Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1938
- Issue
- Heft 5 (4.2.1938)
- Date
- 1938-02-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT - 4. Februar 1938 Die Lage der Juden in Rumänien. Von besonders informierter Seite. Wenn auch einige Einzelheiten des folgenden Berichtes bereits bekannt sein dürften, so besitzt diese authentische Schilderung der augenblicklichen Lage der Juden in Rumänien im Hinbilck auf die bevorstehenden Wahlen des rumänischen Parlaments besonderes Interesse. Der gegen die Juden gerichtete Kurs verschärft sich von Tag zu Tag. Das Ereignis des Tages ist die Erklärung des Capitans — diesen Titel führt der Chef der Eisernen Garde, Cornelia Codresanu —. daß er von einer Auflösung des vor kurzem gewählten Parlaments abrate und bereit sei, seinen Parlamentariern aufzutragen, für das Budget und für die dringenden Gesetze zu stimmen. Er begrüßt die neue Regierung als eine nationalistische Regierung mit Sympathie, und dies will heißen, daß er sie in ihren Maßnahmen gegen die Juden unterstützen wll. Corneliu Codreanu ist der erste, der mit einem Runderlaß die Wahlpropaganda bereits begonnen hat. Er befiehlt seinen Legionären, dafür zu sorgen, daß sie die Stirn in c n z a h 1 verdoppeln. Jeder Legionär und jeder Anhänger ist verpflichtet, für mindestens eine zweite Stimme zu sorgen. Wenn Codreanu verordnet, daß bei der bevorstehenden Parlamentswahl eine Million Stimmen für die Liste der Partei „Totul pentru Tara" (Eiserne Garde) abgegeben wird, ist es keine ruhmredige Phrase, sondern es ist eine Forderung, mit deren Verwirklichung man rechnen kann. Manche glauben, die Cuza-Goga-Partei werde mit der suggestiven Macht einer Regierungspartei Codreanu die Majorität der Stimmen, die seine „Eiserne Garde" oder heute „Alles für das Land" (Totul pentru Tara) bei der letzten Parlamentswahl erhalten hat, wegnehmen. Aber dies wird nicht der Fall sein. In revolutionären Zeiten radikalisieren sich die Parteien. Die stärkere Farbe schlägt die schwächere. Die Eiserne Garde ist in allen Programmpunkten entschiedener — auch im Judenpunkt. Zwischen beiden a n t i s e m i t>i s c h e n Parteien besteht oin großer Unterschied. Er erstreckt sich sowohl auf die Innenals auch auf die Außenpolitik. Die national-christüthe Partei Cuza-Goga will Partei sein gleich den anderen Regierungsparteien. Sie will parlamentarisch und nicht diktatorisch regieren. Neue Ideen hat sie nicht. Der Antisemitismus ist das A und O ihrer R e g i e r u u g s w e t she>it. Die gesamte Opposition höhnt: Was ist das schon für ein Regierungsprogramm, wenn es in seinen allerersten Handlungen Kleinigkeiten, wie die Entziehung von 120 Bahnfreikarten, die Juden gehörten, ankündigt? Was bedeute es, wenn man Naphtha, Baumwolle und die dritte Wagenklasse verbilligt, oder gar das Salz, dessen Verbrauch ohnehin die allergeringsten Kosten verursacht? Es ist kein großer Zug in den programmatischen Ankündigungen der Regierung und selbst die schon in Szene gesetzte Schikanierung der Juden macht auf die antijüdisch eingestellten Massen keinen Eindruck. Es werden da und dort jüdische A e r z t e entlassen, da und dort wird Juden das Betreten von Aemtern verboten. In einigen Gegenden werden jüdische Geschäftsleute gezwungen, ihre 'Magazine am Sabbath ofien zu halten. Aus einigen Dörfern werden mit stiller Duldung der Sicherheitsorgane alt eingesessene jüdische Familien vertrieben. All dies ist kein Regierungsprogramm. Es löst keine soziale Frage, und es hat nur schwere ökonomische Erschütterungen zur Folge, unter denen die christliche Bevölkerung vielleicht noch in höherem Maße leidet als die jüdische. Codreanu ist der Mann, der Neues verspricht. Man glaubt ihm und man traut ihm die Kraft zu, die öffentliche Verwaltung zu reinigen und einen großen Umschwung herbeizuführen. Hier soll nicht untersucht werden, warum er mit seinen Plänen scheitern wird. Diese Feststellungen haben nur den Zweck, zu beweisen, daß aus den kommenden Parlamentswahlen die Eiserne Garde noch stärker hervorgehen wird, als sie sich bei den letzten Parlamentswahlen erwiesen hat, und daß die Regierungispartei, die zweifellos — sie ist ja Regierung — ihre Stimmenzahl verdreifachen wird, den Zuwachs sich nicht aus den Anhängern Codreanus, sondern aus den anderen Parieren und aus jener großen Masse von Wählern holen wird, die parteipolitisch nicht organisiert ist und einem populären Schlagwort, wie es heute der Antisemitismus ist, gerne folgt. Bei den bevorstehenden Parlamentswahlen werden sich also die beiden offiziell antisemitischen Parteien wesentlich stärken, wenn auch eine dauernde Koalition Cuza-Goga-Codreanu recht unwahrscheinlich erscheint, so ist schon die Tatsache, daß das kommende Parlament eine Mehrheit von ausgesprochen antisemitischen Vertretern haben wird, für die Juden Rumäniens im höchsten Maße unerfreulich, selbst wenn die beiden anderen großen Parteien (liberale und Nationale Bauernpartei) gegen die Regierung getrennt marschieren. Bei korrekten Wahlen wird keine Partei den so hochwichtigen Wahlquotienten von 40 Prozent erreichen, es sei denn, daß sich die ganze Opposition zu einem Block mit eigener Liste zusammenschließt. Diese Möglichkeit ist aber in sehr hohem Maße unwahrscheinlich. Erreicht keine Partei die 40 Prozent, dann <ist nicht einzusehen, wie man bei den gegebenen Verhältnissen parlamentarisch wird regieren können. Dies scheint der Ministerpräsident Goga auch einzusehen. Er glaubt selbst nicht an die Erringung der 40 Prozent und darum plant er die Aenderuns der Wahlordnung in dem Sinne, daß schon die relative Majorität für den Zuschlag der Prämie genügen soll. Er kalkuliert, daß er als Regierungspartei, mit Hilfe der sogenannten Regierungsmitgift, d. i. mit D Ur- und Alleinauffuhrunu. in Wien WSQnCn- Die SenMmon Nächste Versammlungen der „Union ösferreknisdier Juden" Dienstag, den 8. Februar. 8 Uhr abends im Cafe „Goldener Engel" XXI., Am Spitt 2/3 Es sprechen: der Präsident der „Union österreichischer Juden Reg.-Ral Dr. Hermann Oppenheim und der Vizepräsident der Isr. Kultusgemeindc Wien und der „Union österreichischer Juden" Dr. Josei Tldio Donnerstag, den 10. Februar. 8 Uhr abends im Cafe Mariahilf, VI., Mariahilferstraße 89 a Es spricht: Reg.-nat Dr. Hermann Oppenhelm den Machtmitteln der Regierim# und mit dem. erobernden Schlagworte des Antisemitismus, als die relativstärkste Partei aus dem Wahlkampie hervorgehen wird. Codreanu schätzt die Chancen der Regierung mit 30 Prozent, und wer 30 Prozent erlangen wird, wird wohl die relativ stärkste Partei .sein und die Regierungsprämie bekommen. Aber wie auch immer die Dinge sich gestalten werden, die parlamentarische Lage der Juden wird sich verschlimmern — nicht zuletzt weil auch die demokratischen Parteien der herrschenden Strömung Rechnung tragen werden. Hie und da wagt noch eine demokratische rumänische Zeitung ein gutes Wort für die Juden, aber diese Stimmen sind vereinzelt und schüchtern. Und doch i,s t die Lage der Juden in Rumänien nicht hoffnungslos. Hilfe kommt den Juden nicht von außen, sondern von innen. Einsichtige Juden überschätzen nicht den Wert von judenireundlichen Kundgebungen, selbst wenn sich ausländische Regierungen zu ihnen entschließen. In dieser Beziehung gibt e- Erfahrungen. Wieviel hat die Welt schon für das Bürgerrecht der Juden in Rumänien getan, und noch immer ist es keine endgültig gelöste Frage. Noch immer gelingt es, das Bürgerrecht der Juden gesetzlich und praktisch zu beschneiden. Die große Welt draußen hat heute andere Sorgen, und um der Juden willen werden die Linien der Weltpolitik nicht um einen Millimeter verschoben. Hilfe sollte den Juden von innen ko mmen. Sie kommt von dort, wo die Juden am schwersten getroffen werden sollen, von der Wirtschaft, die einen antisemitischen Kurs absolut nicht verträgt. In einem noch vielfach so unerschlossenen Lande wie Rumänien stellen die Juden einen starken wirtschaftlichen Faktor dar. Sie prävalieren nicht auf geistigem Gebiete. In der staatlichen Verwaltung sind sie heute so gut wie inexistent. In den freien Berufen werden ihrer von Jahr zu Jahr immer weniger, was sich auf den geistigen Habitus der heranwachsenden Generation leider immer mehr auswirkt. Stark sind die Juden auf dem wirtschaftlichen Gebiete als Händler, als Industrielle, als Gewerbetreibende. Es hat sich nämlich gezeigt, daß schon die Tatsache der Uebertragung der Regierung an die nationalchristliche Partei Cuza-Goga auf das Wirtschaftsleben des Landes erschütternd gewirkt hat, obwohl die Regierung sich ehrlich bemüht hat, die Ruhe im Lande Der große jiddische Film stÄU8arten »Der Purimspleler44 »-40-5-98 Musik : NIKOLAUS BR0DSKY Baiiu: '1,5, '/«8, i/«io mit deutschen Fußtiteln Samtig aaeä 3'.4 dir auireeht zu erhalten. Ruhe und Ordnung sind nicht ganz gleiche- Dinge, und gewisse Anzeichen deuten darauf hin, daß die zentrale Gewalt des Uebereiiers der Partisanen — auch der beamteten — nicht überall Herr werden kann. Die Zeitungen haben schon über diese Erschütterungen im Wirtschaftsleben berichtet. Die Juden sind das geschäftlich unternehmende E 1 em e n t! ui Lande. Der an und für sich hochbegabte Rumäne zieht sichere Staatsstellungen vor. Der rumänischen Jugend stehen alle Aeinter oiien. und kein Land ist mit einer relativ so großen Zahl von öffentlichen Angestellten gesegnet, gerade wie Rumänien. Die angestrebte Nationalisierung der Privatbetriebe wird der rumänischen Jugend auch die Privatboamtenkarriere eröffnen, bzw. erweitern. Aber Beamte -ind keine Unternehmer. Eine ererbte oder anerzogene Beamtenmeutalitä; scheut das Risiko des Unternehmers, und erobern kann man die Wirtschaft nur durch eigene, mit Risiko verbundene Unternehmungen. Hierin liegt die Stärke der Juden, die das Land absolut nicht entbehren kann. Ueber diese Frage ließe sich ein Buch schreiben. Hier sei aber nur angedeutet, daß die Juden für das Wirtschaftsleben Rumäniens vielleicht n och für u e n e r a t i o n e n hinaus u n e n t b e Ii rlich sind. Heute nach dem Regierungsantritt des Antisemitismus beginnt es schon in den Köpfen zu dämmern, wie sehr man sich ins eigene Fleisch schneidet, wenn man die Juden eliminieren will. Vielleicht hat der übereilte Regierungsantritt des antisemitischen Nationalismus r.uch sein Gutes. Zu üen ersten Handlungen der Regierung gehörte die Ankündigung, daß den jüdischen Dorischenkem die Schanklizenzeu entzogen werden, weil sie das Volk mit dem Alkohol vergiften. Alle Welt glaubte, daß das Schankgewerbe fast ausschließlich in den Händen der Juden liegt. Eingeweihte wußten es natürlich besser. Aber das Schlagwort von dem jüdischen Schenker, der das Volk vergütet, zieht. Nun hat die Regierung durch die Direktion der staatlichen Monopole — Alkohol ist ein Monopolartikel - eine Statistik über die ethnische Zugehörigkeit der Schenker machen lassen. Sie ergab zur allgemeinen Ueberraschung, daß die Zahl der Schenker im ganzen Reich 39.450 und die der Juden nur 3180 beträgt. Die anderen ethnischen Minoritäten sind mit der Zitier von 4000 vertreten. Von rund 4U.0OO Scheukern sind nur rund 30UÜ Juden. Ihre Beteiligung an diesem Gewerbe überschreitet also den Prozentsatz der Juden an der Gesamtbevölkerung nur um ein weniges. Man kann nicht mehr sagen, daß die Juden das Volk mit Alkohol vergiften, wenn die christlichen Schenker in zwölfiachcr Zahl dasselbe tun. Hiermit ist eine Hauptsäule der antisemitischen Argumentum vollständig zusammengebrochen. Ueberdies iragen einsichtige Rumänen: Wenn das Schankgewerbe ein volksschädigendes Gewerbe ist, warum soll man brave Bauern, die vom Segen der Mutter Erde leben, diesem Segen entziehen und sie auf diese Schankpositioneu der Juden setzen, wo sie dann doch dasselbe tan werden, was heute die 3000 Juden tun, die man aus ihrem so wenig beneidenswerten und in Wahrheit so wenig einträglichen Berufe hinausjagen will. Die Genfer Situation. Der Genier Korrespondent des „Prager Tagblatt" charakterisiert die Genfer Atmosphäre im Zusammenhang mit den jüdischen Petitionen wie folgt: „Die Genier Verhandlungen über die Lage der rumänischen .luden verlieien negativ, weil den jüdischen Petitionen oie Dringlichkeit versagt worden ist und man die langwierige Prozedur des Dreier-Ausschusses für Minderheiten gewählt hat. Man dari nicht vergessen, daß auf der einen Seite eine Kündigung des Minderheitenvertrages durch Rumänien verhindert worden ist. eines Vertrages, dessen Kündigung alle Minoritäten Rumäniens in eine schwierige Lage versetzt hätten. Vergessen darf man anderseits auch nicht, daß der Dreier-Ausschuß neben d?rn Ratspräsidenten aus den Vertretern Englands und Frankreichs besteht. Es ist schon eine ausgesprochene Ausnahme, daß der Ratspräsident zu seinen Mitarbeitern in diesem Ausschuß zwei Großmächte erwählt, und noch dazu zwei Mächte, die durch Interventionen ihr direktes Interessenten klar bekundet haben. Ein solches Abweichen von den Gepflogenheiten Genfs bedeutet, daß Paris und London wirklich entschlossen sind, ..die Vorgänge in dem durch die Petition betroffenen Land mit Aufmerksamkeit zu verfolgen". Im übrigen haben die diesbezüglichen Erklärungen Edens und Delbos' gegenüber Micescu nicht den leisesten Zweiiel hinterlassen."