Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1938
- Issue
- Heft 4 (28.1.1938)
- Date
- 1938-01-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 4 — 28. Jänner 1938 Seite 3 ' Abende jüdischer Musik ■ ab Mittwoch, d«n 2. Februar 1938, , allwöchentlich Jüdische Kulturstelle J I,, Franz Josefs-Kai 3 _ Mond sie sieht, der zunächst eine jüdische Mehrheit von sechzig Prozent will. Niemals werden Christen und Mohammedaner, die dort ihre heiligen Stätten haben, auf das Land verzichten. Das Haupthindernis, der Widerstand der Araber, läßt sich nicht nur mit so schönen Worten der Beruhigung beseitigen, wie sie Jabotinsky in seiner Rede im Musikvereins-Saal gefunden hat. Man empfindet es wirklich als unverantwortliche Demagogie, wenn er von den milderen Formen arabischen Hasses spricht der sich, wie Jabotinsky tröstend verkündet, seit 1936 darauf beschränkt, von der F e r n e — von 200 Schritt aus dem Gebüsch nur — auf Juden zu schießen, statt wie in den Jahren 1921 und 1929 Pogrome i n den Kolonien zu veranstalten. Mit großer Fach- und Sachkenntnis erklärt er weiter die Technik, die bei Pogromen geübt wurde, und den feinen Unterschied, wie jetzt Glaubensgenossen in Palästina getötet werden. Er nennt die Zahlen der Toten einst und jetzt und scheint auch auf dem Standpunkt zu stehen, daß es eben überall Opfer geben muß, wo für eine Idee gestritten wird. Doch die Opfer sind meist die anderen, nicht jene, die da schreien und proklamieren, die aus der sicheren Position in einem geordneten Haushalt „Auf nach Zion!" rufen — und hier bleiben. Man schießt nur aus der Entfernung — auf in das Gelobte Land! Also nur nicht die Hoffnung verlieren — ausharren — die Brüder dort werden's schon schaffen. Herr Jabotinsky möge die jüdische Mutter, deren Sohn jetzt außerhalb der Kolonie hingemetzelt worden ist, fragen, ob ihr Schmerz geringer istals der jener Mutter, deren Sohn 1921 oder 1929 in der Kolonie erschlagen wurde. Mit wenigen Worten ist Herr Jabotinsky auch über die Tatsache hinweggegangen, daß der arabische Aufstand in den angeführten vergangenen Jahren nur wenige Tage dauerte, während er jetzt mit geringen Unterbrechungen bereits eineinhalb Jahre währt. Der Schlußappell dieses modernen Rattenfängers von Hameln galt dem Rufe zur Einigkeit Während aber einige Anhänger der alten zionistischen Organisation diesen Ruf dahin verstanden, daß wieder eine Versöhnung zwischen Weizmann und Jabotinsky erfolgen würde und ihrer Freude über dieses vermeintlich bevorstehende Ereignis durch Beifallklatschen Ausdruck gaben, wurden sie gleich darauf durch den ätzenden Spott enttäuscht, den Jabotinsky inmitten eines kleinen Wirbels über die alte zionistische Organsation ausgoß, der er insbesondere zum Vorwurfe machte, daß sie auf Grund eines gekauften Wahlrechtes wirke und sich Rechte arrogiere, die ihr angesichts ihrer Geringfügigkeit nicht zukommen. Ihm schwebt eine jüdische „Nationalversammlung" vor, die an Stelle der Jewish Agency allein autorisiert sein soll, für die Palästina bejahenden Juden — egal welcher innerjüdischen Einstellung — zu sprechen und zu handeln. Denn die Juden haben ja bisher schon 95 Millionen Pfund Sterling seit dem Kriege für Palästina aufgebracht, die hauptsächlich die Ersparnisse des kleinen Mannes (???) bedeuten. Einstimmiger, frenetischer Beifall. Die Hatikwah wird gesungen, Junge und Alte stehen da und manchen wollen wir wohl ihre ehrliche Begeisterung glauben, wollen daran glauben, daß sie ein Ideal erfüllt, daß sie Schicksalsverbundenheit mit jenen fühlen, die dort aufbauen und bereit sind, ihr Leben für ihre Sache zu lassen. Und diesen gilt unsere Warnung. Sie sind die Verführten von Führern und Schönrednern, in deren geistige Hörigkeit sie nur allzubald gelangen. Die Jugend hat ihren Stolz, hat ihre Ideals — es mangelt ihr aber an Erfahrung, ohne deren Hilfe sie nimmer ihr Ziel erreichen kann. Die Verantwortung für sie trägt ihre Führerschaft, denn die Jungen werden die Zeche bezahlen müssen. Die Gefahr erkennend, haben wir versucht, auch die Gleichgültigen im österreichischen Judentum wachzurütteln, es muß endlich klar sein: es geht um unser aller Schicksal. Im Musikvereinssaal hat man es anders gehört. Jabotinsky hat gesprochen, man hat ihm geglaubt und ihm zugejubelt, denn er hat ihnen Mut und Glauben gepredigt, hat mit seinen Gleichgesinnten;n ihnen aufs neue Illusionen erweckt, ihnen aufs neue das gelobte Land versprochen. Fl Die Lage der Juden in Mitteleuropa. Unter dieser Uebenschrift veröffentlicht das große liberale holländische Blatt „Algemeen Handelsblad", Amsterdam, einen Artikel, der auf die Tragik der Lage der Juden in Mitteleuropa mit besonderer Scliärie hinweist. Von diesem Artikel veröffentlichen wir nachstehenden Auszug: Der Weltkrieg hat die periodischen Judenverfolgungen, für die vor 1914 Rußland und verschiedene kleine Staaten in Mitteleuropa den Schauplatz bildeten, für kurze Zeit unterbrochen. Die Hoffnung, daß die neuen staatlichen Regelungen, die durch die verschiedenen Friedensverträge und den Völkerbundspakt von 1919 getroifen wurden, die Judenverfolgungen endgültig überwinden würden, istleererWahn geblieben. Noch nach einer Reihe von Jahren nach dem Abschluß des Völkerbundsvertrages mit seinen Verpflichtungen humanitärer Art war es den westeuropäischen Mächten dank ihres großen militärischen und politischen Uebergewichts möglich, die Leidenschaften zu zügeln, aber seit dem Siege des Nationalsozialismus in Deutschland sind die Judenverfolgungen in Mitteleuropa wieder mit der alten Wut aufgelebt. So wurde diese traurige Frage, die schon vor 1914 bestand, der Welt wieder aufgezwungen. Das Problem stimmt in seiner Art durchaus mit dem von vor 1914 überein; es hat nur andere in gewisser Hinsicht sogar schärfere Ausdrucksformen erhalten. Die Judenverfolgungen in anderer Form sind von Rußland nach Deutschland verpflanzt worden, wo sie zwar nicht zu Pogromen führen, jedoch nach außen nicht nur ebenso abstoßend sind, sondern in der Wirkung viel schärfer, weil sie mit gesetzlichen Maß-' nahmen und durch gesetzliche Verordnungen auf eine vollkommene Verdrängung der Juden aus dem Gemeinschaftsleben hinsteuern. Sowjetrußland, das verfassungsmäßig die prinzipielle Gleichheit der Rassen festgelegt hat, versucht sein jüdisches Minderheitenproblem dadurch „aufzulösen", daß es versucht, möglichst viele Juden nach dem sogenannten autonomen russischen Agrarstaat Birobidjan in dem alleräußersten Teil Sibiriens zu verpilanzen, mit dem Hintergedanken, so einen politisch wirksamen Pufferstaat zwischen Rußland und Japan zu schaifen. Ob damit der Antisemitismus 'in Rußland in der Tat verschwunden ist, ist zweifelhaft: Der Korrespondent des „Daily Telegraph" in Moskau hat gerade in diesen Tagen die Auffassung entwickelt, daß bei den Verfolgungen Stalins gegen die vielen „Volksieinde" aus Nützlichkeitsgründen der Antisemitismus ein kräftiges Wort mitgesprochen hat. Die Heftigkeit des Antisemitismus in Deutschland hat in allen anderen Ländern Mitteleuropas, wo der Nationalsozialismus mehr oder minder hat Fuß fassen können, ebenso übrigens auch in einigen Ländern von Westeuropa einen Widerhall gefunden und einen latenten Antisemitismus zum Leben erweckt. Die scharfen Maßregeln, — in verschiedener Hinsicht den deutschen angeglichen — die Qoga, der christlichnationale Leiter des halbautoritären rumänischen Kabinetts, jetzt gegen einen großen Teil der jüdischen Bevölkerung seines Landes getroifen hat, sind hierfür der 'beste Beweis. Sie haben eine Art Panikstimmung unter ihnen erweckt, wie seinerzeit die deutschen Maßregeln unter den deutschen Juden. Sie lenken aufs neue und besonders scharf den Blick auf die Tatsache, daß die Lage der Juden in Mitteleuropa im allgemeinen viel schlechter geworden ist und ihr« gesellschaftliche und soziiale Zukunft im Dunkeln liegt Auch in Polen bilden die drei Millionen Juden, die dort wohnen, ein Problem, das bei einem bestimmten Wechsel der Auüassung des Regimes Grund zu scharfen Maßregeln geben kann, ähnlich wie sie Deutschland und Rumänien getroffen haben. Eine Massenemigration von Juden, die durch diese und ähnliche Maßnahmen betroffen, nach anderen Ländern wollen, hat die Tendenz, aueb in diesen Ländern den Antisemitismus hervorzurufen oder, soweit er schon besteht, ihn zu verschärfen. Ur- und AllelnauffGbrung In Wien nfiarlen- ■»•« ffillO °er große jiddische Film stÄ"9^6" „Der Purimspieler1' Tele»» MB-5-98 Musik : NIKOLAUS BRODSKY >/i6, '/.s, v*io mit deutschen Fußtiteln Der Antisemitismus äußert sich viel drastischer als vor 1Si14. Vor 1914 gab es viel mehr Zufluchtsorte für Juden, die sich deif Folgen des Antisemitismus entziehen wollten. Amerika, und zwar der Norden, die Mitte und der Süden, stand für sie ofien; ebenso auch ganz Weiteuropa, Deutschland inbegriiien. P a 1 astina, das Land der Väter, nach dem sich das Herz vieler Flüchtlinge natürlicherweise sehnte, jedoch kaum: denn die türkische Regierung ließ die Juden nur tropienweise zu. Die Lebensbedingungen waren übrigens hart. Der Antisemitismus, der in Deutschland nach dem Kriege auflebte, muß wohl zu einem nicht geringen Teil der Invasion von Juden aus Osteuropa zugeschrieben werden. Nach 1914 ist das Gebiet, wo sich ilüchtende mitteleuropäische Juden in Sicherheit bringen konnten, sehr zusammengeschrumpft: Ein großer Teii der Länder hat seine Grenzen hermetisch abgeschlossen oder nur einen Spalt offen gelassen, so daß der Auszug sich nur noch auf einige wenige liberale Zentren richten kann, die nach und nach überbelastet werden. Jedoch wurden die Grenzen Palästinas im Jahre 1921, nachdem England auf Grund der Baliour-Deklaration von 1917 den Juden eine Völkerbundsurkunde verliehen hatte, weit für sie geöffnet. Die Zionisten hatten gehoiit, dieses Statut würde es ihnen ermöglichen, so viel Zionisten aus Europa und auch aus Amerika nach Palästina zu senden, daß sie bald dort die Mehrheit der Bevölkerung bilden würden und auf diese Weise die politische Stellung erhielten, durch die das über die Cate Freiwirth , Praterstraße 11 ganze Welt verstreute jüdische Volk endgültig aus seiner erniedrigenden Position einer verfolgten Minderheit beireit werden sollte. Das paradoxe Ereignis ist eingetreten, daß, während das Gebiet in der alten Welt, wo die Juden unbesorgt in Ruhe und Frieden leben können, immer kleiner wird, die Tore des gelobten Landes, die im Jahre 1931 soweit geöffnet worden waren, sich wieder zu schließen beginnen. England, seit 1917 der offizielle Schirmherr des Zionismus und der Juden, sieht sich ebenfalls gezwungen, vor der Welle des Antisemitismus zurückzuweichen, die auch in Palästina und in dem Nahen Osten entstanden ist. Der Ausgang des Kampies, den die Zionisten jetzt um 'ihr Ideal führen, ist noch unsicher. Sie stehen jetzt vor dem Dilemma, auch in Palästina, um die Welle des ökonomischen und politischen Antisemitismus in Nahen Osten zu beruhigen und um die allgemeine Mobilisierung der arabischen Welt anzuwenden, die Stellung einer gefährdeten Minderheit anzutreten oder die Autonomie des kleinen Küstenstreifens anzuerkennen, zu dessen Abschneidung von Palästina sich England bereit erklärt hat, wo aber nur eine beschränkte Anzahl Juden wohnen und leben kann. Aber auch dies ist wegen des iortdauernden Widerstandes der Araber hiergegen durchaus noch nicht sicher. Sicher hat im Jahre 1917 niemand voraussehen können, daß das Problem der Lage der Juden in Mitteleuropa so akut werden könnte, wie es jetzt der Fall ist. Die Uneinigkeit der Mächte in Europa macht es jetzt auch keinesfalls möglich, gemeinschaftlich eine gute Lösung eines so komplizierten Problemes zu finden. Die Lösung, nach der England strebt, muß als ein notwendiger „schlimmster Fall" angesehen werden, den die Umstände vorschreiben. Sie wird jedoch an der tragischen Lage der Juden in Mitteleuropa vorläufig kaum etwas verändern. Ob die nächste Zukunft bessere Perspektiven ötfnen wird, liegt noch vollkommen im Dunkeln. Tlmauislen! Schicket Eure Kinder in die JUGEND-UNION, damit sie in Eurem Sinne zu guten Österreichern und treuen Juden erzogen werden.