Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1938
- Issue
- Heft 10 (4.3.1938)
- Date
- 1938-03-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Nr. 10 — 4. März 1938 Seite 3 Der ungarische Antisemitismus im Lichte der Statistik. Alexander Eppler, Generalsekretär der Pester, Israelitischen Kultusgemeinde, hielt jüngst zwei außerordentlich interessante Vorträge vor einem zahlreichen Publikum im Qoldnuirk- Saale der Pester Israelitischen Gemeinde. Die Vorträge wurden im Rahmen der ungarischen Freien Jüdischen Universität abgehalten. Auf Grund von authentischen statistischen Daten nahm der Vortragende Stellung gegen die Anklagen des Antisemitismus. Der Antisemitismus, so führte der Vortragende aus, behauptet mit Benützung zahlreicher falscher Daten und tendenziöser Schlagworte, die Juden hätten alle wirtschaftlichen Positionen inne, ihnen gehöre alles Vermögen, der überwiegend größere Teil der Einkommen, und selbst diejenigen, die eine gemäßigtere Tonart anschlagen, werfen den Juden vor, daß sie in den einzelnen Zweigen Buchhflltungsbüro Martin Hahn Wien V., Margaretenstr. 121, Telephon B 25-1-81L Bilanzen.Revisionen, Pauschalbuchhaltungen, Steuer-Wirtscöafts-Beratung Mäßiges Honorar, Besuch unverbindlich _Gegründet 1912_^^ des wirtschaftlichen Lebens über ihre Proportion vertreten sind. Gegen diese tendenziösen, aus mißgünstigen Quellen geschöpften Behauptungen sprechen die vertrauenswürdigen Daten der Statistik und widerlegen die grundlosen Anklagen des Antisemitismus. Die erste Behauptung: die Juden vermehren sich allzu sehr. Demgegenüber .wies der Vortragende darauf hin, daß im ersten Jahrhundert nach Christus 54 Millionen Menschen auf der Erde wohnten und davon die Zahl der Juden 4,5 Millionen betrug, also 8,3 Prozent. Im Laufe der Jahrhunderte verringerte sich diese absolute Zahl um die Hälfte und erst 1840 erhöht sich die Zahl der Juden wieder auf 4,5 Millionen. Diese Zahl bedeutete aber damals im Verhältnis zur Seelenzahl der Menschheit ein Prozent. Heute beträgt die Zahl der Juden Ziwar 16 Millionen, aber im Verhältnisse zur Gesamtzahl der Menschheit nur mehr 0,8 Prozent. Die Ursache dieser fortwährenden Verringerung liegt darin, daß die natürliche Vermehrung bei den Juden immer eine geringere war als bei den Nichtjuden. Wir müssen nur die Statistik der letzten Jahrzehnte vornehmen und da können wir konstatieren, daß die Zahl der Juden in Ungarn von 1920 bis 19.30 von 5.9 Prozent auf 5,1 Prozent sich verringerte. Und während die Zahl der Nichtjuden in den letzten zehn Jahren in Ungarn sich um 9,6 Prozent erhöhte, verringerte sich die jüdische Bevölkerung um 6 Prozent. Die Daten vom Jahre 1935 zeigen eine weitere Minderung. Die .Zahl der Juden in Budapest sank von 20,3 auf 19 Prozent, wo in der gleichen Zeit die Zahl der nicht jüdischen Bevölkerung von 79,7 auf 81 Prozent stieg. Eine sehr interessante Statistik wurde vom Vortragenden betreffs der Geburten und Todesfälle vorgelegt. Von 1874 bis 1910 betrug die natürliche Vermehrung der Juden in Ungarn 48 bis 97 Prozent, im Jahre 1920 nur mehr D,4 Prozent' Serr-1930-trat-an- SteHe der™ natürlichen ^rmelr- ' rung eine natürliche Verringerung, 1930 34, 1932 48, 1935 43, 1936 46 Prozent, was zweifellos auf wirtschaftliche Ursachen zurückgeführt ■werden muß. Mit der größten Objektivität und Offenheit wurden vom Vortragenden die Daten über die wirtschaftlichen Positionen des ungarischen Judentums aufgedeckt. In der Industrie sind 7,56 Prozent, im Handel 42,95 Prozent, in den einzelnen geistigen Berufen 25 bis 42 Prozent, aber in der Urproduktion 0,33 Prozent, in den öffentlichen Aemtern 2,85 Prozent, also sehr unter dem Prozentsatz des ganzen Landes. Als Endergebnis zeigt sich: die Zahl aller Erwerbenden übersteigt kaum den allgemeinen Prozentsatz, denn er beträgt 5.33 Prozent. In interessanter Weise wurde dann vom Vortragenden die Frage beleuchtet, warum die Juden sich eben der Wirtschaft zuwandten. Der Grund liietür war. daß die nichtjüdischen Kreise den wirtschaftlichen Laufbahnen fremd gegenüber standen. Im zweiten Teil des Vortrages widerlegte Eppler die Behauptung, als ob die ungarischen Juden für sich 25 Prozent des Nattonaleinkommens expropriiert (hätten. Von jeder Beschäftigungsart wurden mit genauen statistischen Daten die Vermögensverhältnisse und das Einkommen der Juden erläutert. Auf Grund dieser Daten zeigte sich, daß wenn wir als Basis die Steuern der Juden in Betracht ziehen, der Anteil der Juden am Nationaleinkommen höchstens 12.55 Prozent beträgt. Dieser Prozentsatz übersteigt zwar den des ungarischen Judentums, kann aber nicht als übermäßig hoch angesehen werden, denn unter den Absolventen der Mittelschulen ist der Prozentsatz der Juden 23.7 Prozent, unter den der Hochschulen 16.44 Prozent. Mit einer Reihe von Daten widerlegte der Vortragende die Behauptung, als ob die soziale Lage der ungarischen Juden eine günstigere wäre als die allgemeine soziale Lage im Lande. In Budapest ist die Zahl der arbeitslosen Juden in den geistigen Berufen 29.6 Prozent, was um 10 Prozent den Prozentsatz der hauptstädtischen Juden übersteigt. Was die Wohnungsverhältnisse anbelangt, sind von den Mietern der größeren Wohnungen, vier und mehr Zimmer, zwar ein höherer Prozentsatz Juden, aber unter den Aftermietern sind es auch mehr, und zwar 28.5 Prozent. Dazu Kommt noch, daß von 60.000 jüdischen Gemeindemitgliedern im Ganzen 2800. also 4.7 Prozent, eine höhere Kultussteuer zahlen, daß also 95.3 Prozent der hauptstädtischen Juden in sehr bescheidenen Der .Jüdische Centrai-Verein hatte im Rahmen seines Berliner Winterprogramms zu einer Veranstaltung in den Berliner üriiderverein geladen, und fast tausend Menschen waren diesem Ruf gefolgt. Der Vorsitzende des Jüdischen Centrai-Vereins. . Dr. Herzfeld (Essen), sprach von der besonderen Aufgabe der C.-V.- Arbeit: der seelischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Betreuung der deutschen Juden, die ihm auf Grund seiner Satzung durch Verabredung mit der Reichsvertretung und den anderen Organisationen besonders übertragen ist. Erheblich mehr als 30.000 Beratungen habe die Berliner Hauptgeschäftsstelle im Jahre 1937 durchgeführt und etwa 20 Landesverbände haben in etwa 40 großen Mittelstädten ständig Sprechstunden abgehalten. Dr. Herzfeld schloß mit dem Hinweis, daß mit dieser jüdischen Arbeit alle Juden in Deutschland verbunden seien, teils als Subjekt, das heißt als Mitarbeiter, teils als Objekt das zu betreue» ist. Dieser Zusammenhang beeinflusse Gang und Effekt der Arbeit entscheidend; jede nervöse Spannung, jede auch nur gefühlsmäßige Reaktion auf Tatsachen Ereignisse, Moitmaßunggn oder Impulse übertrage sich und wirke störend ein. Schon deshalb komme es entscheidend auf die Haltung eines jeden einzelnen an. Es sei keine Zeit zu spekulativen Betrachtungen und optimistischem Planen, aber auch nicht zu einem Pessimismus, der träge und unfruchtbar mache und hemme. „Nur m'rt realistischer Nüohternheit und mit dem festen Willen, das, was das Schicksal uns bereitet hat, würdig zu tragen und das Beste daraus zu machen", so schloß Dr. Herzfeld seinen eindrucksvollen Appell, ..werden wir das Schicksal, das uns auferlegt ist, meistern und in Ehren unseren schweren Weg gehen". Das Mitglied des Beirates des Jüdischen Ceu- .tral-Vereins, Rabb:ner Dr. Manfred Swarsensky führte aus: Es sei noch nie so schwer gewesen, jüdische Menschen anzusprechen wie jetzt, weil sie erwarten, daß ihnen irgend etwas Neues gesagt flifctfcftqfttitfre |^ |3 etatungsfteile Verhältnissen lebten, ja sogar, daß 24 Prozent der öffentlichen Unterstützung bedürfen. Zuletzt wurde die kriminelle Statistik vorgenommen und Generalsekretär Eppler zeigte, daß zahlengemäß im allgemeinen die Juden kaum ihren Prozentsatz überstiegen, aber in einer ganzen Reihe von kriminellen Verfehlungen, sehr weit unter ihrem Prozentsatz blieben, ja sogar ganz fehlten. Der Vortragende zitierte zum Schluß seiner ausgezeichneten Ausführungen den durchaus nicht philosemitisch eingestellten Werner Sombart: die Kraft, welche das Judentum erhält, liegt in seiner Religion und Ethik. Gegenüber den Schlagworten des Hasses seien die Worte der Gelehrten unser Trost in dieser schweren Zeit. werde. Aber es sei kein spezifisch jüdisches Schicksal, daß es heute in der ganzen Welt mehr Fragen als Antworten gebe. Alle Arbeit, von der gesprochen werden könne, sei eine Therapie, ein Versuch zu heilen und zu helfen. Auch das unermüdlichste Wirken der jüdischen Organisationen könne kein Wunder tun. Wenn die jüdischen Menschen heute noch die gläubige Haltung besäßen wie vor hundert Jahren, dann würde man das Leid als nichts anderes ansehen als eine Prüfung, die von einer höheren Macht den Menschen auferlegt ist, und der moderne Jude würde nicht gegen das Sahicksar aufbegehren, wie er es heute oft tut. Aber wir müßten ehrlich sein und zugeben, daß wir diese religiöse Haltung nicht mehr besitzen. Denn wir seien alle Kinder des Jahrhunderts, in dem wir leben. Als unser Schicksal vor Jahren sich gewendet habe, sei vielen der Zionismus als die Lösung erschienen, aber heute müsse man sagen, daß gerade viele dieser Menschen jetzt eine starke Resignation erfaßt habe, well sie nur die Möglichkeiten, nicht aber die Grenzen des Zionismus gesehen hatten. Und ebensowenig wie diese die seelische Heimat gefunden haben, set es^ denengegluckt, clie sich in das Judentum schlechthin geflüchtet hatten. Es habe kurze Zeit den Anschein gehabt, als ob diese Flucht ins Judentum den Menschen eine neue seelische Stärkung bringen würde, aber, führte Dr. Swarsensky aus, wenn es auch leicht ist, ein Judentum zu lehren, das eine geistig-religiöse weltanschauliche Ueberhöhung des sonstigen Lebens bedeutet, so ist es doch schwer, ein Judentum zu leben, das die Totalität die Ganzheit des inneren und äußeren Lebens auszufüllen hat. Viele sind enttäuscht, nachdem sie gleichsam solche Auslüge ins Judentum gemacht haben, weil es ihnen nicht Ersatz bieten kann für die Werte geistiger und kultureller Art. die sie einmal besaßen. Angesichts eines solchen Krankheitsbildes müsse man die Frage stellen, ob es überhaupt eine wirkliche Therapie dagegen gebe. Das wichtigste sei zunächst Selbsterziehung und Selbstzucht. Unser Platz in der jüdischen Arbelt. Eine Veranstaltung des Jüdischen Centrai-Vereins In Berlin. in der „Union" unter Leitung des Obmannes des Organisation? - Komitees der „Union österreichischer Juden". Herrn Kommerzialrat ALEXIUS SALZER: jeden Montag und Freitag von 10—12 Uhr vormittags im Sekretariat der „Union" /., Schottenring 25, Mezzanin, Tel. A19-2-77. JedesMitglled der „Union" erhält in allen Angelegenheiten der Wirtschaft, wie in allen gewerberechtlichen u. kaufmännischen Angelegenheiten, Steuerberatung oollkommen unentgeltliche Auskunft. Derfid)erungsberatung in allen Zweigen der Elementarversicherung wie Feuer, Einbrach, Glas. Haftpflicht Unfall, Transport und Polizzenpräfung Die Mitglieder der „Union" erhalten im Bedarfsfalle auch unsntaeltildiQ äntllek» Beratung.