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Die Wahrheit · 1938-01-28 · Heft 4 (28.1.1938) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1938
Issue
Heft 4 (28.1.1938)
Date
1938-01-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 4 — 28. Jänner 1938 DIE WAHRHEIT Eigenes Tapezierer u. Dekorateur Heinrich BsiiGf TaPeteniaser Wien III., Löweng. 36, Tel. U-41-8-?6 ihren Blick in die andere Richtung und erbauen sich freudig an dem Wettlauf der deutschen Mentalität mit der rumänischen, polnischen usw. Man darf siöh keiner Täuschung darüber hingeben, wie wohl sich die Neudeutschen in dieser östlichen Gesellschaft fühlen. Und da sich zum Wettlauf mit der rumänischen Muse weniger Oden von Klopstock als vielmehr der ..Stürmer" des Herrn Streicher eignet, soll man aus der wohl nur vorübergehenden Einstellung des Nürnberger Skandal - blattes keine allzu kühnen Hoffnungen schöpfen. Herr Streicher scheint das Opfer eines Grubenhundes geworden zu sein, der sich ihm in Form eines Faksimile-Briefes der Devisenzentrale näherte und ihn glauben machte, diese Zentrale bewillige Geldüberweisungen in die Schweiz für Juden, die eine dortige Jeschiwa besuchen. Seine dadurch veranlaßten Ausfälle wurden nicht etwa wegen ihres antisemitischen Charakters konfisziert, sondern wegen der Verdächtigung der Devisenzentrale als judenfreundlich. Die Konfiskation war also keineswegs ein Zurückweichen vor der w e s t europäischen Kritik, sondern eine Reinwaschung vor den o s t europäischen Freunden. Diese werden aber den ,.Stürmer" auf die Dauer schwer vermissen, ebenso eine sehr hochstehende Persönlichkeit des Dritten Reichesdie den „Stürmer" als einzige Zeitschrift vom ersten bis zum letzten Buchstaben zu verschlängen pflegte. Wenn man aus repräsentativen Gründen der ernsten Kunst nicht ausweichen, keine Wagner- Oper und keine architektonische Ausstellung, die für die nächsten Jahrtausende richtunggebend ist. versäumen darf, dann braucht der Mensch auch etwas fürs Gemüt, das seinem privaten Geschmack entgegenkommt, und deshalb wird der „Stürmer" über die peinliche Windstille wohl bald wieder triumphieren ... Er ist gerade jetzt unentbehrlich, um mit seinem kräftigen Bierbaß den Widerspruch zu übertönen, der sich daraus ergibt, daß der internationale Nazismus einerseits erklärt der Kampf gegen das Judentum sei gleichbedeutend mit Kampf gegen den Bolschewismus, während anderseits die rumänische Judenauswedsung diejenigen Juden treffen will, die aus Sowjetrußland und vor Bela Kun aus Ungarn geflüchtet waren, also keine Bolschewiken, sondern Opfer des Bolschewismus sind. Es wird vielleicht in Deutschland auch heute noch Köpfe geben, die. wie für jeden Widerspruch, auch für diesen eine Er- - klärung brauchen ... Das wahre Wesen des Antisemitismus ist in der Sonntagsausgabe der „Reichspost" von dem Mitglied des Jesuitenordens Friedrich Mukk e r m a n n abermals klargelegt worden. Der Geistlidhe schreibt: „Was immer man über die Judenfrage denken mag und was immer man über sie beschließen will, das Christentum muß in dem Augenblick protestieren, in dem ein Mensch geschändet wird, sei er nun Christ, Heide, Mohammedaner oder Jude. Wenn wir dagegen protestieren,, daß man mit Karikaturen von Kirchenfürsten aufwartet, und wenn wir das tun, nicht nur, weil in solchen Karikaturen der Träger eines Amtes beleidigt wird, sondern vor allem deshalb, weil in ihm das, was mehr als der Träger des Amtes ist, der Mensch selber, der das Amt trägt, einen Schlag ins Gesicht erhält, so können wir die gleiche Auffassung nicht einem einzigen Mitbewohner der Erde gegenüber vergessen, der in den primitivsten Menschenrechten beleidigt wird." Wenn das von gehässigen Karikaturen gilt, um wie viel mehr muß es von den vielen anderen wörtlichen und tätlichen Beleidigungen, von dergesellschaftlichen Diffamierung bis zur willkürlichen Existenzvernichtimg gelten, die vom Antisernitimus den Juden zugefügt werden. Und das gilt auch von der jetzt so laut erhobenen Forderung nach ejnem Fremdengesetz gegen neu einwandernde Juden, eventuell verbunden mit einer Revision der nach dem Kriege bereits erfolgten Neueinbürgerungen von Juden. Die ganze betont katholische Presse gebärdet sich auf einmal so, als ob sämtliche rumänischen Juden schon vor den Toren Oesterreichs ständen, verzehrt von der leidenschaftlichen Sehnsucht, unter der wohlwollenden Führung des Vizebürgermedsters Dr. Kresse in Wien ein Gewerbe auszuüben oder ermutigt durch die Duldsamkeit der Unterrichtsbehörden die Anstellung als Spdtalsärzte in einem Fondskrankenhaus anzustreben. Während sich in ganz Oesterreich die illegalen Nazi immer unverschämter bemerkbar machen,, werden gewisse Zeitungen nicht müde, ihren Lesern als das dringendste Gebot der Stunde die Fernhaltung der rumänischen Juden hinzustellen und die Schaffung eines Fremdengesetzes zu empfehlen. Der historisch Gebildete malt sich aus, was wohl aus dem _____ ECKSTEIH- Pension ■I semmeringT- Christentum geworden wäre, wenn im altheidnischen Rom solche Fremdengesetze existiert hätten, wie sie jetzt dem christlichen Ständestaat als Lebensnotwendigkeit aufdisputiert werden sollen. Es ist kein Wunder.daß diese bösartige Geschäftigkeit nicht nur bei den einheimischen Juden, als deren besorgte Beschützer sich die giftgeschwollenen Gschaftelhuber sogar aufzuspielen nicht scheuten, auf Mißtrauen stieß, sondern auch bei wirklich sittlich-religiös empfindenden Katholiken, die unter Christentum etwas anderes verstehen als einen Vorwand zur scheinheiligen Abreagierung schäbigster Herzensroheit. Wie erfrischend der „Sturm über Oesterreich" über die Windbeuteleien der ,3odenständigkeit" hinwegbrauste, wissen unsere Leser bereits. Nunmehr erhebt auch das katholische Organ ,.Der christliche Ständestaat" 'afe (Budksbaum m Wien II., Kleine Pfarrgasse 21 r Telephon A 43-519 Treffpunkt bürgerlicher Gesellschaft. In- und aus ländisdie Zeitungen. Separierter Raum für Klüt und Vereine. Herabgesetzte Preise. Mokka 45 Gi Melange 50 Gr. Aufmerksame Bedienung. seine mahnende Stimme, daß man Oesterreich keinen guten Dienst erweist, wenn man den Antisemitismus zum Mittelpunkt der österreichischen Politik macht. Auf den Wettlauf mit Rumänien übergehend, schließt der katholische Verfasser seine Warnung mit der captatio benevolentiae, es sei durchaus zu verstehen und zu billigen, wenn sich Oesterreich gegen eine eventuelle Ueberflutung (Ö durch Rumänien zur Wehr setzt, weist aber in der Hauptsache darauf hin, daß der radikale Kurswechsel in Rumänien noch ganz andere Gefahren als eine jüdische bringen kann. „Ueber die Emigranten die Schale des Zornes auszuschütten, ist ja sehr leicht und bequem, man möge aber doch bedenken, daß niemand Emigrant aus Vergnügen ist und ein christliches Mitgefühl mit dem meist sehr traurigen Schicksal der Emigranten durchaus geboten erscheint. Das Schimpfen auf die Emigranten sollte man ruhig den Herrschaften des Dritten Reiches überlassen, die übrigens die Herren Frauenfeld» Süchanek und die vielen anderen mit offenen Armen aufgenom-* men und sie auf sehr gut dotierte Posten gestellt haben. So gut wie diesen ,völkischen' Emigranten dürfte es anderen Emigranten kaum irgendwo gehen." Das ist eine nicht mißzuverstehende Warnung vor unchristlichen Ausnahmsgesetzen. Ja&otinskyhat gesprochen. Die Versammlung, in der der „Führer" der Zionisten-Revisionisten Wladimir Jabotinsky sprach, war gut besucht. Das Publikum bestand vornehmlich aus jugendlichen Elementen, von denenein großer Teil~'m der — : braunen Unifonn herümstolzierte: Wladimir- Jabotinsky hat diesmal seine Zuhörer, die, angelockt durch marktschreierische Ankündigungen, gekommen waren, um wieder einmal den national-zionistischen Heißsporn zu hören, enttäuscht. Diesmal war — bis auf den in dramatischem Schwünge vorgebrachten Schluß seiner Rede — von der gewohnten Impulsivität nichts zu. merken. Im Gegenteil, seine dialektisch ausgezeichneten Ausführungen waren zum überwiegenden Teile von größter Nüchternheit beherrscht, er bot viel Ziffern- und Datenmaterial, und fif LUMAG-"'"?:££■" Gesundheitswagen «icisttchlon Igtldirchlliilge Pilrtertag. daher kein Schwitzen des Kindes Patentiert« Schwiifachieefetleroo) das mag die Zuhörer bei ihm befremdet haben. Er hat vieles erzählt, was jedermann weiß, der dem Juden- und Palästinaproblem auch nur einiges Interesse entgegenbringt. Zunächst hat er eine neue Entdeckung gemacht: „Der Zionismus ist vor allem ein humanitäres Problern", was wir vom Anfang an gesagt haben, während Herzl in späteren Jahren seines Lebens der Meinung war, er sei ein nationales Problem, und damit die Gefährlichkeit des Zionismus als jüdischnationale und politische Bewegung begründete. Der erste, größere Teil der Rede Jabotinskys war dem Teilungsplan gewidmet. Wohl erklärte er diesen Plan gleich in seinen einleitenden Worten als „tot", diese Feststellung hinderte ihn aber nicht daran, eineinhalb Stunden darüber zu sprechen, also sozusagen eine Leichenrede zu halten. Die Argumente, die er gegen den Teilungsplan vorbrachte, waren nicht neu, sie sind in der Diskussion darüber schon oft aufgetaucht, insbesondere der Einwand hinsichtlich der Kleinheit des von der Peel-Kommission den Juden zugedachten Landes (4600 Quadratkilometer) und der mangelnden wirtschaftlichen Expansionsmöglichkeit desselben angesichts der heute schon dort herrschenden kolossalen Bevölkerungsdichte (460.000 Menschen', davon 305.000 Araber, also 140 Menschen pro Quadratkilometer, ebensoviel wie das hochindustrialisierte Deutschland). Die „Union österreichischer Juden" war unter den ersten, die in ihrer bekannten Resolution den Teilungsplan als eine Verlegenheitsgeste Englands abgelehnt hat. Was Jabotinsky in bezug auf den geplanten zwangsweisen oder gutwilligen Transfer von Arabern aus dem „Judenstaate" ausführte, beruht ebenfalls auf Richtigkeit, es war dies eine ganz absurde Idee und es ist die Erinnerung rasch daran zu tilgen, daß der Züricher Zionistenkongreß diesem vollkommen abwegigen Plane zustimmte. Nicht angebracht scheint es uns, daß Jabotinsky diese Zustimmung als ein Argument für jene Antisemiten wertete, die antijüdische Austreibungsabsichten haben; bei solchen Ansichten liegt die gleiche Leichtfertigkeit vor, wie sie der Redner schon in Polen bekundete, wo er — den Judenhassern zur Freude — das Wort vom „notwendigen Exodus der Juden" prägte. Schließlich zerpflückte Jabotinsky in diesem Teil seiner Rede den Irrglauben derjenigen, die da meinen, sich mit dem „Judenstaat", auch wenn er klein ist, abfinden zu können, denn er stelle nur einen ,.Anfang" dar. War so der erste Teil der Rede von halbwegs sachlichen Argumenten getragen, so mußte man im zweiten Teil diese Sachlichkeit vollkommen vermissen. Denn was er über den „Zehnjahresplan", den auf der bevorstehenden Prager Revisionistenkonferenz ein Herr Dr. Klinger näher entwickeln wird, phantasierte — anscheinend ein Analogon zu Jahresplänen anderer „Führer" —, entbehrt trotz der wiederholten Betonung, daß dieser Plan im Gegensatz zum Teilungsplan „realistisch" sei, jeglicher realer Unterlage. Wohl erweckt Jabotinsky Hoffnungen auf die Beeinflußbarkeit der englischen Politik und tröstet mit seiner Ueberzeugung, daß im Imperium nichts endgültig beschlossen wird. Die Engländer seien empirische Menschen, es gebe bei ihnen kein aprioristisches Denken. Es hört sich auch sehr schön an, wenn Herr Jabotinsky mit seiner bekannten Stentorstimme in den Saal schmettert: „Das ganze Palästina (zu beiden Seiten des Jordans) vom ganzen jüdischen Volke für das ganze jüdische Elend!" und wenn er davon spricht, daß in den nächsten zehn Jahren eineinhalb Millionen Juden in dieses „ganze Palästina" mit seinen 100.000 Quadratkilometern kommen •könnten und überhaupt dort eine Besiedlung mit fünf Millionen Juden und zwei Millionen Arabern möglich wäre, was eine Bevölkerungsdichte von 75 pro Quadratkilometer bedeuten würde. Die Wirklichkeit sieht anders aus, wie dieser Mann auf dem

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