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Die Wahrheit · 1938-01-28 · Heft 4 (28.1.1938) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1938
Issue
Heft 4 (28.1.1938)
Date
1938-01-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V. b. b. Zeitung vom Verleger versendet „Journal exp&Ile par l'6ditearM Jüdische ü)ochenschrirr Die tDcmrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag Preis 40 Groschen «L^jimm Redaktion und Administration: Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R 44-1-40 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 54. Jahrgang Wien, 28. Jänner 1938 Nummer 4 Dienstag, den 1. Februar 1938, 8 Uhr abends, in den SClubräumen, B„ Schottenring 25 Gemütlicher Abend des „Union-Klub" Erstklassige Kunstkräfte Entree S 1.50 Stimmungsmusik und Tanz Jugendkarte S 1.— Wettlauf mit Rumänien. Die jetzige Tagung des Völkerbunds ist die hundertste. Trotzdem herrscht weder in Genf noch in den dem „Parlament der Nationen" noch immer angeschlossenen Staaten eine Jubiläumsstimmung, und böse Zungen weisen darauf hin. welch faulen Zauber die ganze, einst so heiß begrüßte Institution bedeuten müsse, wenn ihr nicht einmal die Magie der runden Zahl erhöhte Lebensimpulse verleihen könne. Indes spricht die traurige Tatsache, daß die Idee, an Stelle der brutalen Gewalt das moralisch fundierte Recht zum entscheidenden politischen Prinzip zu erheben, sich bei der heutigen Generation nicht durchzusetzen vermag, nicht gegen die Idee, sondern gegen die heutige Generation. Die Idee ist gesund — das wagen ihre verbohrtesten Feinde nicht zu bestreiten —t. aber die Menschheit, an der sie zu scheitern droht, zeigt das typische Krankhedtsbild des unglückseligen Trägers gerade jener Bazillen, die sich für Kultur und Zivilisation stets als vernichtend erwiesen haben. Zu den schlimmsten dieser verheerenden Pestkeime gehört ohne Zweifel der Antisemitismus. Diese Feststellung treffen wir keineswegs aus jüdischer Selbstüberhebung, sondern als dankbare Schüler des großen Literarhistorikers Wilhelm Scherer, der die jeweilige Einstellung der deutschen Umwelt zu den Juden geradezu als Wertmesser der deutschen Kultur in den wechselnden Geschichtsperioden benützt. Die Zeiten der religiösen Toleranz decken sich in seiner lichtvollen Darstellung mit den Höhepunkten geistigen Schaffens, wohingegen er das Auftreten der Fanatiker, die den Judenhaß predigen, als typische Zeichen des geistigen Niedergangs und kulturellen Verfalls deutlich macht. Scherer zieht dabei nur das deutsche Sprachgebiet in Betracht, und doch paßt sein Maßstab auch für das übrige Europa. Die Westmächte Frankreich und England, die er um die Stetigkeit ihrer Kultur beneidet, nehmen auch in der Judenfrage einen konsequent toleranten Standpunkt ein. Juden haben dort immer eine hervorragende Rolle im öffentlichen Leben gespielt, und wenn die Antisemiten statt für blinde Haßparolen lieber für sichtbare Tatsachen empfänglich wären, müßten sie einsehen, daß dies für die betreffenden Staaten kein Malheur war. Dieselbe Erkenntnis machte das alte Großösterreich in der Bukowina: Dort fielen die Juden nicht nur durch ihre kulturelle Höhe, sondern auch zahlenmäßig so sehr ins Gewicht, daß ihnen die streng konstitutionell regierte Monarchie einen entsprechenden Einfluß in der Landespolitik einräumte. Juden bekleideten wiederholt den Bürgermeisterposten in der Hauptstadt und wichtige DAS RICHTIGE BRUCHBAND & 6 Unier „HESNIASTAT"- Fich- ,,rraa ftonnoger^liSlDioBth Str. 22 R «-5-40 Stellen in der Landes Verwaltung. Oesterreich hat dies nie zu bereuen gehabt. In der schweren Zeit des Weltkriegs hat sich die jüdische Treue zum alten Staate in jeder Hinsicht bewährt, in den vorausgegangenen Friedensjahren hatte jüdischer Kultur wille, jüdische Pionierarbeit auf allen geistigen Gebieten die Bukowina zum vorgeschobensten Bollwerk zentraleuropäischer Zivilisation im Osten gestaltet. Erst die neuen Herren im Lande, die Rumänen, haben die Juden als das Unglück der Bukowina entlarvt. Das heißt, zunächst einmal haben sie sie entrechtet und diffamiert und dann haben sie nach Scheingründen dafür gesucht. Das Letzte war das Schwerste und es scheint, daß ihre eigenen Geisteskräfte nicht dazu ausreichten, denn die Essener ..Nationalzeitung" sieht sich jetzt aus Sympathie mit der neuen Regierung veranlaßt, ihnen Iiiebei zu helfen. Sie bereitet ihre Leser mit dem Titel -W o J t! d e n herrsc h e n" auf Entsetzliches vor. Aber der Bericht selbst übertrifft noch die schrecklichsten Erwartungen. Man höre nur: „In Czernowitz hat die gesamte christliche Bevölkerung seit Jahren nur k ose ii eres Fleisch erhalten und gegessen, o Ii ii e e s z u w i s s e n." Dem Pg. F r a u e n f e 1 d aus Wien muß in seinem reiclisdeutschen Exil bei dieser Lektüre das Wasser im Munde zusammengelaufen sein und er mag die Dummköpfe nicht wenig verachtet haben, die gar nicht wußten, was für Genüsse sie auskosten durften. Zum Glück haben sie es wenigstens nachträglich durch die ..Nationalzeitung'" erfahren, deren Schriftleiter koscheres Fleisch sogar auf die Distanz Essen—Czernowitz einwandfrei agnoszieren können, und zwar auch dann, wenn es a n d e r e gegessen naben . . . Großen leiblichen Schaden dürften übrigens die Czemowitzer Christen davon nicht erlitten haben, sonst hätten sie wahrscheinlich doch — den Braten gerochen. Immerhin haben sie jetzt reichlich Gelegenheit, sich zu revanchieren, indem sie sich, anstatt sich weiter unbewußt mit koscheren Gänsen zu mästen, fortan bewußt am allgemeinen Judenfressen beteiligen und so endlich auch innerlich das werden, was sie seit 1919 äußerlich sind: vollwertige Rumänen. Die Juden werden wohl, auch wenn sich die jetzige Zuspitzung des Antisemitismus wieder abschleifen sollte, kaum jemals dieses Glückes gewürdigt werden. Denn Rumänien gehört zu jenen osteuropäischen Staaten, die in der Judenfrage ebenso konsequent sind wie die westeuropäischen, nur mit verkehrten Vorzeichen. Der unentwegten Toleranz der Westmächte entspricht ein ebenso starres Festhalten am Judenhaß im Osten. Deutschland, das in der Mitte liegt, schwankt, was schon Wilhelm Scherer bedauert hat, verhängnisvoll zwischen diesen beiden Extremen. Zur stolzen Zeit der aufsteigenden Klassik hat Klopstock in einer Ode die Vision eines Wettlaufs der deutschen mit der e n g 1 i s c h e n Muse festgehalten. Folgerichtig ist denn auch ein später Nachkomme dieses westlich orientierten Dichters vor einigen Tagen auf dem Wiener jüdischen Friedhof begraben worden. Die Neudeutschen von heute heften daher Pamenhonfehtions=_ IttodeHhqus | BÄSCH Inhaber: Dr. RICHARD BÄSCH IV., Argentlnierslraße 22 OHlE«KOKS k ANTHRAZIT „Türee $uff ..BICHENHOII V41-5 40 ,£wc feschen Wienerin Hlerius Sa 15er & Co. Wien IX/2., Währinfiersfr. 63 Telephon A 23-249 Gründungsjahr 1897 Domet)mes Tttodellt)aus für Damenbekleidung wie Mäntel. Kleider, Kostüme. Blusen TTlafrHtelier im fiaufe Zweimal täglich Eilzustellung nach allen Bezirken

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