Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1938
- Issue
- Heft 10 (4.3.1938)
- Date
- 1938-03-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. in — 4. März 1938 DIEWAHRHEIT Zur Rede des Herrn Bundeskanzlers. UNION-KLUB In atemloser Spannung lauschte eine ganze Welt am schicksalbedeutenden Abende des 24. Februar einer rhetorischen Meisterleistung allerersten Ranges, einer Rede größten Stiles unseres allverehrten Herrn Bundeskanzlers Dr. Kurt. v. Schuschnigg, die, gleich ausgezeichnet durch ihre schwungvolle, nahezu klassische Diktion, durch hohen Gedankenflug sowie durch die würdevolle mutige und mannhafte Behandlung schwieriger Probleme, die Gemüter von Millionen und Millionen Zuhörer mit sich fortriß. Die zündende, glühendster Vaterlandsliebe entstammende Begeisterung des Sprechers, dieses obersten und besten Repräsentanten unseres Oesterreich, sie erfüllte alle Bürger dieses Landes mit gleich hoher Begeisterung. Und auch wir jüdischen Bundesbürger — und, wie wir betonen wollen, ohne Unterschied unserer jüdisch-politischen Parteistellung — haben die Devise des Bundeskanzlers „Nicht Nationalismus oder Sozialismus in Oesterreich, sondern Patriotismus sei die Parole" freudig, mit jubelndem Beifall aufgenommen. Eine Rede von solcher umfassender Bedeutung wird naturgemäß noch durch längere Zeit die öf- Tapeziercr u. Dekorateur Eigenes Heinrich Bauer Wien III., Löweng. 36, Tel. U-11-8-76 fentliche Diskussion befassen. Und so stimmt auch das jüdischnationale Organ „Die Neue Welt" in den allgemeinen Chorus ein. Aber welche Feststellungen liebt dieses Blatt aus der epochalen Rede hervor? Der Bundeskanzler habe neben dem „deutschen Volke in Oesterreich" auch die „zahlenmäßig geringen fremdvolklichen Minoritäten, die auf unserem Boden ihre Heimat haben", erwähnt. Also seien „wir Juden nicht zu dem deutschen Volk in Oesterreich zu zählen, sondern zu den fremdvolklichen Minoritäten". Wir Juden, die wir in der „Union österreichischer Juden" vereinigt sind, und die tausende und abertausende unserer außerhalb unseres Vereines stehenden Gesinnungsgenossen werden diese Schlußfolgerung nie als berechtigt anerkennen. Wir stehen wie immer seit den mehr als fünfzig Jahren unseres Bestandes auf dem Standpunkte, daß wir wohl der Religion nach eine Minorität bilden, daß wir also, wie der Herr Bundeskanzler in seinem dem Vertreter der „L'Independance Beige" im Oktober vorigen Jahres gewährten Interview bemerkte, „bloß eine von der seinigen verschiedene Konfession haben", daß aber sonst in allen übrigen Belangen der menschlichen Tätigkeit zwischen uns und allen übrigen Mitbürgern ein Unterschied nicht besteht und nicht bestehen kann. Und dieses, wir wollen es unser Glaubensbekenntnis nennen, es ist durch unsere uralte Geschichte in diesem Staate, in welchem unsere Urväter nacli historischer unzweifelhafter Beglaubigung vor mehr als tausend Jahren eingezogen sind, gegeben. Deutsch ist seit unzähligen Generationen unsere Erziehung, deutsch unsere Muttersprache „lieb und traut" (Engelberg) und unser Fühlen und Denken, es wird beherrscht durch die Dichter deutscher Zunge. Aber deutsch im gut österreichischen Sinne, allerdings nicht im nationalsozialistischen Geiste,, den wir als reaktionär und atavistisch mit allen Mitteln'bekämpfen. Wie können wir also uns zu einer fremdvolklichen Minorität rechnen? Mag es uns gestattet sein, vergleichsweise ein ungemein hervorragendes Mitglied unserer Bundesregierung zu erwähnen. Der Justizminister Dr. Ludwig Adamovich ist von Geburt Kroate und dennoch wurde er als ein bedeutender Gelehrter an die deutsche Universität Wien und in die deutsche Bundesregierung Oesterreichs berufen, gewiß doch nicht als Mitglied einer fremdvolklichen Minorität. Von einem weit höheren Gesichtspunkte hat der Herr Bundeskanzler, dieser eohte, vornehme Europäer, diese Frage behandelt. Er hat schon früher den Begriff des „österreichischen Volkes" geprägt und ihn in eine der feierlichsten Regierungserklärungen für alle Zeiten aufgenommen. Und so wollen und müssen wir gar nicht in die Definition der fremdvolklichen Minorität eingehen. Wir bilden — und das ist doch wohl unzweifelhaft - mit allen Bürgern dieses Staates gemeinsam das österreichische Volk, mit dem wir „wie eine Mauer seinen Freiheitswillen" als Gleichberechtigte und Gleichverpflichtete teilen wollen. Und wir wollen alle seiner so idealen humanen Aufforderung bereitwilligst Folge leisten: „Wir dürfen nicht mehr in Parteien, wir müssen vielmehr nur in Menschen und in Oesterreichern denken". Und so wollen wir dem Herrn Bundeskanzler versichern, daß sein Aufruf an den „braven Oesterreicher zum Mittun und zum Kampf für das gemeinsame Ideal, das ihn und die andern beseelt, für Oesterreich!" in unserer aller Herzen freudigsten Widerhall finden wird. Gemeinsames Schicksal, gemeinsames Leid soll alle Bürger unseres schönen Landes ohne Unterschied ihres Religionsbekenntnisses einigen in dem gemeinsamen Streben zum Wiederaufbau, zum Wohle und zum Glücke unseres Heimatlandes. Der Artikel der „Neuen Welt" beschäftigt sich weiters mit der „Rechtsstellung" der Juden in Oesterreich. Er begründet diese durch die „Minderheitenschutzrechte",, welche der Kanzler angedeutet haben soll, „wenn er von der Aufgabe seiner Regierung spricht, die Wunden auch der fremdvolklichen Minoritäten, die aus einem unglücklichen Kriege und einem unseligen Frieden geschlagen wurden, zu schließen." Schon die Begründung der ...Neuen Welt" ist gekünstelt, geradezu unverständlich und historisch nicht gerechtfertigt. Durch die Minderheitsrechte sollen Wunden geschlossen worden sein; diese Wunden können doch also nur in dem Mangel der Rechte bestanden haben, die uns angeblich erst durch den Friedensvertrag zugeteilt wurden. Allein wir jüdischen Bürger haben uns doch seit dem 21. Dezember 1867, das ist also seit der Enunziation der Staatsgrundgesetze und insbesondere des Gesetzes „Ueber die allgemeinen Rechte der Staatsbürger" (R. G. BI. Nr. 142) der herrlichen wohlverdienten Gleichberechtigung erfreut. Es bestand also keine Wunde, die geschlossen hätte werden müssen. Die sogenannten .Minderheitsrechte erscheinen demnach schon durch die Staatsgrundgesetze vom Jahre 1867 vollkommen überholt. Wir wollen auf die diesfällige Erläuterung in der Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum der „Union" (Seiten 55 bis 57) verweisen, in welcher wir klar nachgewiesen haben, daß ir. dem 5. Abschnitte des Friedensvertrages von Saint Germain nur eine einzige neue Bestimmung, nämlich die Verpflichtung zur Dotierung unserer Religionsgenossenschaft für Erziehungs-, Religions- und Wohltätigkeitszwecke festgesetzt ist. Und die Sanktion für die Einhaltung dieser Bestimmung! Mussolini hat schon am 2. November 1936 (Seite 57) erklärt daß der Völkerbund zum Sterben bestimmt ist Und wie wurde dieser Bund seither noch mehr geschwächt! Der englische Premierminister Chamberlain hat im offenen Parlamente das Prestige dieses Bundes noch mehr gemindert und ihn bankerott erklärt durch die Behauptung, daß er außerstande sei, die kleinen Nationen zu schützen, daß ihre Verteidigung vielmehr ihnen selbst überlassen werden müsse. Wie soll also der Völkerbund die angeblichen Minoritätsrechte der Juden — angenommen, aber nicht zugegeben, sie seien eine Nation — schützen, wenn er sich außerstande erklärt jenen Völkern Beistand zu gewähren, die einen eigenen Staat bilden, welcher Mitglied des Völkerbundes ist? Und so wollen wir me bisher auf dem unerschütterlichen Boden unserer heimatlichen Verfassung stehen. Wir wollen unsere Rechte nicht auf dem Zwangsfrieden, der Deutschland zum „Dritten Reich" i'mgeschaffen hat gründen. Wir wollen aus der Red;: des Bundeskanzlers seinen Ausspruch: „Die Regierung steht unverrückbar auf dem Boden der Verfassung vom 1. Mai 1934!" als unser Palladium, als unsere Schutzwehr begrüßen. Aus dieser Verfassung folgt doch der zweite Satz: „Jeder in diesem Lande ist gleichberechtigt vor dem Gesetze." Wir wollen dieses gleiche Recht als eine Anerkennung des Wirkens und Schaffens unserer Glaubensbrüder von Seiten eines gütigen unvergeßlichen Kaisers und auch als Zeichen der Anerkennung seitens unserer andersgläubigen Mitbürger, mit denen wir gemeinsam für unser heißgeliebtes Vaterland arbeiten wollen, hinnehmen und uns, wie der Herr Bundeskanzler in seinem oben erwähnten Interview hervor- Klub der Mitglieder und Freunde der „UNION ÖSTERREICHISCHER JUDEN" Sonntag, den 6, März 1938, 1., Schottenring 25 5lK>r=a:ee Hhademie £ar»5 Bridge Mitwirkend u. a. -• Franya Rose, russischdeutsche Chansons, Mundi Hausknecht, üü? kleine Vortragskünstler, Hellmuth Mark. Klavierhuinorist Entree inkl. Konsumaticn S 2.-, Ju^ßd/- karie inkl. Konsumation S 1.60 gehoben hat, als „ausgezeichnete Oesterreicher" betrachten und uns dieses Ehrentitels stets würdig erweisen. In einem Punkte stimmen wir mit dem Artikel der „Neuen Welt" überein. Auch wir österreichische nicht jüdischnationale Glaubensgenossen wollen immer an dem Schicksal aller Juden ohne Unterschied ihrer jüdischen Parteistellung innigen Anteil nehmen, nicht nur aus Zwang: „iam tua domus ardet, Ucalegon", „weil auch schon Dein Haus brennt", sondern aus freiem Entschlüsse, weil auch in uns das Gefühl, jede Unbill, die unseren Glaubensgenossen aus Haß mid Unduldsamkeit widerfährt, zu bekämpfen, mächtig lodert. Aber neben diesem hohen Ideal unserer heiligen Religion ist in uns jüdischen österreichischen Staatsbürgern die Fackel der Vaterlandsliebe entzündet. Und so wie unsere Söhne in allen Kriegen willig und begeistert dem Rufe des obersten Kriegsherrn gefolgt sind, mit ihrem Blute zu kämpfen und zu streiten für ihre heißgeliebte Heimat, so werden wir, wenn — was der Allmächtige in seiner Weisheit und Gnade verhüten wolle — unser Vaterland wieder von der Gefahr eines Krieges bedroht werden sollte, mitziehen mit allen unseren Mitbürgern unter dem Rufe, mit dem Sie, Herr Bundeskanzler, Ihre wunderbare Rede geschlossen haben: „Bis in den Tod, Rot-Weiß-Rot! Oesterreich!" Ein alter „braver, traditionsbewußter, konservativer Oesterreicher". Jüdische Pressestimmen zur Rede Schuschniggs. Die jüdische Presse der ganzen Welt hat die Staatsrede des österreichischen Bundeskanzlers 'als ein großes Ereignis gewürdigt. Aus den uns vorliegenden Stimmen geben wir hier einige wieder: Im Leitartikel des „Nowy dzenik" (Krakau) schreibt Dr. J. Schwarzbart: „. . . Die Rede des Kanzlers Dr. v. Schuschnigg wird in die Geschichte des unabhängigen Oesterreichs übergehen. In der Rede dieses hervorragenden StaatsmanÄ kommen nicht nur seine üieiße Vaterlandsliebe und der Stolz auf Oesterreich zum 'Ausdruck, sondern auch die seit Jahrhunderten wachlebenden Erinnerungen an die Unabhängigkeit und Freiheit dieses Landes. Diese stolze, mutige Rede gibt Oesterreich ■seine politische Würde wieder und dieser Staat . wird zum konstruktiven Faktor der internationalen Politik." Dr. Sch. W. führt im „Nasz Przeglad" (Warschau!) aus: Der österreichische Patriotismus hat; seine Prüfung mit' Auszeichnung überstanden. Die Oesterreicher, die vor einer Katastrophe "slan^ den, haben sich in diesem historischen und gefährlichen Augenblick geeinigt. Alle Differenzen der Weltanschauung sind verschwunden und eine g ewaltige Mehrheit der Bevölkerung steht hinter Schuschnigg. Oesterreich ist bereit mit dem Deutschen Reiche freundschaftliche Beziehungen zu unterhalten, aber es wird nie auf seine Freiheit und auf seine staatliche Selbständigkeit verzichten . . . Der Geist der deutschen Weimarer Kultur des Volkes der Dichter und Denker wurde in der Rede Schuschniggs lebendig, die in der Erklärung gipfelte, er werde die rot-weiß-TOte Fahne bis zum letzten Atemzug verteidigen. Dies muß der ganzen Welt zum Bewußtsein bringen, daß es sich hier um die Erhaltung und um die Entwicklungsmöglichkeit einer alten, für die ganze Weit wichtigen Kultur und eines nachahmenswerten Lebensstils handelt.