Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1938
- Issue
- Heft 11 (11.3.1938)
- Date
- 1938-03-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite_4 Nr. 11 — 11. März 193S DIE WAHRHEIT Häuseradministration Adolf Krall IV., ScMeifmüSilgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern das Beispiel Oesterreichs hin, das ebenfalls christlich eingestellt sei, jedoch an dem Prinzip der Gleichberechtigung festhalte. Der rechtsgerichtete „Magyansag" sagt, daß der Ministerpräsident durch den Passus über die Judentrage der rechtsradikalen Bewegung den Wind aus den Segeln nahm. Das Hauptgewicht legt die liberale Presse auf die Forderung, daß die Regierung den extremistischen Bewegungen mit restloser Energie begegne. Besorgnis unter den ungarischen Juden. Der ungarische Ministerpräsident Dr. Daranyi hat bereits bei einer früheren Gelegenheit erklärt, es bestünde auch in Ungarn eine Judenfrage. In seiner Rede in Györ aber hat er zum erstenmal eine „gesetzliche Regelung" dieser Frage im Sinne der Einschränkung des „Einflusses", d. h. der Betätigungsfreiheit, der Juden in Ungarn angekündigt. Diese Ankündiguni; hat unter den Juden Ungarns, die aufrichtige Patrioten sind und ihre Pflichten gegenüber dem Vaterlande in mustergültiger Weise erfüllen. Besorgnis hervorgerufen. Ans den Ausführungen des Ministerpräsidenten Daranyi in Györ läßt sich kein Schluß ziehen, wie sich die ungarische Regierung eine solche gesetzliche Regelung denkt: ob sie einen direkten „konfessionellen" Charakter tragen oder lediglich die Kultur- und sozialen Beruisschichten, in denen die Juden besonders vertreten sind, betreffen wird. Wie erinnerlich, wurde in Ungarn in der Zeit der „weißen Restauration" ein Numerus clausus gegen die Juden an den Hochschulen eingeführt. In der Zeit der Regierung des Grafen Bethlen wurde dieses Gesetz seines konfessionellen Charakter» entkleidet, in der Praxis aber wird der Numerus clausus bis auf den heutigen Tag weiter geübt. Wenn heute der ungarische Ministerpräsident eine gesetzliche Regelung der Judenfrage im Sinne einer Einschränkung der Betätigungsfreiheit der jüdischen Staatsbürger in Ungarn ankündigt, so darf kein Zweifel darüber walten, daß eine solche Regelung — mag sie eine konfessionelle oder eine andere Maske tragen — in der Praxis nur verwirrend und kulturell und wirtschaftlich zerstörend wirken kann. Die Betätigung der Juden in Ungarn ist ganz in das Interesse des Volks- und Staatsganzen eingebaut. Würde man die jüdische Energie, Kenntnis und Erfahrung irgendwie zu paralysieren versuchen, so würde man damit wichtige Pfeiler, auf denen Staat und Gesellschaft ruhen, in einer gefährlichen Weise lockern. Es erübrigt sich, darzulegen, daß der sogenannte „Einfluß" der Juden in dem politischen, kulturellen, sozialen und Wirtschaftsleben Ungarns keineswegs über •da< zahlenmäßige Verhältnis der Juden zur Gesamtbevölkerung hinaus wirksam wird. Das Gegenteil ist der Fall: Kaum auf einem Gebiete erreichen die Juden das, was ihnen gemäß ihrer Zahl und ihrer aufbauenden Potenz zukommt. Der jüdische Reichtum ist eine Legende der Vergangenheit. Es gibt ein großes jüdisches Elend in Ungarn. Die Pauperi-ierung der Massen nimmt erschreckende Formen an und seitens des Staates wird dem nicht entgegengewirkt. Wenn die Juden in manchen Intelligenz-, kaufmännischen oder handwerklichen Beruien ein wenig stärker vertreten sind, als dies ihrer Verhältniszahl entsprechen würde, so nur darum, weil, wie Generalsekretär Eppler in seinem in der letzten Nummer der „Wahrheit" besprochenen Vortrag bewies, sie in vielen anderen Beritten nur sehr wenig oder fast gar nicht vertreten sind. In die Beamtenschaft dringen junge Juden kagftv noch tinfha,& dffffcßalÄTltilm wi"**f n sie allmähwr elifffinförr E? isPfekaflm, daß züV'^eit der Bodenreform in Ungarn vornehmlich Juden gehörender landwirtschaftlicher Boden enteignet und .unter die christliche Bauernschaft verteilt wurde. Die Juden in Ungarn sind hauptsächlich der städtischen- Mittelschicht zugehörig, und innerhalb dieser Schicht bewähren sie sich als ein staatserhaltendes, wirtschaftsaufbauendes und auch moralisch sehr wertvolles Element. Aus manchen Wendungen in der Rede Daranyis seht hervor, daß er bestrebt sei, den rassenschützlerisch gesinnten Rechtspolitikern, soweit sie die Verfassung zu respektieren bereit sind, die Tür zum Eintritt in die Regierungspartei ofien zu halten. Die angekündigte „gesetzliche Regelung der Judenfrage" ,soll offenbar eine Konzession an diese Kreise bedeuten. Die fortschrittlichen Kreise sind überzeugt, daß Konzessionen auf diesem Gebiete der ungeeignetste Weg seien, will in.*;/ dem O.L'n St:i.M untergrabenden Rechtsradikalismus den Wind aus den Segeln nehmen. Hofrat Samuel Stern über die ungarische Judenfrage. Der Präsident der Isr. Landeskanzlei und der Pester Isr. Kuhu-gemeinde, Hofrat Samuel Stern, hat, als Antwort auf die mannigfaltigen antisemitischen Flugschriften, eine sachliche, alle Gesichtspunkte berücksichtigende Abhandlung über die Judenfrage in Ungarn herausgegeben, in der er die Verschmelzung des ungarischen Judentums mit der tausendjährigen Geschichte des Ungartunis aufzeigt und die Ergebnisse würdigt, die die Juden auf dem Gebiete der Magyarisierung. des wirtschaftlichen Aufschwungs und der Hebung der Kultur im Laufe der Jahrhunderte erreicht haben. Er tritt den antisemitischen Anschuldigungen mannhaft entgegen und beweist, daß die sogenannte Judenirage eine jeder Grundlage entbehrende Erfindung sei. Von den Freiheitskämpfen an bis zum Weltkriege und zu den antikommunistischen Revolutionen haben die ungarischen Juden stets ihre Pflicht gegenüber dem Vaterlande erfüllt. Hof rat Stern hebt auch hervor, welche Aktionen das ungarische Judentum für die Revision des Friedensvertrages durchgeführt hat, und stellt unter Beweis, daß es in Ungarn keinerlei „Einsickerung" aus Galizien gibt. Der materielle Verfall der Juden beweise am besten, daß es in Ungarn keine Bereicherung der jüdischen Elemente gebe. Hofrat Stern hebt schließlich den glühenden Patriotismus der ungarischen Judenschaft hervor. Nachstehender Artikel, der „Jüdischen Pressezentrale" Zürich entnommen, ist wohl teilweise auf schweizerische Verhältnisse zugeschnitten, hat aber für all jene Staaten, in denen Juden ihr Vaterland gefunden habenv.. Gültigkeit. Die Schriitleitung. In Krisenzeiten tritt in einzelnen Presseorganen immer wieder gegerr die Juden der Vorwurf auf, sie huldigten dem Internationalismus; sie hätten als Geheimbund ihre „Fäden" in die ganze Welt ausgestreckt und ^en deshalb die einzig Schuldigen an der ökonomischen Weltmisere. Als Beweis für derartige Behauptungen führt man gerne an, daß die JjUdcn in allen Ländern der Welt anzutreffen seien.' Dieser Beweis ist ebenso töricht, wie wenn man erklären würde, überall, wo Katholiken anzutreffen sind, stehen sie in einein unkorrekten geheimen Bunde mit einander; diesem katholischen Bunde würden sie leichtfertig das Heil ihrer politischen Heimat opfern. Es ist wohl richtig, daß infolge der von Zeit zu Zeit auftretenden Verfolgungen Mitglieder einer gleichen jüdischen Familie oft in die verschiedensten Länder zerstreut werden und dann selbstverständlich auch nachher noch mit einander im Verkehr bleiben. So haben gegenwärtig viele Eltern Deutschlands ihre meist noch unmündigen Kinder ins Ausland schicken müssen, weil ihnen für die Zukunft in der alten Heimat eine Lebensexistenz ausgeschlossen erscheint. Da nun aber nur sehr selten mehrere Kinder der gleichen Familie an dem gleichen Platz der Fremde untergebracht werden können, müssen die Kinder oft Tausende von Meilen von den Eltern und von einander getrennt werden. Bei der ursprünglichen Familieninnigkeit ist es doch, ganz natürlich, daß trotz der örtlichen Trennung die Beziehungen noch aufrecht erhalten bleiben, daß ein jedes der Familienmitglieder suchen wird, dem andern nützlich zu sein. Diese „Familieninternationalität" sollte man schätzen. Es ist traurig genug, daß-Menschen der gleichet Familie ohne -ihr Wollen gezwungen sind, so w-eft^von-einander fern zu leben, daß sie sich in vielen Fällen nie mehr sehen können, daß zehn- bis achtzehnjährige Kinder die direkte Betreuung durch ihre Eltern verlieren. Solche Erscheinungen der erzwungenen ..Internationalität" sollte man nicht mit hämischen Worten behandeln; die Verfolger sollten sich ihrer schämen. Eines aber muß unter allen Umständen festgehalten werden: Die „Internationalität" beschränkt sich auf die nächsten Familienangehörigen. Aber die Juden im internationalen Kapitalismus, im internationalen Handel und Bankwesen, in 3}e§tfkiaäcdi$es mm $aq.e. IL März 1812 wurden den Juden in Preußen da? Staatsbiirgerrecht erteilt. 12. März 1893 starb Ludwig August Fr an kl von Hochwart, Dichter and Sekretär der Wiener Kultusgemeinde, in Wien. 13. März 1893 starb der Politiker Adoli Fischhof in Emmersbach. 14. März 1854 wurde Paul Ehr Ii c h (Salvarsan) in Strehlen geboren. 15. März 1808 starb Fromet Mendel söhn, die Gattin des großen Philosophen. 16. März 1825 starb August von Wasser m ann (Wassermannsche Reaktion). 17. März 1848 hielt I. N. Mannheimer seine berühmte Rede am Grabe der Märzgefallenen in Wien. Buchhaltungsbüro Wartin Haim Wien V., Margaretenstr. 121, Telephon B 25-1-81 L Bilanzen,Revisionen, Pauschalbuchhaltungen, Steuer-Wirtschafts-Beratung Mäßiges Honorar, Besuch unverbindlich _Gegründet 1912 der internationalen Industrie? Es mag einzelne Spekulanten unter ihnen geben, denen die Geschäftlichkeit und der Gewinn wichtiger sind als die Größe und der Wohlstand der Heimat. Aber was berechtigt den Nichtjuden zu glauben, daß solche Geschöpfe der zahlenmäßig unendlich viel größeren Mehrheit der Juden aus den armert mittleren und selbst vermöglichen Kreisen sympathisch und erwünscht seien, allen übrigen Juden, die keinen anderen Wunsch kennen, als ihrer Heimat zu dienen, in ihr geschätzt zu sein und hier friedlich ihr Auskommen zu finden? Zudem ist aber zu sagen, daß die eben charakterisierte Klasse übler „Internationaler" durchaus kein Privileg der Juden ist; im Gegenteil bilden die Juden unter ihnen, - absolut genommen, eine kleine Zahl; laber sie sind gewiß auch relativ in der Minderheit. Mit der relativ sicherlich kleinen Zahl der jüdischen Spekulanten haben aber die Juden als solche und in ihrer überwiegenden Mehrheit nichts gemeinsam. Wir begrüßen es vielmehr, wenn man dieser Gesellschaft auf die Schliche kommt, wenn man ihr hematschädliches Gebaren unmöglich macht. Man soll sie als Individuen erledigen, aber nicht als Angehörige einer alten Ifeligionsgemeinschaft Wenn bei einem Nichtjuden Unkorrelktheiten aufgedeckt werden, so tadelt man ihn in der Oeffentlichkeit mit Anführung seines Familien- und Vornamens, aber niemandem würde es einfallen, ihn als „Protestant" oder „Katholik" zu erwähnen und damit die ganze Christenheit für das Einzelvergehen verantwortlich zu machen. In allen Ländern der Welt spricht man den Schülern von der sittlichen Bedeutung der Aus-, landsreisen und -aufenthalte. Damit, sagt man, werde der Blick erweitert, vor allem aber werde das Verständnis für andere Menschen geweckt. Wer nie die Grenzen seiner Heimat überschritten hat wird leicht zur Intoleranz verführt, hält Menschlichkeit nur in der eigenen Heimat für mög-, lieh, unterschätzt leicht alle anderen Völker als minderwertig, begegnet ihnen mit Antipathie, wird intolerant: Dön mfeistelv'Nichtju^a.'ist efs;woh]'ün^.. :-bekamt, wieder ^auvmßmus!gege:ri alles Fremde/1 also auch gegen fremde Juden, auch bei den Juden selbst bekannt ist, und zwar bei denjenigen, die nie ihre Heimat verlassen haben. Aber es gibt noch den anderen Internationalismus, m dem wir uns lebhaft bekennen, zu dem sich keine Geringeren als die aufrichtigen Patrioten Briand, Stresemann, Rathenau bekannten. Den Internationalismus als Begriff der Humanität. Kurz vor dem Weltkrieg erschien ein.Buch des Livorneser Rabbiners Ehe Benamozegh; „Israel et Vhumanite", zu dem der berühmte französische Theologe Hyacinthe Loyson die begeistert zustimmende Judentum und Internationalismus.