Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1938-01-28 · Heft 4 (28.1.1938) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1938
Issue
Heft 4 (28.1.1938)
Date
1938-01-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064714-3064718--21474-3086832
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite b Nr. 4 — 28. Jänner 1938 DIE WAHRHEIT eingedrungen, und hineingeflogen ist es auch nicht. Wie dem auch sei, die Differenzierung zwischen den legalen und den illegalen Juden wird eine sehr schwierige Geschichte sein. Auf dem Papier läßt sie sich vielleicht dekretieren. Aber in der Praxis? Bereits hat man gelesen, daß eine große Welle des „kalten Pogroms" durch das Land gehe, indem sich die von Agitatoren aufgehetzten Bauern weigern, den jüdischen Geldgebern die auf ihre Ernte gewährten Darlehen zurückzuzahlen. Es wäre ja fast übernatürlich, wenn der Bauer A, der das Pech hat, an einen „legalen" Juden verschuldet zu sein, eine größere Zahlungsfreudigkeit zur Schau trüge als der Bauer B, dessen Gläubiger zufällig „illegal" ist. Gerade, wenn die Behauptungen von der übermäßigen Wirtschaftsmacht der Juden in Rumänien stimmen sollten, kann man steh deren plötzliche Depossedierung ohne schwere Erschütterung von Handel und Wandel gar nicht denken. Diese Erschütterung wird nicht nur das Land selbst, sondern auch das übrige Europa treffen. .... Man wäre aber nicht gerecht, wenn man die ganze Verantwortung dafür auf Rumänien laden wolite. Man lese einmal den Abriß der rumänisch-jüdischen Geschichte, den Professor Cuza, der Erfinder des Hakenkreuzsymbols und jetzige Mitregent des Ministerpräsidenten Goga, zu einem 1935 erschienenen antisemitischen Buche „Die Weltfront" beigesteuert hat ... . Wenn man davon die üblichen Verbalinjurien des Antisemitenhäuptlings abzieht, so bleibt eine traurige Geschichte von durch die Jahrhunderte immer wieder abwechselnder Aufnahme und Verfolgung der Juden in Rumänien übrig. Auf zwei Nachkriegsjahrzehnte der Rezeption folgt nun wieder eine Periode der grausamen Verfolgung und Abstoßung, wie wenn das immer so weitergehen müßte, daß die anderwärts vertriebenen Juden nach Rumänien kommen und von Rumänien aus nach einiger Zeit wieder anderswo gejagt werden.. Wohin? Was soll die nächste Etappe des ewigen Juden sein? Palästina? Gerade in diesen Tagen liest man, daß die britische Regierung vom Peel-Plan, der dort einen unabhängigen Judenstaat schaffen wollte, in ihrem neuesten Weißbuch wieder abrückt und die Regelung sine die vertagt. Und doch werden sich die aus Rumänien vertriebenen Juden nicht in den Aether verflüchtigen können, sondern irgendwo ansiedeln müssen. Professor Cuza widl ihnen in dem erwähnten Buche gnädigst Madagaskar einräumen, weil sie dort am leichtesten überwacht werden könnten. Diese Insel gehört aber bekanntlich nicht ihm, sondern der Kolonialmacht Frankreich und hat dreieinhalb MilHonen Eingeborene. Wird man diesen den Verzicht zugunsten einwandernder Juden mit besserem Erfolg zumuten können als den palästinensischen Aralwin? Oder soll man den Versuch machen und dann wieder aufgeben und die Juden von einem Elend ins andere treiben? Uns scheint, der rumänische Fall zeige auch dem Blindesten, daß in der Regelung des Ostjudenproblems nun endlich mit der stumpfsinnigen Halbheit der Maßnahmen und den ewigen Provisorien gebrochen und eine ganze und dauerhafte Lösung gefunden werden sollte. Wenn selbst Großbritannien allein dazu nicht imstande ist, so ist es Rumänien noch weniger, und überhaupt kein einzelner Staat. Es handelt sich da um eine typisch internationale Pflicht, deren Erfüllung die ganze Völkergemeinschaft übernehmen sollte, nicht nur dieses oder jenes Land, wo das Problem zufällig heute akut ist. Wenn man Rumänien vom internationalen Willen, sich der Judenfrage praktisch anzunehmen, überzeugen könnte, so dürfte man von ihm mit Fug und Recht auch den vorläufigen Verzicht auf die geplanten Vexationen fordern. Das wäre eine solidere Rechtsgrundlage als der Minderheitenpakt. Die Westmächte können Rumänien vielleicht hindern, diesen zu brechen, aber nicht, ihn zenbröckeln zu lassen. Den rumänischen wie den polnischen Juden wird ernsthaft nur geholfen, wenn man ihre Sache im Sinne der Sejmrede des Obersten Beck als das behandelt, was sie ist, nämlich keine lokale, sondern eine europäische Angelegenheit, oder sogar eine universelle. JÜDISCHE VOLKSHOCHSCHULE "" L, Kai 3._ Montag: Dr. A. Bogner: „Ein Gang durch die Jüdische Geschichte", 7 bis 8 Uhr. Fr. Jonas (dipl. in London): Englisch <für Anfänger, 7 bis 9 Uhr. Dienstag: Dr. L. Moses: Wirtschaftsgeschichte der Juden Wiens, 7 ibis 8 Uhr. Dr. B r üä 1 L.: Hebräisch für Fortgeschrittene, 8 bis VM Uhr. Mittwoch: E. Feldmann: Englisch für Fortgeschrittene. 7 bis 9 Uhr. Wittler J.: Hebräisch für Anfänger. %8 bis 1410 Uhr. Donnerstag: Prof. Dr. K. Kupier: Fest- und Alltagsbräuche, 7 bis 8 Uhr. Prof. Dr. M. Papo: Bibel — und Gegenwart 7 bis 8 Uhr. Jonas Fr.: Englisch für Fortgeschrittene, 8 -bis Uhr. Der polnische Ministerpräsident zur Judenfrage. Im Haushaltsausschuß des Sejm erklärte der Ministerpräsident Skladkowski, daß die Judenfrage in Polen kein Rassenproblem, sondern ein Problem der Uebervölkerung und Ernährung sei. Der Ministerpräsident verurteilte verschiedene Vorgänge im Kampf gegen die Juden, welche sich im ietzten Jahre ereignet haben, erklärte aber, daß die Juden der Wahrheit nicht ins Auge sehen wollen. Polen verändere sich in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht: Der polnische Bauer kämpft um ein höheres Lebensniveau und diese Bemühungen müsse die Regierung unterstützen. Zum Schluß wandte sich Premier Skladkowski gegen eine Einmischung ausländischer Juden zugunsten der Juden in Polen. Er nannte eine solciie 'Einmischung „aggressiv und unangemessen",, sowie schädlich für die polnischen Bürger und nachteilig für die Juden. Vereinsnachrichten. GROSSFLEISCHHAUEREI IIEGM, KORNMEHl WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., VAHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-8-34 Lieferant für Hellanstalten Abteilungen für Koscherfleisch unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der lsr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Die „Bodenständigkeit" schützt nicht vor Übertretung der Gewerbeordnung. Das offizielle Organ der Stadtgruppe Wien des Oesterreichischen Gewerbebundes „Wiener Gewerbe" vom 10. d. M. hetzt gegen die jüdischen Gewerbetreibenden -ihr-! einer unverantwortlichen Weise. Dabei erwähnt-'es den Fiall eines jüdischen Friseurs namens Chaim Korkus, dem die Gewerbeberechtigung wegen Nichteinhaltung der Tarife durch die Bezirkshauptmannschaft Neubau für die Zeit von sechs Monaten entzogen wurde. Herr Korkus wird als „Zugereister" bezeichnet. Die Sache wird nach bewährtem Muster so dargestellt, als ob Korkus der einzige Gewerbetreibende wäre, der sich gegen die Gewerbeordnung vergangen hat. Wir wollen ihn durchaus nicht in Schutz nehmen; wenn er die bestehenden Vorschriften nicht einhält, so muß er die Konsequenzen tragen. Aber es durfte nicht verschwiegen werden, daß Korkus nur einer von vielen Friseuren ist, und darunter befinden sich zahlreiche christliche, denen die Gewerbeberechtigung aus dem gleichen Grunde auf kürzere oder längere Zeit entzogen worden ist. Korkus soli seit 1905 in Wien leben und vier christliche Gehilfen beschäftigt haben. Sehr hervorragende Funktionäre des Gewerbebundes sind später nach Wien gekommen und haben seither die ,.Bodenständigkeit" gepachtet. Unter den gemaßregelten Friseuren befindet sich auch eine christliche Firma, die seit 107 Jahren in Wien ihr Geschäft betreibt. Daraus ersieht man, daß die Einhaltung der Gewerbevorschriften mit dem „Mythos der Bodenständigkeit" nichts zu tun hat. Auch die letzte Nummer des „Wiener Gewerbe" ist hauptsächlich antisemitischen Artikeln gewidmet, darunter einer Polemik gegen den Londoner „C a t h o Ii c Herald", der darauf hingewiesen hatte, daß die Veranstaltung der antisemitischen Wiener Werbeschau „Christen kauft bei Christen" mit der christlichen Lehre unvereinbar ist Katholiken der verschiedensten Nationen lehnen den Antisemitismus ab, der den österreichischen Gewerbetreibenden immer wieder mit dem bekannten falschen Pathos als herrliche Errungenschaft angepriesen wird. JÜDISCHES KULTURTHEATER _L, Kai 3._ Täglich, 20 Uhr: „Uriel Acosta", von Karl Gutzkow. Sonn- und Feiertags auch als Nachmittagsvorstellung um 15 Uhr 30 bei kleinen Preisen. Verband von Wohlfahrtsvereinen „Weibliche Fürsorge". Sonntag, den 30. Jänner, 10 Uhr 45'vormittags, sprächt Herr Dr. Siegfried Plaschkes, Präsident des Vereines jüdischer Aerzte im Festsaal des Krügerheimes, Wien II., Malzgasse 7, über „A r b e i t s b eschaffung und die Frauen". „Obel Shem" (Polnischer Tempel), IL, Leopoldsgasse 29. Freitag, den 28. d. M., 8 Uhr abends, Vortrag Jakob M. Frostig über Recht und Gerechtigkeit in der Bibel; Or Hachajim, anschließend Oneg Schabath. „Hilfsbereitschaft treuer Brüder", mit dem Sitze im Cafe ßuchsbaum, II.. Kleine Pfarrgasse 21. veranstaltet am 1. Februar 1. J. im Theater Reklame eine Wohltätjgkeits-Vonstellung, deren Reingewinn wohltätigen Zwecken zugeführt wird. Die Vereinsleitung, an deren Spitze Obmann Josef Stapler steht, ersucht alle Freunde und Gönner, durch ß&such der Veranstaltung den edlen Vereinszweck zu fördern. Leon Schalk spricht Samstag, den 29. d. M., 17 Uhr 35, im Wiener Radio über John G a 1 sworthy (anläßlich seines fünften Todestages). Anschließend liest Paul Pranger eine Novelle von Galsworthy. Mitteilungen der Union. „Die Juden und die Marranen in Spanien im 15. Jahrhundert.11 Unter diesem Titel hielt der Ehrenpräsident der „Union", Herr Dr. Jakob O r n s t e i n, am 19. d. M. im vollbesetzten Festsaale der „Union" einen Vortrag, der von dem überaus zahlreich erschienenen Publikum, unter dem sich Oberrabbiner Dr. 1. Taglicht, Prof. Dr. A. Pick, Rabbiner Dr. A.Kaminka, Studienrat Prof. Dr.R e di sch, Amtsvorstand E. Engel u. v. a. befanden, mit größter Aufmerksamkeit aufgenommen und mit berechtigt starkem Beifall quittiert wurde. Denn es war wieder eine wahre Meisterleistung des Redners, dessen anschauliche Schilderungsgabe und blendendes Gedächtnis abermals bewundert werden konnten. Der Vorsitzende der Versammlung, Vizepräsident Dr. J. Ti cho, dankte ihm mit begeisterten Worten. Der Redner entwickelte in fesselnder, instruktiver Weise die Lage der Juden in Spanien, ausgehend vom Zeitpunkte, da die islamitische Umgebung der christlichen weichen mußte. Er illustrierte die Leistung der Juden jener Epoche sowohl auf jüdisch-literarischem Gebiete wie auch auf allen anderen Gebieten der damals gepflegten Wissenschaften, ebenso ihre Tätigkeit als Staatsmänner und Finanzberater der kastilianischen Könige. Der Vortragende ging sodann auf die beginnenden Verfolgungen der Juden über und gab ein überaus anschauliches Bild der beispiellosen Leiden unserer Vorfahren in Spanien. Er schilderte die heroische Art, mit der die Juden Spaniens alle Leiden für die Ideale des Judentums ertrugen, und erzählte, wie sie dieses Judentum in zahlreichen Disputationen gegen den übermächtigen Feind verteidigten. Besonders beschäftigte sich auch der Redner mit dem Schicksal der Marranen, jener Zwangsgetauften, die unter Todesdrohung die Taufe genommen hatten, um später erst recht den Verfolgungen ausgesetzt zu sein. Einen breiten Raum nahm die Schilderung der Tätigkeit der Inquisitionstribunale in Spanien ein. Unter den vielen •hervorragenden Gestalten jenes heroischen Zeitalters wurden besonders Nachmanides, Don Vidal Benvediste, Josef Albo und Isaak Abrabanel hervorgehoben. Den Schluß seiner glanzvollen Ausführungen bildeten die traurigen Ereignisse des Jahres 1492 — die Vertreibung der Juden aus Spanien. Die Bezirksorganisation Heubau der „Union österreichischer Juden« hat in ihrer am 21. d. M. stattgehabten, sehr zahlreich besuchten Ausschußsitzung nachstehende Resolution beschlossen: „Das Präsidium der .Union österreichischer Juden' wird ersucht, in nachdrücklichster Weise gegen die Stellungnahme der Jüdischnationalen in der Frage des .Oesterreichischen Jungvolkes' bei den zuständigen Stellen einzuschreiten. Die .Union4 österreichischer Juden' verwahrt sich entschieden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.