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Die Wahrheit · 1938-02-11 · Heft 6 (11.2.1938) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1938
Issue
Heft 6 (11.2.1938)
Date
1938-02-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 6 — 11. Februar 1938. Seite 3 Das Zerstörungswerk des Antisemitismus. Der bisher unbescholten gewesene, jüdische, durch die antisemitische ßoykottpropasanda dein geschäftlichen Ruin preisgegebene Kaufmann Ezechiel Michael Lebenschuß, der in einem von den Gerichtspsychiatern festgestellten -starken Affektzustand sehr depressiver Natur, der nicht weit vom Zustand der Verzweiflung entfernt war", eine Fensterscheibe des reichsdeutsclien Verkehrsbüros in der Kärntnerstraße eingetreten hatte, wurde zu vier Monaten Kerker verdonnert. Zur Begründung dieses durch seine besondere Härte auffallenden Urteils wurde die Notwendigkeit seiner abschreckenden Wirkung angeführt. Am vergangenen Freitag standen zwei von den vielen Nazis, die sich an dem Massenfeldzug gegen jüdische Auslagenseheihen beteiligt hatten, vor Gericht und erhielten bloß je drei Monate Kerker. Obwohl es sich um zwei bereits v o r b e- SCHNEIDERMEISTERXX^ClItdT 33üd?ler I., Rotenturmstr. 7. Telephon U 28-2-80 verfertigt nach Mari Mäntel, Kostüme, Komplets. Erstklassige Ansfiihrung. ZahlungserleichterungJ strafte Individuen handelte, legte man in diesem Falle offenbar weniger Wert auf abschreckende Wirkung. Diese ist denn auch vollständig ausgeblieben: Noch am selben Tage setzte ein neuer Nazi-Sturm gegen jüdische Fensterscheiben ein, zu dessen Opfern diesmal auch ein jüdisches Gotteshaus, das dem Verein „Schomer Israel" gehörende Bernaus im 3. Bezirk, Hetzgasse 40, zählt. Dort waren an die vierzig Andächtige zum Freitag-Abendgottesdienst versammelt. Der Vorbeter war eben an jene Stelle gekommen, an die das Gebet für die Toten anschließt, in diesem Augenblick setzte ein Steinhagel ein. Glassplitter flogen in das Lokal. Mehrere der Betenden erlitten durch die Kiesel leichte Verletzungen. Drei Personen, der 39jährige Kaufmann P. Linder, Schüttelstraße 77, der 63jährige Handelsangestellte M. Stern, III., Custozzagasse 12, und der 43jährige Kaufmann B. Feintuch, Obere Weißgärberstraße Nr. 11, mußten später die Hilfe der Rettungsgesellschaft in Anspruch nehmen. Unter der Versammlung entstand eine Panik. Alles drängte zum Ausgang oder suchte hinter den Bänken Schutz. Im nächsten Moment flog eine Brandfackel in den Raum. Ein Geistesgegenwärtiger konnte sie jedoch fassen und ablöschen. Einzelne der in dem Bethaus Versammelten stürmten durch die enge Türe ins Freie und kamen eben noch zurecht, um einen der Burschen zu fassen. Aber der Attentäter vermochte sich durch einen Hieb mit einem Schlagring zu befreien. Radfahrer, die anscheinend mit den Angreifern im Bunde waren, taten so, als ob sie den Flüchtigen verfolgen wollten, deckten aber in Wirklichkeit seine Flucht. Die zum Gottesdienst Versammelten kehrten dann wieder ins Bethaus zurück, um das noch ausstehende Kaddisch-Gebet zu verrichten. In der Leopoldstadt, in Floridsdorf. in Mariahilf, Rudolfsheim, auf dem Neubau und in Währing, mußten jüdische Geschäftsauslagen daran glauben, in der Brigittenau auch christliche. Die Rassenlehre hält offenbar noch nicht so weit, in allen Fällen arisches Fensterglas von jüdischem unterscheiden zu können. Da hat die sogenannte ..deutsche" Physik, die an manchen Hochschulen des Dritten Reiches etabliert ist, noch ein reiches Gebiet dankbarer Arbeit vor sich. Im übrigen aber verriet die Aktion eine vollkommen planmäßige Vorbereitung von einer zentralen Stelle aus. Sie war mit militärischer Exaktheit auf die Minute für 6 Uhr abends tempiert. Die jüngst erfolgte Verhaftung des Pg. Tavs, der sich unvorsichtigerweise einem ausländischen Interviewer in laller Form als illegaler Parteifunktionär des Austro-Nazismus vorgestellt und so geradezu mit Gewalt das behördliche Einschreiten gegen ihn provoziert hatte, hat also keinerlei Lücke, in dem mit erstaunlicher Präzision funktionierenden illegalen Organismus hinterlassen, und das sollte wahrscheinlich auch durch die ganze Aktion dokumentiert werden. Man wird sich allerorts über den Kontrast zwischen diesem gelungenen Beweis und den scharfen Worten, die die höchsten Amtswalter der Vaterländischen Front gelegentlich — zuletzt noch Herr Zernatto in Salzburg — gegen die Austro-Nazi fanden, sehr wundern. Und so erlebte man schon am nächsten Tag wieder eine präzis organisierte Nazi-Demonstration in Klagenturt, wo sie sich nicht gegen Juden, sondern gegen die österreichischen Ski-Meister, die dort in einem internationalen Länder-Springen antraten, richtete und die einheimischen Sportler durch rücksichtsloses Auspfeifen um den Sieg brachte, während die Reichsdeutschen durch demonstrative Anfeuerungsrufe zu Höchstleistungen aufgestachelt wurden, die ihnen den Preis eintrugen. Es war dies dieselbe Methode, die bei dem berüchtigten Handball-Ländermatch zwischen Oesterreich und Deutschland im Wiener Stadion zur Anwendung gelangt war. Und so wie damals in Wien schlössen sich diesmal in Klagenfurt an die sportliche Veranstaltung politische Kundgebungen mit Absingung nationalsozialistischer Lieder, die in Oesterreich verboten sind. Dieses unerschütterte Festhalten an einer provokatorischen Taktik, die schon bei ihrer ersten Anwendung die Entrüstung aller vaterländisch gesinnten Oesterreicher geweckt hatte, beweist, daß die lange Zwischenzeit keineswegs nutzbringend Union österreknisdier Juden Bezlrhsorganlsatlon Neubau Straße 61 Versammlung der DezirhsorganisatiOB Ncoöau Es sprechen: der Präsident der „Union österreichischer Juden'' Reg.-Ral Dr. Hermann Oppenheim tusgemeintli- Wien und der „Ui der Isr. Kut non Österreichs. Dr. Josel Tidjo Ahiuelle Fragen Gäste willkommen. Vexiangt in Cafes usw-- „&U lüabtAeit" zur Bekämpfung der Nazi-Mentalität angewendet worden ist. Es war nicht schwer vorauszusehen, daß man mit antisemitischen Boykott-Parolen dem Nazismus nur die Wege ebnet, anstatt ihm das Wasser abzugraben. Der Antisemitismus entpuppt sich immer deutlicher als das trojanische Pferd von heute, das den Feinden der österreichischen Unabhängigkeit zum Breschesclilagen in die Mauer des verhaßten Staates und zum heimlichen Einnisten zerstörender Gewalten dient. Es sind auch bereits giftige Presse-Reptilien beflissen, den Warnern das klassische Laokoonschicksal zu bereiten. Doch ist diesmal, wie die von uns schon oft zitierten Kritiken auch gut katholischer Autoren beweisen, die Erkenntnis der Wahrheit doch schon zu allgemein, als daß der blinde Judenhaß sein Zerstörungswerk zu Ende führen könnte. Oesterreich wird daher kein Troja sein. Jüdischnationale Statistik. In dein Blatt, als dessen Eigentümer, Verleger und Herausgeber Herr Oberbaurat Robert Stricker zeichnet, ist unter dem demagogischen Titel „Eine bösartige Legende — Methode ä la Goga" — die Methoden der Demagogie hat Herr Oberbaiirat .Stricker wohl noch im alten österreichischen Parlament von den nationalistischen Parteien gelernt — ein Artikel erschienen, in dem der Verfasser mit Ziffern und Zahlen in einer Art und Weise jongliert, die sich selbst im Zirkus der Demagogen sehen lassen können. Auf einige falsche Zitate kommt es dem Blatt des Oberbaurates Stricker — das haben wir wiederholt bewiesen — nicht an. Unter den vielen Österreichisch - jüdische Akademikerunion Erste kulturelle Veranstaltung Samstag, 12. Februar. 20 Uhr. im Union- Klub, I., Schottenring 25 bringt Herr Jofef BerljatDffu) Stimmt •s (Scherchen) Violinschöpfungen von Bach, Beethoven, Mendelssohn, Sarasate, Wieniawsky, Ravel etc- Am Klavier: Felix Lenk Eintritt: S 1__ unrichtigen Zitaten sind einzelne, die dem Sinne nach richtig sind und nur noch entsprechend ergänzt werden müssen. So ist es zum Beispiel richtig, daß die Jüdischnationalen die Majorität im Vorstand der Wiener Judengemeinde hauptsächlich dem Umstände verdanken, daß auch die Ausländer das aktive Wahlrecht in der Kultusgcmeinde besitzen, was notabene den Unionisten im Vertrauen darauf, daß die Kompetenz der Kultusgemeinde, für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Wiener Juden Sorge zu tragen, nicht überschritten und die Gemeinde nicht zu politischen Zwecken mißbraucht wird, zu verdanken ist, außerdem verdanken die Jüdischnationalen noch die Majorität dem Umstände, daß mehr als die Hälfte der Wähler und Steuerträger, nämlich 24.0U0 von zirka 44.000, 1 bis 10 Schiling pro anno an Kultussteuer vorgeschrieben erhalten, was insgesamt einen Betrag von ungefähr S 125.000.— pro anno ergibt, bei einer Gesamtsteuervorschreibung von 2,7 Millionen Schilling pro anno, so daß wohl festgestellt werden kann, daß die Zusammensetzung des Kultusvorstandes nicht nach dem Gesichtspunkte der österreichischen Staatsbürgerschaft und nicht nach dem Gesichtspunkte der Leistungen für die Kultusgcmeinde erfolgt. Dazu kommt, daß das Wahlrecht schon dann ausgeübt werden kann, wenn ein Zensit nur einmal in drei Jahren vor den Wahlen die vorgeschriebene Steuer auch wirklich bezahlt hat, so daß bei der faktischen Minimalisteuer von S 1.— eine jährliche Leistung von 33'/'> Groschen für die Israelitische Kultusgemeinde Wien genügt, um das Wahlrecht iür den Kultusvorstand auszuüben. Diejiidischnationalen Anhänger des autoritären Regimes, wenn sie einmal gewählt sind, sind große Demokraten, solange es sich um die Erweiterung des Wahlrechtes in Kreisen ihre präsumptiven Anhänger handelt. Nun zu den Zahlen, die im Blatt des Herrn Oberbaurates Stricker, der „Neuen W e 11", publiziert werden. Das geschieht nicht zum erstenmal, schon in der „Neuen Welt" vom 26. Februar 1937 waren diese Ziffern unter dem Titel „Eine interessante Statistik" zu lesen. Damals hieß es aber nur, daß „das Steueramt der Kultusgemeinde eine Statistik über die Staatszugehörigkeit der 31.760 Wähler .ausgearbeitet' hat, welche bei den Wahlen im November l°3fi zur Wahl gingen". Jetzt heißt es natürlich schon anders. Jetzt erzählt das Blatt des Herrn Oberbaurates und Vizepräsidenten der Kultusgemeinde. daß das Präsidium die Namen aller Juden, welche an den letzten Kultuswahlen teilgenommen haben, der Wiener Polizeidirektion übergeben hat und durch diese die Staatsbürgerschaft der Wähler feststellen ließ. Das Ergebnis — es wird auch von einer amtlichen Prüfung gesprochen — ist natürlich absolut unrichtig. So möchte es gerne Herr Oberbaiirat Stricker haben. Aber an den Tatsachen und an den wirklichen Verhältnissen wird er nichts ändern können durch noch so große Akrobatenkunststücke seiner Zeitung. Am 5. März 1937 hat „Die W a h r Ii e i t" unter dem Titel „Eine nichtmaßgebliche Statistik" diese „Ausarbeitung" des Steueramtes charakterisiert. Darüber wurde folgendes gesagt: „Wir haben schon in der Plenarsitzung des Kultusvorstandes gefragt, wieso das Steueramt dazukommt, eine solche Erhebung kontrollos durchzuführen, und wozu der Kultusvorstand eine statistische Kommission besitzt. Die Herren Jüdischnationalen haben das auch eingesehen und haben einstimmig auf Antrag der „Union" beschlossen, die Statistik durch die hiezu beruiene statistische Kommission durchführen zu lassen."

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