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Die Wahrheit · 1938-01-21 · Heft 3 (21.1.1938) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1938
Issue
Heft 3 (21.1.1938)
Date
1938-01-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 3 — 21. Jänner 1938 Seite 3 Jüdische Bodenständigkeit im LSede. Der von uns an leitender Stelle der heutigen Nummer wiedergegebene Artikel des dem Bundeskanzler Dr. Schuschnigg nahestehenden Wochenblatts „.Sturm über Oesterreich", der mit dem hauptsächlich zu antisemitischen Zwecken mißbrauchten „Mythos der Bodenständigkeit" gründlich aufräumt, bedeutet für gewisse Zeitungen und deren Schützlinge, die in dem jetzt auch von nichtjüdischer Seite als mehrdeutig, als ...schillernd" und „trivial" zurückgewiesenen Schlagwort ein willkommenes Surrogat für den leider Gottes zum Nazimonopol gewordenen Rassebegriff lieb gewonnen haben, eine — bodenständig wienerisch ausgedrückt — ,,Watschen übers ganze Q'sicht". Die aufs höchste amüsierte Oeffentlichkeit kennt ja die Buchhaltungsbupo Wartin Heim Wien V., Margaretenstr. 121, Telephon B 25-1-81 L Bilanzen,Revisionen.Pauschalbuchhaltunger, Steuer-Wirtschafts-Beratun'g Mäßiges Honorar, Besuch unverbindlich Gegründet 1912 Herren aus Ohio, Zlin usw. sehr gut, die in ihrem eigenen Fall „großzügig über Erfordernisse des Geborenseins im Orte hinweggehen", aber ,.die Zugehörigkeit zu bestimmten religiösen Gemeinschaften zum diffamierenden Merkmal der ,Nichtbodenständigkeit' machen." Die — sagen wir zartfühlend — Unverläßlichkeit dieses Merkmals ist gerade jetzt auch durch ein praktisches Beispiel erhärtet worden: Das Originalmanuskript des Pick sehen „Fiakerliedes" ist für 380 Schilling von der Wiener Fuhrwerker-Zunft erworben worden. Die „Reichspost" hat sich noch vor wenigen Jahren den von Haus aus aussichtslosen Versuch nicht verdrießen lassen, die Wiener ihrem Lieblingslied abspenstig zu machen. Es gäbe „bodenständigere" Fuhrmannslieder als das des Juden Pick. Die Antwort auf diese Verzichtszumutung war eine gesteigerte Popularität des Liedes, der sämtliche für Konjunkturen feinhörige Musiker einschließlich der Werkelmänner Rechnung tragen. Nunmehr hat .auch die Fuhrwerkerzunft durch ein kostspieliges Opfer dokumentiert. AVie lieb und wert das Fiakerlied trotz seiner 70 Jahre den Wienern noch immer ist und voraussichtlich immer bleiben wird. In seinem Fall ist eben die Bodenständigkeit kein Mythos, sondern eine Zaubermacht, die über jeden Wandel der Zeiten hinweg das Wiener Gemüt in ihrem Banne hält. Die „zwei harben Rappen" einstiger Fiakerherrlichkeit schlagen heute noch den antisemitischen Pferdefuß, der der Politik im Zeitalter von Auto und Flugzeug ein diabolisch ^hinkendes Tempo aufnötigen und so den menschlichen Geist und die öffentliche Moral zu blamablem Zurückbleiben hinter dem Fortschritt der Technik zwingen möchte. So wie in Wien das Fiakerlied, so ist in Norddeutschland das Lied ..Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben" das künstlerische Produkt j ü d ischer Heimatliebe geworden. Und liier wie dort wird die jüdische Komposition als unverfälschter Ausdruck echter Gemürsstiminiing von unzähligen Landsleuten der jüdischen Schöpfer nachgesungen. Ein pikantes Gegenstück zu dieser, dem gesunden deutschen Volksempfinden entspringenden Wertung ist die vor kurzem von einem deutschen Gericht vollzogene Feststellung, daß das von den Hakenkreuzlern zwangsweise zu einer Nationalhymne erhobene Horst-Wessel-Lied ein Plagiat ist, das sich aus Teilen der Gassenhauer „Fischer und sein Liebchen". „Seefahrt in Afrika" und „Mann,.der in seine Heimat reisen wollte" zusammensetzt. Von dieser Folie hebt sich die künstlerische Ursprünglichkeit unseres Fiakerlieds als vollendetster Ausdruck Wiener Bodenständigkeit umso vorteilhafter ab. Es bedeutet einen Triumph der Assimilation des aus dem Burgenland „zugereisten" Dichter-Komponisten an den genießerischen Geist des Wiens der Siebzigerjahre. MÜLLNER.TEMPEt. WIEN IX., GRÜNETORG. 13 Sonntag, 30. Jänner 1938.halb 8 Uhr abends Tempel-Konzert unter Mitwirkung der Oberkantoren . S. Postolow.'. Mu'ln.erjempel.) S. Weisz "(tempe!im"x Bezirk, An der Orgel: Kapellmeister Kurt Fuchsgelb, Cello: Prof. Joachinf^Stutschewsky, Violine: Prof. Josef iinjbler Die „Jugend-Union" als Jugendbewegung. Die Zeit, in der wir leben, steht im Zeichen der Jugend. Eine Politik ohne Jugendorganisation wäre undenkbar, denn die Zukunft gehört der jungen Generation. Nun eine Frage: Was ist eigentlich eine Jugendorganisation? Was kann sie bezwecken? Eine Jugendbewegung ist die Zusammenfassung einer möglichst großen Anzahl junger Leute, welche in gemeinsamer Arbeit einem Ziele zustreben, das sie sich :selbst gesteckt haben und das ihnen als Ideal vorschwebt. Eine Jugendbewegung ohne Ideal wäre undenkbar. Die „Stimme" vom 10. Jänner 1938 hat sich nun mit einer Kritik an der unionistischen Jugend befaßt. Sie hat erklärt, Herr Reg.-Rat Dr. Oppenheim möge die'Oeffentlichkeit mit ^seinen. Anmaßungen verschonen. Ob unser verehrter, Herr Präsident Erklärungen, welche von der Gegenseite böswillig und unrichtig als „Anmaßungen" hingestellt werden, abgeben oder unterlassen wird, steht wohl nicht im Belieben jener, welche in der Ironie ihre Zuflucht suchen. Angeblich hat von zionistischer Seite eine Ueberprüfung unserer Jugendorganisation stattgefunden, welche ajs Grund zu der Annahme angeführt wird, daß die „Jugend-Union" keine Jugendbewegung sei. Diese Prüfung kann auf Grund von Erhebungen niemals stattgefunden haben, vielmehr scheint sie den Zweck zu verfolgen, die Jugend falsch zu informieren. Die „Jugend-Union" ist eine Jugendbewegung, derart, wie sie für die jüdische österreichische Jugend nötig und nützlich ist. Ihr Ideal und ihr Ziel steht auf durchaus realem Boden und nicht wie jenes unserer nationaljüdtechen Gegner, nämlich der jüdische Nationalstaat, in weiter, kaum absehbarer, nie erreichbarer Ferne. Unser Ziel hingegen ist, freie und glückliche Bürger in einem freien Vaterlande heranzuziehen, und dieses Vaterland ist und bleibt allein Oesterreich. Mag die heutige Zeit für unsere Arbeit auch schwer sein und mögen unsere antisemitischen und nationaljüdischen Gegner auch versuchen, uns bei unseren Mitbürgern anzuschwärzen und uns Schwierigkeiten zu bereiten. Wir werden niemals aufhören, den Weg, welcher uns durch unsere Väter und durch unsere eigene Heimatliebe klar und deutlich vorgezeichnet ist, mit aller Energie, die, uns zu ßebote steht, zu verfolgen: für unseren jüdischen Glauben und für unsere Heimat Oesterreich! In diesem Zusammenhang soll noch ein Punkt erörtert werden: es sind dies die letzten Geschehnisse im „Oesterreichischen Jungvolk". Die Absonderung der jüdischen Jugend von der christlichen muß zur Folge haben: daß den jüdischen Kindern die Möglichkeit entzogen ist. ihren christlichen Kameraden zu zeigen, daß sie auf dem gleichen österreichischen Boden heranwachsen und die gleichen guten österreichischen Menschen sind wie sie selbst. Wir müssen uns gegenseitig kennenlernen! Denn es ist leicht zu hassen, wenn man den Angegriffenen kaum kennt. Es ist nur allzu klar, warum unsere nationaljüdischen Gegner sich mit dieser neuen Entwicklung einverstanden erklären und sie sogar noch begrüßen. Denn es ist ihr Zweck, die jüdische Jugend nach ihren nationalen Grundsätzen, also abgesondert von den anderen, zu erziehen. Wie kann die nationaljüdische, und so paradox es klingt, internationale Organisation sich anmaßen, die Erziehung der gesamten österreichischen jüdischen Jugend in die Hand nehmen zu wollen? Unsere Eltern wollen uns so erziehen, daß wir mit diesem Boden, den wir lieben, verbunden bleiben. Jene jüdischen Eltern, die ihre Kinder im „Oesterreichischen Jungvolk" aufgenommen wissen wollen, beweisen hiedurch, daß sie ihre Kinder vor allem in Heimatliebe erzogen sehen wollen! Wir sind keine Gäste in Oesterreich! Wir sind Oesterreicher wie nur einer und haben dieses Recht ehrlich verdient. Die Jugend, welche gemeinsam ohne Unterschied der Konfession die Schulen besucht, soii auch im „Jungvolk" gemeinsam weiter erzogen werden. Unsere Eltern wollen keine jüdischnationale oder politisch zionistisch-nationale Erziehung, möge sie auch andern für ihre politischen Ziele passen. Die Nationaljuden waren und sind die ersten, welche dem Trennungsgedanken begeistert zugestimmt haben; sie werden daher für alle Konsequenzen verantwortlich sein und von der üsterrcidiischeu jüdischen Jugend zur Rechenschaft ge/ugeii werden! Die Leitung der Jugend-Union. Gastpredigt im Pazmanitentempel. Herr Rabbiner Pro:. Dr. Manfred Papo hält am 21. d. M. beim Abendgottesdienst um 4 Uhr .?5 im Pazmanitentempel eine Gastpredigt. Bundeskanzler Schuschn'gg spendet tür die Winterhilfe der Israelitischen Kultusgemeinde. Vom Bundeskanzleramte wurde als Spende des Bundeskanzlers Schuschnigg für die Winterhilfe der Kultusgemeinde ein Betrag von S 10.000.— übermittelt. American Jewish Committee gegen den Teilungsplan. Das American Jewish Committee. dem die größten jüdischen Organisationen der U. S. A. angehören, nahm auf seiner am Sonntag, 16. Jänner, abgehaltenen Jahrestagung einstimmig eine Resolution an, in der der britische Palästina- Teilungsplan abgelehnt wird. Die Resolution beruft sich auf die Balfour-Deklaration and setzt sich für Fortführung des gegenwärtigen Mandats über Palästina ein. Ablenkungsmanöver. Die jüdischnationalen Zeitungen und auch die jüdischnationalen Kultusvorsteher möchten gerne die Aufmerksamkeit der österreichisch-jüdischen Oeffentlichkeit von den folgenschweren geheimen Aktionen der Jüdischnationalen und ihres Führer», Dr. Desider F r i e d m a n n, ablenken, der im Namen der jüdisch-österreichischen Gemeinschaft — er weiß am besten, daß ihm diese das Mandat nicht erteilt hat — dem Ghetto für unsere österreichisch-jüdische Jugend zugestimmt hüt. Da ihnen das begreiflicher Weise sehr schwer fällt, so benützen sie dazu rauschende Kundgebungen und Festvorstellungen für den Rat der Stadt Dr. Jakob Ehrlich für sein „mutiges Auftreten", das er gegen die Parole „Christen, kauft bei Christen!" im Rat der Stadt Wien, zwei Tage vor dem Goldenen Sonntag, nach; der Schlacht, an den Tag gelegt hat. Herr Dr. Jakob Ehrlich regt sich sehr darüber auf, daß wir in einer Notiz über diese Leistung Herrn Dr. Jakob Ehrlich, wie wir schon wiederholt hervorgehoben haben, als Vertreter der Wiener-österreichischen Judenschuit nicht anerkennen1. Im übrigen haben wir ihm das höchste Lob zuteil werden lassen, wir haben gesagt, er sprach wie ein Unionist. Was es bedeutet, wenn nicht berufene Vertreter der Wiener-österreichischen Judenschaft sich als solche gerieren. hat kurz danach die unglückselige Aktion des Herrn Doktor Friedmann in der Frage der Eingliederung der österreichisch-jüdischen Jugend in das „Oesterreichische Jungvolk" jedem haarscharf bewiesen. Die Herren Jüdischnationalen sind sehr böse darüber, daß wir bei der Festvorstellung zur Anstrudelung des Herrn Dr. Ehrlich nicht mitgewirkt haben. Die Herren berufen sich auf eine abweichende Meinung des Baurat Kemplcr: es interessiert uns wahrlich nicht, was Herr Baurat Kempler Herrn Dr. Ehrlich, der geschmackvoller Weise ohne Rücksicht auf den mit Eigenlob verbundenen Odeur in die zu seinen Ehren veranstaltete öffentliche Diskussion eingegriffen hat, privat gesagt hat. Für uns besteht nur die Tatsache, daß auch Herr Baurat Kempler an dem einstimmigen Beschluß, der öffentlichen Theatervorstellung, genannt öffentliche Plenarsitzung, nicht beizuwohnen, zugestimmt hat.

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