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Die Wahrheit · 1938-01-14 · Heft 2 (14.1.1938) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1938
Issue
Heft 2 (14.1.1938)
Date
1938-01-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 2---14. Jänner 1936 DIE WAHRHEIT Simultane oder konfessionell getrennte Erziehung T Von einem hervorragenden Schulmann. Die Frage der gemeinsamen oder konfessionell getrennten Erziehung ist nicht erst durch die Angelegenheit des österreichidh-jüdischen Jungvolkes aktuell geworden, sondern hat dem jüdischen Pädagogen schon seit etlichen Jahren Anlaß zu gründlichen Erwägungen in dieser Sache gegeben. Es soll nicht geleugnet werden, daß eine konfessionell gesonderte Erziehung manchen Vorteil bietet; es ist vielleicht gerade der jüdische Lehrer, der eine gewisse Erleichterung seiner Arbeit unter ausschließlich jüdischer Schülerschaft finden kann, da ja das Problem des engeren Kontaktes mit der Umwelt einfach wegfallt. Aber gerade die Notwendigkeit, sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen, ist es, die unsere Gegenwartslage beherrscht. Eine Umgehung dieses Problems kann durchaus nicht als erwünschte Lösung angesehen werden. Denn derjenige, der in Jugend und Schule nicht praktisch gelernt hat, mit unserer christlichen Umwelt zusammenzuleben, zusammen zu schaffen und zu wirken, wird dies bei aller noch so schön klingenden Theorie im wirklichen Leben nicht zustande bringen. Wir österreichischen Juden sind von Jugend auf an dieses Zusammenleben so gewöhnt, daß wir diese Gemeinschaft als einen Teil des österreichischen Wesens ansehen, eine Anschauung, die unserem Vaterland bei allen Kulturvölkern Achtung und Wertschätzung einträgt. Haben wir doch in der Schule gerade durch die Gemeinschaft mit unseren christlichen Mitschülern nicht nur unsere eigene Religion lieben, sondern auch die fremde achten und schätzen gelernt. Vom religiösen Standpunkt ist ja durch viele, viele Jahrzehnte nicht der geringste Einwand und nicht das geringste Bedenken gegen die gemeinsame Erziehung unter Wahrung der religiösen Eigenständigkeit erhoben worden. Selbst im Zeitalter Luegens hat man es als selbstverständlich angesehen, daß bis auf Religionsunterricht und Gottesdienst christliche und jüdische Jugend einen Weg, den Weg des Vaterlandes, gegangen sind. Das Jungvolk! Wir wollen hier zu dieser Frage rein sachlich Stellung nehmen. Wir wollen unsere Ansicht als österreichische Staatsbürger bekanntgeben und abwarten, ob unserem Standpunkt entsprochen wird. Das „.Oesterreichische Jungvolk" bildet die Vorstufe zur „Vaterländischen Front" und jene Jugendlichen, die nicht bis zum 18. Lebensjahre dem Jungvolk angehört haben, sollen mit Erreichung dieser Altersgrenze von der Aufnahme in die V. F. ausgeschlossen bleiben. Diese Bestimmung gilt natürlich für alle Jugendlichen, egal welcher Konfession, also auch für unsere jüdischen Kinder. Das Jungvolk soll in der Hauptsache eine vormilitärische, österreichische Schulung darstellen und die religiöse Erziehung bleibt den hiezu berufenen Religionslehrern aller Konfessionen über- Die christliche Jugend hat überdies die Möglichkeit — jedoch keinerlei Zwang —, im Rahmen christlicher Konkordats-Verbände mehr im katholischen Glauben und noch religiöser herangezogen zu werden. Diese Verbände wurden dem Jungvolk nunmehr eingegliedert und alle christlichen Eltern haben die freie Wahl, ihre Kinder direkt dem Jungvolk anzuvertrauen oder durch Beitritt bei einem katholischen Verband. Die politische und militärische Erziehung im Geiste eines „chrisüichen-ständischensozialen Oesterreichs" bleibt ausschließlich dem Jungvolk überlassen! Die jüdischen Staatsbürger haben die gleichen Rechte und dürfen daher ihre Jugend selbständig, durch eigene Religionslehrer oder in jüdischen religiösen Verbänden religiös erziehen! Die jüdische Jugend wird nicht nur in den Schulen durch Religionsleh/er im Glauben an einen Gott erzogen, sondern hat auch die Möglichkeit, in Bibelkursen darüber hinaus sich religiöses Wis- Nach dem Weltkrieg kam freilich eine Zeit, da auf allen Seiten die religiösen Werte minder eingeschätzt wurden, und man versuchte, sich durch Abkehr von seiner Religion zu einer Gemeinschaft zusammenzuschließen. Diese Zeit ist vorüber, und wenn im neuen Oesterreich das religiöse Moment besondere Betonung gewonnen hat, so erscheint es um so selbstverständlicher, daß gerade diese Betonung des wahrhaft Religiösen zu einer innigeren ersprießlichen gemeinsamen Arbeit zwischen Christenheit und Judenschaft führen soll. Gerade darum, weil ich ein guter Jude, du ein guter Christ und wir beide gute Oesterreicher sind, gerade darum wäre bei Betonung der konfessionellen Eigenständigkeit eine gemeinsame Erziehung in allen vaterländischen Belangen wünschenswert. Was die jüdische Jugend anlangt, so erscheinen ja hinreichende Vorbedingungen für intensive religiöse Beeinflussung gegeben. Neben dem obligaten Religionsunterricht und den pflichtgemäßen Jugendgottesdiensten hat die jüdische Jugend in den zahlreichen offiziellen Bibelschulen der Kultusgemeinde die Möglichkeit, ihre Kenntnisse des Judentumes zu erweitern und zu vertiefen. Wenn nicht von Seiten des Elternhauses eine noch weitergehende religiöse Beeinflussung gegeben ist, so ist es kaum anzunehmen, daß durch eine Separierung der jüdischen Jugend wesentliche Mehrerfolge in der religiösen Erziehung zu erreichen sind. Eine Separierung der Jugend wäre nur dann zweckmäßig, wenn man auch für die Erwachsenen eine solche Trennung im gesamten öffentlichen, wirtschaftlichen und sozialen Leben, anstrebte. Da wir aber — dieser Standpunkt dürfte wohl von allen Juden Oesterreichs vertreten werden — in einer solchen Absonderung unser Unglück sehen würden, wäre es sicher im Interesse aller gelegen, wenn die beiderseitige betont religiöse Erziehung in enger Gemeinschaft im wahren österreichischen Geist erfolgte. Von einem Jüdischen Frontkämpfer. sen und Frömmigkeit anzueignen! Wenn daher eine Tageszeitung behauptet, im jetzigen Oesterreich dürfe es keine Gottlosen geben und auch die jüdischen Eltern müßten .ihre Kinder religiös erziehen, so wird da nur von einer Tatsache gesprochen, die eben für jüdische Eltern eine Selbstverständlichkeit bildet! Wir sind auch nicht dagegen, daß jüdische Eltern, die jüdischnational-zionistisch fühlen und die Palästina, den eigenen Judenstaat Oesterreich vorziehen, ihre Kinder in jüdischen National-Verbänden, die dem Jungvolk eingegliedert werden, erziehen lassen! Wir verlangen aber für uns die gleichen Rehcet wie die christlichen Eltern, nämlich selbst jenen Verband wählen zu dürfen, dem wir unsere Jugend anvertrauen wollen! Und es wird in Oesterreich sehr viele jüdische Eltern geben, die die Erziehung ihrer Kinder ruhig und gerne dem „Oiesterreichischen Jungvolk" anvertrauen, dabei aber die religiöse Erziehung in Schule und Elternhaus sicher nicht vernachlässigen werden! Hier geht es nicht darum, jüdische Kinder religiös oder „religiöser" zu erziehen, hier geht es um den gelben Fleck, um Einführung von „Ghetto- Bänken" schon im Jungvolk, die dann leicht auf die Schulen, die Universitäten, auf das Militär und auf alle Berufe übertragen werden könnten! Wir wollen uns in kein Ghetto zwängen lassen und wir wollen für uns auch keine Privilegien! Wir wollen nichts anderes als eine Gleichstellung in Rechten und Pflichten! Union üslerreidiisdier joden Bezirksorganisaüonen XVIII. und XIX. Bezirk. Donnerstag, den 20. Jänner, 8 Uhr abends, im Cafe Döblingerhof, XIX., Billrothstraße 49 VORTRÄGS-ABEND Aktuelle Fragen Es sprechen: Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim, Präsident der „Union österreichischer Juden", Dr. Josef Ticho,' Vizepräsident der isr. KuWusgemeinde Wien und der „Union österreichischer Juden", Kuitusvorsteher Dr. Ernst " Nach den Vorträgen gemütliches Beisammensein. Mitglieder der „Union"! Wer gut vorgebildete Kräfte für Hofineister-und Hauslehrerstellen Gebiete n«dwe»sn können. Als »Die Stimme" noch bös auf „Die Reichspost" war. „Die Reichspost" dient jetzt der „Stimme" in der Frage des „Oesterreichischen Jungvolkes", in welcher beide Blätter eine bezeichnende Uebereinstimmung zeigen, als Kronzeugin, sie zitiert das christlidhsoziale Blatt mit sichtlichem Vergnügen in ihren Polemiken gegen die ,,Union". Das war nicht immer so. Als im Jahre 1935 „Die Reichspost" über die Trennungsbestrebungen der „Agudah",. einer wahrhaft religiösen Organisation, berichtete, da regte sich ,,Die Stimme" fürchterlich auf, meinte, daß ,,Die Reichspost" sich schon wiederholt von der Agudah habe „mißbrauchen" lassen und erklärte: „Es ist nichts als würdelose und ekelhafte Denunziation, (das Lieblingswort der Jüdischnationalen gegen Andersdenkende, die sich dem Terror nicht beugen), wenn die Agudah solche Behauptungen durch die „Reichspost" drucken läßt" Und wie ist das heute? Heute findet man Behauptungen, die die jüdischnationalen Blätter lanzieren, in der „Reichspost". Das ist keine „würdelose und ekelhafte Denunziation"? Jüdischer Jugend-Kreis In verschiedenen Zeitungen der vorigen Woche waren Aeußerungen über die Stellung 'der jüdischen Jugend zum „Oesterreichischen Jungt volk" erschienen. Wir Kameraden vom J. J. Kj. können diese Diskussionen nicht verstehen. Denn geht es um die Schaffung einer neuen Organisation der österreichischen Jugend mosaischen Bekenntnisses, dann kann nicht nach den Grundsätzen oder unter der Vorherrschaft irgendeiner nationaljüdischen Gruppe vorgegangen werden. Die Bunf desjugendführung des Oe. J. V. wird die entspreT chenden Führer finden, ohne daß sich ein Bund in einer Zeitung besonders anpreist, wie es der Betar, die revisionistisch-faschistische Gruppe def jüdischnationalen politischen Zionisten, gemacht hat. Oder es handelt sich darum, aus den alten jüdischen Jugendbünden eine Dachorganisation zu schaffen, die dem Oe. J.-V. angegliedert ist, dann darf erst recht kein national-* jüdischer Jugendbund in Betracht gezogen werden, denn jeder von ihnen enthält zum Großteil Ausländer, die kein Recht haben, in die österreichische Jugendpolitik einzugreifen. Anders ist der Fall mit der Jugendorganisation der „Union österreichischer Juden". Diese Vereinigung, nämlich der „Jüdische Jugend-Kreis", hat schon seinem Wesen nach nur österreichische jüdische Jugendliche, die ihrer Religion und ihrem Vaterland treu sind in seinen Reihen. ,Er wäre auch seinen Statuten nach in ganz hervorragender Weise berufen, bei der allfälligen Gründung einer religiösen, jüdischen Jugendorganisation die entscheidende Rolle zu spielen. Soll er doch die jüdische Jugend Oesterreichs in Gruppen von unter 18jährigen zu ihrer geistigen und körperlichen Ertüchtigung erfassen. Schon die Gründung des J. J. K. war von diesem - Gedanken ausgegangen, der durch den Anschluß an die „Union", die älteste Verfechterin jüdischen Rechtes in Oesterreich, besonders betont wurde. Daher nochmals: N u r der „Jüdische Jugend-Kreis" ist legitimiert, für die österreichische jüdische religiöse Jugend zu sprechen. Er hat dies auch in entsprechender Farm getan und so als wahrer Freund und Vorkämpfer der jüdischen österreichischen Jugend gedient. Die Bundesleitung des Jüdischen Jugend-Kreis. IX., Berggasse 4.

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