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Die Wahrheit · 1929-01-04 · Heft 1 (4.1.1929) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 1 (4.1.1929)
Date
1929-01-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 ..u«iiflnifl,j(twiiiu.m..iH.RioifN»..........■..„.....«.....tKURinw die WAHRHEIT Man wird zugeben müssen, daß diese Bedingungen Louis Marshalls für ein Zusammenarbeiten mit der zionistischen Organisation tatsächlich dieser gewisse Hemmnisse auferlegen, denn ihre bisherige Machtvollkommenheit wird durch die Annahme der nüchternen Forderungen der praktisch denkenden amerikanischen Nichtzionisten arg beeinträchtigt. Wenn man von der Konzession in bezug auf den Jüdischen Nationalionds absieht, bedeuten die meisten der anderen Punkte einen Sieg der realen Vernunft, die über phantastische Wünsche jüdischer Nationalisten mit Hohnlächeln hinweggeht. Fassen wir nur jenen Punkt des Memorandums ins Auge, der von den Siedlungsformen spricht. Es ist kein Wunder, daß die Vertreter der Poale Zion auf der Berliner Tagung gegen diese Forderung Marshall's Stellung nahmen, denn sie ist wirklich „eine Art von Vormundschaft über die Siedler", wie einer ihrer Redner sagte. Wenn auch nach dem Marshallschen Plane die Jewish Agency nicht die einzelnen Kolonisationspläne, sondern nur deren Rentabilität zu bestimmen hat und im Gegensatz zur früheren Ablehnung der Kwuzah ihr in den jetzigen Vorschlägen dieselbe Chance gegeben wird wie jeder anderen Siedlungsform, so will doch die Arbeiterpartei, wie das Mitglied der Exekutive Sacher richtig erwähnte, nicht bloße Gleichberechtigung für die Kwuzah, sondern eine privilegierte Stellung. Diesen Wunsch der palästinensischen Arbeiter erfüllt das Memorandum nicht. Und daß trotzdem auch die Arbeiterpartei für Weizmann stimmte, ja einer ihrer Vertreter ihm sogar die Anerkennung für seine Arbeit ausdrückte, das zeugt von dem gesunden Sinn der Mehrheit der zionistischen Organisation, der vielleicht in absehbarer Zeit auch in ihrer „Landespolitik4' sich auswirken wird. S&uiliefon, Die Religion der Völker und ihr Stifter. Eine Vorkriesserinnerung. Von Binjamin Segel. (Schluß.) Allerlei Gedanken gingen mir durch den Kopf bei der Lektüre dieses Schriftchens. Ich gedachte schließlich, es meinem Freunde, dem Diplomaten vorzulesen. Dieser hatte in geheimer Mission auf dem Balkan geweilt und auf seiner Rückreise aus Konstantinopel sollte ich mit ihm in Kolomea zusammentreffen. Mein Freund, ein Neffe des ehemaligen Statthalters Grafen Goluchowski, hatte früh die höchsten Stufen der diplomatischen Leiter erklommen, er war ein Mann von vielseitiger Bildung und reicher Weltkenntnis. Seine Spezialität bestand im Ersinnen ungeheuerlich klingender Schauergeschichten, wodurch er die Zuhörer verblüffte, um alsbald der Sache eine scherzhafte Deutung zu geben und alle zu erheitern. Er erzählte mir Wunder, wie er mit dieser Methode an den Höfen von Petersburg, Bukarest und Cetinje, besonders unter der Damenwelt für die Erhaltung des Weltfriedens gewirkt hatte. Im übrigen war er ein Realpolitiker strengster Richtung und ein rücksichtsloser Analytiker. Ich malte mir aus, wie er dieses Gemisch von naiver Utopie und revolutionärer Schwärmerei, das sich Religion der Völker nannte, satirisch zergliedern und hieraus einen Stoff bereiten würde für die Es ist bezeichnend, daß auf der Berliner Tagung nur der Vertreter Polens, der Führer der radikalen Zionisten, Sejmabgeordneter J. Grünbaum dieser verkrachten „Landespolitik" das Wort sprach. Er führte u. a. aus: Ich wende mich gegen die Auffassung, die meint, es gehe uns nur Palästina an, das andere jüdische Leben kümmere uns nicht. Die Aufgabe des Zionismus ist es aber, die Macht im jüdischen Leben zu erobern, nicht etwa ängstlich den Frieden zu wahren, um nicht die große Palästinaarbeit zu stören. Ein solches System wäre für unsere Länder sehr gefährlich. Der Redner geht dann auf die Notwendigkeit einer radikalen zionistischen Propaganda über, da insbesondere die Jugend nur dort sich angezogen fühlt, wo sie Kraft und ehrliches Wollen spürt. Wir wollen also wissen, ob Dr. Weizmann auch bei uns in Polen die amerikanischen Methoden anwenden will. Man greift sich an den Kopf und fragt sich, ob all die langjährigen schlechten Erfahrungen, die die Jüdischnationalen mit ihrer „Landespolitik" gemacht haben, sie noch immer nicht eines besseren belehrt haben. Merken denn diese Herren nicht, daß die Jugend sie dann verlassen wird, wenn sie zu lange auf Arbeitsmöglichkeit warten muß? Und kann vor allem Palästina sich den Luxus einer weiteren Verschiebung leisten, dessen Aufbau, wie das Mitglied der Exekutive Brodesky richtig bemerkte, „nicht durch Spitzfindigkeiten, sondern nur durch die Anstrengungen des jüdischen Volkes bewerkstelligt werden kann"? Was haben denn diese Herren „Radikalen" mit ihrer famosen Politik bisher für die Palästinaidee erreicht? Gerade ein Zionist (B1 u m e n f e 1 d, Berlin) gab auf diese Frage auf der Berliner Tagung die nächste Unterhaltung mit den hohen Damen bei Hofe, um den Weltfrieden zu erhalten. Mittlerweile interessierte mich die Frage: Auf welche Weise ist dieser kleine Apfelsinenverkäufer in Kolomea auf die Idee gekommen, eine Religion der Völker zu gründen, um den Weltfrieden zu erhalten? Ich beschloß, mir hierüber Aufklärung zu verschaffen. Am Abend besuchte ich ihn in seinem Heim, und im Verlaufe des Gespräches erfuhr ich Näheres über seinen Lebenslauf. Er hatte ein für die dortigen Verhältnisse beträchtliches Vermögen im Handel verloren und nach allerlei mißlungenen Versuchen, sich wieder emporzuarbeiten,schließlich angefangen, mit Zitronen und Apfelsinen zu hausieren. Es gehörte ein nicht geringer sittlicher Mut dazu, in derselben Stadt, wo man ehemals als angesehener Kaufmann gelebt, nun mit vorgebundenem Korb die Straßen und Kaffeehäuser abzuklappern und Zitronen feilzubieten, um nur seine Familie redlich zu ernähren. „Gott sei Dank, ich brauche keines Menschen Gnade . . ." Was ich über den Grad seiner allgemeinen Bildung erfuhr, bestätigte meine Vermutungen. Er verstand zwar etwas Deutsch, Polnisch und Ruthenisch, so daß er sich in diesen Sprachen leidlich verständigen konnte, aber ein Buch hatte er in keiner von ihnen gelesen. Die Namen der Größen der modernen jüdischen oder allgemeinen Literatur waren nie zu ihm gedrungen. Seine ganze geistige Nahrung floß lediglich aus der rabbinischen, der älteren religionsphilosophischen und ethischen Literatur. Er las die Tagesblätter, hatte aber von den Zusammenhängen der politischen Geschehnisse nur sehr unklare Vorstellungen. Auf meine Frage, was ihn angetrieben habe, die „Religion der Völker" zu verkünden, antwortete er: „Sehen Sie denn nicht, daß die Welt zugrunde geht, zugrunde gehen muß? Während wir hier so gemütlich plaudern, kann jeden Moment ein Krieg ausbrechen, der halb Europa verwüstet." Ich mußte lächeln, denn in den Straßen der gemütlichen Provinzstadt herrschte ein so angeregtes, friedliches Leben und hier draußen eine so schöne Ruhe, die Felder duf-

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