Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1938
- Issue
- Heft 8 (18.2.1938)
- Date
- 1938-02-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 8 — 18. Februar 1938 DIE WAHRHEIT UNION ÖSTERREICHISCHER JUDEN BEZIRKSORGANISATION H JUGEND-UNION BEZIRKSGRUPPE LEOPOLDSTADT Samstag, den 19. Februar 1938, V»9 Uhr abends, im Blauen Saal des Cafe „Sächsischer Hof', Wien, 11., Taborstrafje 46a Unterhaltungsabend jugendkarte s i.- mit Akademie und Tanz Mitwirkend : Liesl Weinberger, Chansons, Hans Holländer, Klavierhumorist, Erich Kesacoff, Gesang. Adolf Körner. Blaue Spinne, Joe Willner, Illusionist, Jazz: Frey's Union-Band anderer Phantasten. Bekanntlich hat auch Ludendorff, als er den Krieg verlor, den Sieg der Entente zu einem „Sieg Israels" umgedeutet. Seitdem kommen wir aus dem „Siegen" überhaupt nicht mehr heraus und wir wären ohne Zweifel schon längst die mächtigsten Sieger der Erde, wenn wir nicht, entgegen allen traditionellen Siegergepflogenheiten, ständig — die Kriegsentschädigungen zu zahlen hätten! Wer immer in aller Welt Ursache zur Unzufriedenheit mit dem Weltlauf zu haben glaubt, konstatiert in seinem Grimme einen „Sieg Israels" und hält sich dann auf Kosten des Judentums schadlos. Das ist zwar ein ganz paradoxes Verhältnis zwischen Siegern und Besiegten, aber es trägt wesentlich zur Erhöhung unseres „Sieger"-Renommees bei und zeitigt die erstaunliche Folge, daß sich immer größere Massen Freiwilliger ins Lager der angeblich von uns Besiegten drängen. Nur ausnahmsweise geraten auch Unfreiwillige zu ihrem Schaden in dieses Gedränge. So haben jetzt sämtliche Präfekten und Bürgermeister, die vom Kabinett Goga ernannt sind, die Weisung erhalten, alle Gelder, die sie angeblich zu Wahlpropagandazwecken bekommen hatten, wieder abzuliefern oder ordnungsgemäß zu verrechnen. Dieser Prozeß soll äußerst schleppend vor sich gehen und täglich neue Skandale ans Licht bringen. Wer ist an dieser Schlamastik schuld? Wer anders als die Juden, die das Gebot ..Du sollst nicht stehlen!" aufgebracht haben, das jetzt den armen Protektionskindern der gestürzten Goga-Regierung zum Verhängnis wird. Diesen Opfern einer noch immer vom jüdischen Geiste abhängigen Weltordnung schließen sich „trauernd" jene seltsamen Rechtsanwälte an, die sich zu Anwälten des Rechts erniedrigt hatten, ihre jüdischen Kollegen durch einen Federstrich um die Früchte ihrer Lebensarbeit zu bringen. Die neue Regierung, weniger um die Juden als um die moralischen Fundamente ihres Staates besorgt, hat die Wiederzulassung der jüdischen Advokaten zur Ausübung ihres Berufes angeordnet und deren antisemitische Konkurrenten, die sich schon als die lachenden Erben ihrer Klientel und ihres Einkommens gefühlt hatten, müssen jetzt zu ihrer gewaltigen Enttäuschung wahrnehmen, daß auch das mosaische Gebot noch gilt: „Du sollst nicht Gelüste tragen nach dem Gute Deines Nächsten!" Solange aber in Rumänien noch das jüdische Moralgesetz entscheidenden Einfluß ausübt, haben die Leidtragenden dieser Ethik allerdings Grund zu der bitteren Erkenntnis: „Israel, Du hast gesiegt!" Pater Muckermann über den Antisemitismus. Pater Muckermann hat sich dem Wiener Korrespondenten der „C h w i 1 a", Dr. 'J. F i n k e 1 s t e i n, in einem Interview über die Judenirage folgendermaßen ausgesprochen: -,Die Judenfrage ist heute eine andere, als sie früher war. Sie hat durch den Kampf des Neuheidentums gegen das Christentum ein anderes Gesicht erhalten. Man bekämpft die Juden aus den gleichen Gründen, aus denen man das Christentum bekämpft. Der Antisemitismus der Gegenwart entwickelt sich aus dem Motiv, daß alles abzulehnen ist, was mit jüdischem Blut zu tun hat. Jeder gläubige Christ muß einsehen, daß damit auch Christus und seine Mutter, die aus dem Stamme Davids war, beleidigt und geschmäht werden. Wer den Antisemitismus von heute mitmacht, der befindet sich zugleich in der feindlichen Front gegen das Christentum. Die Art und Weise zum Beispiel, wie dieser Kampf im „Stürme r" geführt wird, ist nicht vereinbar mit den Gesetzen der Menschlichkeit. Es stecken darin Roheit, Sadismus und Zynismus. Das Christentum ist aber eine Religion der Menschlichkeit. Eben weil Christus ein menschliches Antlitz trug, wird das Antlitz Christi beleidigt, wo immer man ein menschliches Antlitz schändet. Wenn wir das Christentum verteidigen als Religion der Menschlichkeit, dann verteidigen wir auch die Menschenrechte, die Gott einem jeden gegeben hat. Deswegen verteidigen wir besonders die Armen. Verfolgten, die Unrecht leiden auf dieser Erde. Man kann nicht ruhig zusehen, wenn die Antisemiten unserer Tage mit Methoden auftreten, die menschenunwürdig sind und darum in jedem Menschen die Menschlichkeit beleidigen. Wie immer diese schwere Frage, die tief ins Geheimnis Gottes reicht, gelöst werden wird; unter allen Umständen müssen die Menschenrechte geachtet werden. Wer diese Rechte mißachtet, der mißachtet auch die Gottesrechte, aus denen sie her. vorgehen. Gerade das Christentum, das in diesen Tagen so unmenschlich verfolgt wird, ist von Haus aus ein Anwalt aller leidenden Menschen. Und darum hat auch „Osservatore Romano" so ernste Worte gegen den Antisemitismus gefunden. Es gibt keine Frage auf dieser Welt, die nicht im Geiste der Liebe gelöst werden kann und gelöst werden muß. Das hat weder mit Politik, noch mit der Wirtschaft öfter sonst irgend einer profanen Angelegenheit zu tun. Es ist eine einfache Folgerung aus der Tatsache, daß wir Christen sind." Bekanntlich äußerte sich P. Friedrich Mukkermann auch jüngst im Rahmen eines öffentlichen Vortrags über die Judenfrage wie folgt: „Wenn man diese Frage dadurch löst, daß man Menschen schändet und unterdrückt, dann wird Flir S 2b 75 monatlich bii „ASigemeiner Krankenafl^«*,.«!«««»! Unterstützungs- Wereä« roOnfef80F@ it 55 Jahren bestellende Tapezierer u. Dekorateur Eigenes Heinrich Bauer Wien III., Löweng. 26, Tel. U-11-8-76 sie eben u n c h r i s 11 i c h, d. h. unmenschlich gelöst. Was wir brauchen, ist Liebe von Mensch zu Mensch und die Achtung vor der Menschenwürde des andern." Der Beifall an dieser Stelle des Vortrages war der größte des Abends und es waren bestimmt nicht lauter Juden anwesend, die applaudierten. Der hochwürdige Herr, wiederholte übrigens diese Erklärung am Mittwoch bei einem Appell der Amtswalter der Vaterländischen Front I mit der Hinzufügung, daß er sich durch Drohungen nicht von seinem Standpunkt abbringen lasse. Monnietet „Die lüahifidt"! Eine KuSfursehande. Die „Wiener Stadt-Stimmen", das offizielle Organ der Bezirksorganisation I der „Vaterländischen Front", schreiben unter obigem Titel in ihrer Februar-Ausgabe folgendes: Antisemitismus ist bei uns in Oesterreich Privatsache, mit der es jedermann halten kann, wie er will, und darum erübrigt es sich auch, zum Antisemitismus an sich Stellung zu nehmen. Energische Stellung muß aber zu Dingen genommen werden, die österreichischer Kultur, österreichischem Ansehen und nicht zuletzt österreichischer Wirtschaft Abbruch tun. Antisemiten haben es für nötig befunden, sich in einem Oesterreichischen Antiseniitenbund zu vereinigen, der, das sei einmal offen ausgesprochen, Tendenzen huldigt, die mit Antisemitismus nur sekundär zu tun haben, primär aber auf eäne ganz andere Zielstrebigkeit hinweisen, so zwar, daß offizielle und hiezu berufene Stellen sich genötigt sehen, die Tätigkeit dieses Bundes scharf unter die Lupe zu nehmen. Der Oesterreichische Antisemitenbund, der nichts anderes als die Geschäfte der Nazi besorgt, gefällt sich neuerdings darin, den Spuren Julius Streichers zu folgen. Er war geschmacklos genugeinen Christbaumschmuck auf den Markt zu bringen, der einen Galgen darstellt, auf dem zwei Raben sitzen und an dem ein' Jude baumelt. Es mag den zuständigen kirchlichen Stellen überlassen bleiben, ihr Urteil über einen Christbaumschmuck zu fällen, der einen Gehenkten darstellt, der dem gleichen Volk entstammt wie Jesus Christus, und darüber zu entscheiden, ob dieses sinnige Symbol für das Fest zur Ehre des Erlösers, das Fest der Liebe und des Friedens geeignet ist. Die widerliche Extratour des Oesterreichischen Antisemitenbundes hat selbstverständlich peinlichstes Aufsehen erregt. Die bedeutendste und gelesenste amerikanische Zeitschrift „Life" brachte ein großes- Bild eines Weihnachtsbaumes mit diesem viehischen Machwerk und gab den entsprechenden Text dazu, der weder unserem Ansehen im Ausland noch unserem Fremdenverkehr, um den wir seit Jahren schwer und mit Aufbietung großer Mittel kämpfen, besonders förderlich sein dürfte. Engländer, Franzosen und Amerikaner, jeder Mensch, der etwas auf Kultur hält, steht solchen Eskapaden auch dann verständnislos und ablehnend gegenüber, wenn er kein Jude ist, und könnte sich die Frage vorlegen, ob er noch in ein Land fahren soll, in dem derartige Unappetitlichkeiten, wie ein Galgen auf dem Weihnachtsbaum und ähnliche Erfindungen, die dem Oesterreichischc-n Antsemitejibund noch zuzutrauen sind, möglich sind. Hier ist der Punkt, an dem weltliche Behörden einzugreifen haben, nicht aus verzwickten staatsrechtlichen Gründern sondern einfach deshalb, weil wir uns den Luxus nicht leisten können, unseren Fremdenverkehr durch Bübereien stören zu lassen. Der Fremdenverkehr ist nach wie vor einer der wichtigsten Aktivposten unserer Wirtschaft, und wenn der Antisemitenbund, der nichts anderes als ein getarnter Nazibund zu sein scheint, von seinen Manifestationen nicht lassen zu können glaubt, möge er sich samt und sonders in jene Gefilde begeben, mach welchen i r mit seinem verrohten Herzen tendiert und in welchen er sogar willkommen sein dürfte. Man kann Antisemit sein, aber auch der Antisemit muß jenes Maß von Selbstzucht haben, das es gestattet, auch mit Antisemiten zu diskutieren. Die vom Antisemitenbund gewählte Art der Propaganda aber ist menschenunwürdig, ekelhaft und, was noch gefährlicher ist, restlos dumm. JUDISCHES KULTURTHEÄTER I.. Kai 3, R 2S-2-36. Täglich. 20 Uhr, Scholem Alejchems Volks- •stück „Das Große Los" in der deutschen Uebersetzung und Bühnenbearbeituns von Jakob Rosenthal. Regie: Fritz L inks.