wagenabteil, wo mich mein Freund, der Diplomat, mit folgenden Worten begrüßte: „Weißt du schon das Neueste? Unser Thronfolger und seine Gemahlin sind vor wenigen Stunden von einem großserbischen Fanatiker in Sarajevo meuchlings ermordet worden!" „Bewahre doch deine Spässe für die Petersburger Hofdamen auf," rief ich ärgerlich. „Diesmal ist es kein Spaß, da lies!" Er hielt mir die Depesche vor, die er soeben erhalten hatte. „Weißt du, was daraus werden kann? Ein europäischer Krieg, mein Lieber, ein Krieg, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Aber ... ich reise nach Wien. Wir werden die Sache in Ordnung bringen, wir ersticken die Flamme in der Asche, wenigstens lokalisieren wir den Brand. Kannst dich darauf verlassen . . ." Ich verließ mich darauf. Die Lokomotive pfiff, der Zug setzte sich in Bewegung. * * ¥ In den letzten Jahren habe ich mir oftmals Mühe gegeben, ein Lebenszeichen von dem Religionsstifter aus Kolomea zu erhalten. Es ist mir nicht gelungen. Ich erfahre soeben, daß er im Krakauer jüdischen Spital gestorben ist. Ich betrachte mich also nicht mehr, an mein Versprechen gebunden, und ich darf seinen Namen verraten: Abraham Moses Schwertscharf. Sein Büchlein „Thorath ha Ammim" ist übrigens in der Gemeindebibliothek zu finden.