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Die Wahrheit · 1938-03-04 · Heft 10 (4.3.1938) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1938
Issue
Heft 10 (4.3.1938)
Date
1938-03-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Nr. 10 — 4. März 193S Seit© 3 Das Judentum und Österreichs kulturelle Sendung. Residenz-Atetiet „Die Wahl, die heute vor uns liegt, ist sehr einfach: die Dinge werden sich entweder zum Schlimmen oder zum Besseren entwickeln. Aber ergibt keinen Stillstand. Wenn wir nicht wünschen, daß es schtirnmer werden soll, so müssen1 wir uns zum Handeln entschließen, um sie zu bessern. Es ist sinnlos, dahinzutreiben. Die Zeit steht auf der Seite des Friedens, wenn \%\f richtig von ihr Gebrauch machen." (Lord Halifax am 24. 2. 38 im House of Lords.) Bruno Walter ist uns österreichischen Juden vorangegangen. Er hat an Toscanini nach New Y«rk ein Telegramm gerichtet, worin er ihn bittet, „Kunst und freies geistiges Leben in Oesterreich durch. Mitwirkung in Salzburg" zu Sichern. ":9r!Es gibt nur eine positive Art, zu den Ereignissen Stellung zu nehmen: Der Interpretation Schuschniggs Glauben zu schenken und die kulturelle Sendung Oesterreichs im Auge zu behalten. Ist sich das österreichische Judentum seiner kulturellen Mission'und damit seiner politischen Verantwortung voll bewußt, so kann es für alle nur eine konstruktive Haltung geben. Hoffentlich ist es wirklich wahr, daß die reichsdeutschen Stellen in Zukunft jede Einmischung in innerösterreichische Verhältnisse unterlassen und daß alles, was bis zum 24. Februar 1938 in Oesterreich geschehen ist, nur als der Schlußstrich unter das Vergangene zu werten ist, wie Schuschnigg sagte, „um unbelastet eine neue Zeit zu beginnen". Alle Freunde des Friedens müssen hoffen, daß Schuschnigg darin recht behält, daß die Zeit der Spannung vorüber ist, daß ihr eine Periode der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Ehre folgen wird. Stehen wir zu Schuschniggs Worten, schwächen wir sie nicht durch Skeptizismus, stützen wir Schuschnigg, solange er eine Regierung führt, deren Ehrgeiz es ist, die Konzentration aller positiven Kräfte des Volkes darzustellen und hierbei den Grundsätzen der Gleichheit aller Bürger ohne Unterschied des Glaubens gerecht zu werden. Gewiß wird es im einzelnen noch Kämpfe geben und jede Position im Lande kann umkämpft werden. Das aber ist nichts Neues. Wir wissen, daß die Filmproduktion schon fast zur Gänze in deutschem Besitz ist daß eine deutsche Gesellschaft, die Alpine Montan, die leitende Stellung in dej Eisenerzeugung, der Schlüsselindustrie unseres Staates, inndiät. Wir wissen, daß wir alle die Augen offen halten müssen. Doch vergessen wir nicht, daß Schuschnigg der Mann ist, der in Oesterreich die Macht in Händen hält. Wie er die Dinge sieht so können sie gestaltet werden, und sie werden es, wenn der Wille des Volkes und damit auch der des österrcichisohen Judentums den Willen Schuschniggs ungemdndert in der Verfolgung seiner schönen Ziele stärkt. Und diese Ziele sind im einzelnen: Arbeitssicherung und Arbeitsbeschaffung, Freizeitgestaltung, Freiheit des Denkens, Ruhe und Ordnung im Inneren, möglichst innige und ersprießliche Wechselbeziehungen mit allen kulturellen und wirtschaftlichen Zentren der Welt Freiheit des Verkehrs. Erhaltung des Friedens aller Völker, Suche nach neuen Formen der Organisation und Garantie des Friedens. Oesterreich hat hier eine Stellung als Qroßmacht der Kultur inne, die es zu behaupten, zu erweitern und zu vertiefen gilt. Denken wir nur an Salzburg, an unsere Gelehrten wie Freud, an den hohen Rang der österreichischen Kunst und nicht zuletzt an die anziehende Schönheit unserer Landschaft und unserer Städte, an den Charme, die freie Geistigkeit und die echte Friedensliebe SCHNEIDERMEISTERXO&ltcr 33üd?ler I., Rotentuxmstr. 7. Telephon U 28-2-80 verfertigt nadi Maß Mäntel, Kostüme, Komplets. Erstklassige Ansführung. Zahlungserleiditerung seiner Bewohner. Oesterreich ist heute wie je ein Bollwerk abendländischer Gesittung in der Welt. Der Bundeskommissär für Kulturpropaganda. Hans v. H a in m e r s t e i n, hat am 20. v. M. im „Tagblatt" Oesterreichs Stellung [m der Kulturwelt in folgenden Worten zusammengefaßt: „Oesterreichs anscheinend so gefährdete Lage ist gleichzeitig sein Vorteil, denn es bildet einen Angelpunkt und eine Schlüsselstellung Europas. Wie das Auge des menschlichen Körpers der deutlichste Ausdruck des ■ inneren menschlichen Wesens ist. so spricht sioli in Oesterreichs Kultur am intensivsten die gesamte europäische aus; wie der Mensch durch instinktive Reflexbewegung bei einem Angriff zuerst sein Augenlicht schützt, sollte Europa, solange sein Kulturbewußtsein wach und lebendig bleibt, auch instinktiv dieses Land der Mitte schützen. Und Oesterreich bannt die Zerstörung, schafft für den Frieden am wirksamsten, wenn es seine völkerverbindende Kulturmission erfüllt, zu der es Tradition und Talent befähigen." Daß wir Juden hier mithelfen können und sollen, muß uns jederzeit bewußt sein! Dr. Georg B e rg e r. Ein FUhrer ins gelobte Land. Zu Josef Popper-Lynkeus' 100 Geburtstage. Von 'Prof. Heinrich Glücksmann. deff ii Refe Wenn jemals ein Mensch auf Erden gewandelt hat, |[man den gewaltigen Erlöser-Jieroen der Welt- und igionsgeschichte, diesen gottgesandten, gotterfüllten Uebermenschen des Weltmitleids, an die Seite stellen dürfte, so war es Josef Popper-Lynkeus, der Ve;i!fer4es Ärtw ää *mp)\i$k als ^Losung, der sozialem Frage" und anderer t§phriiteni mit dem gleichen' Zweck und Ziel: die Not zu bekämpfen, das Elend zu entwurzeln, das Leben zu entwölken und zu durchsonnen. In ihm scheint die Seele Mosis' wiedergeboren. Dieser Geistestitan, dessen zwingender Führerkraft nur Michelangelos Erzbild in der Peterskirche zu Rom und der kürzlich verblichene Ernst Lissauer in seinem herrlichen dramatischen Mysterium gerecht geworden, hat den zum Knechttum in Aegypten verdammten Juden das Joch des Sklaventums von den wundgedrückten Schultern genommen, hat sie zum Freiheitsbewußtsein und dessen moralischen Verpflichtungen erzogen und dem Lande des Heils zugeführt, darin Wein und Honig floß, selbst es nur von fernher erschauend, ohne es betreten und mitgenießen zu dürfen. Dasselbe Schicksal märtyrerhaft heldischen Resignationszwanges ist Popper-Lynkeus auferlegt gewesen, der ein umfassenderes Rettungswerfc angestrebt und zu dessen Durchführung die Pfade gewiesen hat. Er wollte der gesamten Menschheit Sorge und Kümmernis abnehmen und sie in einen Zustand der Zufriedenheit bringen. Allo Krait seiner Seele galt diesem Befreiungskampf wider die Dämonen des Schicksals, die er für vertrerbbar hielt. Aber es war ihm nicht vergönnt! den Triinnph3äeiner-,Bestre)bur>s'e^' ffa 'erieWn*, der eintrete/i muß undni'ird, r " " Wie anders sähe unsere Zeit aus, um wie viel heller und heiterer wäre das Dasein in allen Landen, wenn die Staatenlenker die Mahnungen des Weisen von Hietzing beachtet, die von ihm vorgezeichnete Straße zur Gesundung beschritten hätten! Völlig außer Kraft gesetzt wäre die gesteigerte Aktualität der schon voii 150 Jahren von Gottfried August Bürger geseufzten Klage und Anklage: „Das ist die böse Zeit der Not, Das ist die böse Not der Zeit, Das ist die Zeit der bösen Not, Das ist die Not der bösen Zeit!" „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Dieses Grundgesetz aller Ethik und aller Moral, das schon im Alten Testament aufleuchtet, hat das Denken, Fühlen, Wollen und Wirken Popper-Lynkeus beherrscht. Er hat Sätze hingeschrieben, die in der Bibel stehen dürften. für modarne Photographie Wien I., FleisAmarkt 1 / Tel. R 29-2-80 Sonn- und Feiertage geöffnet. Spezialabteilung für Brautaufnahmen. Ein Kabinettbild und drei Karten S 15.— So etwa: „Humanität, Menschenfreundlichkeit oder — man erschrecke nicht vor dem Vielen so widerwärtigen Wort — Menschenliebe, ja wirklich Liebe muß es in der Volkswirtschaft geben." Uder: ..Wenn irgend ein, selbst noch so unbedeutendes Individuum, das keines andern Leben, mit Absicht geiährdet. ohne oder gar wider seinem Willen aus der Welt verschwindet, so ist das ein ungleich wichtigeres Ereignis als alle politischen, religiösen oder nationalen Ereignisse und als sämtliche wissenschaftlichen, künstlerischen und technischen Fortschritte aller Jahrhunderte und aller Völker zusammen. Wer das für Uebertreibung hält, der möge nur denken, .-r selbst oder eiiu von ihm sehr geliebte Person wäre jenes Individuum und sofort wird er es verstehen und glauben." Endlich: „So lange es vorkommt, daß auch nur ein einziger Mensch hungert oder in seiner Lebenshaltung nicht gesichert ist, so lange taugt die ganze Gesellschaftsordnung nichts." Das ist jüdisches Empfinden, Dienst am Menschen, welchen Volkstums, welcher Rasse, weiches Glaubens er auch sein mag, nicht aber Haß, Unterjoehungsdrang, Befehdung, wie die Antisemiten verkünden. Sie mögen die Schriften Poppers lesen, wenn sie dem Judentum in Herz und Sinn sehen wollen, nicht die gemeine Fälschung der „Protokolle der Weisen von Zion". Der als Kleinkrämers- und Hausierersohn aus dein Berliner Ghetto Hervorgegangene hat den Fluch der Judenteindschat't gewiß auch am eigenen Leibe verspürt, als Kind, als Jüngling, wie als Mann. Am schmerzlichsten wohl, als sich seine Konfession der ihm vorschwebenden wissenschaftlichen Laufbahn als miiibcrsieigliehe Barre entgegenstemmte. Schon den 18jährigen Studenten am Prager Polytechnikum wollten seme Lehrer für Mathematik und praktische Geometrie zu ihrem Assistenten machen, aber das Konkordat erlaubte die Berufung eines Juden selbst auf einen so bescheidenen Posten nicht. Auch die Reparaturwerkstätte der Staatsbalm verschloß sich dem „absolvierten Techniker" und er mußte sich mit einer Diurnistenstelie im kommerzielle!? Betrieb, mit dem Einschreiben von Fraehtbri*ien beim Transport der serbischen Schweine im damals ungarischen Banat begnügen. Ein Jammerlos, dem ihn sein Eriindergenie entriß, das der Industrie manche praktische Errungenschaft schenkte, aber auch der Luitschirifahrt bedeutsame Pionierdienste leistete und zwanzig Jahre vor Ingrez, dessen Vorführung der elektrischen Kraftübertragung auf der lSS2er Münchener elektrischen Ausstellung eine Weltsen-ation war, schon diese Wunderkraft der Natur abgerungen und nach vergeblichen Versuchen, daiür Gläubige und Verwendungswillige zu werben, seine Entdeckung in einer versiegelten Abhandlung der Wiener Akademie der Wissenschaften zur Wahrung der Priorität anvertraut hatte. Diese wurde anerkannt, was aber nach dem Siege des Franzosen für den Oesterreicher nur mehr von theoretischem Werte sein konnte. Ebenso hat Popper schon ein Jahrzehnt vor Theodor Herzl, ohne jemals Zionist gewesen zu sein, den Judenstaatsgedanken aufgeworfen. Man erkennt hieraus, welches Vertrauen Poppern die Arbeitskraft und Kultiviertmgstähigkeit der Jaden gehegt hat. Auch der Stärke ihres Geistes hat er ein Denkmal gesetzt in seinem einzigen Dichterbuche, den „Phärrfasiriieiiiev 'RealiVTcii'-. ist das eV Jsich: 'zuerst nach' dem "luchsäugigen, tiefste Tiefen and fernste Fernen, Nacht und Nebel durchdringenden, Sturm und Wogenschwall bezwingenden Steuerer des Argonautenschiffes oder nach dem weithin auslugenden, Licht verwendenden Turmwächter im „Faust" den Beinamen Lynkeus beilegte. Im „Tischgespräch hei Martin Luther", das die mit der Sichtung und Herausgabe des literarischen Nachlasses betraute, mit Wesen und Woilen des Weisen wie kaum ein anderer verwobene Margit Or n stein „ein wahres Meisterstück an witzige' und frohgelaunter Darstellung" nennt, schließt der dem Glaubensreformator als Helfer bei der Bibelübersetzung von Melanehthon zugeführte Rabbi Hirsch in der klugen Deutung der dunkelsten Rätselprobleme des Glaubens und der Weltanschauung den Vogel ab. Zum Verdruß Luthers, der in seiner Empörung zu schreien anhebt, worauf der Jude lachend erwidert: „Schreien? Ist Schreien ein Argument? Schreien kann ich auch, denn ich bin jahrelang Vorbeter gewesen sind habe d.i

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