Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1938-03-11 · Heft 11 (11.3.1938) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1938
Issue
Heft 11 (11.3.1938)
Date
1938-03-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064714-3064725--21534-3086899
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE WAHRHEIT Nr. 11 — 11. März 1938 Seite 3 Purim-Betrachtungen. Jlzsideaz-Atetie* So oft wir Juden in der gegenwärtigen Lage das Purimtest begehen und uns traditionsgemäß an dem erbaulichen Inhalt und der trostreichen Symbolik der Megilla Esther aufrichten wollen, wissen wir, daß uns Gott nicht im Stiche läßt. Aber das Spiel der zeitgenössischen Politik enthält unserer Ungeduld das happy end allzu lange vor, obwohl unsere heutigen Ansprüche an dieses wesentlich bescheidener sind als zur Zeit Mardochais: Wir modernen Juden wollen bloß in Ruhe gelassen werden, aber wir trachten niemandem nach dem Leben. Wenn irgendjemand, dann dürfen w i r uns frei bekennen von jener Mentalität, deren Ueberwindung Bundeskanzler Dr. S c h u s c Ii n i g g in seiner großen Rede vom 24. Februar als die Voraussetzung des inneren Friedens gefordert hat: nämlich, von der Einstellung, -,die mit der bloßen Vorstellung des Gegners zugleich den Vernichtungswillen verbindet." In der jüdischen Vorstellung ist UEIIAClflilO Uraufführung des stärksten jiddi- Fl«H/»-RIH*/ sehen Films der Gegenwart II., Taborstraße Nr. 36 nBB Telephon R 41-3-50 Vi 4, 7=6, Vi 8, Vi 10 NESTROY-KINO I., Praterstraße Nr- 34 Telephon R 41-707 ,„ iiddischer Sprache , 7*4, Vi6, 'U8, iU 10 deutschen Fußtiteln. D9B0K sobald er dessen Verdienste um das Vaterland erkannt hatte, an die Stelle des antisemitischen Ohrenbläsers Haman.zu setzen. Die höher gediehene politische Weisheit von heute verlangt das Gegenteil. In Raiästina unterhöhlt der blutige Terror der Araber die englische Position im Lande. Was tut die Mandatarmacht? Sie sperrt den auf friedlichen Kulturautbau bedachten Juden die Einwanderung, gleichzeitig will man die friedliche Erwerbstätigkeit der jüdischen Steuerzahler just in den Berufen, für die sie besonders disponiert sind, einschränken, ohne ihnen andere Tätigkeitsgebiete zu gönnen. Nicht nur der alte König Ahasverus würde sich in dieser Politik nicht zurecht finden, zuweilen verliert auch ein repräsentativer Kopf der modernen Kultur die Uebersicht und den richtigen Maßstab für die Ereignisse und dann kommt es zu so bedauerlichen Mißverständnissen, wie der Absage Toscaninis an die Salzburger Festspiele. Im Interesse der verkannten österreichischen Kultur muß man hoffen, daß der Maestro seinen Irrtum doch noch einsieht und wieder gutmacht. Um dies zu erreichen, ist es aber ein grotesker Irrweg, wenn ausgerechnet das „Wiener Montagblatt" dem charakterfesten Musiker, der in puncto Antisemitismus keinen Spaß verstellt und nur aus falscher Beiirfür moderne Photographie Wien I., Fleiscbmarkt 1 / Tel. R 29-2-80 Sonn- und Feiertage geöffnet. Spezialabteilung für Brautaufnahmen. Ein Kabinettbild und drei Karten S 15.— teilung der inneren Politik Oesterreichs absagte, die vorwurfsvolle Frage stellt, ob dies so sein mußte. Zum Glück dürfte Toscanini dieses Geistesprodukt kaum zu Gesicht bekommen, aber schon sein Wissen, daß es solche Presse-Erzeugnisse gibt, genügt, wie sich leider zeigt, um sein Mißtrauen gegen ein Land, in dem sie erscheinen können, in übertriebener Weise wach zu erhalten. Das Erfreulichste ist, daß Toscanini mit seiner prinzipiellen Ablehnung judenfeindlicher Politik unter den bedeutenden Zeitgenossen keineswegs allein steht. Mussolinis dezidierte Absage an den Antisemitismus, die Erklärung der türkischen Regierung, daß ihr Land jüdischen Einreisewilligen offen stehe, die demonstrative Ehrung des elsässisehcii Deputierten Grumbach in der Pariser Kammer, als er seine jüdische Abstammung erwähnte, sind symptomatisch für die hoffnungsvolle Tatsache, daß auch in unseren Tagen die Bäume Hainaus nicht in den Himmel wachsen Dr. H. Sp. DaranyisRede über die „Judenfrage66 in Ungarn. der Begriff des Gegners immer nur mit dessen Vernichtungswillen gegen uns unlöslich verbunden. Schwört er seinen Wahn ab, dann hört er auch lauf, für uns einen Gegner vorzustellen. Ein klassisches Beispiel hiefür war der im Vorjahr verstorbene Prager Bürgermeister Dr. Baxa. der in jungen Jahren als antisemitischer Advokat im Ritualmordprozeß gegen Hülsner berüchtigt war, als reifer Mann aber zu anderen Anschauungen gelangte und daher bei den Juden nicht nur keinen Widerstand, sondern sogar aktive Unterstützung bei seiner Wahl zum Oberhaupt der tschechoslowakischen Hauptstadt und bei der Führung dieses Amtes gefunden hat. Das Schlagwort von der alttestamentarischeu Rachsucht und der jüdischen Nachträglichkeit beruht eben iauf der Verleumdung niedriger Seelen, die uns — ihre eigenen Laster in die Schuhe schieben. Gewiß wehren wir uns unserer Haut, wenn wir angegriffen werden, und freuen uns über den unausbleiblichen Endsieg unserer gerechten Sache. Der Galgen des Haman ist bloß ein naives Symbol dieser Freude, entsprossen nicht etwa jüdischem Blutdurst, sondern den primitiven Anschauungen einer weit zurückliegenden Zeit, die in der Megilla ihr literarisches Denkmal gefunden hat. Die unleugbare Primitivität dieser Kulturepoche erhellt ja auch noch aus anderen Grundzügen der Megilla. Wie märchenhaft einfältig ist schon der Aufbau und die Motivierung der Handlung: Zuerst redet man dem König ein, daß wir Juden schlecht sind, also haßt er uns und beschließt unsere Vernichtung. Dann überzeugt ihn Esther durch den Augenschein, daß es auch liebenswürdige Erscheinungen unter den Juden gibt, also wandelt sich sein Haß in Lieb e. Welch unkomplizierte Schwarz-Weiß-Manier der literarischen Technik! Wie herrlich weit hat es dagegen die stolze Kulturentwicklung im Laufe der seither verstrichenen Jahrtausende gebracht: Heute leugnet man gar nicht, daß die Juden auch Tüchtiges zu leisten imstande und beflissen sind. Aber gerade aus dieser Fähigkeit und diesem Eifer dreht man ihnen jetzt den Strick. Daß die Juden die wenigsten Aratlphabeteii und-r-'dfe> meisten InteIHgWzarbeiter haben, wird als r~ "-aufreizend empfunden. Die deutschen Nationalsozialisten brandmarken schon lange den guten Juden als den eigentlichen Feind, und der ungarische Ministerpräsident hat dieser Tage das Bestehen einer Judenfrage festgestellt, weil die Juden infolge besonderer Disposition, zum Teil 'aber auch infolge Gleichgültigkeit der ungarischen Rasse in gewissen Zweigen des Wirtschaftslebens eine unverhältnismäßig große Rolle spielen. Er plädiert für Herabsetzung des jüdischen Einflusses auf ein „entsprechendes" Maß. Der primitiven Staatskunst des Königs Ahasverus schien es „entsprechend", den Juden Mardochai, Ministerpräsident Dr. Daranyi hielt am Samstag, den 5. März, in einer Versammlung der Regierungspartei in Györ eins große politische Rede, in der er u. a. ausführte: Diejenigen Rechtspolitiker, die mit verfassungsmäßigen Mitteln iür die Verwirklichung ihrer Bestrebungen kämpfen wollen, betrachten wir als politische Gegner und wir wollen ihnen mit den Waffen der Ueberredung entgegentreten; wir würden auch ihren Eintritt in unsere Partei sehr gerne sehen. Die uinstürzlerische Agitation hingegen muß im Keime erstickt werden. Würde man diesen oder jenen Führer dieser extremen Bewegung befragen, was sein Programm sei, so könnte die Antwort aufrichtig nur lauten: Hier bin ich und mein Ziel ist die Uebernähme der Macht. Alles andere ist nebelhaft. Ein Haupttürrain dieser Bewegungen, fuhr Ministerpräsident Dr. Daranyi fort, ist die J u d e n r r a g e. Ich Hausu. Küchengeräte Glas- und Porzellanwaren. Edelkeramik, Bleikristalle, Komplette Ausstattungen in bester Qualität Samuel Zuckermann Wien Ii, ImWerd 1, Telephon A-41-6-45 glaube, es wäre vollständig überflüssig, theoretisch darüber zu debattieren, ob es richtig oder unrichtig sei, von der Judenirage zu sprechen. Es gibt eine Judenirage. Und sie ist eines der unerledigten Probleme unseres öffentlichen Lebens. Ist sie aber unerledigt, so kann ich nur ihre planmäßige und gesetzliche Regelung iür möglich halten. Das Wesen der Frage erblicke ich darin, daß das innerhalb der Grenzen unseres Landes lebende Judentum infolge besonderer Dispositionen, zum Teil aber auch infolge der Gleichgültigkeit der ungarischen Rasse in gewissen Zweigen des Wirtschaftslebens eine unverhältnismäßig große Rolle spielt. Unverhältnismäßig ist die Lage auch vom Gesichtspunkte aus, daß das Judentum zum überwiegenden Teile in den Städten des Laiides, in erster Reihe in der Hauptstadt, lebt. Das Judentum brachte sich in unverhältnismäßig großer Zahl in jenen Beschäitigungszweigen unter, in denen die Erwcrbsmöglichkeit leichter und günstiger ist. Der Zustrom der Juden in die Hauptstadt kam natürlich auch im Kultur- und Wirtschartsleben dieser Stadt zum Ausdruck und diese Aeußerung stand nicht stets im Einklang mit den Lebensbestrebtingen des Ungartums. Der Widerspruch, der sich aus dieser gegebeneu Lage entwickelt, verhindert die volle Zusammenfassung der nationalen Kräfte und bildet ein ständiges aufreizendes Moment im öffentlichen Leben des Landes. Die Grundbedingung der gesetzlichen und planmäßigen Regelung der Frage ist also, daß wir eine gerechte Lage scharien. Eine gerechte Lage, die die erwähnten sozialen Utiverhältnismäßigkeiteu ausschaltet und den Einfluß des Judentums auf den kulturellen und sonstigen Gebieten des nationalen Lebens aui das entsprechende Maß herabsetzt. Eine solche Regelung, die der christlichen Gesellschaft auf dem Gehiete der Industrie, des Handels, des Kreditlebens, in den wirtschaftlichen Unternehmungen die ihr zustellenden Bedingungen sichert, dient auch den Interessen des J U-d entu m s selbst, denn sie ist geeignet, den Antisemitismus und damit zugleich die Ausdehnung der extremen unduldsamen Bewegungen herabzumindern. Unterrichtsminister Horn an hielt am 8. März in Szentes eine Rede, die als Erläuterung des Abschnittes in der Rede des Ministerpräsidenten Daranyi in Györ über die Judenirage erscheint. Hornau führte aus, die Judenirage könne nicht mit dem Knüppel gelöst werden. Das alteingesessene Judentum suchte sich dein ungarischen Geist anzupassen, die Neugekonimenen aber sonderten sich ab. Es sei auch ein Interesse des alteingesessenen Judentums, daß diese Frage gelöst werde, denn nur das führte zu einer Ableitung des Antisemitismus. Die christliche Jugend müsse durch entsprechende Ausbildung konkurrenzfähig gemacht, die unrechtmäßig eingesickerten Juden müßten entfernt, bei der jüdischen Jugend müsse durch gesellschaftliche Erziehung erreicht werden, daß sie sich der nationalen Aufiassung anpasse und alle diejenigen ausstoße. 6ie sich dem ungarischen Geist entgegenstellen. Die fortschrittliche Presse iür Gleichberechtigung der Juden. Die ungarische Presse widmet der Rede des Ministerpräsidenten Daranyi eine ganz besondere Auiinerk-amkeit. Die liberalen Blätter, wie „Pester Lloyd", ..Magyar Hirlap--. „Uipesf, „Pesti Naplo", führen aus, daß der Ministerpräsident angesichts der rechtsextremistischen, hauptsächlich auf den Antisemitismus sich gründenden Strömimg anscheinend genötigt war. auch in der Judenirage Stellung zu nehmen. Diese Blätter vermissen aber in dem Passus über die Judenirage die Anerkennung der Verdienste des Judent ii m s, namentlich um die Industrialisierung des Landes, die wesentlich zur Ermöglichini;;: der1 ^Leistung des' jetzt gerorderten Opfers beitrage. „Ujsag" weist auf Die besten Eisen WirstmM SeMwarai 3mal täglich frisch bei IKEl,lUll.,mitlSfIii(33 Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-Jisroel-(Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A Ja Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. I

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.