Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1938
- Issue
- Heft 9 (25.2.1938)
- Date
- 1938-02-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064714-3064723--21516-3086879- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE, WAHRHEIT . Nr. 9 — 25. Februar 1938 Intensive Tätigkeit des Board of Deputies. Jiesideaz-Atdiet in der letzten Sitzung des Board of Deputies of British Je-ws (Vertreterschaft der jüdischen Gemeinden. Großbritanniens) wurde Dr. Israel Feldman u mit 127 Stimmen zum Vizepräsidenten des Board als Nachfolger des zurückgetretenen Lionel L. Cohen gewählt; auf den Gegenkandidaten Otto M. Schiff entfielen 121 Stimmen. Auf Vorschlag des Präsidenten des Board, Neville Laski. wurde der frühere Präsident des Board Sir Osmond d'Avigdor Goldsmid unter, großem Beifall zum Ehrenmitglied gewählt. Leonard G. Montefiore erstattete den Bericht des Joint Foreign Committee (Komitee für die Angelegenheiten der Juden im Ausland), insbesondere über die Lage in Oesterreich. Minsichtlich Deutschland führte Montefiore u. a. aus. Wir müssen die englische öffentliche Meinung auf den Wert von Versicherungen der Nazisten aufmerksam machen; z. B. darauf, was den jüdischen Frontsoldaten versprochen wurde, und wie es diesen Wirklich ergeht. Er verlas Zitate aus einem „Jüdische Geld-B'aron»e" betitelten deutschen Schul lese buch, in welchem erzählt wird, daß Princess Mary (Schwester des Königs) einen Viscount Lascelles heiratete, der eigentlich ein polnischer Jude sei, was schon der Name beweise: Lask, Laski, Lasker und Lascaries seien jüdisch, ein Laski sei Präsident der Jewish Board of Deputies und Abraham Ben Samuel Cohen Lask sei ein alter Hebraist polnischen Ursprungs. Das, sagte Montefiore, wird deutschen Schulkindern über Angehörige der britischen Königsfamilie aufgetischt. Auf eine Frage über die Lage in Rumänien erklärte Präsident Neville Laski, der Board tue alles, was in seiner Macht steht, um — wie er glaube, mit einiger Wirkung — die Situation der Juden zu verbessern. Die Angelegenheit sei noch in der Schwebe, der Board ist sich seiner Pflicht in diesem Falle voll bewußt. Zur Lage in Deutschland wird im Bericht des Joint Foreign Committee erzählt: Mittels Parteidnicks und administrativer Dekrete werden alle 1933 den jüdischen Frontsoldaten und den Witwen und Kindern der im Weltkrieg auf Seite Deutschlands gefallenen Juden gegebenen Zusicherungen ungültig gemacht. Die letzten jüdischen Aerzte und Anwälte verlieren ihre Existenz. Der Arierparagraph im Wirtschaftsleben wird ohne gesetzliche Basis konsequent durchgeführt, lausende fleißige und nützliche Bürger wurden ins Exil getrieben. Dadurch gingen Verbindungen mit der Welt verloren. Hinsichtlich Rumäniens w'.rd im Bericht erklärt: In dem antijüdischen Kurs wird jetzt vorsichtiger zu Werke gegangen. Es muß daran erinnert werden, daß die vom Völkerbund angenommene Prozedur in der Behandlung der jüdischen Petitionen durchgeführt wird und daß daher jede Aktion der neuen Regierung betreffend die Juden vom Völkerbund und der öffentlichen Meinung des Auslandes sehr genau kontrolliert wird. Das Joint Foreign Committee beobachtet die Entwicklung ernsthaft und steht in engem Kontakt mit den zuständigen Stellen. In Polen ist die Lage unverändert. Trotz wiederholter Zusicherungen der Regierung, daß Unruhen mit allen Mitteln unterdrückt werden würden, treffen ununterbrochen Berichte über sporadische Ueberfälle auf Juden ein. Doch machen sich demokratische und tolerante E i nilüsse immer mehr fühlbar. So z. B. hat der Landessportleiter den von einigen polnischen Sportverbänden eingeführten Arierparagraphen annulliert. Zum Schluß wird über die Ergebnisse dar Genfer Interstaatlichen Konferenz zur Festlegung des Status der deutschen Flüchtlinge berichtet. Der Hochkommissar Sir Neill Malcoim hat sich nach der Konferenz nach Paris begeben, wo das vom Völkerbundsrat in seiner letzten Sitzuns ernannte Dreierkomitee mit ihm und mit dem Leiter des Nansen-Amtes über die zukünftige Arbeit des Völkerbundes im Interesse aller Flüchtlinge berät für modern« Photographie Wien I., Flriscfamarkt 1 / Tel. R 29*2-80 Sonn- und Feiertage geöffnet. Spezialabteilung für Brautaufnahmen. Ein Kabinettbild und drei Karten S 15.— SCHNEIDERMEISTERIPaltCt 33Ücfyler I., Rotei^uimste.?. Telephon U 28-2-80 verfertigt nach Ma6 Mäntel, Kostüme, Komplets. Erstklassige Ansführung. Zahlungserleichterung Die Achse. In seiner sonntägigen Rede sprach Reichskanzler Hitler davon, wie richtig es wäre, unnötige Quälereien von Minoritäten zu vermeiden. Nur zieht er die Schlußfolgerung dieser Erkenntnis nicht für die Juden, sondern für die — Sudetendeutschen, die niemand diffamiert oder mit Gesetzen ä la Nürnberg bedroht. Den Juden gegenüber hält er so humane Regungen für überflüssig und beschwerte sich höchst indigniert über seine Belästigung durch englische Parlamentarier, die ihn brieflich wegen der nationalsozialistischen Gerichtspraxis angefragt hatten. Er gab ihnen als Antwort den Rat, wenn sie durchaus briefliche Kritik an Justizbehörden üben wollten, mögen sie an den britischen Militärgerichtshof in Jerusalem schreiben, daß er mit den Todesurteilen gegen Araber einhalte. Diese Araber tun ihm leid, denn sie werden dafür hingerichtet, daß sie deutsche Bomben auf jüdische Autobusse schleudern. Dieser Krieg gegen die jüdische Heimstätte in Palästina ist bekanntlich eine Teilaktion der italienischen Rivalität im Mittelmeer gegen England. Während aber Hitler noch am Sonntag Italien so temperamentvolle Sekundantenhilfe gegen die englische Militärjustiz in Jerusalem leistete, sucht Mussolini bereits mit Eifer und — wie der Rücktritt Edens zeigt — auch mit Glück Annäherung an England. Er hat dort auch schon sozusagen seine kulturelle Visitkarte abgegeben in Form der in der „Wahrheit" bereits veröffentlichten offiziösen Absage an den Antisemitismus, die, wie allgemein angenommen wird, vom Duce selbst verfaßt ist. Wie unsere Leser schon wissen, handelt es sich uni eine Verteidigung gegen die Unterstellung, daß die faszistische Regierung eine antisemitische Politik einschlagen wolle. Das Bulletin enthält die Feststellung:,* „daß an der Spitze der Strömungen des Weltantifaszismus in der Regel Juden stehen." Was ist das: „Weltantifiaszismus"? Es gibt doch in der heutigen Welt keine einheitliche Auffassung von der Regelung des innerstaatlichen Verfassungslebens. Nicht einmal die drei autoritären Staaten Mitteleuropas, die die Träger der Achse Rom- Berlin sind, haben dieselbe Verfassung. Die Juden schulden vor allem der Verfassung ihres eigenen Vaterlands Achtung. Man kann doch von den jüdischen Bürgern des demokratischen Frankreich oder der demokratischen Staaten von Nordamerika nicht faszistische Einstellung verlangen, die sie in strikten Gegensatz zu den Gesetzen ihres eigenen Staates brächte! Nicht weniger sinnlos ist die Interpretation der Mussolini-Erklärung im „Regime Fascista": „Im Generalstab, in der Presse, an der Börse usw. können nicht mehr Leute anderer Rasse geduldet werden." In der Vorkriegszeit hatte Italien einmal einen jüdischen Kriegsminister und es ist nicht bekannt geworden, daß das Land davon Schaden erlitten hätte. Es spricht also für einen etwaigen Wandel der Anschauungen hierin nicht der Zwang einer inneren Erfahrung, sondern bloß der äußere Einfluß der nationalsozialistischen Propaganda. Zum Glück hat Mussolini trotz seinem Freundschaftsverhältnis zu Deutschland die Gefahr, die der italienischen Kultur von dieser Seite droht, rechtzeitig erkannt und er sucht ihr nunmehr unter werktätiger Unterstützung der katholischen Geistlichkeit seines Landes kräftige Riegel vorzuschieben. Seine Kundgebung läßt keinen Zweifel darüber aufkommen, daß die antisemitische Kampagne im faszistischen Italien von nun ab unterbleiben muß. Diese Abkehr von dem gerade in der letzten Zeit auch in Italien besonders heftig wahrnehmbaren arrtisemitischen Import aus Deutschland ist für den christlichen Ständestaat Oesterreich in seiner neuen Situation ein nicht zu übersehendes lehrreiches Beispiel. Der Philosoph Arthur Schopenhauer. Vor 150 Jahren ist er am 22. Februar in Danzig als Sohn eines angesehenen Kaufmannes ge- ' boren worden. Ein verschlossener Mensch, wandte er sich früh vom Kaufmannstande der wissenschaftlichen Laufbahn, bald nur der Philosophie zu, hatte als Dozent keinen Erfolg und lebte so seiner Lehre allein — ohne Weib — in Frankfurt a. M., wo er am 21. September 1860 starb. Er ist als ein Sonderling verschrien und man kann dies nicht leicht ableugnen oder abzuschwächen sich bemühen. Pessimismus und Pantheismus sind die Grundzüge seiner Lehre. Und von hier aus ist er ein Feind aller monotheistischen Religionen, daher auch des Judentums, das er als Rasse auffaßt, und daher wird er in Kreisen der Rassekämpfer seit Jahren als ein markanter Vertreter des Antisemitismus angesehen. So wenig sein Haß gegen die Juden als Rasse zu bestreiten ist, so sehr muß man dagegen darauf hinweisen, daß Schopenhauer zu seinen besten Freunden den gewesenen Juden Julius Frauens t ä d t zählte, der seine Werke herausgab, sie einleitete und sein Lebensbild zeichnete. Diesem gegenüber äußerte er sich auch abfällig darüber, daß auf dem Berliner Denkmal Friedrichs d. Gr. unter den Linden Moses Mendelssohn unter den hervorragenden Zeitgenossen des Königs fehle. Frauenstädt und David Asher, der Jude geblieben ist, waren die Vollstrecker des Testaments Schopenhauers, das ein Jude Dr. Martin Emden verfaßt hat. Vielleicht darf man auch das medizinische Urteil, das von verschiedener Seite ausgesprochen wurde, daß er an Größenwahn gelitten habe, erwähnen, um zu erweisen, daß sein Urteil kein freies und kein auf freiem Verstand aufgebautes gewesen sein kann. Wenn Judenfeinde in ihm heute einen ihrer Helden feiern, so muß dies mit ailer Vorsicht aufgenommen werden. Hitlers Rede vor dem Deutschen Reichstag. Wie in allen seinen bisherigen oiriziellen Kundgebungen hat der deutsche Reichskanzler Adolf Hitler auch in seiner Rede am Sonntag vor dein Deutschen Reichstag scharfe Ausiälle gegen die Juden gemacht. In einer Zeit, da gegen den seit fünf Jahren beleidigten, gedemiitigten und durch allerlei Hammerschläge und Nadelstiche gepeinigten Rest des deutschen Judentums auch wirtschaftlich der letzte tödliche Schlag geiührt wird, müssen diese Ausiälle des Führers, der sich in dieser Rede selbst als die einzige und höchste Autorität des deutschen Staates und Volkes bezeichnet hat. besonders vermerkt werden. Man kann diesen Auslassungen nur entgegenhalten, daß das deutsche Judentum, diese sittlich so hochstehende Gemeinschaft, seine Leiden mit hoher Würde erträgt und daß man nur bedauern kann, daß diese Haltung von Adel und Würde einer Weit, wie sie Adolf Hitler in seiner Rede selbst geschildert hat, nicht Beispiel sein kann. Hitler sagte der „von einer jüdischen und intellektuellen Schicht geführten bolschewistischen Revolution" nach, sie habe Millionen und Abermillionen von Menschen hmgeischlachtet, dennoch nehmen „deren blutbefleckte Mörder im Rate der demokratischen Institutionen (offenbar spielte Hitler auf Rußlands Vertretung im Völkerbund an, d. Red.) noch angesehene Plätze ein". Hitler kam dann auf Spanien zu sprechen und sagte, „die Opfer des jüdisch-marxistischen Mobs in Spanien werden nach Schätzungen vorsichtiger Männer, die selbst aus den Ländern der Demokratie stammen, mit einer halben Million eher zu hoch als au niedrig angesehen". Hitler fügte hinzu: „Wenn wir in diesen fünf Jahren etwa ähnlich gehaust hätten wie die braven demokratischen Weltbürger sowjetrussischer oder sowjetspanischer Herkunft, d. h. also, jüdischer Rasse, dann wäre es uns nicht gelungen, aus dem Deutschland des tiefsten materiellen Zusammenbrach*