Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1938
- Issue
- Heft 10 (4.3.1938)
- Date
- 1938-03-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite o Nr. 10 — 4. März 1938 DIE WAHRHEIT DIE ZEITUNG UND IHRE WELT OESTERREICHISCHE PRESSEAUSSTELLUNG 4.BIS 20.MÄRZ 1938 VERANSTALTET VON DER OESTERREICHISCHEN PRESSEKAMMER IN DEN AUSSTELLUNGSRÄUMEN OES OESTERREICHISCHEN MUSEUMS FÜR KUNST UND INDUSTRIE. WIEN. I. WEISKIRCHNER- STRASSE (ECKE STUBENRING) OSOFFNET TSOL. 10-19 UHR EINTRITT 40 OROSCHCN tU OER ABGABt DIESES INSEBATES AN OEB AUSSTELIUNGS- *ASSAEBHAtTENS!E EINE EINTBITTSKABTE ZUM HALBEN PBEIS Jeder müsse wissen, daß er in seiner inneren wie äußeren Haltung verantwortlich sei für das ganze Schicksal unserer Gemeinschaft. Es sei beglückend zu sehen, wie natürlich die jüdische Jugend in Deutschland im Gegensatz zu den älteren Menschen auf das Geschehen reagiere, wie sie sich mit einer freudigen Selbstverständlichkeit den neuen Berufen, dem Handwerk, der Landwirtschaft, den großen Anforderungen des Sprachenlemens, unterziehe. Große Sorge machten den dazu berufenen Organisationen gerade die intellektuell begabten Kinder. Landwirtschaftliche und handwerkliche Berufe seien selbstverständlich für Kinder aus allen Häusern, ob arm oder reich, wichtig. Es sei aber notwendig, audli eine natürliche Berufsauslese unter der jüdischen Jugend zu treffen und zu verhüten, daß nun draußen in der Welt wieder eine Zusammenballung von Juden in einigen wenigen Berufen entsteht, die leicht zu sozialen Katastrophen führen könne. Dr. Swarsensky sprach dann von der Notwendigkeit, in stärkerem Maße als früher die Ueberseewanderung zu fördern, und wandte sich energisch dagegen, daß man einen Gegensatz zwischen der Wertigkeit einer Palästinawanderung und einer Ueberseewanderung konstruiere. Es sei nicht gerecht, zu sagen, daß jemand, der z. B. nadh Amerika oder Australien geht, ein schlechtes jüdisches Gewissen haben müsse, da er keinen jüdischen Weg gehe. Wenn man dieser Meinung wäre, dann würde man 98 Prozent der Juden die Legitimität ihres Daseins absprechen. Denn die Wirklichkeit zeigt, daß 98 Prozent der Juden in der Diaspora leben. Wenn ein Mensch in seinem Denken, in seiner Weltanschauung, seinem Ethos und seiner geschichtlichen Verbundenheit jüdisch denkt und fühlt, lebt er überall e:n legitimes Judentum. Der Centrai-Verein widme seine Arbeit, ohne alte Abgrenzungen zu ziehen, allein, was echt und wirklich jüdisch ist. Aber auch in unserer Situation, so schloß Dr. Swarsensky, gelte das alte jüdische Wort „Der Tag ist kurz, die Arbeit groß. Dir liegt es nicht ob. das Werk zu vollenden, aber du darfst dich der Arbeit niemals entziehen". Als dritte Rednerin sprach Dr. Eva Reichmann-Jungmann über „Palästina und die Welt". Sie ging davon aus, daß die Welt in ihrer bunten, glänzenden Fülle, aber auch mit der ganzen Endgültigkeit von Abschied und Trennung, die sie bedeuten könne, für die Juden in Deutschland lebendig geworden sei. Um so unscheinbarer nehme sich großen- und zahlenmäßig daneben das kleine Palästina aus;, das auf der Landkarte nur einen schmalen Strich darstelle. Auf Grund eigener Reiseeindrücke in Palästina scfhilderte die Rednerin die Landschaft, die Menschen, verwies auf die gewaltigen kolonisatori« sehen Leistungen und berichtete von vielen, trotz schwerer Sorgen, menschlich erfreulichen Eindrücken von der jüdischen Einwanderung aus Deutschland. Das alles fordere zu Anerkennung des Gesamtwerkes heraus, und auch die zahlreichen ungelösten Probleme, die einem auf Seihritt und Tritt begegnen, schärften nur die Verantwortung jedes Betrachters. Von diesen Problemen wurden das wirtschaftliche und das politische eingehender beleuchtet. Die Neuformierung der arabischen Welt und die Stellung Englands zu den im Zusammenhang damit auftauchenden Fragen wurde erwähnt. Zum Schluß zog die Rednerin das ideologische Fazit. Die sogenannten Nicht-Zionisten unter den Palästina-Freunden beanspruchen nicht ein Weniger, sondern ein Mehr in die gemeinsame Arbeit einzubringen, nämlich ein Mehr an Sachlichkeit, Illusionsfreiheit und darum an verantwortlicher Abschätzung sämtlicher gegebener Möglichkeiten. Wie sie schon zur Zeit der palästinensischen Hochkonjunktur auf die notwendige Ergänzung der" Palästina Wanderung durch die Ueberseewanderung hingewiesen hätten, so hätten sie auch jetzt zur Zeit der Krise in Palästina die innere Sicherheit, sich mit unverminderter Kraft für richtigen unpolitischen Aufbau einzusetzen. Die besten EiseD Wirstent SeMwarn 3mal täglich frisch bei lt(Mittl!.,F«®e33 Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-Jisroel-(Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— auiw. Hochzeiten. Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. Unhaltbare Zustände in der Badener Kultusgemeinde. Unter diesem Titel schreibt die „Mitropress" (Mitteleuropäischer Presse-Dienst): Vor ungefähr sechs Jahren wurde der Berlü$£RäJj^ef I}Jnte$yig »ifö* r 1 e,4> a cjb zum Obefrabbirfer vom Badert bestellt und sollte/, diesem Amt selbstverständlich lebenslänglich bekleiden, da ja bekanntlich jeder Rabbiner auf Lebensdauer sein Amt auszuüben hat. Gegen Dr. Carlebach, der aus einer ganz hervorragenden deutschen Rabbinerfamilie stammt, — ein Bruder ist Rabbiner in Hamburg, ein anderer in Leipzig,' ein weiterer Bruder war Oberrabbiner von Köln, während der Vater gleichfalls ein angesehener Rabbiner war — setzte kurz nach seiner Ankunft in Baden ein furchtbares Kesseltreiben ein. Eine Gruppe scheute nicht davor zurück, in den Straßen der Kurstadt Flugzettel verteilen zu lassen, mit den unwahren Behauptungen, Dr. Carlebach führe zu Unrecht den Doktortitel und er wäre gar kein Rabbiner. Auch noch andere Ungeheuerlichkeiten wurden selbst der nichtjüdischen Bevölkerung im Wege dieser illegalen Flugschriften vorgetäuscht. Dr. Carlebach, der besonders darauf Bedacht nahm, die ihm anvertrauten Juden zu einem frommen, rituellem Lebenswandel zu verhalten, wurde immer schärfer bekämpft und Leutevjiie in keiner Weise den religiösen Anforderungen entsprachen, vielmehr an Feiertagen1' die Geschäfte offenhalten oder keine rituelle Küche führen, spielten sich zu den Wortführern jener Gruppe auf. Man scheute selbst davor nicht zurück, das religiöse Oberhaupt vor Gericht zu zerren, Ehrenbeleidigungsklagen. Ziviiprozesse anzustrengen und der nichtjüdischen Bevölkerung so reichen Gesprächsstoff zu liefern. In Baden besteht ein einziges jüdisches Fleischgeschäft und dieses allein steht unter Aufsicht des Rabbinates. Man versuchte jedoch, Doktor Carlebach zu veranlassen, daß diesem Badener Geschäft die Aufsicht entzogen werde und eine Fleischbank in Vöslau allein unter Aufsicht gestellt werde. Die Badener jüdische Bevölkerung wäre so gezwungen worden, ihren Bedarf an Fleischwaren in Vöslau eindecken zu müssen. Dr. Carlebach weigerte sich, der Vöslauer Fleischbank seine Aufsicht angedeihen zu lassen, da dortselbst nicht nur GROSSFLEISCHHAUEREr IIEGM. KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE HR. 19 FILIALE i XVIII., WAllRlilGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für Koscherfleisch unter Aufsicht dea ehrw. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen rituelles Fleisch geführt wurde, vielmehr auch Schweinefleisch. Nun wollte man den Oberrabbiner dazu veranlassen, einen nichtjüdischen Badener Fleischhauer als „koscher" zu erklären und mußte Doktor Carlebach selbstverständlich aus den gleichen Gründen dieses Ansinnen ablehnen. Die Kultusgemeinde ermahnte wiederholt den. Oberrabbiner und forderte ihn auf, sich den Anordnungen zu fügen, doch verbat ihm sein Gewissen, entgegen allen religiösen und rituellen Vorschriften zu handeln. Daraufhin wurde die. fristlose Entlassung verfügt, die nun von der Badener Bezirkshauptmannschaft nicht anerkannt wurde. Auch der Kurort Baden könnte unter diesen haarsträubenden Verhältnissen leicht in Mitleidenschaft gezogen werden, da ja bekanntlich ein Großteil der Kurgäste rituelle Juden sind, die den Kurort meiden würden, wenn sie in Erfahrung bringen, daß der Rabbiner nicht mehr die Aufsicht über die einzelnen Geschäfte und Gaststätten inne habe. Aus Kreisen der bodenständigen österreichischen Juden, wie auch aus Kreisen der katholischen Bevölkerung sind dem Oberrabbiner zahlreiche Sympathieschreiben zugegangen, und auch ganz hochgestellte Persönlichkeiten verfolgen, mit lebhafter Anteilnahme für den Rabbiner, die schweren Differenzen, wobei es nicht selten an sehr mißbilligenden Aeußerungen wegen des Vorgehens seitens der Kultusgemeinde fehlt. Ein derartiges Verhalten von Juden, die in der Zeit des schärfsten Antisemitismus der nichtjüdischen Bevölkerung Gelegenheit zu solch widerlichen Schauspiel bietet, ist einfach unverständlich. Unter diesen Umständen wird vielleicht die Behörde die Kultusgemeinde auflösen und bis zur Durchführung einer Neuwahl einen Regierungskommissär mit der Leitung der Geschäfte betrauen. Die Badener Kultusgemeinde befindet sich bekanntlich unter "jüdischnationaler Herrschaft. Graf Anton Sigray gegen die Rassentheorie. In einer in Gyöngyös gehaltenen Rede äußerte sich der Legitimistenführer Graf Anton Sigray auch gegen die Rassentheorie. Er iührte u. a. aus: Es herrscht gegenwärtig eine große Begriffsverwirrung nach der Richtung hin, was Links- und Rechtspolitik ist. Als Rechtspolitik gelte heutzutage auch der weiße Bolschewismus, während als Linkspolitiker auch diejenigen bezeichnet werden, die auf der Grundlage des Privätefg^entuBs^fe'hen u/Mj diej alten, Gesetze jspw^die Verfassung1 achten. Er" übernehme oV Verantwortung für eine solche LinkspoLitik und lasse über sich auch den Vorwurf einer reichsdeutschen Zeitung ergehen, die behauptete, daß „Juden, Kommunisten, Priester und Legitimisten'' unter einer Decke stecken, nur weil sie die für das Land unheilvolle Rassentheorje, die der wissenschaftlichen Kritik nicht standhalte, nicht billigen. Ebenso übernehme er die Verantwortung iür eine Linkspolitik, wenn diese gleichbedeutend -sei mit dem Widerstand gegen äußeren Druck und gegen fremde Einmengung in die Angelegenheiten Ungarns. Das einzige gehaltene Versprechen. Die „Union für Recht und F r e i h e i t", diü sich aus bedeutenden Persönlichkeiten der tschechoslowakischen Intelligenz zusammensetzt, veröffentlicht