Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1938
- Issue
- Heft 11 (11.3.1938)
- Date
- 1938-03-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 11 — 11. Marz 1938 Das Judentum und die Gleichberechtigung. ..Von niemandem wird verlangt, da« er sich etwas Ungebührliches getallen lasse!" ör. Kurt v. Schu.<chnigg in seiner lunshrucker Rede. Der Generalsekretär der Vaterländischen Front. Minister Guido Zernatto. hat in seiner Rundfunkansprache vom 6. März Worte geprägt, die freudige Zustimmung im Herzen eines jeden österreichischen Menschen finden. Er hob hervor, daß die Freiheit und Ii n a b h ä n g i g k\e i t unseres Vaterlandes primär in unserer unbändigen Liebe zu diesem Lande, in unserem Willen zu diesem Lande und in unserem Glauben an dieses Land verankert ist. Tapezierer u. Dekorateur Eigenes Heinrich Bauer Wien III., löweng. 36, Tel. U-11-8-76 Auch unsere Herzen schlagen stark für Oesterreich. Wir Juden, deren eigene und. deren Väter Wiege in Oesterreich stand, deren Familien seit vielen Jahrhunderten in Alt-Oesterreich beheimatet sind, lieben unsere Heimat. Wir wuchsen in der österreichischen Landschaft und Denkart auf. Wir lieben Oesterreichs Berge und Täler, Seen und Städte, wir lieben die Straßen und Plätze. Oesterreichische Menschen waren unsere Erzieher, österreichische Kinder unsere Spielkameraden. In Oesterreichs Heer kämpften und fielen wir für Oesterreichs Ehre. Wir gaben dem Land berühmte Minister wie Sonnenfels, eine Reihe hervorragender Gelehrter, Aerzte und Erfinder, wie den eben verstorbenen modernen Archäologen Löwy, wie Freud, wie Semmelweiß, Markus, der das Automobil, und Schwarte, der das starre Lenkluftschiff erfand. Wir gaben Oesterreich seinen größten Lyriker Hugo v. Hofmannsthal, Dramatiker vom Range eines Beer-Hofmann, Schriftsteller wie Arthur Schnitz- Jer, Musiker und Architekten, Maler und Bildhauer, wie den lebenden Meister Georg Ehrlich. Jüdische Oesterreicher kämpfen für Oesterreichs Ruhm in der Welt: Reinhardt, der Maler Epstein, der Flieger Kronfeld. Der Namen wäre kein Ende, wollte man sie alle nennen. Wir halfen den Wohlstand Oesterreichs im vergangenen Jahrhundert mitbegründen und aufbauen. Wir helfen auch heute mit! Wir kennen Oesterreich und lieben es. Wir dürfen es lieben und wir müssen es! Wir haben für Oesterreichs Ehre, Freiheit und kulturelle Weltstellung bisher keine Opfer gescheut und werden es auch weiter nicht, solange man uns nicht grob zurückstößt und uns von jeder ersprießlichen Mitarbeit ausschließt. Wir müssen heute schon klar erkennen, was die nahe Zukunft bringen kann. Wir dürfen keinen Schritt zurückweichen, denn wir sind im Recht und haben für unser Recht bezahlt und wollen es auch fürderhin. Wir müssen sagen, wer wir sind und was wir wollen, solange ein freies, wahres Wort hier gilt und unser Wort gewogen wird: Jeder von uns ist sich seiner Verantwortung bewußt, jeder von uns kämpft mit für Oesterreichs Weltgeltung, für seine kulturelle Stellung, seine wirtschaftliche Gesundheit, sein soziales Wohlergehen, für Oesterreichs Ehre, für seine Unabhängigkeit, für Freiheit und Gerechtigkeit in Oesterreich. Jeder von uns, mag er Gelehrter oder Künstler, Journalist oder Ingenieur, Kaufmann, Handwerker oder Arbeiter sein! Wir wollen Oesterreich und wir glauben an Oesterreich! Restaurant Stefanie Hugo u. Julie Herlinger, geb. Zollner II., TaborstraS« 12 Tel. R 41-4-46 Erstklassige renommierte Küche, große Auswahl. Reichhaltige Menüs von S 1.60 aufwärts. Exakte Bedienung. Täglich frische Fische. Neu renovierter ' Speisesaal. DIE WAHRHEH Wenn heute an die Neubesetzung öffentlicher Stellen geschritten wird, so haben wir ein Recht, zu fordern, daß keiner einen verantwortungsvollen Posten erhalt, der sein Ziel in der Diffamierung des Judentums, in demagogischer Aufreizung des Volkes zu Religions- und Rassenhaß erblickt. Wir dürfen fordern, daß kein Agitator, keine Zeitung das Recht behält, ungestraft das Judentum zu beschimpfen, zu verleumden und herabzusetzen. Wir dürfen fordern, denn wir sind gute Oesterreicher und wollen es gerne bleiben. Wir müssen es fordern, denn nichts ist so geeignet, Oesterreichs Ansehen und kulturelle Stellung so sehr in der Welt zu festigen, als der Beweis wahrn haften und standiesten humanistischen Geistes gegenüber dem Judentum. Wir haben die Absage Maestro Toscaninis nicht übersehen. Wir müssen annehmen, daß sie einer Meinung entspricht, wonach die geistige Freiheit und Ordnung in Oesterreich schon verloren sei. Die Weltmeinung verlangt nach Tatsachen'. Wir ersuchen die Bundesregierung, Verordnungen zu erlassen und Gesetze vorzubereiten, die 'die Ehre der Oesterreicher jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung vor weiteren Verunglimpfungen schützen, die Aufhetzungen zum Judenhaß unter Strafe stellen und die gewährleisten, daß' jeder einer öffentlichen Stelle verlustig erklärt wird) der durch offene antisemitische Einstellung gegen das Grundgesetz von der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz verstößt. Wir sind überzeugt, daß diese eindeutige StSk lungnahme. der .Regierung allein dazu geeignet ist.' nach außen hin alle Bedenken über Freiheit und Ordnung in Oesterreich zu zerstören und nach innen hin alle hier und da aufflammenden Ausschreitungen zu unterdrücken und allen gegen die Ehre Oesterreichs verstoßenden Weiterungen vorzubeugen. Oesterre'ch über alles, so es nur will! Dr. Georg B e r g e r. SCHNEIDERMEISTERü^dltCtT 23ÜC^lcr I., Rotenturmste. Telephon U 28-2-80 verfertigt nadi Maß Mäntel, Kostüm«, Komplets. __Erstklassige Ansfflhrung. Zahlungierleiditerung FEUILLETON. Porim-Erinnerungcii. Von Johanna Tauber. Die Poesie des Purims war eine ganz eigenartige. Das Maskieren, wenn es noch so primitiv war, arme Burschen drehten ihre Röcke um, diese ewige Flucht aus dem Alltag, war eines der Hauptvergnügungen. Der Purim in Eisenstadt, dem jüdischen Mekka, war besonders berühmt Die wohlhabenden Familien richteten an diesem Tag einen* Tisch her, mit Süßigkeiten, Torten, Gebäck, Südfrüchten, Likören und Weinen. Die jungen Leute zogen maskiert von Haus zu Haus, trieben in den Straßen Schabernack, wurden bewirtet, ohne daß sie ihr Inkognito lüften mußten. Ein junger Mann, Beamter einer großen Firma, unterhielt sich mit einer 'Maske. Diese wurde schnippisch und er ließ sich zu einer Ohrfeige hinreißen. Es war am nächsten Tag für ihn eine große seelische Erschütterung, als er hörte, daß die unbekannte Maske die schöne Tochter seines Chefs war, die er insgeheim innig liebte. Er glaubte schon seine Zukunft gefährdet, es waren aber Menschen vom Format, die die Sache nur von der komischen Seite nahmen. Bei uns in der Slovakei spielte sich das Fest in einfachen Formen ab. Meine Mutter war um diese Zeit sehr beschäftigt, als Präsidentin des jüdischen Frauenvereines arrangierte sie immer einen Ball. Es mußte auf alle Wünsche Rücksicht genommen' werden, da die Toilette nicht kostspielig sein durfte. Einmal war ei ein Kalikoball, ein anderesmal schlug eine Dame des Komitees einen Schürzenball vor, der wurde aber als zu vulgär verworfen. Im Hause wurden große Vorbereitungen getroffen. Trotzdem das kulinarische Programm seit Generationen immer nach alter Tradition dasselbe war, waren meine Mutter und Großmutter jedesmal erregt Ob auch die Bäckerei gut ausfallen werde. Zuerst wurde der Honigkuchen gebacken. Das war schon eine «roße berechtigte Aufregung. Das Rezept begann: Man nehme 42 Eier, es kam auch Pottasche hinzu, diese Ingredienz hat aber nie genau gestimmt Gab man zu wenig, blieb der Teig letschig, gab man zuviel, lief er über und nur eilte dünne unansehnliche Kruste blieb in der Form. Der Fladen war der Höhepunkt, der war fest wie Beton, da gab es keinerlei Enttäuschungen. Meine Mutter entkernte tagelang die Nüsse. Der Mohn wurde im hölzernen Mörser von der Bauernmagd im Hofe gestoßen, in der Küche hätte es das ganze Haus erschüttert. Ein mürber Teig mit Gansfett war das Fundament, dann kam je eine Lage Nüsse, Mohn, Powidl, Aepfel, dazwischen immer eine Lage Teig, oben ein Teiggitter. Aus ähnlichem Teig, manchmal wurde auch Rindsmark dazu genommen, wurden die Kindl gemacht, die mit Mohn und Nuß gefüllt waren. Von den Dichtern ist der Fladen nie genügend gewürdigt worden. Den Scholet haben Heine und Börne besungen. In neuerer Zeit hat Ludwig Bauer in seinen Wiener Spazierreimen Scholet, Gansleber und Kugel verherrlicht. (Neue Freie Presse.) Sagt man Schalet oder Scholet? Komm' darüber nicht ins Reine Scholet schrieb und sagte Börne Schalet schrieb und sagte Heine. Wenn mir Schalet in den Sinn kommt, Meine Seele Hymnen zwitschert Und in Ehrfurcht nenn' loh Schalet öen gesalbten König Ritschert. . Aus dem schon erwähnten Schaäef . Sieht man einen Gansteil winken Wer davon gekostet, möchte An das Herz der Schöpfung sinken. Lob und Preis der Gänseleiber, Die als Vorspeis' souverän ist, Seltsam, daß sie nicht im Buche Des Herrn Brillat Savarin ist. Wenn ich Gänseleber esse, Meine Sorgen sich vermindern, Diese wahre Himmelsspeise Gönn' ich allen Menschenkindern. Wenn mich nimmer freut das Leben, Wenn zuwider wird ein Weib mir, Wenn der Staat mich ärgert, jag' ich Eine Kugel durch den Leib mir. Ach, in dieser Perle, paart sich Mit dem Süßlichen das Scharfe, Sie ist scharf wie Hamans Zunge, Sie ist süß wie Davids Harfe. Aber hoffentlich -kommt bald ein Barde, der diese Lücke ausfüllt und den Wohlgeschmack des Fladens in klangvollen Versen bringt. Von all diesen Götterspeisen wurden Geschenke, Schlachmones, geschickt im Ort an Verwandte und Bekannte, auf Schüsseln, die m weißen Servietten gebunden wurden. Die Verwandten von auswärts bekamen Kistchen, die mit Liebe und Sorgfalt gepackt waren. Diese sandten wiederum Geschenke. Die Urgroßmutter bekam als besondere Delikatesse Ingwer. in Zucker eingekocht, in einem chinesischen, blau und weiß glasierten TongefäB. Tante Herm'me Wolf aus Ersenstadt, die Lady Patroneß der Familie, sandte eine große Kiste mit Backwerk. Dieses war mit Phantasie zubereitet Da gab es herrliche Sachen, Bärentatzen aus Grillage, Marzipankartoffel, Husarenkrapfen, Pariserstaugerln u. a. Leckerbissen mit exotischen Namen, die mit Genuß analysiert und gespeist wurden. AUjährüich wird eine schöne Purimfeier bei meinen; .Verwandten WJien, veranistaitet Die Tante' lädt Gäste ein.ufld Orikel, der •unberufen ,-bis hundert,'über achtzig Jahre alt ist, läßt sich jedesmal ein neues Damenmaskenkostüm machen. Er betrachtet das als religiöse Zeremonie, auf die er großen Wert legt Er hat geheimnisvolle Besprechungen mit der Schneiderin, er läßt sich den Busen ausstopfen und amüsiert sieh ttbniglich am Abend, wenn die Herren mit ihm schäkern und seine Reize bewundern. Die heutige Generation wird es hoffentlich auch verstehen, die alten Feste neu aufleben zu lassen. In Palästina ist Purim bereits zu einem öffentlichen Fest geworden und zur Taluchah, dem Umzug, kommen aus dem In- und Ausland zahllose Festgäste, ebenso wie zu den Glanzzeiten des Karnevals in Nizza.